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Louisiana Anthology

George Washington Cable.
“Posson Jone.”

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Funfzig Jahre in beiden Hemisphären

Vincent Nolte

Geneigter Leser!

Durch welchen Zufall auch das Recht Dich so anreden zu dürfen in meine, und dies Buch in Deine Hände gerathen sein mag, immer werde ich Dich nochwendiger Weise in einer der folgenden drei Kategorien zu suchen haben:

Von einem jeden einzelnen Mitgliede dieser drei Klassen von Lesern darf ich die Frage erwarten: was bietest Du uns an, wenn Du dem Titel dieses Buches zufolge, aus einer Lebensperiode, welche die erste Hälfte dieses Jahrhunderts umfaßt, von den Neminiscenzen eines Kaufmannes sprichst? Handelt es sich hier blos um die merkantilischen Erfahrungen und Beobachtungen eines ausschließlich dem Handel gewidmeten Geschäftsmannes? Oder haben wir es diesmal mit einem Manne zu thun, den seine kaufmännische Bestimmung von der allgemeinen Anschaunng und Auffassung der Zeitereig nisse, von der persönlichen Kenntniß, und von der Gelegenheit zur Beurtheilung ausgezeichneter Charaktere, in oder außerhalb seines Standes, nicht ausgeschlossen hat, der unbefangene Ansichten zu fassen und zu behalten vermögt, und, in seiner eigenen Geschichte, die Launen des Schicksals, die Zufälligkeiten des menschlichen Lebens und die Folgen menschlicher Irrthümer, erprobt hat? Wenn Du so fragst, lieber Leser, wie die letzten Worte lauten, so dürftest Du den Nagel auf den Kopf getroffen haben — denn das bildet in der That den größten Theil der historischen und biographischen Skizzen, die Du in diesem Werke finden wirst. Wahrheit und nicht Dichtung ist der Inhalt des Buches, das Du gerade jetzt in Deiner Hand hältst.

Dem Verdacht übergroßer Eigenliebe und einer blinden Ueberschätzung eigenen Werthes, oder der Rolle, die man in der menschlichen Gesellschaft gespielt haben mag, wird der Privatmann, zumal der Geschäftsmann, selten entgehen können, der Bruchstücke aus seiner eigenen Biographie der Oeffentlichkeit übergiebt. Da dieser Beweggrund aber hier nicht gewirkt hat, so ist es meine Pflicht, ein Wort über den zu sagen, in welchem diese Blätter wirklich ihren Ursprung gefunden haben.

Wären aus dem bunten Gewirr meiner Lebensschickfale und Erfahrungen mir feine andere Reminiseenzen verblieben. als solche, die nur auf das Leben eines bloßen Geschäftsmannes Bezug haben, so darfst Du, lieber Leser, nach dem oben Gesagten, sicherlich schließen, daß ich den vielen, seit längerer Zeit an mich ergangenen Aufforderungen mancher Freunde und Bekannte, an beiden Ufern des Oeeans, gegen? über, den Entschluß nicht würde zur Reife haben kommen lassen, die merkwürdigsten Epochen jenes durchlebten wichtigen Zeitraums der Weltgeschichte, in so weit ich Augenzeuge, oder in größerem oder geringerem Grade dabei betheiligt gewesen bin, in einer zusammenhängenden Darstellung zu schildern, welche, abgesehen von aller persönlichen Beziehung zu ihrem Verfasser, auch für das größere Publikum einigen Reiz haben möchte. Jedoch frühzeitig, und in einem Alter, wo man, nach gewöhnlichen Begriffen, zur gehörigen Erwägung großartiger Interessen für unreif erachte! wird, hat der Zufall, Hand in Hand gehend mit dem merkwürdigen Lauf der Zeitgeschichte, seitdem ich die mir bestimmte Sphäre der Thstigkeit betreten habe, mir seltene Begebenheiten, seltene Männer und seltene Geschäfts-Combinationen unmittelbar vor Augen geführt, meinem Beobachtungsgeist ein oft abwechselndes Feld angeboten, meiner Urtheilskraft eine anhaltende Uebung verschafft, und mich mit einer Reihe bedeutender Männer bekannt gemacht, gar oft in nahe Berührung gebracht. Unter diesen Umständen habe ich mich dem Glauben hingegeben, daß das, was ich meinen Lesern in diesen Blättern vorzulegen wage, nicht allein eine gewisse Theilnahme, sondern wahrscheinlich etwas mehr als ein vorübergehendes Interesse erwecken könnte, ihre Aufmerksamkeit nicht bloß

erregen, sondern möglicher Weise festhalten möchte, daß sie in allgemeiner Hinsicht, Befriedigung, jedenfalls den treuen Wiederschein mancher Wahrheiten, die ich in dem Verlauf eines nicht unbeträchtlichen Theiles unserer Tagsgeschichte er? kannt zu haben glaube, einiges Nützliche, mancherlei Neues, und, im Ganzen genommen, eine eben nicht verwerfliche Unterhaltung finden weroen Die Geschichte meiner Ersah? rungen im praktischen Leben dürfte — so bilde ich mir wenigstens ein — besonnene Gemüther, so wie jeden überlegenden und auf die Fortschritte seiner eigenen Geisteskultur und moralischen Vervollkommnung aufmerksamen Leser, zu der Betrachtung führen, daß man bei jedem Eintritt in ein neues Lebensalter, von Stadium zu Stadium, auch ein neues Noviziat beginnt und durchzuführen hat, welches seine mehr oder minder schweren Prüfungen mit sich bringt. Daher die Notwendigkeit einer ununterbrochenen Selbstbeobachtung und Bewachung gegenwärtiger so wie prospektiver Verhältnisse, in so weit diese letzteren sich nämlich berechnen lassen. Und hierin liegt vielleicht das Lehrreiche, das in diesen Bänden enthalten sein dürfte. Denn ich gestehe ohne Scheu, daß ich nicht allemal in meinem Leben diese Regel genau im Auge zu behalten vermocht habe.

Man erlaube mir noch ein Paar Bemerkungen! Daß merkantilische Erfahrungen, Beobachtungen und Ansichten hin und wieder einen nicht unbedeutenden Raum in diesen Blättern einnehmen, das ist die natürliche Folge der Verhältnisse, in denen ich gelebt habe; aber so trocken auch Reminiseenzen und Reflexionen dieser Art für den gewöhnlichen Leser sein mögen, so hoffe ich doch dieselben in eine so faßliche Sprache eingekleidet zu haben, daß auch der in merkantilischen Dingen wenig erfahrene Leser ihnen ein gewisses Interesse nicht wird versagen können, zumal wenn sie auf Epochen zurückführen, die man heut zu Tage ohne einen gehörigen Fingerzeig nur unvollständig wird begreifen und beurtheilen können, und die insbesondere für den angehenden Kaufmann nicht ganz ohne Nutzen sein dürften.

Wer in Memoiren dieser Art die Bahn des Wahren verlaßt, verringert ihren Werth und streift in das Gebiet der Dichtung über. Den Maßstab der Achtung, die ich für die Wahrheit hege, findest Du, lieber Leser, in der Offenherzigkeit, mit der ich mich über mich selbst und meine Lebensschicksale ausgesprochen habe. Ich habe Nichts verschwiegen. Nichts entstellt, sondern mich ganz zur Schau getragen, ganz gezeigt, was ich bin, wo und wie der Einfluß der Umstände, die dem menschlichen Berechnungsvermögen all zu oft entschlüpfen, nicht selten meine Lage-und Thaten bedingt hat. Ich bringe Dir ohne Zaudern das, was nicht ein Jeder darzubringen vermag — das Opfer einer völligen Aufrichtigkeit, in der Ueberzeugung, daß Du mir die Nachsicht nicht vorenthalten wirst, auf die ich, glaube ich, einige gerechte Ansprüche machen darf, ohne darum Dein Wohlwollen auf eine zu harte Probe zu setzen.

Meinen Zeitgenossen gegenüber, de:en Namen in diesen Blättern erscheinen, stehe ich, wie billig, zu jeder Zeit Rede und Antwort. Hinsichtlich der Dahingeschiedenen ist Niemand dem öffentlichen Auge vorgeführt worden, der, ohne ein störendes Eingreifen in den Zusammenhang meiner Fata und Erzählungen und ohne fühlbare Lücken in meinen Schilderungen zu veranlassen, im Hintergrunde zu bleiben berechtigt gewesen wäre. Auf gleiche Stufe mit mir selbst, vor das Urtheil des Lesers hingestellt, theile ich ihr Loos, indem ich mich freiwillig des Vortheils der Einrede begebe, den mir die Wechselzufälle des menschlichen Lebens annoch gestattet, und ihnen jetzt entzogen haben. Mehr wird man nicht verlangen wollen. Dem alten Diktum: , üe mortui ml nisi „dene!", dem zu Liebe der lieben Nachwelt so manches Unwahre aufgetischt wird, habe ich nur da Folge geleistet, wo unbescholtene Charaktere mir das Lob zur Pflicht, leicht, ich möchte sagen, fast unvermeidlich machten; wo aber historische Wahrheit ihr Recht geltend zu machen, und mit Beseitigung aller kleinlichen und unwürdigen Nebenrücksichten, die Stimme des Tadels zu erheben hatte, da habe ich dieser die Sprache schonender Milde nicht versagen, aber auch dem Diktum: , äe mortui nil msi ^re!^ sein Recht eben sowenig entziehen, als meiner Laune den Spielraum eines muthwilligen, jedoch gutmüthigen Humors verschließen wollen.

Der Verfasser

Begründung seines Etablissements in Paris. Seine Intimität mit Madame Tallien führt zu der Bekanntschaft des Direktors Barras und des Brigade-Chefs Bonaparte, vor dessen Ernennung zum General. Schnelles Emporsteigen Ouvrard's, als Lieferant der Regierung. Er wirb der Mäeenas der Künstler. Seine fürstliche Liberalität. Nikol Isouard, der Componist, Ouvrard's erste Verbindungen mit der Spanischen Regierung. Ungeheure Umsätze mit der Französischen Regierung, mit Vanlerberghe und mit Desprez. Ouvrard's Reise nach Madrid. Ein fluß desselben auf den Friedensfürsten. Handels-Contrakt zwischen dem König Carl IV. von Spanien und Ouvrard. Folgen des Contrakts. Sein daraus abgeleiteter Hanbels-Vert: ag mit dem Hause Hope und Comp, in Amsterdam. Leichtsinnige Beurtheilung Ouvrard's und Beschönigung der ihm von Napoleon zugefügten Ungerechtigkeiten durch Thiers, im 6, Bande seiner Geschichte des Consulats 48

Viertes Kapitel.

Das Amerikanische Geschäft der HerrenHope und Compagnie. Die in Amsterdam projektirte Grundlage und die praktische Ausführung desselben in den Vereinigten Staaten. David Parish aus Antwerpen mit der Ober-Verwaltung dieses Geschäfts betraut. Herr A P. Lestapis, aus dem Hove'schen Comtoir und ich, mit den beiden wichtigsten Zweigen der Manipulation der Gelder, jener in Veraeruz, ich in New-Orleans. Meine Abreise von Amsterdam nach New-York. Ausbruch des gelben Fiebers daselbst. Abstecher nach Boston. Ankunft des verwiesenen Generals Moreau in New-York. Ankunft von David Parish in New-York. Finale Berathungen daselbst. Meine Ankunft in New-Orleans am ersten Qstersonntage 1806. Schilderung der dortigen Zustände. Der Gouverneur Clai borne. Der Länder-Spekulant John Me. Donough. Der Advokat Eduard Livingston. Mein Auftreten in New-Orleans als Geschäftsmann. Das gelbe Fieber, das mich in New-York verschont hatte, ergreift mich hier. Die Verschwörungsgeschichte des ehemaligen VieePräfidenten der Vereinigten Staaten, Aaron Burr. General Wilkinson. Das Reneontre der Amerikanischen Fregatte Chesapeak mit dem Englischen Kriegsschiffe Leopard im Jahre 1807. Einfluß derselben auf meine Verhältnisse. Allgemeine Erwartung eines Krieges mit England.

Fünftes Kapitel.

David Parish in Philadelpla. Die von ihm getroffenen Maßregeln. Lestapis erscheint in Veraeruz unter dem Namen Villanueva. Rückblick auf Ouvrard und seine Verhältnisse. MißVerwaltungen, die natürlichen Folgen der grenzenlosen Verbindlichkeiten, die er überuommen. Complieirte Verhältnisse mit der Französischen StaatsBank, welche da

durch ihre Baarzahlungen einzustellen sich genöthigt sieht. Napoleon's Rückkehr nach dem Preßburger Frieden. Seine Machtgriffe und sein willkürliches Eingreifen in Ouvrard's GeschäftsVerhälwisse, wodurch die ganze Organisation derselben von Nrund aus zerstört wird. Napoleon und das Haus Hope und Compagnie in Amsterdam, das seine Ansprüche mit Würde zurückweist und seinen Abgeordneten, den nachhengen Baron Louis, mit einer Lehre zu Hause schickt. Der Französische General Consul de Beaujour in Philadelphia muß sich nothwendig Parish's Händen iibergeben, so wie der Minister des öffentlichen Schatzes, Mollien, sich in die Arme der Herren Hope werfen muß. Falsche und einseitige Beurtheilung Ouvrard's durch Thiers, der seine kaufmännische Lage nie begriffen oder nie hat begreifen wollen....' 92

Sechstes Kapitel.

Erzwungene Auflösung der großartigen Operation. Meine Rückkehr nach Philadelphia. Bekanntschaft mit Robert Fulton in New-York. Blicke in seine Geschichte. Das Ablaufen des ersten Dampfschiffes Clermont vor meinen Augen, und von New-York nach Albanp gehend. Abreise nach Havana zur Einforderung der Regierungswechsel von 100,000 Piaster. Negotiation mit dem General-Intendanten Rouband. Tausch dieser Wechsel gegen einen einzigen an meine Ordre gezogenen und mir ausgelieferten Wechsel von 945,000 Piaster auf den Viee-König von Merieo, der größte, den ich in meinem Leben indossirt habe. Abreise aus Havana in dem Schooner „Merchant", nach Baltimore bestimmt. 109

Siebentes Kapitel.

Schiffbruch auf den Floridanischen Felsen-Riffen: Carvsfort-Reef genannt. Merkwürdige Rettung. Aufenthalt auf der Bahama-Insel: „New-Providenee" in dem Städtchen „Nassau". Rückkehr nach den Vereinigten Staaten. Ankunft in Philadelphia l25

Achtes Kapitel.

Das Embargo der Vereinigten Staaten imIahre 1808, Unterbrechung der Eommunieationen mit Merieo — die erste und wichtigste Ursache, welche auf die unabhängige Stellung Parish's einwirkte und die Quelle seiner ersten Verlegenheiten ward, — der Ankauf bedeutender Ländereien auf dem St. Lawrenee Flusse, eine der nächsten. Geschichte dieses Ankaufs, Gouverneur Morris und Le Ray de Chaumont, die Urheber der Verblendung Parish's und die ersten Verkäufer dieser wenig brauchbaren Territorial-Befitzung. Parish erhält vom Staats' schatz-Sekretair Gallatin die Erlaubniß, trotz des Emvargo's, Schiffe

Scite: in Ballast zu erpediren und Silberthaler aus Merieo zu hole. Benutzung dieser Gunst durch Iohn Iaeob Astorin New-York. Zur Geschichte dieses Mannes. Stephen Girard in Philadelphia. Girard's Geschichte und Entstehen. Bruch meines rechten Beines in Wilmington. Benutzung der daraus geflossenen Muße zum Entwurf des ersten Bilanzes der großen Operation 138

Neuntes Kapitel.

Rückkehr nach Europa im Monat April 1809, zur Neberbringung des ersten Bilanz-Entwurfes, Ankunft in Falmont!). Aufenthalt in Folge der „älien'äel". Besuch des Herrn John Parish in Cheltenham. Seine äußerliche Erscheinung auf der Brunnen-Promenade. Erster BesuchJim Baring'schen Hause. Besuch bei Herrn Henry Hope, ältestem Chef des Amsterdamer Hauses. Persönliche Bekanntschaft des Jugendfreundes meines Baters, Sir Franeis Baring. Die Londoner Firma: Baring Brothers undCompagnie. Erste Zusammenkunft mit Herrn Alerander Baring. Abreise nach Holland über Helgoland. Reise nach Paris. Dortige Zusammenkunft mit Herrn P. C. Labouchere, der mich persönlich mit Ouvrard bekannt macht, Anekdote von diesem Manne. Die Stecknadeln. Neue Pläne Ouvrard's, welche die Schlacht bei Wagram und ihre Fo gen über den Haufen stößt. Rückkehr nach Amsterdam, über Brüssel. Meine Krankheit in Amsterdam wahrend des Winters. Rückkehr nach Hamburg im Frühjahr I8lO. Familien-Angelegenheiten 159

Zehntes Kapitel.

Rückkehr nach England, um die Ankunft Parish's zu der finalen Liquidation der großen Operation zu erwarten. Sie erfolgt viel später

'als erwartet — die Liquidation selbst aber erst im Juni l8ll. Parish wird von mir nach Antwerpen begleitet, und das Resultat dort abgewartet. Seltener Gewinn bei der Operation, Zusammentreffen in Paris mit Labouchere, Parish und Le Rap de Cbaumont, welcher letztere, mit neuen Verkaufs-ProMen seiner Ländereien beschäftigt, Parish nicht aus den Augen läßt. Flüchtiger Blick auf den Werth der von Parish getauften Ländereien. Doppelte Vorschläge zu Etablissements in Europa. Ich weise sie ab. Entschluß nach New-Orleans zurückzukehren. Vorläu fige Besprechungen in Paris mit Herrn Labouchere und dann mit Herrn Alerander Baring in London, über mein künftiges Etablissement in NewOrleans. Die Wahl eines Gefährten und künftigen Handelsgesellschafters. Abreife von Liverpool nach New-Iork im September l8ll. Ankunft daselbst. Fortsetzung meiner Reise nach New-Orleans über Land und mittelst der westlichen Schiffahrt. Flachböte, die ich in Pittsburg erbauen und einrichte lasse. Ich folge meinem im Voraus abgegan

Seite: genen Reisegefährten Hollander zu Pferd über die Gebirge der Alleghany. Erste Bekanntschaft an den Wasserfällen des Iuniatassusses mit Audubon, dem nachher so berühmt gewordenen Ornithologisten. Aufenthalt in Lenngton. Henry Clay. Erste Spulen des Erdbebens auf dem Wege nach und dann in Louisville selbst. Abfahrt von Louisville. Das Erdbeben bricht in der Nacht vom 6. Februar I8l2 bei New-Madrid am Missisippi aus. Beschreibung meiner Lage. Folgen des Erdbebens. Ankunft in New-Orleans im März 1812 178

Gilftes Kapitel.

New-Orleans. Erste Einrichtungen. Der Congreß erklärt England den Krieg am 18 Juni 1812. David Parish übernimmt auf seine persönliche Verantwortlichkeit eine der Regierungsanleihen, wodurch Verwickelungen in seiner Lage entstehen. Der im Deeember 1814, drittehalb Jahre später, zu Gent geschlossene Friede zieht ihn glücklich heraus. Tropischer Orkan in New-Orleans, im Herbste 1812, Bruch meines rechten Armes im Jahre 1814. Unnöthige Einstellungen der Baal-Zahlungen der Banken zu New - Orleans. Von der Börse zum Mitglied des Ausschusses erwählt, der die Sachlage untersuchen und darüber berichten soll, entstehen für mich, als Berichterstatter, persönliche Händel daraus, Ursprung meines ersten Duells, mit einem unbekannten und nie vorher gesehenen Gegner. Eine Geschäfts - Operation nach P.nsaeola durch die beiden New-Orleans begränzenden Seen: Borgne und Pontchatrain, mittelst einer mit Baumwolle beladenen Flotille kleiner Fahrzeuge. Ich lange damit in der Bllv von Mobile an, erwarte dort den Erfolg der vor meinen Augen erfolgenden Beschießung des Forts, und benutze den Augenblick des Rückzugs des geschlagenen Englischen Geschwaders, um in der Nacht in Pensaeola einzulaufen. Neue Händel, die mir die Clique des Bank-Ccisfirers Saul in New,Orleans auf den Hals schiebt, namentlich mit dem Marine-Zahlmeister Shields. Unterbrechung unserer Fehde durch die Ankunft der Englischen Flotte in dem Golf von Florida. 194

Zwölftes Kapitel.

Iackson's Vertheidigung der Statt New-Orleans. Seine Ankunft daselbst am l Dezember 1814. Gleichzeitige Ankunft der Englischen Flotte im Floridanischen Meerbusen. Wegnahme unserer Kanonenböte durch die Engländer am 14 Dezember. Abmalschiren unseres MilizBataillons nach dem Bapou St, John, am Lae>Borgne, Am 23 Dezember erhält man die erste Nachricht der Landung der Engländer auf der Pflanzung (nKItl>ti

Seite: Carolina, durch eine Englische Batterie, am ersten Weihnachtstage, 25 Dezember. Die heftige Kanonade am Nenjcchrstage 1815 Völlige Niederlage des Englischen Armeeeorps unter dem General Packenbam, bei seinem Angriff auf unsere Linien am 8 Januar. Unverhältnißmaßiger Verlust der Engländer. Vollendung des Rückzugs des Englischen Armeeeorps am 16 Januar 2!4

Dreizehntes Kapitel.

Rückkehr unseres kleinen Heeres in die Stadt. Die erste Nachricht von dem zu Gent am 24 Deeember 1814 geschlossenen Frieden. Das Kriegsgesetz in New'Orleans. Gewaltsame Maßregeln Iackson's. EigenMächtigkeit desselben in seinem Verfahren gegen mich. Charakteristische Züge. Ursachen seines Haffes gegen die National-Vank. Friedensfest in der Stadt. Geschenk an Iackson's Gemahlin. Ausrüstung des Schiffes Horatio. Erneuerung der Fehde mit Herrn Shields. Wirkung des von mir herausgegebenen Briefwechsels mit ihm. Neues und unglückliches Duell mit dem Sohne Saul's. Ankunft Pariser Nachrichten, die Napoleon's Einzug in Paris melden. Vorsichtsmaßregeln in Betreff der Ladung des Schiffes Horatio, an deffenBord ich endlich in See steche 245

Vierzehntes Kapitel.

Reise nach Frankreich. Waterloo. Paris in den Händen der Alliirten, I8l5. Nothwendiges Einlaufen in Havana, auf dem Wege ach Nantes. Erste Nachricht von der Schlacht bei Waterloo auf hoher See. Zweifel und Wuth meiner Französischen Reisegefährten. Be> stätigung durch den Lootsen von Belle-Isle. Ankunft in Paimboeuf. Die weiße Flagge der Aourbons auf den Forts; zweite Bestätigung des Sturzes Napoleon's. Besuch meines ehemaligen Comtoirs in Nantes. Unveranderte Stellung der Venus Callvvpges. Abieise nach Paris. Preußische Vorposten in Nlois. Major Keller, dem bei Charleroi Napoleon's Hut und Degen in die Hände gefallen war. Die Brücke bei Tours und die Grenadiere der alten Garde am linken Ufer. Paris. Beschreibung der Situation. Anekdote vom Herzog von Wellington. Der Tod des Marschalls Nep. Revue der Russischen Garden auf den Boulevards, von der Barriere du Tröne bis an die Barriere de l'Etoile. Die von New-Orleans zurückgekehrten Englischen Offiziere in Paris. Die Englische und die Französische Küche. Der Amerikanische General Seott in Paris. Zweck meiner Reise nach Europa. Onvrard einmal wieber Napoleon's General - Fournisseur während der hundert Tage. Seine Beschreibung der Schlacht bei Waterloo. Zweite Rückkehr der Bourbons. Finanzzustände. Stattgefundene Ummodelung des Hope'schen Hauses in Amsterdam l8l4 und Eintritt des Herrn Je

Seite: rüme Sillem in dasselbe Finanzielle Verlegenheiten der Bourbons.' Ouvrard's Erfolg in der Combination der ersten, durch die Baring's in London und die Hope's in Amsterdam ermöglichten Anleihe. Mächtige Hülfe des Herzogs von Wellington. Ouvrard, der Schöpfer dieses Geldgeschäfts für alle Betheiligte, geht leer aus 271

Fünfzehntes Kapitel.

Das Schlachtfeld von Waterloo.— Der Baumwollenmarkt. Franeis Baring. —Ummodlung des Baring'schen Hauses. Abreise aus Paris. Brüssel. Besuch des Schlachtfeldes von Waterloo. Coste, der Wegweiser Napoleon's, wird auch der meinige. Kurzer Besuch Hamburg's und England's auf meinem Wege nach den Vereinigten Staaten. Einschiffung in Liverpool. Plteairn, ehemaliger Amerikanischer Consul in Hamburg, mit seiner eben verheiratheten Tochter und seinem Schwiegersohne, meine Reisegefährten. Erste Herzensergießungen des liebenden Ehepaares bei unserer Ankunft in New-Iork, Reise über Land nach New-Orleans. Die Schottischen Häuser in New-Orleans. Ihre Politik im Baumwollenmarkte und die meinige. Reise nach Europa im Sommer 1819. Der Aachener Congreß von !8l8. Die Krisis im Geldmarkt. Berenbrook, der Holländische Fonds-Spekulant. Alerander Baring rettet die Pariser Börse von den Folgen der Krifis. Großartiger Verkehr meines Hauses in New-Orleans, Seine Oberhand im Baumwollenmarkt. Ankunft des Herrn Franeis Baring, damals des jüngsten, jetzt des ältesten Chefs des Londoner Hauses, in New-Orleans. Schilderung und Charakterzüge dieses Herrn. Tod des Herrn S. C. Holland. Ummodelung des Baring'schen Hauses. Eintritt des Herrn Joshua Bates in dasselbe 299

Funfzig Jahre in beiden Hemisphären

Grftes Kapitel.

Reminiseenzen aus den Knaben und Jugendjahren des

Verfassers.

Livorno, sein Geburtsort i779. — Reise nach Hamburg l?88. — Besuch Livorno's l?9l und l?92. — Zurückreise nach Hamburg l?92. — Prof. C. F. Hipp aus Tübingen sein erster und einziger Lehrer. — Beginn seiner merkantilischen Laufbahn in dem Hause der Herren Otto Franck und Comp, in Livorno l?95. — Einzug der Franzosen in Livorno unter dem General Bonaparte 1796. — General Murat. —Major Hullin. — Die Volks-Repräsentanten Garat und Salieetti. — Aufenthalt in Florenz. — Die Villa Pondolfini 1797. — Rückkehr nach Hamburg. — Französisches Theater in Hamburg. — Die Hamburgische Handelstrisis im Jahre 1799. — Aufenthalt in Hamburg, — Veränderte FamilienUmstände. —Entschluß, dasselbe zu verlassen. — Abreise aus Hamburg 1804.

Wenn es wahr ist, wie Ludwig der Vierzehnte gesagt, und Ludwig der Achtzehnte ihm nachgesprochen haben soll, daß in der Pünktlichkeit die Höflichkeit der Könige bestehe — „I'ex<:tiw6s et I politee äe Kai" — so ist es noch viel wahrer, daß Pünktlichkeit bei einem Kaufmanne die erste Quelle seines Credits ist, und daß in ihr eine der Lebensbedingungen seines Erfolges liegt. Mein guter Vater, der mich zu diesem Stande bestimmt hatte, und mir schon im frühesten Alter diese gesellschaftliche und kaufmännische Tugend besonders zu empfehlen pflegte, hatte es nicht unterlassen, mich selbst als das lebendigste Beispiel seiner Achtung für diese Eigenschaft aufzustellen. Verheirathet in seinem vierzigsten Iahre, am 22 Februar 1779, unterstützte ihn meine Mutter in diesem Streben nach Pünktlichkeit mit der ihr eigenthümlichen Regelmäßigkeit in Allem das sie unternahm, indem sie mich am 21 November desselben Iahres, also gerade nach neun, richtig gezählten Neonaten, wie es die Gesetze der Natur vorgeschrieben haben, auf die Welt brachte.

, Das Land meiner Geburt ist Toskana, der Ort aber Livorno, wo mein Vater, Iohan Heinrich Nolte, ein geborener Hamburger, in dem Hause seines Oheims, Otto Franck, der in England erzogen worden, und mit einer Engländerin verheirathet war, anfänglich nur als Lehrling und Handlungsdiener, in den letzten funfzehn Iahren, die seiner Heirath vorangingen, aber als Theilnehmer fungirt hatte. Dieser Onkel hatte ihn in seinem neunten Iahre aus Hamburg entfernt, nach einem Collegium in Ereter, in England gesandt, und dort auf seine Kosten erziehen lassen, bis er ihn, in seinem sechszehnten Jahre, zu sich nach Livorno berief. Was während dieses siebenjährigen Aufenthaltes in England mein Vater von seiner Muttersprache verloren hatte, das konnte er aus dem barbarischen Styl der damals üblichen merkantilischen Correspondeuz nicht wieder ersetzen, an dessen Stelle aber hatte er die Englische Sprache in einer seltenen Vollkommenheit erlernt, festgehalten und sein Lebelang mit besonderer Vorliebe gesprochen. Aber auch sein mehr als dreißigjähriger, ununterbrochener Aufenthalt in Italien hatte ihn immer auf dies Land als seine eigentliche Heimath zurückblicken machen, und somit waren ihm beide Sprachen, das Englische und das Italienische, zur zweiten Natur und Gewohnheitssache, das Deutsche, wie zu erwarten war, zur Nebensache geworden. Eine schulgerechte Erziehung hatte er wahrscheinlich nie darin gehabt — so inkorrekt und ungrammatikalisch pflegte er es zu schreiben.

Es war auf dem Collegium zu Ereter, wo sich zwischen ihm und einem Schulkameraden, Namens Franeis Baring, der dort geboren und der Sohn eines Tuchfabrikanten war, eine enge Freundschaft entsponnen hatte, die bis an das, im Iahre 1811 erfolgte Ende dieses nachher so merkwürdig gewordenen Mannes, des Stifters und Begründers der großen merkantilischen Firma gleichen.Namens in London, gedauert hat. Es exestirt noch iu den Händen seiner Kinder eine von meinem Vater in Exeter im Iahre 1754 geschriebene Sammlung biblischer Sprüche und Bücher-Extrakte, in welcher sich auch die eigenhändige Unterschrift seines Freundes Baring befindet. Diese alte Freundschaft war, als mein Vater England im Iahre 1772 wieder besuchte, während einer in England und Schottland zusammen unternommenen Geschäfts- und Vergnügungsreise erneuert worden, und hatte zn einer genauen Geschäfts-Verbindung zwischen der damaligen Londoner Firma: Iohn und Franeis Baring, und dem Hause meines Vaters in Livorno — Otto Franck und Compagnie geführt. Zu dieser Geschäfts-Verbindung hatten die Bedürfnisse der Herren Baring, für ihre eigene in Exeter errichteten und später erweiterten, und dort auch von anderen begonnenen TuchManufakturen, Farbestoffe und ähnliche Materialien aus Italien zu beziehen, die Grundlage gelegt. Ich werde, im Verfolg dieses Werkes, bei Gelegenheit meines eigenen großen Verkehrs mit den Nachfolgern der gedachten Londoner Firma, auf die Familie zurückzukommen Veranlassung finden.

Es liegt wahrscheinlich keinem meiner Leser so wenig als mir selbst daran, den wahren Ursprung meiner Familie zu kennen, den ich, der Himmel weiß warum, immer für Italienisch gehalten habe. Ich erinnere mich von meinem Vater gehört zu haben, daß sein Großvater in der Nachbarschaft Carlshamm's in Schweden eine großartige Mühlen-Anstalt besessen habe. Wie dieser Umstand mich zu dem Wahne hat führen können,, meine Familie sei Italienischen Ursprungs gewesen, das habe ich nie begreifen können. Aber als ich nach einem mehrjährigen Aufenthalt in meinem späteren Alter zu Trieft, mich entschloß, diesen Drt wieder zu verlassen, warf mir der Zufall eine Art von Schlüssel zu der Lösung dieser Frage zu, die mich, wie ich so eben bemerkt habe, nie ernstlich beschäftigt hatte. Es lebten — und wenn ich nicht irre, leben sie auch noch — damals in Trieft drei Kaufleute Namens Vogel, deren einer von seinen bedeutenden Umsätzen in Kaffee den Namen des Kaffeevogels führte, der andere als Agent mehrerer Häuser, den Namen Zugvogel erhalten hatte, und der dritte endlich, dem von der Oesterreichischen Regierung das ausschließliche Privilegium-verliehen war, dort die zum Consum und Export erforderlichen Quantitäten Gift verkaufen zu können, unter dem Namen Giftvogel eursirte. Dieser war es, der mir wenige Tage vor meiner Abreise von Trieft ans die Spur einiges Lichtes zu helfen vermeinte, indem er mir mit der größten Gravität mittheilte, daß er zufällig die Chroniken eines Oesterreichischen Feldherrn aus dem dreißigjährigen Kriege in Händen gehabt und daraus ersehen habe, daß zwei Obriste Lombardischer Regimenter, die zu seiuem Armeekorps gehörten, Reißaus genommen hätten und in das Lager Gustav Adolph's übergegangen wären — einer von beiden dieser Deserteurs sagte er mir, habe Nolte geheißen. Somit schienen ihm alle Zweifel über meine Schwedischen und zugleich Italienischeu Vorfahren gehoben zu sein: denn daß der Schwedische Müller Nolte in Carlshamm in gerader Linie von deui Lombardischen Deserteur der Oesterreichischen Armee abstammte, das schien ihm eine natürliche und ausgemachte Sache zu fein.

Ich hatte erst seit kurzem mein neuntes Lebensjahr angetreten, als mein Vater den Entschluß faßte, Livorno zu verlassen und sich mit seiner Familie, die damals außer meiner Mutter und mir selbst, aus einem Bruder und zwei Schwestern bestand, in Hamburg niederzulassen, nm der Erziehung seiner Kinder alle die Vortheile zu sichern, die ihnen bei einem längeren Aufenthalt in Italien unzugänglich geblieben wären. In Hamburg angekommeu, begab man sich zuerst zu meinem Großvater mütterlicherseits, dem Senator Matsen, der damals gerade Amtmann in Ritzebüttel war. Bald nach unserer Rückkehr von dort, ward ich den Händen eines halb englischen, halb französischen Lehrers, Namens Geris, übergeben, der in Iersey geboren, und in dem nahe gelegenen Dorfe Eppendorf, wo mein Vater sich Landhaus und Garten angekauft hatte, eine Erziehungs-Anstalt für Knaben

dirigirte. Es war ein fauler, unwissender Mensch, der allerlei Unterlehrern die Erziehung seiner Zöglinge übergeben, die innere Verwaltung seines Hauses aber einer „msnaßöre" anvertraut hatte, welche geneigt war seine eben nicht platonischen Huldigungen anzunehmen, und die dummen Iungen fortzuschicken, die es sich zum Vergnügen machten ihn von Zeit zu Zeit in den bachaualischen Erereitien zu stören, welche die gewöhnlichen Vorläufer dieser Huldigungen waren. Einige Erinnerungen aus dieser kurzen Periode, wo ich nichts erlernte, als Früchte aus dem Obstgarten zu stehlen, sind mir lange verblieben. Mein genauester Freund der damaligen Zeit, Siegmund Rücker, der so viele Iahre an der Spitze des ersten Zucker-Makler-Geschäfts der Londoner Börse gestanden hat, ist erst im vorigen Sommer, in Folge der unerwarteten Zahlungssuspension seiner Firma, plötzlich in seinem 74sten Lebensjahre gestorben. Diese Freundschaft, die einige Iahre später in Livoruo erneuert wurde, hat bis zu seinem Ende gedauert.

Nachdem ich in dieser Parodie einer Erziehungs-Nustalt länger als achtzehn Monate vergeudet hatte, fand sich mein Vater veranlaßt, Livorno Geschäfts halber wieder zu besuchen und mich mit sich zu nehmen, ohne, in Hinsicht meiner, bei diesem Besuch einen andern Zweck zu verbinden, als mich um sich zu haben. Wir kamen dort kurz vor dem Anfang der Carnevalszeit an. Der tägliche Besuch der Oper ward mir, als dem Sohne eines der größten Aktien-Inhaber des „I'euti-o 6eßl'^walorali", einem elfjährigen Knaben ohne Einschränkung gestattet, und die Fortschritte meiner Erziehung beschränkten sich auf Tanzstunden von dem ehemaligen primo büei-ino, Namens Gianfaldoni, und Fechtstunden von seinem Bruder, der als Chef der sogenannten Grotesken-Quadrille, ohne welche damals kein Ballet möglich war, ebenfalls zu dem Corps de Ballet gehört hatte. Während der Vorstellungen der Oper werden in der Carnevalszeit in Italien bekannte Masken in allen Logen empfangen. Auch mich wandelte die Lust an, mich in diesem Masken-Besuch zu versuchen, aber woher sollte ich meinen Anzug, woher das Geld dazu nehinen, das mir sicherlich versagt worden wäre? Ich wußte mir jedoch zu helfen. Bei meiner Abreise von Hamburg hatte man mich, unter andern, mit einer Galla-Iacke von wunderschönem rothen Tuche und weißen easimirnen Hosen ausgestattet, und da ich bemerkt hatte, daß mein Herr Oheim, der meinem Vater nicht allein in der Verwaltung des Otto Frank'fchen Hauses, aber auch in dem Hamburgischen Consulat, so wie in dem Gebrauch seines ihm hinterlassenen identischen rothen Consular-Rocks gefolgt war, eine höchst lächerliche Figur darin zu spielen pflegte, so gerieth ich auf den Einfall und beschloß ganz im Stillen, heimlich meine rothe Iacke in eine Consular-Uniform umwandeln zu lassen, im Theater als „8ißnor con8olino öi.^mbui-Zo" zu erscheinen, und meines Oheims alberne Manieren nachzuäffen. Der kleine Consul machte Furore. Meinem Vater gefiel das unverschämte Kunststück ganz wohl, aber wer mir dasselbe nicht verzieh, das war, wie ich erwarten durfte, meine nicht oft gnädig gestimmte Frau Tante.

In dem darauf folgenden Frühjahr führte mich mein Vater zurück nach Hamburg, und sah sich nach einem Hauslehrer für mich und meinen nur eilf Monate jüngeren Bruder Heinrich um. Ein wahrhaft glücklicher Zufall für mich --- so habe ich ihn immer betrachtet — führte ihm einen Candidaten aus Schwaben zu, der ihm sehr wohl gefiel und sogleich als Lehrer in unserm Hause die gesuchte Anstellung bekam. Dieser Mann, aus Tübingen gebürtig, der sich nachher als eine der verdienstvollsten Pädagogen ausgezeichnet, so manche tüchtige Köpfe ausgebildet, und die Eindrücke, so wie die Spuren seiner seltenen Fähigkeiten, als ein schätzbares Vermächtniß seinen Schülern hinterlassen hat, war der nachherige Professor am Gymnasium, Herr Carl F. Hipp, dessen Namen in der dankbaren Erinnerung seiner ehemaligen Eleven stets fortgelebt hat, mir selbst aber insbesondere unvergeßlich geblieben ist. Mehr als acht und funfzig Iahre sind verflossen, seitdem ich seinen Händen entzogen ward, um wieder nach Italien zu gehen, und dort als Lehrling in dem väterlichen Etablissement meine merkantilische Laufbahn anzutreten, und noch immer blicke ich mit einem wohlthuenden Gefühl auf die Zeit zurück, wo ich den Unterricht dieses vortrefflichen Mannes genoß. Er hatte meine rastlose Wißbegier immer in vollem Maße zu befriedigen verstanden, eine heilsame Richtung zu geben und meine angeborene Thätigkeit zu stimuliren gewußt, daß ich den vielfachen Arbeiten, die er mir vom Nachmittage bis zu dem nächsten Morgen, und dann wieder vom Sonnabend bis zum Montage auferlegte, stets mit einer seltenen Lust genügte, und mich stolz fühlte, als er mir eines Tages, in einem Zeugniß über mein Verhalten die Worte niederschrieb, ich habe ihn mit meinen vielen Ausarbeitungen ordentlich zu Boden gedrückt. Mit diesem brennenden Bedürfniß der Thätigkeit und einem nicht geringeren Eifer des Fortschritts, kam ich in Llvorno an, wo ich meinen Freund Rücker, ebenfalls als Lehrling, oder, wie wir uns nannten, als Volontär, in dem Comtoir der Herren Holst angestellt fand. Schon am nächsten Morgen in das Comtoir Frank eingeführt, wurden mir, wie sich das von selbst versteht, als das A. B. C. der Kaufmannskunde, die Copierbücher und zwar das Deutsche und das Englische vorgelegt, und das Abschreiben der Briefe in diesen beiden Sprachen zur ersten Beschäftigung angewiesen. Die Herren Briefsteller waren höchst gewöhnlicher Art, ihre erbärmliche Schreiberei und Sprache langweilten mich in dem höchsten Grade, und den Berichten über Oel und Seife, und über Schwefel und Lakritzensaft, konnte ich kein Interesse abgewinnen, zu einer Zeit, wo mein verehrter Lehrer mir für die Erstlinge der Schiller'schen Muse und Prosa Geschmack eingeflößt hatte. Ich arbeitete höchst ungern und ohne Interesse, folglich schlecht. Wie schon erwähnt, war die Führung des Hauses meinem Oheim anvertraut geblieben, einem sehr schwachen Manne, der eine gewisse Leichtigkeit im Arbeiten als einziges Verdienst zählen mußte, um irgend eines zu besitzen, weder Welt- noch Mensche nkenntniß besaß, und den Eingebungen einer grenzenlosen Eitelkeit gerne Eingang verlieh. In dem Erdgeschoß des jetzt noch existirenden Hauses Franchetti, das sich dem Gebäude der Maine (pl^/o seil ^ommunitH) an der Ecke der großen Piazza d'Arme anschließt, war das Comtoir des Hauses Otto Franck und Comp. Aus diesem, ohne alle Hauptbedeckung, ohne Halsbinde, im fliegenden Schlafrocke, offenem Hemde und in roten türkischen Pantoffeln hervorzutreten, in Begleitung einiger Waaren- und Wechftlmakler über die Hälfte des Platzes auf und nieder zu spazieren, zu gestikuliren (welches man bekanntlich in Italien schneller wie manchmal die Sprache erlernt) und die Aufmerksamkeit der Fremden als: „69o 6eIIl?8 Otto^ranoo" — so nannte man ihn

— an sich zu ziehen, gewährte ihm einen seltenen Genuß, dem er sich bei Regenwetter höchst ungern entzog. Von diesem Manne etwas zu erlernen und eine gehörige merkantilische Richtung zu erhalten, war mir nicht geboten. Mir auf die Finger zu sehen, und mich zum Beispiel in meinen jugendlichen Versuchen der Einrichtung einiger Hülfsbücher, die ich, nachdem was ich allmählig von den Geschäften des Hauses aus der Correspondenz und dem um mich her vorgehenden Waaren - Verkehr ersah, für nöthig erachtete, auf eine liebevolle, belehrende Weise zu ermuntern, fiel ihm nimmer ein. Im Gegentheil! Eines Tages war ihm die Lust angekommen, in einem der mir angewiesenen NotenBücher etwas nachsehen zu wollen. Fehler und Lücken wurden

— wie ich dies unmittelbar darauf von meinen Collegen erfuhr

— sogleich entdeckt — ich erwartete einen kleinen Verweis, eine Belehrung — Nichts von dem Allen kam zum Vorschein! Aber an demselben Tage war eine große Tisch-Gesellschaft im Hause versammelt. Sie bestand aus Fremden aus allen Handelsstädten Europa's und einigen Notabilitäten der Stadt, unter anderen den bedeutenden und beliebten Advokaten Baldasseroni. Daß ich funfzig Iahre später mit dem, damals noch nicht geschriebenen Werke dieses Mannes so vertraut werden sollte, konnte mir natürlich auch im Traume nicht einfallen. Ich saß bei der Tafel an ihrer unteren Ecke. Auf einmal erscholl von der oberen, wo mein Oheim seinen Platz genommen hatte, bei einer Pause in der Unterhaltung der Tischgesellschaft, plötzlich seine Stimme, die, um feine Zurechtweisung desto eindringlicher zu machen, mir die Worte zurief: Vineent! ich habe diese Gelegenheit benutzt, um Dir zu sagen, daß ich eine solche liederliche, nachlässige Arbeit, wie die Deinige in dem Ordre-Buch, lange nicht gesehen habe. Man denke sich einen ehrgeizigen Iüngling von funfzehn Iahren unter diesem plumpen Angriff. Ich stand, wie man sich leicht einbilden wird, unter den auf mich gerichteten Blicken der ganzen Tafelrunde, wie vom Blitz ergriffen und vernichtet, raffte mich jedoch hinlänglich zusammen, um mit der Antwort: Gerade auf d iese Gelegenheit hätte mein eigener Vater, wäre er hier gewesen, sicherlich nicht die Hand gelegt, um mir Vorwürfe zu machen von meinem Sitze aufzustehen, hinwegzugehen und mit wüthender Geberde die Thüre hinter mir her zu schleudern. Dergleichen Seenen, zur Unterhaltung seiner nothwendig eingeladenen Gäste, die ihn immer verlegen machten, waren bei meinem Herrn Oheim nichts Ungewöhnliches. Ich brauche meinen Lesern nicht zu bemerken, daß sie mir keine Achtung für ihn, noch weniger Lust einflößen konnten, die mir bestimmte, keinesweges freiwillig erwählte Carriöre eines Kaufmannes zu durchlaufen. Ich haßte das Comtoir. Mein Geist hatte eine artistische Richtung bekommen, ich fand größeren Geschmack an der Malerei und wollte durchaus Maler werden. Ich schrieb desfalls an meinen Vater, aber s sehr er auch die Kunst achtete, selbst ein Liebhaber und kein schlechter Kenner von Gemälden war, so setzte er meinen Wünschen doch einen Damm entgegen, indem er mich durch die Bemerkung erschütterte, daß, wenn ich nicht die innere Ueberzeugung besäße mich zu einem Maler der ersten Größe erheben zu können, so würde ich gar oft in meinem Leben trockenes Brot essen müssen. Mein guter Vater übersah dabei zwei wesentliche Eigenschaften, die ich besaß, die einen angehenden Künstler wohl zu seinem Zwecke hätten führen können. Die eine dieser beiden Eigenschaften war eine große Einbildungskraft, die mich schon im achten Iahre, ohne Unterricht im Zeichnen genossen zu haben, in den Stand gesetzt hatte, Marlborough's Leichenzug nach dem bekannten Französischen Gassenhauer: ,,Ulbroucll 8'en va-t-en „ßueli-e", auf einer weißen Gartenmauer mit schwarzen Kohlen abzueonterfeien, die zweite aber, die mich in meinem ganzen Leben nie verlassen hat, ist Fleiß und eiserne Ausdauer. Ich bilde mir jetzt noch ein, ich wäre kein schlechter Maler geworden, wenn man meinem Willen freien Lauf gelassen hätte.

Eine Vernachlässigung des Comtoirs war eine natürliche Folge dieser Verhältnisse. Ich ging allerlei Vergnügungen nach, zeichnete Carrikaturen auf meine Briefsteller im Comtoir, amüsirte mich Stundenlang mit meinem Freunde, dem jungen allgemein beliebten Maler Terreni, der ein gewaltiger Kleidernarr war, und die Manie besaß, die in Livorno von Zeit zu Zeit auftretenden Engländer, in Anzug und Manieren zu äffen. Auch bei mir, Dank seinem edlen Beispiel! faßte dieser Hang tiefe Wurzel, und wenn ich im Laufe der Woche neue Ankömmlinge unter den Engländern bemerkte, die damals Livorno, besonders aber Florenz so viel besuchten, und mich am Sonntage darauf in demselben Costüm im Corso zeigen konnte, so war ich glücklich. Der Schneider hatte kein Verbot mir Kleider zu liefern, und seine Rechnung am Jahresschlusse, zeigte den nicht unbedeutenden Consum von zwölf Röcken von allen Farben und zwei und zwanzig Paar Hosen und Pantalons, welche letztere gerade damals zur Mode wurden. Dies war übrigens ein geerbter Geschmack. So lange er in Italien lebte hatte mein Vater große Aufmerksamkeit auf seine Toilette verwandt, und als er Livorno verließ, eine ganze Garde, robe gestickter Röcke von allen Farben, von seinem zeisiggrünen, goldgestickten, mit Poneeau-Atlaß gefütterten Bräutigams-Rock, ditto Hosen an, bis zu einem einfachen kaffeebraunen Rock, alles nach französischem Schnitte, mit nach Hamburg genommen und hier nach einiger Zeit dem damaligen Schauspiel-Direetor Schröder verkauft. Die Garderobe war, bei dem alle Vierteljahr stattfindenden Ausklopfen uns allen sehr bekannt geworden, und als wir eine Zeitlang nach dem Verkauf das Theater besuchten und Schröder selbst in der Rolle des Grafen Klingsberg aus seinem Lustspiel: die unglückliche Ehe aus Delikatesse auftrat, erinnere ich mich deutlich, wie meine älteste Schwester (nachherige Madame Berkemeyer) das ihr wohlbekannte Kleid, das er trug, erkannte und mit lauter Stimme ausrief: das ist Papa's Rock! (Eigentlich rief sie auf gut Hamburgisch: das ist Papa sein Rock!)

Mein Herr Oheim war ganz und gar nicht mit mir zufrieden. Welchen Begriff er sich von den Ursachen meiner häufigen Abwesenheit vom Comtoir machen sollte, das konnte er nicht ersinnen, obgleich er sehr wohl wußte, daß ich häufig nach dem Stalle wanderte und dort zu Pferde stieg. Aber dieses Stalles unmittelbare Nachbarschaft war eine gefährliche — in dem Hause gegenüber wohnten allerlei Sirenen, ein Paar recht hübscher Balletfigurantinnen. Er gerieth auf den herrlichen Einfall, sich mit dem Barigello, dem Hauptmann der Sbirren oder Polizeidiener zu verstehen, und meine Schritte bewachen und sich einen täglichen Rapport darüber ablegen zu lassen. Einer der Schweizer Arbeits leute des Hauses, Faechini genannt, der mir wohl wollte, hatte des täglichen Spion's Gesicht in der Nachbarschaft des Comtoirs und seine Verfolgung meiner Person bemerkt, und höchst erstaunt über meines Oheims Verfahren unterrichtete er mich davon, indem er mir zugleich den Sbirren bezeichnete der mich und meine Schritte bewachte. Kaum erblickte ich am nächsten Tage das — wie Schiller im Fieseo sagt — eonfiseirte Gesicht dieses Kerls, als ich plötzlich auf ihn losfuhr mit der Frage: „Lo vulete, birbnte? (Was wollt Ihr Schurke?) und wiederholte sie jedesmal wenn er sich zeigte. Einmal entdeckt mußte indessen diese weise Maßregel aufhören, theils weil man sich überzeugt hatte, daß ich auf dem

Aber jetzt begann eine merkwürdige Periode der Weltgeschichte die nicht ohne Einfluß auf die politische Gestaltung Europa's und auch auf mich, unbedeutenden Volontair in einem ersten Comtoire dieser Handelsstadt blieb, 'der wie ein losgelassenes Füllen, entfernt von der väterlichen Obhut, ohne Achtung für die über mich gestellte Autorität meines wunderlichen Oheims, hinten und vorne ausschlug. Dies war der Einmarsch der Französischen revolutionaren Armee in Italien und Bonaparte's erster siegreicher Feldzug in der Lombardei, von wo aus er selbst ein bedeutendes Corps nach Toskana führte. Der Englische Gesandte in Florenz hatte die Richtung dieser Colonne und ihre Marschroute zu beobachten gewußt und da er keinen Zweifel über ihren Zweck haben konnte, so fertigte er sogleich einen Eilboten an den in Livorno residirenden Englischen Consul Udney ab, der am letzten Sonnabend des Monats Iuni 1796 ankam, und die Veranlassung zu der plötzlichen Zusammenberufung aller in Livorno seßhaften Englischen Kaufleute in dem Consulargebä'ude gab. Der Consul gab diesen Herren den Rath alle ihre Waare n und Habseligkeiten so schnell als möglich an Bord der im Hafen liegenden Englischen Schiffe bringen zu lassen und sich unter die Obhut des auf der Rhede kreuzenden Englischen Geschwaders zu begeben, das, wenig zahlreich, von dem schon damals ausgezeichneten Commodore Nelson befehligt war. Den ganzen Sonntag über bis in die späte Nacht und dann wieder früh Morgens am Montage, herrschte eine ungewöhnliche Thätigkeit im Binnenhafen der sogenannten Darsena sowohl als im äußeren Hafen: „il molo genannt. Es war am Montag zwölf Uhr als die letzten Schiffe von dem Winde begünstigt, den Hafen verließen *). Um zwei Uhr hieß es auf einmal in der Stadt, eine,Colonne Französischer Truppen sei auf der großen Chaussee von Pisa nach Livorno im Anmarsch, mit Cavallerie an ihrer Spitze. Als diese letztere die Porta Pisa erreichte, galloppirte plötzlich ein Theil derselben außerhalb der Befestigungen nach dem Hafenthor „poi-w ^ulonell" genannt und ritt geradezu nach dem (!teN veocnlo", dem Fort, von welchem herab die Toskanische Flagge wehte. Auf einmal sah man diese verschwinden und an ihrer Stelle die, uns bis dahin unbekannte, trieolore Französische Flagge hinauf gehen. Sogleich fielen einige Kanonenschüsse auf die Englischen Schiffe, welche dem Hafen zunächst segelten und die Rhede noch nicht erreicht hatten. Nelson wußte woran er war. Ich konnte meine Neugier nicht länger beherrschen, rann aus dem Comtoir hinaus, in die große Straße (8trä retinall), die von der Porta Pisa in gerader Linie nach der Porta Colonella führt, und sah an der Spitze der Cavallerie einen wunderschönen Reiter, wie ich, dachte ich, keinen noch gesehen hatte, der herein galoppirte und an der Thüre des Hauses des Genfer Banquiers Dutremoul abstieg. Ich erfuhr sogleich, daß es der General Mural war. Dies war zwischen zwei und drei Uhr Nachmittags. Abends 6 Uhr hieß es, der General Bonaparte sei vor der Porta Pisa angekommen. Kaum hatte dieser erfahren, daß die in der Stadt wohnhaften Engländer Zeit gehabt hatten, sich mit ihrem Eigenthum aus dem Staube zu machen, so brach er in einen grenzenlosen Zorn aus. In diesem Augenblicke trat der Gouverneur der Stadt, Graf Spannoechi in der üblichen Uniform, blauem Rock, rother Weste und weißen Beinkleidern, idie Gala-Uniform bestand in einem weißen Rocke, Weste und Beinkleider von rothem Tuche) umgeben von seinen Offieieren und den ersten Autoritäten der Stadt vor den zu Pferde haltenden General, um ihn zu bewillkommen, dieser aber ließ ihm keine Zeit und fuhr ihn heftig mit den Worten an: Wie untersteht Ihr Euch, so vor mir zu treten? Kennt Ihr Eure Pflicht nicht besser? Ihr seid ein Unverschämter! ein Landesverräther! Ihr habt die Engländer entwischen lassen, Ihr sollt mir strenge Rechenschaft geben. Unmittelbar soll ein Kriegs-Gericht über Euch stattfinden — Ihr seid mein Gefangener — gebt Euren Degen ab! Und der Oberst Spannoechi verschwand. Die Worte die Bonaparte ausgesprochen hatte, wurden mir noch selbigen Abends von meinem Comtoir-Collegen Giaeomini mitgetheilt, der mit dem hinausströmenden Volke aus der Porta Pisa gedrungen

') Thiers erzählt, daß Bonaparte die englische Faetorei in Livorno zerstört habe und daß er nicht aller englischen Schiffe habe habhaft werden tonnen. Alle Schiffe aber entkamen und eine englische Faetorei enstirte in Livorno nicht. Es waren dort viele englische Häuser einzeln, wie die Häuser anderer Nationen eteiblirt, aber eine geschlossene englische Gesellschaft hat es dort nicht gegeben. In vollem Frieden mit Frankreich geschah dieser gewaltsame Einbruch ohne die mindeste Rechtfertigung. Dem Gouverneur Tvannoechi ward vorgeworfen er habe Emigrirte und Feinde der Republik freundschaftlich aufgenommen!

war und sie gehört hatte. Wir erfuhren erst ani nächsten Tage, daß der bisherige Commandant der Stadt, noch in derselben Nacht unter Arrest nach Florenz abgeführt worden war, und daß der französische General Vaubois an seiner Statt zu befehligen haben würde. Kaum war Bonaparte mit seinem Geueralstabe in die Stadt und nach dem Großherzoglichen Pallaste geritten, so traten Polizeidiener in alle Häuser hinein und befahlen, bei schwerer Strafe, alle Fenster zu erleuchten. Das einzige Livorneser Blatt das damals erschien, zeigte am nächsteu Morgen die Ankunft des Siegers von Lodi und von Areole an, mit dem Zusatz, die Stadt wäre sogleich freiwillig illuminirt worden. Ich erhielt somit zum erstenmale einen richtigen Begriff von einer freiwilligen Illumination und war späterhin im Leben nie verlegen, wie dieser Ausdruck zu verstehen sei.

Um II Uhr Vormittags begaben sich die auswärtigen Consuln zu dem General, der sie sehr kurz abfertigte, als er plötzlich meinen Oheim in der roten Consular-Uniform erblickte und auf einmal mit den Worten losfuhr: Was ist das? Eine englische Uniform? — Der bestürzte Herr Oheim hatte gerade so viel Fassung als nöthig sein mochte, um zu antworten: „wo, p6rone — (dies Wort war wahrscheinlich den Eckenstehern abgeborgt worden) ,,

Auf der Piazza d'Arme, auf welcher besonders Französische Cavallerie die Cireulation gehemmt hatte, war der Zulauf so groß, daß man bei dem ungeheuren Gedränge sich nur mit der größten Mühe umherbewegeu konnte. In Betreff der jüngeren Mitglieder unseres Comtoirs, deren allerjüngster ich selbst war, hatten unsere Arbeitsleute den strengsten Befehl erhalten. Niemanden herauszulassen. Ich wollte aber den jungen Helden, den Mann des Tages sehen, der noch nicht acht und zwanzig Iahr alt, eine solche Verwüstung unter den graubärtigen Befehlshabern der Oesterreichischen Armee angerichtet hatte, und konnte mich nicht dazu verstehen, an meinem Pulte genagelt, Berichte über Oel und Seife und Lakritzensaft abzuschreiben, während dieses Phänomen so ganz in der Nähe hausete. Denn daß der Großherzogliche Pallast den er bezogen batte, nur durch die Manie, den pl!?u „6e ^omunitK von unserem Comtoir getrennt war, habe ich schon bemerkt. Ich fand Mittel mich aus dem Hause zu schleichen, wenige Schritte bis an die Ecke der Straße zu gelangen, deren Ausgang die beiden Palläste bildeten, und hier, wo ein offener Wagen in Bereitschaft für ihn stand, auf ihn zu harren. Endlich trat heraus — von einer Anzahl Affineren umgeben — ein kleiner, jugendlicher Mann, in einfacher Uniform, mit einem blaffen, fast geblichen, Teint, und langen, schlichten, über beiden Ohren herabhängenden, rabenschwarzen Haaren — wie die der Floridanischen Wilden Talapouches genannt. — Dies war der Sieger von Areole! Während er seinen Platz rechts im Wagen nahm und auf seine Adjutanten wartete, hatte ich einige Augenblicke Gelegenheit ihn genau zu beobachten — ein fortdauerndes Lächeln umschwebte den Mund, mit dem offenbar der übrige Mensch nichts zu thun hatte, denn der starre, untheilnehmende Blick, der aus den Augen herausschaute, zeigte, daß die Seele anderswo beschäftigt war. Nie hab' ich einen solchen Blick wieder gesehen! Es war der matte Blick einer Mumie, bis auf dm Strahl einer gewissen Intelligenz, der das innere Leben vern'eth, aber nur einen schwachen, matt schimmernden Schein gab. Fast hätten Maebeths Worte an Banquo's Geist: tnere i no 8pseultian in tnoe e^el hieher gepaßt, hätte das, was schon geschehen war, und das was noch geschehen sollte, in der Folge nicht erwiesen, welcher Geist in diesen starren Blicken lebte. Endlich fuhr der Wagen weiter — ein Zwischenraum von sieben Iahren erfolgte nun, ehe ich den merkwurdigen Mann wieder zu sehen bekam. Er reiste am nächsten Tage ab. Unerwähnt darf hier der Umstand nicht bleiben, daß am Schlage des Wagens ein kolossalisch geformter, aber wohl gebauter Offieier, in ehrerbietiger Haltung stand. Dies war der zum Platz-Major von Livorno ernannte, nachherige GeneralHullin, eben der Grenadier, der sieben Iahre vorher, am 14. Iuli 1789 im Sturme auf die Bastille, zuerst die Wälle derselben erstieg, und dem, späterhin nicht allein die traurige Celebrität zufiel, zum Präses des militairischen Gerichts ernannt zu werden, das den unglücklichen Herzog von Enghien zu Vineennes zu richten, oder eigentlicher zu erschießen den Befehl erhalten hatte, sondern auch, nach der Schlacht bei Iena, General-Gouverneur von Berlin zu werden. Nach dem Abfahren des Wagens erzählten die Umstehenden, Bonaparte habe ihm eine kleine Börse mit Goldstücken und mit den Worten zugeworfen, er möge seine Lage benutzen und aufhören ein solcher Einfaltspinsel (mineliione)zu bleiben, wie er bisher gewesen. Kelat ielero —denn gesehen oder gehört habe ich von dem ganzen Vorgange Nichts, so nahe ich auch bei dem Wagen stand.

Die Wirthschaft der Französischen Armee in Livorno ward den Einwohnern unerträglich. Ein Theil ihres bedeutenden Handels, der mit England, war ihnen genommen. Ungeheure Truppenmärsche durch die Stadt fanden von Zeit zu Zeit statt, nicht minder wurden fast tägliche, kaum erträgliche Contributionen von Geld, Montirungsstücken u. s. w. gefordert. Die fast in Lumpen gehüllten, oft unbestiefelten Truppen, verließen die Stadt wieder, sobald sie gekleidet und im Besitz neuer Schuhe waren. Der bloße Anblick der neuen Französischen Nationalkokarde, war den Einwohnern verhaßt geworden. Das gemeine Volk nannte sie: „il patieeino (das Pastetchen) und machte seinem innerlichen Grimm in allerlei Gassenhauern Luft, von denen einer mir noch treu im Gedächtniß verblieben ist. Die letzten Strophen desselben in Bezug auf den häufigen Wechsel der Truppen, die sich in Livorno neu kleiden und ausrüsten ließen, lauteten im Volkhdialekt folgendermaßen:

„5o ole6evo 6i veäer N pocnino, tüne e n'n688kl vi yueti blicooni: ^vi 8Fllltal ne vien oßni tantinol „0u8i qu8i äilei, vio ini peläoni! „O cke neke <üIi8to polta el paltiociuo, „O cke i soplani on tanti minekionil^)

(Zu deutsch: Ich glaubte binnen Kurzem diese Schelme abziehen zu sehen — Heiliger Gott! jeden Augenblick kommen ihrer neue an! Bald möcht' ich sagen — Gott verzeih' mir! daß entweder Christus selbst das Pastetchen (die Kokarde) aufgesteckt hat, oder daß unsere Fürsten eben so viele Einfaltspinsel sind.)

Livorno glich einem Lager. In der Mitte der Piazza d'Arme hatte man auf einem breiten Altar die Bildsäule der Freiheit errichtet, au deren Fuße die Volksrepräsentanten Garat und Salieetti, bei der täglichen Parade, lange Reden an die Soldaten hielten. Die Geschäfte auf allen Comtoiren, auch auf dem unsrigen waren zum Stillstand gekommen; ich trieb umher, zeichnete alle die Französischen Truppen und Volksgruppen ab, erfand allerlei Thorheiten um mir die Zeit zu vertreiben und gab viel Geld aus. Der alte Cassirer des Hauses, Antonio Antoni, hatte zu viel Respekt für den Sohn seines ehemaligen und den Neffen seines jetzigen Chefs, um mir das Mindeste zu versagen — er gab mir was ich forderte, und daß er dazu seine Ursache hatte und mich bei guter Laune zu erhalten wünschte, erwies späterhin der Umstand, daß bei der großen Sorglosigkeit meines Oheims, die Bücher nachzusehen und einen jährlichen Bilanz zu fordern, diese Bücher vier Iahre im Rückstand geblieben Wareu. Als mau nun auf den Rath eines der beiden Buchhalter des Hauses, eines Engländers, Namens Henry Betts, die Ordnung wieder herzustellen versuchte, wurde ein, von dem Cassirer im Verlauf der vier Iahre allmählig begangener Diebstahl an der Casse von sechszigtausend Pezza entdeckt. Der Bruder des treulosen Cassirers war der andere der beiden Buchhalter und der Unterschleif auf diese Weise leicht erklärlich. Man denke, in welche Hände ich gerathen war, um die Elemente des Handels zu studiren und kennen zu lernen! Man kann nicht geben was man selbst nicht besitzt, und wenn mein Herr Oheim keine klaren Begriffe von der Würde eines Kaufmannes, von seinen Pflichten gegen sich selbst und gegen andere besaß, so war die Unmöglichkeit da, sie auch mir mitzutheilen. Dies war es jedoch was ich bedurft hätte,, hie und da einige Fingerzeige oder Winke von den Lippen eines erfahrenen und mich beobachtenden Mannes hätten mich bald auf mich selbst zurückgeführt. Aber diese mußte ich entbehren, und deren Nothwendigt'eit erst in späteren Iahren fühlen lernen. Glücklicherweise war mein Kopf mir unverwirrt geblieben. Man hatte ihn nicht mit den unbedingten Erfordernisse füllen wollen, welche, wie mein Vorgänger Benecke in seinen, von seiner Familie herausgegebenen Memoiren erzählt, nach dem Urtheile eines Büsch, Brodhagen, Ebeling und anderer, damals unumgänglich nöthig waren, um zu einer nur einigermaßen vollkommen gelehrten Kenntniß der Handels-Wissenschaft zu gelangen. Diese Erfordernisse bestanden in:

') Das wahre hier gebrauchte Wort, das mit einem 0 beginnt, ist viel gröberer Art,

1) einer genauen, theoretisch praktischen Kenntniß des ganzen Handelssystems;

2) in der Kenntniß aller Handels-Verordnungen, Verträge, Handels- und Wechselrechte;

3) in dem Besitz vieler ausländischen Sprachen, als Französisch, Englisch, Spanisch, Italienisch u. s. w.;

4) in der Fertigkeit des Rechnens, (Arithmetik);

5) in der Kenntniß der Chemie;

6) der Technologie;

7) der Waaren, Manufaktur- und Fabriken-Produkte;

8) der Geometrie und Mechanik (Mathematik);

9) der Physik;

19) der Handelsgeographie;

11) der Handelsgeschichte;

12) der Naturgeschichte, zur Kenntniß der ersten Erzeugung der Produkte; endlich, nachdem man Alles dies erlernt hätte, sollte man

13) die Fertigkeit des Schönschreibens erlangen!!!

Benecke erzählt mit vollkommener guter Treue, daß er sich emsig beflissen habe, alle diese Dinge zu erlernen, um — eine Stelle auf einem Comtoir annehmen zu können. Was würde heut zu Tage ein Lehrling sagen, dem man bei seinem Eintritt in ein Comtoir die Frage vorgelegt hätte, ob er in den erwähitteu Vorkenntnissen einer merkantilischen Erziehung bewandert sei? Er würde sicherlich davon gelaufen sein und — ich hätte es auch gethan.

Bald nach dem Antritt des Iahres 1797 beschloß mein Herr Oheim, feine Familie auf das Land, in die Nachbarschaft von Florenz zu senden, miethete dort nahe bei dem Großherzoglichen Lustschloß Poggio Imperiale, in der schönsten Lage des kleinen Fleckens San Leonardo, die Villa Pandolfini, und sandte mich dahin, um der Frau Tante Gesellschaft zu leissen, aber sonst ohne alle Aufsicht noch Beschäftigung. Der Sommer verging in täglichen Morgen-Promenaden nach der Bilder-Gallerie und des Abends auf dem Ponte della TrinitK, wo sich die Florentinischc elegante Welt versammelte, die Männer meistens ohne Hut auf dem Haupte, aber mit einem Parasol und einem Fächer in der Hand versehen, spazieren gingen und wohin auch meine Schöne sich jeden Abend begab. Denn der Villa Pandolfini gegenüber besaß ein Florentiner Banquier, ein Wittwer (der ungenannt bleiben soll' ebenfalls eine Villa, welche von seiner einzigen Tochter manchmal besucht ward. Der Banquier war beauftragt meine Tante mit Geld zu versehen und die Bekanntschaft war bald gemacht. Die beiden jungen Leute, das heißt Mamsell und ich, fanden beiderseitig Wohlgefallen an einander — ich begann diese Liebelei als einen Zeitvertreib, aber desto ernster nahm meine junge Schöne die Sache auf. Wir gaben uns heimliche Rendezvous auf ihrer Villa oder in Florenz selbst. Die Aufmerksam, keit meiner Tante wurde dadurch erregt, und diese schrieb zuletzt ihrem Manne nach Livorno, daß ich mich unfehlbar verplempern würde, wie man das in Hamburg zu nennen pflegt. Mein Herr Oheim ging noch weiter und benachrichtete meinen Vater in Hamburg, daß ich, schon halb verdorben an Leib und Seele, jetzt auf sicherem Wege sei, dem Teufel ganz zu gehören, wenn er mich nicht zu sich nach Hamburg zurück beriefe. Der Befehl meines Vaters mich zurückzusenden, ließ auch nicht lange auf sich warten, und im Oetober des Iahres führte mich mein Oheim mütterlicher Seits (der nachherige Hamburgische Consul Matsen in Neapel) zurück zu meinen Aeltern. Einige Tage bitterer Vorwürfe über meine Verschwendung, über meine Ausschweifungen waren bald vorüber, sonst konnte man mir nichts vorwerfen, mein Vater wies mir Beschäftigung auf seinem eigenen Comtoire an, und dieser nahm ich mich mit solchem Ernst, anhaltendem Eifer und Fleiße an, daß er über alle Maßen mit mir zufrieden, mir schon im nächsten Iahre seine Bank-Vollmacht anvertraute — eine Auszeichnung die einem so jungen Manne höchst selten wiederfuhr. Er sah, daß es nur an seinem Bruder gelegen haben mußte, wenn ich keine ordentliche Richtung, Beschäftigung und Ermunterung zum Fortschritt erhalten hatte. Bei der Leichtigkeit, mit der ich das übrigens sehr einfache Geschäft meines Vaters übersehen und führen konnte, blieb mir immer viel Zeit übrig. Ich hatte eine große Vorliebe für das Theater gewonnen, besuchte es so viel ich konnte, Lust-, Schau- und Trauerspiele wurden mit Leidenschaftlichkeit gesammelt und studirt, und die damals in Hamburg eröffnete Französische Bühne erleichterte die Befriedigung meines

großen Hanges zum Theaterwesen, das mich ausschließlich beschäftigte und alle meine geistigen Kräfte in Anspruch nahm.

Der Einwanderung einer aus Brüssel vertriebenen, oder aus Mangel an dortiger Unterstützung freiwillig hieher gekommenen, ganz vortrefflichen Schauspieler-Gesellschaft, unter welcher sich mehrere bedeutende Talente, z. B. die Schauspieler Mees und Vergamin, und der Bariton Derübelle befanden, hatte man die Errichtung dieses Theaters zu danken, welches in kurzer Zeit das Theater der Hamburger Modewelt ward. Die große Zahl der damals in Hamburg lebenden Französischen Emigranten der höheren Classen, und auch der Hang der Sommitäten der Hamburger Gesellschaft, sicherten diesem Unternehmen einen großen Erfolg. Der Druck der Komödienzettel war in die Hände eines Hochedlen und Hochweisen Raths-Vuchdruckers, Namens Geo. F. Schniebes, gefallen, der Benjamin Franklin als den Patron seines Ordens ehrte, und ihm, wenigstens in seinem Costüm nachzuahmen strebte. Denn auch er bedeckte seinen Kopf mit einer Art von Pelzmütze, trug Brillen auf der Nase und einen großen Schlafrock. Mit der Uebersetzung der Komödienzettel gab es keine Schwierigkeiten, so lange das Wörterbuch die Mittel darbot, die Französischen Titel zu verdeutschen, z. B. „l 6rvme

„L'mnt ttue" — "der steife Liebhaber. Die nächste: „Oeäipe 5 Kolonne — Oedipus zu Cöln. Dem Mann kann geholfen werden! sagte ich wie Schillers Räuber Moor am Schlusse seines Stückes, muthwilligerweise zu mir selbst, und demzufolge machte ich mich an den Herrn Raths-Buchdrucker, um ihm meine verrätherische Hülfe in der Uebersetzung seiner Komödienzettel anzubieten. Somit erschienen nacheinander die folgenden Zettel an den Gassenecken:

„I.e marlonl lerrant. - der Marschal Ferrant.

I^e plseieuLe Micule" — die lächerlichen Kostbarkeiten. ,Mcle ?eintlo" — der Maler Nieasius. „1. vmcle ux loui" — Ludwigs kalekutische Henne. „1. veillee et l mtiu6o villaßeoie" — ,die alte Frau und der ländliche Morgen.

„I.e8 mnt8 pratköe" — die Theeliebhaber. Die ganze Stadt lachte über diese närrischen Uebersetzungen, der Herr Schuiebes aber nahm es sehr übel auf, wenn ihn Iemand zu überzeugen versuchte, daß man sich auf seine Kosten belustigeu wolle, sobald man ihm mit dergleichen Uebersetzungen zu Hülfe käme. Seine Antwort war immer, er verstehe selbst die Französische Sprache vollkommen, und habe überdies einen Gehülfen, auf den er in Rücksicht der Sprachkenntniß sich verlassen könne. Doch beschämte mich zn gleicher Zeit ein aus Mainz hier ngelaugter Komödienzettel, der Alles übertraf was ich geleistet hatte. Auf diesem waren die Worte zu lesen: „I'.4,bb6 äe I'Lpee, Intituteur 6s8 oulä8umet8" — der Abt vom Degen, Stifter der Tauben und Stummen.

Aber jetzt trat für Hamburg eine traurige Periode, das Jahr 1799 ein, wo Umstände die ich anderswo beschrieben habe'), 136 Fallissements für die nicht geringe Totalsumme von Beo.A36,902,000. binnen sechs Wochen herbeiführte!i und alle Geschäfte oder Geschäftsverbindungen lähmten oder erschütterten. Das größte aller dieser Fallissemente war das der Herren De Dobbeler und Hesse für die Summe von Beo.F 3,100,00(1., das nächste das von I. D. Rodde für Beo.F 2,200,000. Von allen übrigen wareu es nur die Herren B. Nootnagel, Sebwartz und Roques, welche für die Summe von Veo.A 1,540,800., Bern. Rooseu Salomon's Sohn für Beo.F 1,037,900. und von Aren und Hinsch für Beo.A 360,000. fallirt hatten, weiche ihre Zahlungen bald wieder anzufangen und ihre Gläubiger zum Vollen zu befricdigeu im Stande waren. Viele ansehnliche Häuser fanden Mittel unter der Hand zu aeeordireu.

') I der Cotta'schen deutschen Pierteljahrsschiift vom Jahre 1847, No. 39. S. 239.

Während dieses eonvulsivischen Zustandes der Hamburger Börse, hatte sich die Londoner bemüht, da Waaren und Wechsel zu einer Zeit, wo der Diskonto auf 14 Proet. gestiegen und Waaren, zumal Zucker 35 Proet. im Preise gefallen waren, nicht unmittelbare Hülfe bringen konnten, derselben durch Baarsendungen zu Hülfe zu kommen und von der Regierung den Gebrauch der Fregatte Lntine erhalten, welche über eine Million Pfund Sterling Silber Werth an Bord nahm, und nach dem Terel unter Segel ging. Die Sehnsucht mit welcher der glücklichen Ankunft dieses Schiffes entgegen gesehen ward, brauche ich nicht zu beschreiben — man wird sie eben so leicht begreifen als die Täuschung die ihr folgte, als man die traurige Nachricht erhielt, die Fregatte sei an der Holländischen Küste, nahe am Terel gescheitert und mit Mann und Maus untergegangen. Der zweite Untttsteuermann war, wenn ich nicht irre, der einzige, der sich zu retten vermochte und der traurige Bote dieses Unglücks werden konnte.

Eine heitere Erinnerung aus jener trüben Zeit ist mir jedoch verblieben. Sie betrifft das ehrenwerthe, in vortrefflichem Rufe gestandene Haus der Herren Gebrüder Kaufmann, welche durch den Druck der Unistände zur Einstellung ihrer Zahlungen gezwungen wurden, nach kurzer Zeit aber dieselben wieder anfingen und sich vollkommen rehabilitirten. Der eine dieser Herren, der gerade damals Bräutigam war, hatte seiner Braut ein Loos in der Hamburgischen Stadt-Lotterie geschenkt. Der größte Gewinn in derselben war 100,000 Mark Baneo. Zu derselben Zeit waren die Billette eines durch Lotterie zu verspielenden Landgutes im Herzogthum Mecklenburg, dessen Werth auf 50,000 Preuß. Thaler geschätzt ward, in Umlauf gesetzt und der Treffer sollte dieselbe Nummer sein, welche das große Loos in der Hamburger Lotterie gewinnen würde. Die Braut des Herrn Kaufmann war auf den Gedanken gerathen, die Nummer ihres Looses auch in der Verloosung des Gutes zu nehmen und das Billet ihrem Bräutigam zu scheuken. Das Glück begünstigte sie beide, denn beide Billette trugen die gewinnende Nummer. Diese Anekdote erzählte ich vor einem Paar Iahren in einer kleinen Tisch-Gesellschaft, wo mir am Schlusse derselben, ein mir gegenüber sitzender Herr bemerkte: Was Sie da erzählen Herr Nolte, das ist buchstäblich wahr, denn es waren meine beiden Eltern, von denen Sie eben gesprochen haben. Dieser Herr war der jetzige Syndikus Kaufmann.

Die Krisis hatte sich in Hamburg zu fühlbar gemacht, und auf so manche kaufmännische Verhältnisse allzutief eingewirkt, als daß auch die Geschäfte meines Vaters nicht dadurch hätten erschwert und aus ihrem bisher ruhigen Schritt gerissen werden sollen. Sie bestanden fast ausschließlich in dem Einsammeln von Aufträgen und Consignationen für sein Livorneser Haus und mußten bei dem jetzt zurücktretenden Unternehmungsgeist der Hamburger Börse, welcher die Folge der Nothwendigkeit war, desto mehr abnehmen, je mehr der Englisch - Französische Krieg den Operationen nach und von dem Mittelländischen Meere Hindernisse in den Weg legte. Auch war die im Frühjahre 1801 durch die Dänischen Truppen unter dem Prinzen Carl von Hessen erfolgte Besetzung Hamburgs eben nicht dazu geeignet, den gewöhnlichen Unternehmungsgeist der hiesigen Börse wieder zu beleben.

Das geringe Interesse, das mir die Geschäfte meines Vaters und überhaupt Alles was Handel hieß, einflößten, hatten mich mit einer gewissen Sorglosigkeit auf die im Allgemeinen bedenklichen Zeitumstände für Kaufleute hinblicken lassen, deren Kapitalien nur mäßig waren und die Mühe der Untersuchung, wie groß die Vermögensumstände meines Vaters sein möchten, hatte ich mir nie gegeben. Er selbst hatte keine Spuren von Besorgnis; gezeigt. Daher begnügte ich mich damit, meine Comtoirpflichten gewissenhaft zu erfüllen, und die mir eben nicht sparsam zugemessene Muße auf andere Dinge zu verwenden. Ein Hang zur Schriftstellern war in mir erwacht. Die damals vom Hofrath Spazier in Leipzig eingeführte Zeitung für die elegante Welt öffnete mir die Bahn zu Schilderungen der hiesigen gesellschaftlichen Zustände, die mit einem gewissen Humor geschrieben waren, darin aufgenommen, gut honorirt und mit vielem Wohlgefallen gelesen wurden. Das Ding gefiel mir sehr wohl Ich arbeitete in der Nacht ^md kein Mensch in Hamburg ahnte in mir den Autor dieser Skizzen.

Die älteren, großartigen Häuser Hamburg's hatten durch die Krisis nur wenig gelitten. Hamburg, wohin ein großer Theil der Französischen Emigration sich gewandt, das einen Theil des hohen Französischen Adels zum Zufluchtsorte gedient, denselben mit seinen Kapitalien empfangen nnd beherbergt hatte, war ein höchst lebhafter und geselliger Aufenthalt geworden. Vor dem Dammthore, in der Richtung der Grindel-Allee, lebten eine Zeitlang Madame de Genlis, die Generäle Dumouriez und Valenee, selbst der Herzog von Penthievre (nachheriger König Ludwig Philipp), der Fürst Talleyrand und andere Notabilitäteu. In den gesellschaftlichen Zirkeln sah man mehrere derselben, und in den Soirses bei dem Herrn Peter Godeffroy, die alle Mittwoch Abende stattfanden, unter andern auch den Baron de Breteuil, der einst eine nicht ganz unbedeutende Rolle am Hofe Ludwig des Sechzehnten gespielt hatte, von Chamford ein Trümmer aus der alten Zeit genannt worden war, und trotz seiner Einfalt in großem Ansehen gestanden hatte. Er erregte meine Aufmerksamkeit besonders durch seine imponirende Haltung und sein nichtssagendes Auge. Auch diese Soirses fanden in der Zeitung für die elegante Welt ihre Schilderung, aber, wie schon bemerkt, kein Verdacht fiel auf mich als ihren Verfasser. Das Theater fuhr fort meine Lieblings-Beschäftigung zu sein. Ich ruhte und rastete nicht, bis ich zuletzt meine Theatromanie meinem Freunde Peter Godeffroy Iunior eingeimpft, durch ihn seinen Vater, kurz das ganze Haus angesteckt hatte, so daß endlich der Französische Baumeister Ram6e (derselbe, der die erste Börsenhalle gebaut hatte) den Auftrag erhielt, in dem großartigen Loeal des Herrn Godeffroy ein Theater zu errichten, worin wir alle im Laufe des Winters debütirten. Unsere Gesellschaft bestand aus dreizehn Personen — darunter vier Damen, die zu den ausgezeichnetsten Hamburg's gehörten. Von ihnen sind die zw Töchter des Herrn Peter Godessroy, die Madame R. Parish in Niensteden und die Generalin Ponsett in der Krimm, noch am Leben. Von dem männlichen Personal bin ich der einzige Ueberlebende. Im komischen Fache bewies der seit einigen Iahren verstorbene Senator Ferdinand Schwartz ein besonderes Talent, wenn gerade die Molle seinem Humor entsprach.

Während der beiden darauf folgenden Iahre nahte das Ende der blühenden Periode Hamburg's — die Geschäfts-Verhältnisse meines Vaters, der sich schon seit einigen Iahren von seinem ehemaligen Hause in Livorno zurückgezogen, aber bei dessen jetzt erfolgter Fallite eine bedeutende Summe eingebüßt hatte, waren bedeutend verschlechtert, furz, er war zurückgekommen, und ohne den mindesten Versuch zu machen sich aufrecht zu erhalten, faßte er sogleich den Entschluß mit seinen Creditoren einen Aeeord zu machen, der mit 85 Proeeut abgeschlossen wurde, und so ziemlich Alles wegnahm, was er noch besaß. Ein von seinen zahlreichen Freunden unmittelbar darauf zusammengeschossenes Kapital von 120,000 Mark, zu dem auch sein alter Freund, Sir Franeis Baring, Bart., 20,000 Mark hergab, indem er dabei auf alle Zinsen verzichtete, setzten ihn in den Stand ein neues Geschäft zu beginnen. Er war damals drei und sechzig Iahre alt und hatte seine merkantilischen Ideen und Coinbiuationeu nicht über die Grenzen seiner, während eines langen Lebenslaufes in Livorno gesammelten Erfahrungen ausgedehnt, dieselben auch jetzt in Hamburg nicht vermehrt noch,- bei seinem zunehmenden Alter, erweitern können. Alles was auf dem Europäische!: Festlande zu dem Kaufmannstande gehörte und die eiserne Hand des Erzfeindes alles Handels, Napoleons, noch nicht erreicht hatte, mußte bald das Gewicht derselben iu größereni oder geringerem Maße empfinden; die gewöhnlichen Avenüen legitimer Vortheile wurden verengt, zuletzt ganz verschlossen, und zur Entdeckung neuer Wege und Hülfsquelleu fehlte meinon Vater alle und jede Fähigkeit, ohne de Mangel an Muth und Capital mit in Anschlag zu bringe. Ich konnte ihni also ans keine Weise nützen, das begriffen wir beide; er verschmähte jeden Rath, den ich ihm zu geben wagte, als den eines anmaßenden und unvernünftigen Vurschens, glaubte ernstlich, daß ich nur auf Vergnügen erpicht sei, ahnte die innere Kraft nicht, die in mir wohnte, die nur einer Richtung bedurfte, um etwas Tüchtiges leisten zu können, von meiner höchst intelligenten Mutter jedoch vollkommen errathen wurde, und billigte zuletzt meinen Vorschlag, mich von ihm zu trennen und mein Glück anderswo in der weiten Welt zu suchen. Ich wünschte und suchte Anstellung im Auslande. Mehrere wurden mir von Freunden der Familie, die mich gnädiger beurtheilten, wie mein eigener Vater, in Aussicht gestellt: die eine in dem Hause der Herren Söbötker und Comp, in Copeuhagen, die andere in dem Hause Dobrse, die dritte in dem Hause der Herren A. M. Labouchere und Trotreau, diese beiden in Nantes etablirt. Die letztere dieser Stellen war mir von den hiesigen Herren Matthieseu und Sillem, die mich besonders befreundeten, angetragen worden, um die Führung der, Deutschen und Englischen Correspondenz jenes Hauses zu übernehmen, der Gehalt bedeutender als in den andern, jedoch ohne alle Aussicht eines künftigen Eintritts in das Haus selbst, die mir in dem Kopenhagene r Hause eröffnet wurde, worauf ich aber, nach gehöriger Würdigung meiner Kräfte und Fähigkeiten keinen Anspruch zu machen berechtigt sein konnte, und ich ging daher einen Contrakt für drei Iahre ein. Mein Freund Peter Godefroy nahm mir meine große Theaterbibliothek ab und der Ertrag derselben war dazu bestimmt, meine Reisekosten nach Nantes und den Aufenthalt in Paris zu bestreiten. Ich nahm Abschied von meinen Eltern und Freunden, mit schwerem Herzen allerdings, doch ohne alle Besorgnisse über mich selbst und meine Zukunft.

Mein Weg ging Hber Bremen, wo der Zufall mir drei angenehme Reisegefährten zuführte — den Grafen von Harthausen von der königlich Dänischen Leibgarde aus Copenhagen den Major Holstein, von den Leibjägern der Königin, zu Amack, und einen ganz gebildeten jungen Mann, Namens Ioly, aus Antwerpen, der uns in Brüssel verließ. Am eilften Tage nach meiner Abreise aus Hamburg kamen wir endlich in Paris an. Hier begaben sich meine beiden Dänen nach einem der besseren Hotels, ich selbst, um wohlfeil zu leben, und auf die Empfehlung unseres Condukteurs, ging nach dem kleinen Hütel St. Pierre, in der, dem Hofe der Messagerien nahe gelegenen, schmutzigen Gasse St. Pierre-Monmartre. Ich hatte in demselben die Erfahrung zu machen, daß in den sogenannten wohlfeilen Hotels keine Erspa rung möglich sei — Nahrung und Logement bedeutend schlechter als in den guten, und, in einem Orte wie Paris, wo damals Alles weit mehr als es jetzt der Fall ist, auf den Erwerb von Fremden berechnet war, die unvermeidliche Prellerei viel gröber und unverschämter.

Funfzig Jahre in beiden Hemisphären

Zweites Kapitel.

Paris. Nantes. Amsterdam.

Prozeß des Generals Moreau bei meiner Ankunft in Paris. Die dortige Stimmung. Napoleon's erste Parade als Kaiser, auf dem Caroufsel-Platz. Abreise nach Nantes. Eintritt in das dortige Haus: A. M. Labouchere und Trotreau. Die beiden Chefs. Abreise nach Amsterdam auf den Wunsch des Herrn P. C. Labouchere, des ersten Chefs des Hauses Hope und Comvagnie daselbst. Zur Geschichte des Hauses und Charakteristik seiner Chefs. Zweck meiner Reise nach den Bereinigten Staaten und fernere Bestimmung. Beispiellose Geschäfts'Projekte mit dem Banquier G. I. Ouvrard in Paris.

Der Zeitpunkt meiner Ankunft in Paris fällt in den Augen, blick, wo durch das Senatus Consultum vom 18. Mai I8N4 der erste Conful als Kaiser proklamirt ward, und der General Moreau als Mitschuldiger eines Comvlots gegen die Regierung und das Leben des ersten Consuls im Gefängniß verhaftet saß. Mir ward in Paris ein Glück zu Theil, das ich einem Ieden wünschen möchte, der es zum ersten Male besucht, nämlich die Gesellschaft eines Freundes an sich fesseln zu können, der es genau seit Iahr und Tag kannte, der sich nicht damit abgab, das Geschäft eines Lohnbedienten zu vertreten und den neuen Ankömmling nach allen Sehenswürdigkeiten zu begleiten, sondern der das eigentliche Pariser Leben in allen Nüaneen kennen gelernt und verstand, der den Fremden dort einzuführen vermochte, ivo der Zutritt nicht immer leicht war, und ihm das Bemerkenswerthe bezeichnen konnte, wenn es etwa der Neuheit wegen seinem Auge entgehen sollte. So stand zum Beispiel der Eingang zu Fraskati, der damaligen Lieblings - Ressouree der eleganten Pariser Welt, einem Ieden frei, der seinen Eintrittspreis bezahlte. Was aber hatte es mir geholfen, mich allein in seinen Prachtsalons, in seinem vortrefflich erleuchteten Garten zu bewegen? Aber an einem solcheu Abende zu erfahren, daß die große Schönheit, die eben vor mir stand, Madame Reeamier hieß, daß der elegante junge Mann, der sich dort auf das Piedestal einer Statue lehnte, der ausgezeichnetste Salon-Tänzer Trsnis, und dieser hier, mit einem Notenbuch in der Hand, der berühmte Sänger Garat wäre, das war es, wobei die^Nachweisung eines angenehmen Begleiters nicht fehlen durfte und unersetzlich sein mußte. Auf diese Weise lernte ich Paris in wenigen Wochen fast so vollkommen kennen und verstehen, als hätte ich längere Zeit dort zugebracht. Nichts aber von allem dem Neuen, das ich zu sehen und zu hören bekam, machte einen tieferen Eindruck auf mich, als das lebendige und allgemeine Interesse, das man überall, wohin man nur hörte, an dem Schicksal des verhafteten Generals Moreau zu nehmen schien. Selten ward dieser Name von der mittleren und niederen Classe ohne eine Aeußerung der größteu Liebe und Achtung, und ohne eine Verwünschung seiner beiden unerbittlichen Verfolger, des ersten Consuls und des Gouverneurs von Paris, Generals Mural, genannt, da des letzteren Proclamationen in großen Buchstaben den Namen Moreau in Gesellschaft der Worte: „'li-Mi-e 5 I Kepubli^ue" an allen Straßeneckeu zeigten. Man konnte und man wollte der proklamirten Schuld dieses ausgezeichneten Feldherrn keinen Glauben beimessen, und der Pariser Witz verleugnete sich auch bei dieser Gelegenheit nicht, indem man überall die Worte zu hören bekam: „il n'^ czue Znce le moiux Mole^u8) et le immoezux!" Einer absoluten Teilnahme an dem Complott des George Cadoudal, Pichegrü's, der beiden Polignae's n. a. hatte sich Moreau, wie der Erfolg bewiesen hat, nicht theilhaftig gemacht, aber er hatte den für einen Mann in seiner Lage und Stellung unuerzeihlichen Fehler begangen, einen Mangel an Entschlossenheit blicken zu lassen, George und Pichegrü zu sehen, zu empfangen und anzuhören. Da es nun aus dem ganzen Prozeßgange hervorleuchtete, daß es nicht dasComplott an sich selbst war, vor dem er zurückgetreten war, sondern vor dem Zwecke, der Wiedereinführung der Bourbons, so mußte es sich doch als unleugbar herausstellen, daß er unter anderen Bedingungen seine Theilnahme wahrscheinlich nicht versagt haben würde. Somit war das Resultat unvermeidlich. Ein Todesurlheil verdiente er nicht, wie Napoleon es verlangt hatte — um ihn begnadigeu und iu der öffentlichen Meinung herabsetzen zu können — aber der Verbannung, zn der er vernrtheilt ward, konnte er als Strafe für den großen politischen Fehler, den er begangen hatte, nicht entgehen. Er begab sich über Land nach Eadir, wo er, hieß es, sich nach den Vereinigten Staaten einschiffen sollte. Ich ließ es mir damals nicht träumen, daß ich diesen Manu später kennen zu lernen Gelegenheit haben würde.

Die erste Parade, die der neue Kaiser auf der Plaee du Caroussel halteu sollte, war angesetzt. Meine Neugierde, den Mann als Kaiser wieder zu sehen, den ich siehßn Iahre vorher nur als einen siegreichen Feldherrn in Livorno erblickt hatte, war unbe< schreiblich — ich wollte ihn nicht nur seheu, sondern in der Nähe beobachten. Meine Reisegefährten, der Graf Harthausen und der Major Holstein, die Audienz bei Hofe erhalten hatten, waren so gütig, mir durch den dänischen Gesandten eine besondere Erlaubniß zum Eintritt in die Galerie des Louvre zu verschaffen, wie sie kaum zwanzig Personen gegeben worden war, und ich erreichte meinen Wunsch. Mehrere Male sah ich den großen Mann des Tages, von einem glänzenden Stab und Uniformen aller Art umgeben, auf und nieder durch die Reihen reiten, sodann außerhalb des inneren Hofes vor den Reihen der dort aufgestellten Cavallerie unter dem Geschrei: „Vive l'Lmpereur!" in schnellem Galopp vorbeireiten, bis er anf eimnal von seinem plötzlich niederstürzenden Pferde, den Ziigel des Zaumes fest in der Hand Hai

tend, auf die Erde rollte, aber auch in wenigen Seeunden dasselbe wieder bestieg und fort galoppirte, ehe noch ein Theil des schnell abgestiegenen Generalstabes ihm zu Hülfe kommen konnte. Die Zeitungen schwiegen von diesem Vorfall und eben dadurch, als ich dies bemerkte, ward ich an das Ominöse desselben erinnert — ich dachte manchmal in meinem Leben daran, aber lebendiger sprach diese Erinnerung nie in mir, als da ich zum ersten Male Talleyrand's bekannte Worte über die unglückliche Wendung des Russischen Feldzugs: e'e8t le commencemeut 6e la tm" zu hören bekam. Wie richtig übrigens Talleyrand's Blick in die Zukunft war, bewies eine Bemerkung, die er von seinem Krankenlager, nach der Schlacht bei Marengo, gegen Ouvrard, der ihn besuchte, fallen ließ, und welche die Worte aussprach: Ich weiß wohl, was der erste Consul jetzt thun müßte, was sein eigenes Interesse, was die Ruhe Frankreich's und die Ruhe Europa's von ihm erheischen. Zwei Wege stehen ihm offen — der erste führt zu dem Föderativ - System, das jeden Fürsten, nach dem Siege, als Herrn in seinem Lande, aber unter Bedingungen bestehen läßt, die dem Sieger günstig sind. Heute könnte der erste Consul den König von Sardinien, den Großherzog vo Toskana u. a. wieder Einsetzen; will er aber Alles umfassen, inkorporiren, dann wirft er sich in eine Bahn, der kein Ziel vorgesteckt ist.

Ich hatte in Paris alte Bekannte wieder gefunden — jedoch nicht lebende — die vier bronzenen Pferde der St. Markuskirche in Venedig, die ich in meinen Kinderjahren gesehen, auf dem Triumphbogen des Caroussel-Platzes aufgestellt, sodann, im Museum, die Medieäische Venus aus der Tribüne der Florentiner Gallerie, namentlich die Fornarina von Raphael, die ich in Florenz täglich besucht hatte, ohne mich satt an ihr sehen zu können, die Madonna della Sedia, von Raphael, den Christus am Oelberge, von Earlo Dolei, aus dem Großherzoglichen Palazzo Pitti - alles dies erweckte sonderbare, größtentheils traurige Gefühle in mir, wenn ich den Unterschied meiner jetzigen Lage und Aussichten mit meiner Vergangenheit verglich, als diese Genüsse mir zuerst zugänglich waren. Einen Monat hatte ich in Paris zugebracht — (5s wurde Zeit, meiner neuen Bestimmung entgegen zu gehen. Ich ging also ab nach Nantes, und den Tag nach meiner Ankunft daselbst besuchte ich das Comtoir, das mich aufzunehmen bestimmt war. abgefertigt hatte, machte ich mir unaufgefordert eine Pflicht daraus, auch diese in das Französische zu übertragen, und Herrn Trotreau nicht allein um die Durchsicht, sondern auch um die Correktur derselben zu bitten. Ich machte mir die französisch-merkantilische Sprache so ganz zu eigen, daß Herr Trotreau mir erklärte, ich bedürfe keiner weiteren Belehrung, und könnte, wenn es mir so gefiele, auch die Französische Correspondenz des Hauses überneh men. Man denke sich die innere Genugthunng, mit der ich dies Anerbieten annahm! Der Französische Commis, dem siz. abgenommen ward, beschwerte sich über diesen Vorzug, aber Herr Trotreau antwortete ihm: „Oue voulel-vou8, mon mi? Fe li „le lettre^ cle Unn8ieur Nolte vee plu8 äe pli8ir uue le völli, „et ^le pen8e au'il en 8er 6e inline cle No8 <üuii-e8pon^nt8."

Die Firma der Herren A. M. Labouchere und Trotreau sollte nach dem Wunsche des Herrn P. C. Labouchere, eines der Chöfs des Hauses Hope in Amsterdam (von dem ich weiterhin zu spreche^ Veranlassung haben werde) das ehemalige bedeutende Haus: Veuve Babut und Labouchere, das vor der Revolution existirte, ersetzen. Der jetzige Chef war der jüngste Bruder des besagten P. C. Labouchere und hatte seine kaufmännische Laufbahn in Copenhageu begonnen — der nächste Theilnehmer der Firma, Herr Trotreau, ein schon bejahrter Mann, einer der ehrwürdigsten Männer in der ganzen Stadt, der ein bedeutendes Vermögen besaß und seinen Namen auf den Wunsch seines jungen Freundes in Amsterdam zu der Firma hergegeben hatte, um derselben sogleich einen gehörigen Lokal-Credit zu verschaffen. Der junge Chöf war abwesend als ich ankam — er hatte sich nach (Kopenhagen begeben, um eine junge Norwegerin,'eine Mamsell Knudzon aus Drontheim, zu heirathen. Herr Trotreau verwal tete das Haus, verstand aber weder Deutsch noch Englisch und die Haupteorrespondenz des Hauses, die ich zu führen bekam, war gerade in diesen beiden Sprachen. Ich erhielt sogleich von Herrn Trotreau den Auftrag, alle in diesen Sprachen ankommende Briefe in das Französische zu übersetzen, und von ihm den Schlüssel zur Beantwortung derselben in Empfang zu uehmen. Ich hatte ihm Wohlgefallen und sein Vertrauen erweckt; denn meine Antworten winden ohne Weiteres von ihm unterzeichnet. In der Französischen Sprache hatte ich nie Unterricht gehabt, war also mein eigener Lehrer geworden, und doch, wie es schien, waren Herrn Trotreau meine Ubersetzungen verständlich und angenehm. Als er mich über einzelne Ausdrücke und Wendungen der Sprache belehrte, nahm mein Wunsch, vollkommene Kenntniß derselben zu erlangen, mit jedem Tage zu, und nachdem ich meine Antworten

Band !, I

Endlich kam der eigentliche, abwesend gewesene Chöf des Hauses, Herr A. M. Labouchere, mit seiner jungen Dänischen Gattin zurück. Er wünschte, die Geschäfte des Hauses, das manchmal durch den Einfluß des Hauses Barina, in London einzelne Consignationen aus den Vereinigten Staaten erhielt, auszudehnen und glaubte, daß öftere und genaue Handelsberichte zu der Popularität feines Hauses in den Vereinigten Staaten nicht allein beitragen, sondern ihn selbst in den Stand setzen würden, andern Häusern in Nantes den Rang abzulaufen.

Somit ward mir die Pflicht auferlegt, häufige CireularBerichte in Englischer Sprache aufzusetzen und mit jeder Gelegenheit nach den Vereinigten Staaten abzusenden. Dies war eine lästige Arbeit. Herr Labouchere hatte sich die Addressen mancher Amerikanischer Firmen verschafft, nicht selten aus den Mitteilungen Amerikanischer Capitaine, mit denen er in Contakt kam, geschöpft, und dann die ganze lange Liste neuer Namen in meiner Abwesenheit vom Comtoir auf meinen Pult gesteckt, um ihnen CireularBerichte zuzusenden, diese Firmen mochten nun in Portland oder Savannah sein — jede, auch die kleinste Markt-Veränderung mußte berichtet werden. — Drei Commis wären zu dieser mechanischen Arbeit nöthig gewesen, denn von lithographischen Berichten wußte man damals nichts, und ich war zu gewissenhaft um sie zu kürzen, oder, um mich von meiner lästigen Aufgabe zu befreien, das Kunststüek meines Freundes Paul Delessert aus Paris in dem Hause der Herren Matthiefsea und Sillem in Hamburg nachzuahmen. Nachdem die Briefe von dem alten Herrn Sillem dem Vater des Herrn Ierüme Sillem) unterzeichnet waren, wurden sie meinem jungen Freunde vorgelegt, um darauf die eompendiösen Handels - Berichte abzuschreiben. Diese Arbeit langweilte ihn. Er ließ sich also eines Tages einfallen, unter alle Briefe die Worte hinzuschreiben: „I^e umnlette ont en Kau8e, y 0U8e 6e I'extrsme rrets 6e oeul." Ehe die Post abging, wollte der Ch6f des Hauses einige der Briefe noch einmal durchsehen — unter allen bemerkte er die gegebenen Worte. Daß kein Prinzipal einer Handlung ein solches Kunststück mit Ruhe hinnehmen würde, war zu erwarten. Auch mußte mein Freund Paul das Cvmtoir schnell verlassen. Doch nicht allein mir selbst, sondern insbesondere den Amerikanischen Häusern, denen diese wiederholten Berichte ohne Auswahl noch Nothwendigkeit mit Schiffen zugesandt wurden, die manchmal nach einem im Distrikt von Maine belegenen Hafen abgingen, um von dort über Land mit dem ungeheuren Amerikanischen Porto belastet nach Savannah befördert zu werden, mußten diese kostspieligen Berichte zur Last fallen. Eines Tages kam Herr Labouchere von der Post mit einem großen Paimboeuf (dem eigentlichen Hafen der Stadt Nantes) pestempelten Briefe zurück, und indem er mir ihn zeigte, bemerkte er mir beim Aufbrechen desselben: ,Moiiieur Kulte, voilk 8ui-sment quelque eon8i^nation ä'.^msriczuel" Als jedoch die Enveloppe abgenommen war, entdeckte man als Inhalt des Packets einige dreißig Cireular-Briefe, größtentheils von meiner Hand geschrieben, die der Empfänger zurückzusenden sich das Vergnügen gemacht hatte.

Ein ähnliches Packet kam ebenfalls mit der Post von Paimboeuf einige Wochen später an. Diesmal schien Herr Labouchere, der es auf das Comtoir brachte, seiner Sache sicher zu sein. Mit unverkennbarer Begierde wurde der Brief eröffnet und es fand sich darin — ein Holländischer Preis - Courant von gestopften Vögeln, gedörrten Fischeu, Fröschen und Kröten, Schmetterlingen, Käfern und Conchylien aller Art, — lauter Dinge, wofür Herr Labouchere eine große Vorliebe und von denen er selbst eine kleine Sammlung besaß. Der Preis - Courant war ihm von eineu! Manne in Rotterdam gesandt, bei dem er sich gemeldet und seine Visitenkarte gelassen hatte.

Dies Haschen nach Consignatiouen von den Vereinigten Staaten, die Art von Unruhe, die Herr Labonchere jedesmal blicken ließ, wenn seine Nachbaren, die Herren Hottinguer und Compagnie (eine Filiale des Pariser Banquierhanses) ganz bedeutende Consiguationen aus den Vereinigten Staaten, manchmal Flottenweise, erhielten, waren mir unerklärlich — ich fragte meinen Chef um die eigentliche Quelle dieser Geschäfte — die Antwort war stets: ^pi-obblement 6s ßianlle8 vance!^ Meine nächste Frage: „Vt

theile, als ihnen zu Gebote stehen, unbenutzt, gewissermaßen brach liegen lassen. Alles was die Herren Hottinguer empfanden, könnten Sie ja auch haben. Sie müssen nothwendigerweise Iemanden nach den Vereinigten Staaten schicken, und wenn Sie feinen besseren Agenten finden können, so stehe ich zu Befehl — ich bin bereit hinzugehen!

Vierzehn Tage darauf lud er mich ein, seinem Bruder in Amsterdam, der aus meiner Korrespondenz mit dem Hope'schen Hause einigermaßen gesehen haben mußte, was ich leisten konnte und der ihn dazu aufgefordert hatte, meine Ideen über die Vereinigten Staaten und die Vortheile einer dahin zu machenden Reise zu Papier zu bringen und ihm zuzusenden. Es war an eineni Sonnabend, als ich diese Aufforderung bekam. Ich schloß mich den ganzen Sonntag ein, warf das Coneept der geforder ten Mittheilung auf das Papier, schrieb es drei oder vier Mal über und Hwar in dem besten Französisch, das mir zu Gebote stand, und übergab am nächsten Morgen meine Arbeit an Herrn Labouchere zum Durchlesen und znr Beförderung an seinen Bruder, wenn er damit zufrieden wäre. Herr Labouchere las sie durch und sagte mir sogleich: ,Mai3 'et trös „dien! (!'e8t pilit! 0n ne pourrait risn 6ire 6e plu. Uni ,qm vel-vou clone conulle?" Ich antwortete der Wahrheit gemäß: „?el3onne! Hui voule?.vou8

Den nächsten Morgen begab ich mich nach dem Comtoir der Herren Hope, fand aber, da es fast Börsenzeit war, dort nur einen Bruder des Herrn Labouchere.

Das Haus der Herren Hope und Compagnie in Amsterdam bestand damals aus dem eigentlichen Chef desselben, dem Herrn Henry Hope, der als Sohn eines in Boston angesiedelten Schottischen Lojalisten in den Vereinigten Staaten geboren, und seit dem Einmarsch der Französischen Republikanischen Armee unter Pichegrü in Holland, nach England ausgewandert war; sodann aus mehreren Mitgliedern der Familie Hope, Adrieu, Thomas L. Hope (dem wohlbekannten „lurnitui-e Ilope", der ein Werk über das antike Ameublement geschrieben hatte) und Henry Philipp Hope, die theils im Haag, theils in England lebten, Capitalien und Interessen in der Amsterdamer Firma besaßen, aber als Theilnehmer derselben (8leepinz partner) nie genannt uoch bekannt wurden; endlich war die Verwaltung des Hauses in den Händen des Herrn Iohn Williams, eines Engländers , der die Nichte des Herrn Henry Hope geheirathet hatte, später den Namen Iohn Williams Hope annahm, in den letzteren Iahren seines Lebens aber, in Folge königlichen Patentes, von Georg IV. als Prinz Regent unterzeichnet, sich Iohn Hope nannte; sodann stand ihm als das thätigste Mitglied des Hauscs, die eigentliche Seele desselben, der Herr P. C. Labouchere, den ich schon genannt, zur Seite. Dieser ausgezeichnete Mann, im Haag geboren, war der Sohn eines dort wohnhaften, aus Orthss im Bearn gebürtigeu Französischen Tuchhändlers, der ihn zum Beginn der ihm bestimmten merkantilischen Carriere, seinem in Nantes etablirten, vorhin bezeichneten Bruder zusandte. Hier gab der junge Labouchere solche Beweise von Intelligenz und Thätigkeit, daß der Onkel ihm ein größeres Feld anzuweisen wünschte, als er ihm in seinem Comtoir geben konnte, und da er zufällig von seinem Freunde Henry Hope den Auftrag erhalten hatte, ihm einen tüchtigen Commis zur Führung der Französischen Correspondenz zu senden, ihm seinen Neffen vorschlug, welcher sodann vorläufig auf drei Iahre, mit einem mäßigen Gehalt engagirt ward. Kurz vor Ablauf dieses Termins ließ der junge Mann den Wunsch nach einer kleinen Gehaltszulage blicken. Man versprach Antwort für den nächsten Morgen. Als er sich dieser Antwort wegen am folgenden Tage meldete, legte ihm der alte Herr Hope einen fertigen Contrakt zur Unterzeichnung vor, wodurch er ihn zu seinem Assoeiö mit einem eonvenableu Antheil ernannte und mit der Unterschrift des Hauses betraute. Herr Labouchere war damals zwei und zwanzig Iahre alt, nahm bald die würdevolle Haltung des Chööfs eines so'chen Hauses an, des ersten in der Welt, und studirte die Manieren eines Französischen Hofmannes vor der Revolution, die er sich bald ganz und gar so zu eigen machte, daß sie naturwüchsig bei ihm zu sein schienen. Er huldigte dem Grundsatz, in Allem was er unternahm, sich durch eine gewisse Vollkommenheit auszuzeichnen, und trieb dies so weit, daß er wegen der ihm eigenthümlichen Unbiegsamkeit seines Körpers und eines Mangels an Gehör für Musik, das ihm die Natur versagt hatte, es für nöthig erachtete, achtzehn Iahre lang Stunden im Tanzen zu nehmen, weil er sich von andern übertroffen sah. Es war fast peinlich ihn tanzen zu sehen. Die alte Schule erforderte in den Französischen Quadrillen einige Entrechats und ein oder zwei Pirouetten, und die Zeit, die er damit verlor, brachte ihn immer aus dem Takt. Ich habe ihn, einige funfzig Iahre alt, mit Schweiß bedeckt von einer Quadrille zurückkehren sehen. Eigentliche Bildung hatte er nicht, verstand auch weuig von den schöneu Künsten, und es mangelte ihm, seines großen Scharfsinnes und schnellen Blickes ungeachtet, an natürlichem Witze, desto mehr haschte er aber nach fremdem Witze. Mir selbst hat er die bekannte Antwort des ehemaligen Französischen Polizei-Chöfs, de Sartines, an einen seiner Untergebenen, der um eine Gehaltszulage mit den Worten bat: „vou8 ne mo llunnex p8 8e — il laut puultat „cme je vive!" und den Bescheid erhielt: ,,je n'on voi8 p8 l „nseeite", als eine von ihm selbst einem seiner Commis gegenüber gemachte Bemerkung erzählt. Nun paßte sich eine solche hartherzige Replike gar nicht für Herrn Labouchere, der ein vortreffliches großartiges Herz besaß. Er hatte, sicherlich ohne Absicht, die sonderbare Gewohnheit angenommen, seine Muttersprache, die Französische, mit einer fast Englischen Betonung, dagegen die Englische mit einem Französischen Aeeent auszusprechen. Besonders aber zeichnete er sich dmch die ritterlichen Begriffe aus, die er von Ehre im Handel an den Tag legte und die ich in meinem Leben nirgends in eben dem Grade wieder getroffen habe, so hochherzige, ehrenhafte Kaufleute ich auch manchmal habe kennen gelernt. Er besaß ganz das, was die Franzosen: „6<38 icl6e8 eK6vlereciue" zu nennen pflegen. Ich hatte diesen merkwürdigen Mann, der mit der zweiten Tochter des Sir Franeis Baring in London verheirathet war, in Hamburg gesehen, als ihn das Fallissement des ehemaligen, großartigen dortigen Hauses Martin Dornet, der als Banquier für die Russischen Anleihen der Herren Hope Correspoudmt war, dahin geführt, bei welcher Gelegenheit er meinem Vater einen Empfehlungsbrief von seinem alten Londoner Freunde gebracht hatte. Doch nur gesehen hatte ich ihn — ich war zu jung und zu unerfahren, um ihn auch nur einigermaßen beurtheileu zu können, selbst als er einen Tag mit uns in Eppendorf zubrachte, nur die ausgezeichueten Manieren waren mir aufgefalleu und lange im Gedächtniß geblieben.

Von seinem Besuch Hamburgs hatte Herr Labouchere die ungünstigsten Gindrncke zurückgebracht — die sogenannte Elite der Hamburger Börse stand und blieb bei ihm in sehr übelm Geruch. Die ohne Scheu noch Rückhalt anerkannte Prineipienlosigkeit des Hamburger Handelssystems, war etwas das Herr Labouchere bei seinem hohen Ehrgefühl, weder niederschlncken noch ungerügt lassen konnte, und so wie er in Hamburg selbst seine Mißbilligung nicht zurückzuhalten vermocht hatte, so rief auch späterhin die jedesmalige Erinnerung an die bitteren Erfahrungen, die er dort gemacht lMe, stets eine überfließende Galle bei ihm hervor. Zu diesen traurigen Erfahrungen hatte der Einmarsch des republikanischen Heeres unter P ichegrü in Holland Veranlassung gegeben. Das Haus Hope und Komp. in Amsterdam, besaß damals an allen Coutinental-Häfen die großartigsten Vorräthe von Colonial-Waaren aus den Holländisch-West- und Ostindischen Besitzungen, zum Theil für eigene Rechnung, theils und mehr noch für Rechnung ihrer befreundeten Pflanzer, wodurch dasselbe, bei den ungeheuren Vorschüssen die es ihnen darauf gemacht hatte, sich in der Lage befand, auch diesen Theil seiner Stocks, in Rücksicht der Gefahr, ebenfalls als sein Eigenthum betrachten zu müssen. Da es die Absicht hatte selbst Amsterdam zu verlassen, und in der gewaltsamen Besitznahme d'eser Stadt durch das Französische Heer das allgemeine Eigenthumsrecht gefährdet sah, alle Garantie für die Sicherheit desselben demnach entbehrte, so war es beschlossen worden alle diese Vorräthe nach Hamburg zu verschiffen und unter mehreren seiner großartigsten Häuser, die den Ruf großer Respektabilität mehr usurpirt, als verdient hatten, vertheilt und zum Verkauf eonsignirt. Als die Verkaufs-Rechnungen ankamen, zeigten sich die größten Unterschiede in den erhaltenen Preisen ganz gleichartiger und zu gleicher Zeit verkaufter Waaren. Ohne es geradezu zu beabsichtigen, waren doch gewissermaßen Experimente mit der Rechtlichkeit, mit der besseren, oder verhältnißmäßigen schlechteren Bedienung der Verkäufer gemacht, und Waaren gleicher Art unter verschiedenen Hänsern Versuchsweise vertheilt worden. Somit trugen die Verkaufs-Rechnungen unverkennbare Spuren des größeren oder geringeren Appetits der Verkäufer nach unrechtmäßigen Vortheilen, je nachdem der eine oder der andere derselben einen halben, einen ganzen, oder auch wohl ein Paar Schillinge weniger pr. Pfund Caffee oder Zucker in den Verkaufs-Rechnungen vergütete, als wirklich daraus gelöst worden waren. Man machte gar keinen Hehl aus diesem Räubersystem. Die Commis der ersten Häuser, die nach dem Hamburgischen technischen Ausdruck das Lager hatten, unterhielten sich öffentlich an der Börse von diesem Unfug, und, als ob sie in ihrem Innern der Ueberzeugung eines wahren Diebssystems nicht widerstehen konnten, brüsteten sich nicht wenig darauf, daß ihreChtzfs innerhalb eines gewissen Maßes sich rein zu halten wußten und sich nur mit fünf, höchstens zehn Proeent Extra-Profit begnügten, wenn andere funfzehn oder gar zwanzig und fünf und zwanzig auf den Verkaufs-Preis einbe hielten. In allen Comtoiren der Häuser die Commissions-Geschä'fte trieben, war es als Grundregel angenommen, daß durch das Schneiden — dies war der technische Ausdruck — die Un< terhaltungskosten des Comtoirs, Gehalte u. s. w. bezahlt werden müßten. Insbesondere mußten die Briefporto-Conto's herhalten. ^ — Ich erinnert mich daß der Commis eines sehr bedeutenden, in dem Amerikanischen Handel stark betheiligteu Hauses, mir einst erzählte, daß er bei der Aufmachung der Verkaufs-Rechnung dreier Ladungen Caffee, welche dasselbe in der schlimmsten Periode der Krisis vom Iahre 1799 als verkauft anzuzeigen, aber für eigene Rechnung zu behalten geruhte, nicht wissend, welcher Preis angegeben werden sollte, seinen Chöf darum befragte, und daß dieser, im Begriff seine Toilette zur Börse zu machen, ihm antwortete: fünfzehn und einen halben Schilling! Die dazu bestimmte Zeit war kaum verflossen, so stand sein Chöf auf einmal vor ihm mit der Frage: Wie stehts mit Ihren Verkaufs-Rechnungen, Herr M.? — Eben angefangen, Herr P. — war die Antwort. Nun gut! so fetzen sie den Caffee zu vierzehn und einen halben Schilling an, verstehen Sie mich, Herr M.? — Recht wohl, Herr P. war die Antwort. Damit ging der Chöf an die Börse. Als er zurück kam, blickte er in das Comtoir hinein und rief seinen Lagerdiener M. Hören Sie einmal, M. (Der Name des Commis ist meinem Gedächtniß treu verblieben.)" Ich habe mich bedacht. Die Kerls (die Eigentümer des Caffee's) ver, dienen so schon genug, und wir haben so manche Unkosten ge, habt, die nicht in Rechnung figuriren können, — setzen Sie den Caffee schlankweg zu 13'/ Schilling an! — Ich mußte gehorchen sagte mir der Commis — aber das war doch allzu gloupsch. (Der Hamburger Ausdruck für allzu gefräßig.) Ihr

Heii Vater hätte so etwas nicht gewagt, nicht wahr? — Nein ge, wiß nicht! konnte ich ihm mit gutem Gewissen antworten, denn mein Vater trug anerkanntermaßen das Gepräge der größten Redlichkeit auf der Stirn geschrieben und in seinem ganzen Wesen.

Die vielen Beweise der Unredlichkeit seiner Korrespondenten hatten sich bei Herrn Labouchere gesammelt. Wurden Bemerkungen gemacht und Einwendungen erhoben, so zuckte man die Achseln, oder lächelte dem Reklamanten geradezu ins Gesicht. Er müsse ja wissen, sagte man ihm, was der Handelsgebrauch in Hamburg mit sich bringe! Bei einem der großen Diners, die Herrn Labouchere gegeben wurden, kam das Kapitel dieser Uebervortheilungen — des Schneidens wie schon bemerkt — auf das Tapet. Herr Labouchere nahm keinen Anstand, sich über das System seiner Hamburger Wirthe und Tafelgenossen mit gewohnter Bitterkeit auszulassen. Herr Rieee, aus dem damals in Hamburg mit bedeutenden Kapitalien etablirten französischen Hause: Bellamy Riees und Komp. nahm das Wort und vertheidigte, so gut als er konnte, die Methode, und schloß endlich mit den Worten: öl loi l ^s 8M8 u'v>8, i8, que lie „pHIir tnute vie!" (Hungerleiden). Herr Labouchere erwiederte mit großer Schnelligkeit: ,^e le veuxdien, nour>n-que cel us 8oit „p8 K ine8 6epen8, et Zl l'venir He,8urj8 ^ pi-enclre ßr6e."

Zwei der vielen Kaufleute mit denen er zu thun gehabt hatte, nannte er immer als ehrenvolle Ausnahmen „inau6ite cüque" wie er sie betitelte — es waren die Herren Matthiesen und Sillem, und der Herr Iohann Fried r. Böhl. Es war bei dieser Gelegenheit, daß Herr Labouchere den Herrn Ierüme Sillem kennen und schätzen lernte, und daß diesem die Bahn zu seiner, mehrere Iahre später, erfolgten Aufnahme in das Hopesche Haus in Amster dam geöffnet wurde. —

Als ich ihn jetzt, von ihm selbst nach Amsterdam berufen, wieder sah, war es an der Börse. Ich hatte ihn, wie schon ge, sagt, in seinem Comtoir nicht getroffen, und ward ihm jetzt von seinem jüngeren Bruder, Samuel P. Labouchere (dem jetzt noch lebendeu Assoeiö des Hope'schen Hauses), zugeführt. Hier, den Rücken gegen eineu Pfeiler des Gebäudes gelehnt, von einem Haufen Maklern umgeben, stand er ganz auf der Defensive nm sich Luft zu machen. An eben der Stelle, an demselben identischen Pfeiler sah ich fünf und zwanzig Iahre später seinen Nachfolger im Hope'schen Hause, den Herrn Ieröme Sillem aus Hamburg, nicht ohne den seltsamen Contrast wahrzunehmen, der zwischen den Manieren dieser beiden ausgezeichneten Kaufleute herrschte. Herr Labonchere, der seinen Freund Sillem seines wahrhaft praktischen Verstandes in allen Dingen, und seines seltenen durchdringenden Scharfblickes wegen im höchsten Grade achtete und gewöhnlich ihn seinen „6iamant mal poli" zu nennen pflegte, wies die zudringlichen Makler mit großem Ernst, aber mit vieler Würde zurück, Herr Sillem dagegen schnauzte sie an, stieß sie manchmal sehr heftig mit beiden Armen zurück und war so grob als möglich — nach der Börse, wenn er diesen Herren wieder begegnete, nahm er vor ihnen seinen Hut mit unterthäniger Geberde ab. Hier — sagte er mir — sind sie mir nicht lästig — an der Börse muß ich grob gegen sie sein, um sie vom Leibe zu halten. Doch bedurfte es dazu, sei es beiläufig gesagt, keiner besonderen Anstrengung. Die äußerlichen, konventionellen Formen der Höflichkeit zumal nach Französischem Zuschnitt, lagen nicht in seiner Natur und saßen ihm wie ein unbequemer Rock. Die Höflichkeit selbst aber, da wo er sie für angemessen hielt, verstand er mehr im Englischen Sinne — er setzte eine gewisse Herzlichkeit und Symptome einer aufrichtigen Dienstfertigkeit an ihre Stelle.

Nach Beendigung der Börse nahm Herr Labouchere mich ganz vertraulich unter den Arm und sagte mir: Gehen wir spazieren! Wir werden da ungestört und besser als auf dem Comtoir mit einander reden können. Ich bin gar oft von meinem Bruder angegangen worden, ihm die Erlaubniß zu geben, einen Agenten nach den Vereinigten Staaten zu senden und diesen Bitten habe ich nie Gehör geben wollen, bis er mir von Ihnen und Ihrem Wunsche gesprochen hat. Ich glaube Sie vollkomme n aus Ihrer Correspondenz zu kennen und zu verstehen, und Sie können ihm, sich selbst, und uns allen nützlich werden. Das Uns Allen klang mir besonders lieblich in den Ohren; denn unter dem „Uns war offenbar eine Mission für das große Haus des Herrn Hope selbst zu verstehen. Ich fragte sogleich: Wie das? Uns Allen? — Das will ich ihnen sagen! — fuhr er fort — Als Agent für das Haus meines Bruders aufzutreten, ist zu einer vorläufigen Introduktion in die Vereinigten Staaten ganz gut, und Sie können nach den Andeutungen, die ich Ihnen geben werde, Sich ein Paar Monate hindurch umsehen, bis wir Ihrer anderweitig bedürfen werden. Machten Sie auch kein einziges Geschäft, so würde ich doch zufrieden sein. Aber ich habe Sie für etwas Besseres bestimmt, Sie werden eine Mission erhalten, bei der Ihnen schwindlich werden wird — Sie werden den Boden unter sich wanken fühlen u. s. w. Und nun fing er an mir einen Umriß des ganzen kolossalen Geschäfts zu geben, das er beabsichtige und das der Leser bald näher kennen lernen wird. Er bezeichnete auch die Stellung, die mir zugedacht war und die große Verantwortlichkeit, die auf mir ruhen würde. Cr hatte Recht — es ward mir schwindlich vor der Größe des Planes, ehe ich noch die Hand daran zu legen hatte, und ich erklärte Herrn Labouchere geradezu, daß ich zu jung, zu unerfahren wäre, um eine solche Verantwortlichkeit auf mich nehmen und seineu Erwartungen auch nur einigermaßen entsprechen zu können. Seine Antwort war: „d'et mon aNalre et non lavotre. ,^e n'ai qu'une cl>o8s ä vou8 >ecommn quelle po8ition un tel röle pourr vo8 ,)l>88Urel 6n8 le monäe oommercil et le8 i8cilite8 qu'il ne peut ^mnquer 6e vou ouvrir I'avenir il vut mieux reter eliel ,,oi et ne p8 partlr. Meine Antwort war, daß mich sein übergroßes Vertrauen ehrte und daß ich mich ohne Bedingungen in Alles fügen würde, was er mir vorzuschreiben für gut fände. „?our dien mronei" — fügte er hinzu — ^il lut renuneer ö „touts impatience

Funfzig Jahre in beiden Hemisphären

Drittes Kapitel.

Der Banquier und General-Fournisseur G. I. Ouvrard.

Sein Ursprung und seine Geschäfts-Entwickelung. Erste großartige Spekulation. Begründung seines Etablissements in Paris. Seine Intimität mit Madame Tallien führt zu der Bekanntschaft des Direktors Barras und des BrigaeChefs Bonaparte, vor dessen Ernennung zum General, Schnelles Emporsteigen Ouvrard's, als Lieferant der Regierung. Er wird der Mäeenas der Künstler, Seine fürstliche Liberalität. Nikolo Isouard, der Componist. Ouvrard's erste Verbindungen mit der Spanischen Regierung. Ungeheure Umsätze mit der Französischen Regierung, mit Vanlerberghe und mit Desprez. Ouvrard's Reise nach Madrid. Einfluß desselben ans den Friedensfürsten. Handels-Contiakt zwischen dem König Carl IV. von Spanien und Ouvrard. Folgen des Contratts. Sein daraus abaeleiteter Handels-Verttag mit dem Hause Hope und Comp, in Amsterdam. Leichtsinnige Beurtheilung Ouvrard's und Beschönigung der ihm von Napoleon zugefügten Ungerechtigkeiten durch Thiers, im 6, Bande seiner Geschichte des Consulats.

'G. I. Ouvrard war der Sohn eines Eigenthümers bedeutender Papierfabriken in der Französischen Provinz Bretagne, in Iahre 1770 auf einem Gute nahe bei Clisson geboren und im Collegium von Clisson erzogen worden. Schon in seinem siebenzehnten Iahre in ein großes Colonialwaaren-Geschäft zu Nantes eingeweiht, bildete er dort, ehe er noch zwanzig Iahre alt geworden war, ein ähnliches für eigene Rechnung, ^unter der Firma von Guertin und Ouvrard, im Iahre 1788, kurz vor dem Ausbruch der Revolution. Er erzählte selbst wie er die ersten Begriffe von den mächtigen Hebeln des Credits dadurch erhielt, daß er Herrn Graslin, den Erbauer der Neustadt Nantes, Behufs der Bezahlung seiner Arbeiter zu den neuen Bauten, ein Papier eirkuliren sah, welches auf Vorzeigung sogleich, jedoch nur inKupfergeld zahlbar gemacht war. Diese Noten, die einen großen Umlauf erhalten hatten, aber durch die Bosheit einiger Uebelgesinnten ohne alle plausible Ursache in momentanen Mißkredit gefallen waren, wurden plötzlich auf einmal vorgezeigt, und dasselbe Mittel, welches bei der Englischen Bank einst so wohlthätig gewirkt hatte*), verfehlte auch hier nicht seinen Erfolg, indem die Zeit, welche die tägliche, ununterbrochene Einlösung der Banknoten erforderte, um große Summen Kupfergeld auszuzahlen, hinlänglich war, um Herrn Graslin Ellenbogen Raum zu verschaffen und seine zerstreuten Ressoureen zu sammeln. Als man endlich Tage lang diese Einlösung vorwärts schreiten sah, verschwand allmä'hlig, in täglich abnehmendem Schritt, der Mißkredit, und die Inhaber der Noten hörten zuletzt mit dem Vorzeigen derselben ganz auf. Dies Beispiel ging bei dem jungen Ouvrard nicht verloren. Die Einnahme der Bastille am 14 Iuli 1789 hatte bald darauf der eben begonnenen Revolution den Stempel der vollendeten Thaisache aufgedrückt, alle öffentlichen Besprechungen erlaubt und der Presse vollkommene Freiheit gelassen. Da bildete sich der junge Ouvrard ein, daß man viel schreiben und viel drucken lassen würde, und daß Papier rar werden dürfte. Durch einige Geschäfts-Verbindungen und den Credit seines Vaters unterstützt, schloß er mit allen den Papierfabriken in den benachbarten Distrieten Poitou und Angoumois einen Contrakt für alles Papier ab, daß sie binnen zwei Iahren würden liefern können. Ouvrard hatte richtig gerechnet, Papier fing überall an zu mangeln und im Preise zu steigen, und es gelang ihm bald darauf den großen Buchhändlern, Duprat Gebrirdern in Toms, und einigen andern Buchhändlern in Nantes, seine Contrakte gegen einen Bonus von dreimalhunderttansend Franken abzutreten. Dieser für einen Anfänger, einen kaum zwanzigjährigen Jüngling, besonders bedeutende Gewinn stimulirte seinen spekulativen Geist — er berechnete die unausbleibliche Wirkung der Revolution auf die Französischen Colonien und sah die Abnahme der Zufuhren von daher voraus, ließ sich in Verbindung mit dem zur Stunde noch bestehenden, großen Hause der Herren Baour und Compngnie in Bordeaux in großartige Spekulationen in Zucker und Caffee ein, und ward dadurch in sehr kurzer Zeit, ganz jung noch, zum Millionair. Aber in Nantes hatten die Folgen der Revolution und daß Blut-Regiment des Ungeheuers Carrier zahllose Familien ihrer Häupter beraubt, in anderen Jammer und Elend eingeführt, überall eine ungewohnte Mutlosigkeit erzeugt. Ouvrard's gewöhnliche Beschäftigungen hatten aufgehört — er ward Militair, stieg bis zum BataillonsChef und ward als solcher von dem General Canelaux nach Paris gesandt, um der Convention mehrere, in dem Kampfe von Torfou eroberte Fahnen zu überbringen. Bei dieser Gelegenheit lernte er Paris kennen und ersah dort bald den wahren Schauplatz, auf dem er seinen Spekulationsgeist entfalten und feine Projekte zur Ausführung bringen konnte. Er entschloß sich demnach in Paris zu bleiben, ein großartiges merkantilisches Hans zu begründen, setzte seine Unternehmungen in Colonialwaaren, in Verbindung mit mehreren Capitalisten in Bordeaux, mit solchem Erfolge fort, daß er binnen kurzer Zeit ungeheure Summen gewann und sich an der Spitze mehrerer Millionen befand — ein Capital mit dem dort damals Niemand prunken konnte, und das ihm, bei der Wiederherstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse der Französischen Hauptstadt, ein außerordentliches Uebergewicht in der Hauptstadt gab. Cr hatte die Bekanntschaft der durch ihre Schönheit und ihren Geist so berühmt gewordenen Madame Tallien gemacht, war ihr Liebhaber, durch sie mit dem Direktem- Barras bekannt geworden und hatte bei derselben Bonaparte gesehen, der damals nichts als Brigade-Chef in der Artillerie und in so dürftigen Umständen war, daß er Gebrauch von dem Dekret des Ausschusses für die öffentliche Wohlfahrt zu machen sich genöthigt sah, das alle in Aetivität gestellten Offieiere zu einer Gabe von so viel Tuch berechtigte, als für Militair-Rock, Weste undHoftn zusammen erforderlich sein mochten. Bonaparte's Gesuch ward abgeschlagen, weil er gerade damals sich nicht in Aetivität befand. Ein Paar Worte Ouvrard's an Madame Tallien reichten jedoch hill, um diese zu veranlassen, dem jungen Bonaparte einen Empfehlungsbrief an den Kriegs-Commissarius der I7ten Militair-Division, Namens Lefeuve, zu geben und in Folge dieser Empfehlung erhielt Bonaparte was er wünschte — Tuch zu seiner neuen Uniform. In den Iahren, wo Bonaparte in Ansehen und Gewicht mit jedem Tage stieg und frühzeitig schon Spuren von bösem Willen gegen Ouvrard blicken ließ, konnte dieser sonst so feine gewandte Mann, sich selten enthalten diese Anekdote mit einem spöttischen Lächeln zu erzählen, dagegen der Schauspieler Talma, der mit Bonaparte vertraut geworden und seiner ärmlichen Cassa manchmal zu Hülfe gekommen war, immer zurückhaltender in seinen Mittheilungen und in seinem Benehmen wurde, je höher sein Freund auf der Staffel des Glücks emporstieg.

') Ehe der Prätendent Stuart die Schlacht bei Culloden im Jahre !7<5 verloren hatte und seine Armee bis nach Derby vorgerückt war. ward eine Art von Sturm auf die Bank von England gelaufen und Jedermann wollte seine Banknoten für Geld einlösen. Die Direktoren derselben, um sich zu helfen, geriethen auf den Einfall, das Gedränge durch ihre eigenen Emissorien zu vermehren, die in Silber-Sipenee abbezahlt wurden, aus einer Thür gingen und durch eine andere in die Bank zurückkehrten und die Sirpenee, die sie eben erhalten hatten, zurückbrachten. Man gewann Zeit und der Mißkredit hörte allmählig auf.

an i. . 4

Der Direktor Barras, an den sich zu jener Zeit alles anschloß, was nach den Tagen des Terrorismus von der guten Französischen Gesellschaft noch übrig geblieben war, und der Ouvrard's finanzielle Capaeitäten gehörig zu würdigen verstanden hatte, unterstützte bei dem damaligen Minister der Französischen Marine, Namens Pleville-Peley, Ouvrard's Bestrebungen, das Commissariat der vier Regisseure durch Privat-Contrakte und Lieferungen zu ersetzen und somit ward dieser zum General-Fournisseur der Marine (Uumtioimaire ßönsrl) ernannt und beauftragt für den Bedarf derselben zu sorgen. Diese Lieferungen beliefen sich auf keine geringere Summe als 63,973,494 Franken, die Ouvrard anschaffte. Pl^ville-Peley's Nachfolger im Ministerium der Marine

war der bekannte Admiral Bruir. Als dieser von dem Direktorium den Auftrag erhalten hettte, mit einer aus fünfundzwanzig Schiffen bestehenden Flotte von Brest nach Eadir zu gehen, die dort liegende Spanische Flotte unter dem Admiral Massaredo abzuholen und nach Brest zu geleiten> und dies Wagestück trotz der Wachsamkeit der vereinigten Englischen Geschwader glücklich ausführte, übernahm Ouvrard auch die Verproviantirung der Spanischen Flotte in Brest, und setzte dies Geschäft nach der Rückkehr derselben nach Cadir einige Iahre fort, wobei er am Ende seiner Lieferungen einen reinen Gewinn von funfzehn Millionen Franken in die Tasche steckte. ,.,,

Ouvrard war als Finanzmann so mächtig geworden, daß Alles was borgen wollte, zu ihm kam, und selbst das Direktorium, welches sich zu einer Zeit wo die Aegyptische Expedition mit dem größten Erfolge gekrönt wurde, dennoch durch die gleichzeitigen Niederlagen der Republikanischen Armeen in Deutschland, in der Schweiz und in Italien, in der außerordentlichsten Verlegenheit befand, von ihm die Summe von zehn Millionen Franken borgte, die er mit der größten Leichtigkeit vorschoß. Nach Bonaparte's Rückkehr von Aegypten und dem Sturze des Direktoriums forderte der nunmehrige erste Consul Ouvrard auf, ihm zwölf Millionen herzugeben. Dieser fand sich nicht dazu geneigt — man wandte sich an die übrigen Banquiers der Pariser Börse und auch diesen fehlte es an Lust, vielleicht an Mitteln. Der erste Consul, der von abschlägigen Antworten nichts wissen wollte, war im höchsten Grade gereizt, und ward es noch mehr, als Ouvrard sich einfallen ließ, sich wegen der dem Direktorium vorgeschossenen zehn Millionen zu melden. Ein paar Tage darauf erfolgte auf seinen Befehl eine Rückzahlung dieser Summe an Ouvrard, aber in einer Weise, welche einen Federstrich durch die ganze Schuld zog, nämlich in Anweisungen auf die schon verausgabte Revenüe des verflossenen Iahres. Zu gleicher Zeit ward Ouvrard unter dem Vorwande, daß er bei seinen Marine-Lieferungen die Regierung auf unrechtmäßige Weise behaudelt und übervortheilt hätte, in strenge Haft genommen; seine Papiere wurden versiegelt und ein Ausschuß von sechs Staatsräthen war ernannt worden, um seine Vermögensumstände zu untersuchen. Es ergab sich, daß Ouvrard sich nichts hatte zu Schulden kommen lassen, und an Grund-Gigenthum, an Geld und an Französischen Rentes, die damals nur funfzehn Franken galten, ein Capital von siebenundzwanzig Millionen besaß. Man machte bei dieser Gelegenheit eine Entdeckung, die den ersten Consul tief verwundete — diese nämlich, daß während Bonaparte's Abwesenheit inAegypten, Ouvrard den Geldbedürfnissen Iosephinen's, die in Malmaison zurückgeblieben war, dieser seiner alten Freundin, abgeholfen hatte, und diese dadurch seine bedeutende Schuldnerin geworden war. Dieser Umstand, verbunden mit der erhaltenen abschlägigen Antwort in Betreff der zwölfMillionen erzeugte bei dem ersten Consul die heftigste Antipathie gegen Ouvrard, dessen Verhaftnehmung ganz Paris, die Banquiers insbesondere, aufregte, und laute Klagen hervorrief. Der nachherige Direktor der Münze, CMot/ der zu des Consuls intimsten Rathgebern gehörte, stand nicht an, demselben die Bemerkung zu machen, daß es ein schlimmer Anfang sei, wenn man Iedermann das Recht geben wolle, durch solche willkuhrliche Maßregeln beunruhigt zu werden. Ein Mann — antwortete ihm Bonaparte — der dreißig Millionen besitzt und keinen Werth darauf legt, ist viel zu gefährlich für meine Lage. Auf die Verwendung Iosephinen's und der größten Notabilitäten der Stadt, blieb die beabsichtigte Maßregel, Ouvrard einer militairischen Commission in Marseille gegenüber zu stellen, nnvollzogen, und seine Verhaftung ward aufgehoben. Man begnügte sich damit ihn der Aufsicht einiger Gensdarmes zu unterwerfen. Dies aber hinderte ihn nicht seine gewohnte Lebensart fortzusetzen, sein — in späteren Iahren der Herzogin von Berry zugefalleues Schloß Raine, zum Rendezvous der besten Gesellschaft der Hauptstadt und aller fremden Notabilitäten zu machen, sie mit fürstlicher Gastfreundschaft zu empfangen und zu beherbergen, wie er dies bald nach dem Frieden zu Amiens mit dem berühmten Fox und Lord Erskine zu thun im Stande war, und der Mäeenas der Künstler zu werden, die er mit großartiger Liberalität belohnte. Eine mir verbürgte, sehr wenig bekannte und hieher gehörige Anekdote von ihm, sei mir noch erlaubt, in meine Erzählung aufzunehmen, ehe ich wieder zu ihm und zu seiner Verbindung mit den Herren Hope in Amsterdam zurückkehre.

Das Hütel de Salm, das in der letzten Zeit des Consulats und zu Anfang des Kaiserreichs eines der glänzendsten Lokale geworden war, wo man die Elite der Französischen Gesellschaft aufzunehmen Pflegte, hatte eine außerordentliche Versammlung berufen, um mehrere Fragmente einer neuen Oper zu hören, die von einem jungen hoffnungsvollen Componisten herrührte. Künstler und Liebhaber wurden von dieser ganz originalen und lieblichen Musik in gleichem Maße, wie bezaubert. Unter diesen befand sich auch Ouvrard, der nicht ermüdete dem jungen Componisten seinen Beifall zu bezeugen. Es war schon spät in der Nacht, als Ouvrard sich zurückzog. Indem er durch den Hof des Hotels sich nach seinem Wagen begab, erblickte er auf der Erde liegend ein Papier, dessen Form und Stempel ihm sogleich verriethen, daß es die offieielle Anzeige eines Gerichsdieners sein Müsse (Nxploit s'Ilui88iel). Es schnell aufzunehmen, in sein Coups zu steigen und nach seinem Hütel zurückzufahren, war das Werk eines Augenblicks. Kaum war er dort angekommen, so untersuchte er das Papier und entdeckte, daß es einer de gewöhnlichen Proteste war, die dem Empfänger desselben keine andere Alternative lassen, als entweder die geforderte Schuld auf der Stelle zu bezahlen, oder sich in das gewöhnliche Gefängniß für insolvente Schuldner, Hotel de Clichy, einsperren zu lassen. Ouvrard las weiter und erblickte mit Erstaunen in dem Papier den Namen des jungen Componisten, dessen Musik ihn kurz zuvor so entzückt hatte. Es handelte sich um eine Summe von dreitausend Franken, und wegen einer solchen Kleinigkeit sollte wahrscheinlich ein junger Mann von wahrhaftem Talent dazu bestimmt sein, eine glänzende Zukunft opfern zu müssen. Das empfand Ouvrard, dessen Entschluß bald gefaßt war. Am nächsten Tage erhielt der Künstler folgenden Brief; Seien Sie ohne Sorgen, mein Herr! Was Sie gestern Abend im Hotel Salm verloren haben, ist in sichere Hände gefallen. Der Finder schätzt sich glücklich eine Entdeckung gemacht zu haben, die ihm das Mittel verleiht einem Manne nützlich werden zu können, dessen Verdienst und Talent er gehörig zu schätzen weiß. Begnügen Sie sich einstweilen mit der Mittheilung, daß M. (der Gläubiger) in diesem Augenblicke nichts mehr zu fordern hat. Der besagte Finder bittet Sie, ihm sein Neugier verzeihen zu wollen, . , wenn er ohne Ihre Erlaubniß es gewagt hat, das Sie betreffende Papier zu lesen. Da er lebhaften Antheil an Ihrer Zukunft nimmt, und wohl weiß, wie materielle Hindernisse oft mit bleiernem Gewichte den Aufschwung der herrlichsten Organisationen niederdrücken, so bittet er Sie, die zehn Banknoten, von IlXX) Franken jegliche, anzunehmen, die Sie einliegend finden werden. Keinen Dank, mein Herr, M für das was nur eine Kleinigkeit auf Abschlag Ihrer künftigen Erfolge ist! Was er aber von Ihnen erwartet ist nur Ausdauer auf der betretenen Bahn, daß Sie sich immer mehr bestreben mögen den Ruhm zu verdienen, der Ihrer wartet, und der Genuß, den ihm dies gewähren muß, wird sicherlich den kleinen Dienst, um dessen Annahme er Sie jetzt ersucht, weit hinter sich zurücklassen. Der Mann, an den dieser Brief gerichtet war, hieß Nieolo Isouard, der nachher so bekannte Componist, dem man die herrlichen Französischen Opern: „le Ku8ißnol, „denöliüon und 1enl,yt ^ 6oUn zu verdanken hat, welche so manche Iahre hindurch jedesmal das Theater der komischen Oper füllten. erzählte und behauptete, aus m'cht mehr als aus einem Dritlheil seines Einkommens. Napoleons nachheriger Erzkanzler Cambaeöres war der Mann, den Ouviard an die Spitze seines Rechnungswesens (eompwdilite) gestellt hatte. Unter diesen Umständen mehr Neider als Freunde zu haben, war etwas das man erwarten durfte. Aber nicht Neid, sondern die Herrschaft einer Intoleranz, welche keine Größen neben sich dulden konnte, die nicht ihm selbst ihrenzUrsprung zu danken hatten, war es, die den wichtigeil Mann, der Frankreichs Schicksal in Händen hielt, zu Ouvrard's geschworenem Feinde machte.

Weder damals, noch lange in späteren Iahren der Folge, hat in Paris ein solches Vermögen existirt, als jetzt einem einzigen Mann zu Theil geworden war, der, wie Ouvrard, auf eine so beispiellose großmüthige, mitunter höchst verschwenderische Weise gewirthschaftet hätte. Cr hatte in Paris selbst drei Häuser, die Firmen Girardot und Compagnie, Cinot Charlemagne und Compagnie und Charles Rougemont und Compagnie eommanditirt, andere drei in Brest, Bordeaux und Orleans errichtet — sein Einfluß war fast allgewaltig geworden. So maßlos seine mehr als fürstliche Ausgabe geworden war, so bestand sie doch, wie er oft

Außer den vorhin erwähnten Ursachen des innerlichen Grolls Napoleon's gegen Ouvrard, fanden sich auch andere ein, welche ihm in den Augen eines so reizbaren, eifersüchtigen Temperaments als jener besaß, für Verbrechen angerechnet werden mußteiM Ganz Paris wußte schon seit längerer Zeit, daß Napoleon nicht nur nicht unempfindlich für die fast fabelhafte Schönheit der berühmten Schauspielerin Mademoiselle Georges gewesen war, sondern auch, daß er, allgemein als der erste und glücklichste ihrer Verehrer, mithin als Sieger dort galt, wo andere Anbeter eine vollkommene Niederlage erlitten hatten. Das Verhältnis war Niemanden, selbst nicht Iosephinen, der Kaiserin, unbekannt geblieben. Sie war übrigens nicht in der Lage, die oft schwankenden Neigungen des Kaisers auf ihre alte Bahn zurückzuführen — denn man hatte sich gegenseitig vieles zu verzeihen, was auch immer von der ehelichen Treue Iosephinen's in den offiziellen Spalten des heutigen Moniteurs gefabelt werden mag. Napoleon, der als bloßer General bis dahin sich keines besonderen Erfolges in seinen Bestrebungen um die Gunst des schönen Geschlechtes zu erfreuen gehabt hatte, war glücklicher als Kaiser, und fand leichter Gehör bei den widerstrebenden Schönheiten des Tages. In der Mademoiselle Georges, der schönsten Frau ihrer Zeit, glaubte er wirklich eine Eroberung gemacht zu haben, er betrachtete sie als sein ausschließliches Eigenthum, war verliebt — und eifersüchtig. Unter den Berichten, die er am Tage nach der Schlacht bei Austerlitz von Paris erhielt,

befand sich auch einer von seinem Polizeimim'ster, der ihm anzeigte, daß Mademoiselle Georges mehrere Tage auf Ouvrard's Lustschloß Rainey zugebracht und dort eine ihrer Rollen zum Besten gegeben habe. Der General Berthier, der dem Kaiser auf seiner Rückkunft von Wien um vier und zwanzig Stunden vorangeeilt war, ließ Ouvrard sogleich rufen und theilte ihm mit, daß dieser Umstand in nicht geringem Maße zu der Entrüstung des Kaisers beigetragen, und diese hastige Rückkehr beschleunigt hätte. Ich hatte Mademoiselle Georges das Iahr vorher während der kurzen Zeit, die ich in Paris auf meiner Reise nach Amsterdam verweilte, gesehen und bewundert, und so beschränkt als in dieser Rücksicht mein dortiger Aufenhalt auch war, so war es mir doch möglich geworden, einzelne Blicke in das Coulissenleben der neuen kaiserlichen Allmacht zu thun. Die literarische Welt der Hauptstadt war in eben diesem Augenblick mit einem neuen Trauerspiel beschäftigt, welches der berühmte Schriftsteller und Dichter Renouard unter dem Titel: „I^e l'elnplier8" i'n hem Theätre Franeais auf die Bühne zu bringen beabsichtigte. Die Rolle des Großmeisters der Tempelherren, Ignaz de Molay, war in den Händen Talma's, die Rollen des Königs und der Königin an Lafond und an Mademoiselle Georges vertheilt worden. Die Proben waren zu Ende, die erste Vorstellung endlich angesetzt, und die Anwesenheit des Kaisers und der Kaiserin in derselben überall angekündigt.

Paris trug sich damals mit allerlei Anekdoten über den diamantenen Schmuck von seltener Schönheit herum, den der HofIuwelier Foßin der Kaiserin angeboten hatte, und der aus einem Diadem, Halsband und Ohrgehängen bestand. Der Preis, der dafür gefordert ward, betrug eine halbe Million Franken, und, wenn mich mein Gedächtnis' nicht trügt, erinnere ich mich damals auch von einer anderen, geringeren Summe gehört zu haben, nämlich dreimalhunderttausend Franken. Iosephine, deren Casse in Folge ihres Hanges zur Verschwendung immer leer war, hatte das Verlangen bezeigt ihn zu besitzen, aber der Kaiser wollte weder von der einen noch von der anderen dieser Summen etwas hören. Von den Seenen die zwischen Iosephinen und Napoleon in Betreff dieses Schmuckes vorgefallen sein sollten, hatte Paris viel zu erzählen — sie waren der immer wiederkehrende Gegen stand der Unterhaltung aller Damen, deren Neugier der Iuwelier häufige Besuche verdankte. Man wollte wenigstens sehen, was ein Kaiser seiner Kaiserin zu verweigern wagte.

Am bestimmten Tage war die Ankündigung der ersten Vor stellung der Templiers an allen Straßenecken zu lesen.

Ich war so glücklich gewesen, mir ein Parquet-Billet für einen Sitz auf der zweiten Bank zu verschaffen, von welcher ich das kaiserliche Paar genau beobachten konnte.' Ich sah es in seiner Theater-Loge (links) eintreten, um seine Plätze einzunehmen, Napoleon zuerst, dann Iosephine neben ihm. Am Anfang des zweiten Aktes erschienen die Majestäten der Bühne, der König und die Königin. Mademoifelle Georges, in dem vollen Glanze ihrer Zauberreize und ihrer herrlichen Figur, erhöhete diese imposante Erscheinung durch ein strahlendes Diadem und Ohrgehänge nebst Halsschmuck, alles strotzend von blitzenden Diamanten. So wie sie der kaiserlichen Loge sicher trat, verrieth eine hastige Bewegung Iosephine?ns, die sich über die Brustwehr der Loge vorwärts beugte, und dann plötzlich, wie von einem Blitzstrahl getroffen, in ihren Armsessel zurückfiel, daß sie in dem Schmucke einen Bekannten, ihr großes Desideratum erkannt hatte. Während dieses Zwischenspiels in der kaiserlichen Loge blieb Napoleon, wie man erwarten darf, völlig unbeweglich. Für die Pariser Welt ward ein solches Ereigniß eine wahre Fundgrube neuer Anekdoten über die Seenen, die in den geheimen Gemächern der Tuilerien nach der Rückkehr vom Theater vorgefallen sein sollten. Ich erzähle nur, was ich erlebt, gesehen und gehört habe.

Uebrigens war Napoleon, wenn auch früher als General nicht immer glücklich, zu keiner Zeit ein gleichgültiger Bewunderer weiblicher Schönheiten der Bühne. Als er nach den gewonnenen Schlachten bei Lodi und Areole als Sieger in die Hauptstadt der Lombardei, Mailand einzog, war es die Grassini, die größte dramatische Sängerin, und zugleich die größte Schönheit ihrer Zeit, die damals im I'etro seil 8cI sang. Der siegreiche Feldherr, der von keinem erfolgreichen Widerstand träumte, fand ihn jedoch bei der Sängerin, der Tante der nachher so berühmt gewordenen Iulia Grisi. Sie wollte nichts von ihm wissen. Nun verhängte es der Zufall, daß Madame Grassini abermals die Prima Donna des Theaters „llell 8cal" war, als Napoleon dort hinkam, um die eiserne Krone des Italienischen Königreiches auf sein Haupt zu setzen. Das Motto derselben: „zme K czui me toucke!^ war keines das Madame Grassini für sich adoptirt noch zu beachten hatte. Alte Liebe rostet nicht, sagt das Sprichwort, und das war auch Napoleon's Empfindung als er Madame Grassini wieder sah. Ietzt lag der Bekanntschaft zwischen dem überall siegreichen Feldherrn und der überall siegreichen Sängerin nichts mehr im Wege. Napoleon, — und diese Erzählung verdanke ich der Madame Grassini selbst, die ich in späteren Iahren in einem Pariser Salon wieder sah — befragte sie einst, in einem jener Momente, in denen auch ein zwei Mal gekröntes Haupt seine Würde ablegt, warum sie ihn vor Iahren so verächtlich zurückgewiesen und jetzt sich so bereitwillig hätte finden lassen, ihm Gehör — kurz alles zu geben, was sie zu geben hatte. n^K 8ire! — wäre ihre Antwort gewesen — „e'et ^u' loi- V0U8 n'ötiex

Kehren wir jedoch zu Ouvrard selbst zurück. Aus seinen Contraktlieferungen für die Spanische Marine waren Ouvrard in königlichen Tratten auf die Schatzkammer von Mexieo der Belauf von vier Millionen Piaster in Händen verblieben. Er trug sich mit dem Plane herum, selbst nach Neu-Spanien zu gehen um dieses Capital zu erheben, um es dann als Grundlage außerordentlicher Geschäfts-Combinationen anzuwenden, die er in Ostindien zur Ausführung zu bringen gedachte. Diesem Plane mußte er aber entsagen, da ihm von dem ersten Consul die Pässe zur Abreise verweigert wurden. Bonaparte, gerade damals mit dem Feldzuge beschäftigt, der mit der Schlacht von Marengo fein Ende erreichte, bedurfte Geld — er hatte gefühlt, daß er in Ouvrard den einzigen Mann besaß, der es ihm verschaffen konnte und er brachte seine geheime Antipathie gegen ihn einstweilen zum Schweigen. Erließ ihn durch den General Berthler zu sich berufen, und redete ihn mit den Worten an: Nun, Herr Ouvrard, wollen Sie mir zwölf Millionen Franken geben? Dann werden wir uns schon verstehen! Sie wissen ja, was ich von ihren Vertragen mit dem Departement djr Marine denke! Die Antwort war: General! ich habe ihrer viere zu fordern. Nach einigem Hin- und Herrechnen und vielfachen Zahlen, erzählt Ouvrard, erhielt ich eine Ordonnanz für die vier Millionen. Dieser Anschein von Gerechtigkeit verführte mich — erzählt er weiter — mehr noch die mannigfachen Versprechungen, die der erste Consul mir machte> am meisten aber — dies gesteht er selbst ein, — war es mein Geschmack für großartige Operationen, der mich verleitete, die Rolle des allgemeinen Lieferanten der Regierung, die er mir anbot, zu übernehmen."

Dem Plane, Amerika, besonders Mexieo zu besuchen, mußte Ouvrard also unter diesen Umständen entsagen; aber er erhielt für seinen in Philadelphia unter der Firma: Ouvrard de Chailles und Compagnie etablirten Bruder die erforderlichen Pässe der Spanischen Regierung, um sich nach Mexieo begeben zu dürfen. Dieser ward hier gut empfangen von dem königlichen Schatzmeister in sein eigenes Haus aufgenommen, und auch sogleich in die Schatzkammer geführt, wo sich, in Folge des durch den Krieg unterbrochenen Verkehrs mit dem Mutterlands ein und siebenzig Millionen Piaster angehäuft hatten. Sodann bezeichnete ihm der Schatzmeister, als ein separates Depot, eine Anzahl eigends markirter Kisten, deren Inhalt, 4 Millionen harter Thaler, zur Tilgung der in Ouvrard's Händen befindlichen 6 Wechselbriefe angewiesen war. Eine schriftliche Anerkennung des Mexicanischen Schatzmeisters dieses für Ouvrard's Rechnung aufbewahrten Depots, kam denen zwischen ihm und dem Hope'schen Haust später gepflogenen Unterhandlungew in nicht geringem Grade zu Hülfe., , - ^ , , , , , ,'

Die furchtbare Brottheuerung, welche in Paris im Iah 1802 entstand, hatte den ersten Consul Bonaparte veranlaßt, die ersten acht Banqniers der Hauptstadt, Perregaur, Reeamier, Fulchiron und andere zusammen zu berufen, um sich mit ihnen über die Mittel der Abhülfe zu berathen. Den Banquiers aber fehlte das nöthige Vertrauen, und man wollte kei'ne Bestellungen auf Korn nach deni Auslande geben, ohne das Geld dafür in Händen zu haben. Unwillig üb^r seinen Mangel an Erfolg in diesem Versuch, beschied er Ouvrard zu sich nach Malmaifon, der sich sogleich in Gesellschaft des gewöhnlichen Theilnehmers seiner Geschäfte, Vanlerberghe, dahin begab, und zuletzt erbot, für eine einfache Commission von zwei Proeent, die zur Versorgung der Hauptstadt nöthigen Lieferungen von Weizen zu übernehmen und nach Havre zu führen. Die ausgelegten Summen, welche progressiver Weise, je nachdem die Verfallzeit der in England, Holland und in Hamburg für Einkäufe ausgestellten Wechsel herannahte, zurückbezahlt werden sollten, betrugen sechs und zwanzig Millionen Franken. Schon beim Verfall der ersten Wechsel erklärte der Minister des öffentlichen Schatzes, Barb6-Marbois, er habe kein Geld, und erst nach achtzehn Monaten, nachdem man sich zu der Kürzung der ganzen Commission, welche sich auf eine halbe Million belief, verstanden hatte, gelang es den beiden Unternehmern, das ausgelegte Capital nicht ohne große Mühe zurück zu erhalten.. Trotz dieses Mangels an guter Treue und Pünktlichkeit scheute Bonaparte sich nicht den Herrn Ouvrard aufzufordern, die durch die beabsichtigte Landung in England so gewaltig vermehrten Bedürfnisse seiner Marine zu gewissen Bedingungen zu übernehmen, und dieser, der wohl durch die gemachte Erfahrung gewitzigt geworden war, aber, wie er sagt, keine abschlägige Antwort zu geben wagte, um die Liquidation seiner noch rückständigen großen Forderungen an die Regierung nicht zu erschweren, gab seine Einwilligung, im Iuni 1803, für die Zeit von sechs Iahren und drei Monaten! Bereits im Frühjahre 1804 waren die Unternehmer für keine geringere Summe als 67,845,000 Franken in ungedecktem Vorschuß.

Die außerordentlichen, im Verhältniß mit den Riesenplänen Napoleon's immer wachsenden Bedürfnisse der verschiedenen Ministerien, die Ouvrard zu befriedigen sich verpflichtet hatte, und die, ohne die größten Opfer, in den damaligen Zuständen des öffentlichen Credits in Frankreich fast unmöglich gewordene Erschwingung der ungeheuren dazu erforderlichen Geldsummen, nahmen auf der einen Seite oft weit mehr weg, als man auf der andern zu gewinnen hoffen durfte. Sie chatten eben zu dieser Zeit Ouvrard und seinem Assoeis Vanlerberghe Verlüste, und die unerhörte Casse-Auslage von 43,000,296 Franken aufgebürdet, die man, hatte die Regierung die Mittel gehabt, ihre Verpflichtungen gegen die Unternehmer regelmäßig und pünktlich zu erfüllen, sicherlich vermieden haben würde. Napoleon, der von dem, was öffentlicher Credit heißt, nie einen richtigen Begriff besaß, zu der Aufrechterhaltung desselben nie eine Maßregel zu treffen für nöthig erachtete, Banquiers, Kaufleute, insbesondere aber Lieferanten für Raubvögel hielt, fand es bequem, durch Erpressungen Geschäftsleuten das wieder abzunehmen, was sie erworben zu haben glaubten und huldigte bekanntlich dem Prineip, der Krieg müsse sich selbst bezahlen und auf Unkosten des Feindes geführt werden. Daß unter einem solchen System das öffentliche Vermögen untergraben, der Staat aber nie bereichert werden würde, davon wollte er nichts hören noch wissen. Aus seinem Charakter und aus dem Raume, den er der Herrschaft seiner Leidenschaften gestattete, konnte es begreiflich werden, daß ihm dies System zur zweiten Natur geworden war. Doch für Iemand, der nie den Reiz empfunden, den ein mächtiger, jenseits der üblichen Grenzen hinausreichender Geschäftsverkehr gewöhnlich mit sich bringt, nie die Erfahrung gemacht hat, daß die unvorherzusehenden Folgen desselben es oft unmöglich machen, sich nach Willkür davon zurückzuziehen, wird die wunderbare Organisation eines Mannes wie Ouvrard unerklärlich bleiben, der, ungeachtet der richtigen Beurtheilung der Tendenzen und Vorurtheile, die Napoleon, beherrschten, und ungeachtet der allemal wiederkehrenden Erfahrungen seines Mangels an guter Treue, dennoch keinen Anstand nahm, sich immer tiefer in neue Geschäftsstrudel zu stürzen. Ouvrard hätte sich dem Vortex, in dem er sich einmal befand, nicht entziehen können, wenn er es anch gewollt hätte. Dies bestätigt die ganze Geschichte seines Treibens und Wesens. Immer war es — sagte er — eine gebietende „Nothwendigkeit, die mich zu den Geschäften trieb," aber- der Ausgangspunkt dieser Kettenreihe von Nothwendigkeiten lag gewöhnlich in dem maßlosen Umfang des ersten Geschäfts selbst, das er übernommen, und das seine Kräfte überstieg.

Im Ministerium des öffentlichen Schatzes schien es zur Regel geworden zu sein, mit theilweisen Abzahlungen der alten Schulden immer neue, größere Forderungen zu verbinden, und dem Minister Barbs-Marbois gelang es zuletzt, dem Herrn Ouvrard einen neuen Contrakt für alle Bedürfnisse des Schatzes während des Iahres 1804 (un Xlll) abzulocken, die sich auf 400 Millionen Franken belaufen mochten. Die Lockspeise für Ouvrard bestand in der bei dieser Gelegenheit ihm verliehenen Begünstigung, die bloßen Empfangscheine der beiden Ministerien der Marine und des Krieges für gemachte Lieferungen, als eontante Zahlung auf Rechnung der neuen Vorschüsse geben zu dürfen, so daß definitiver Weise der Staat selbst sein unmittelbarer Schuldner für sämmtliche, direkt oder indirekt gemachten, ungeheuren Vorschüsse blieb.

Spanien hatte sich in dem Allianz-Traktat mit Frankreich zu einer jährlichen Subsidie von 72 Millionen Franken anheischig gemacht, von denen bereits 32 Millionen Franken fällig geworden waren, ohne daß man, weder durch die Vermittelnng des Spanischen Banquiers Hervas noch des Französischen Gesandten in Madrid, auch nur einen Frank hatte erhalten können. Ouvrard war abermals der Mann, auf den Napoleon die Hand legte, um die Zahlung dieser Summen zu ermitteln, der Minister BarbeMarbois war Willens der Schatzkammer gegenüber den Herrn Desprez, und für die Bedürfnisse der Marine und des Krieges Herm Vanlerberghe an Ouvrard's Stelle für verantwortlich zu halten, wodurch es, wie Ouvrard behauptet, sich von selbst verstand, daß dieser letztere aller weiteren Verbindlichkeit hinsichtlich der auf beide Herren übertragenen Verpflichtungen entbunden sein sollte, aber nur unter der Bedingung eines abermaligen Vorschusses der ganzen Summe von 32 Millionen, die Spanien zu entrichten hatte. So, hatte man gedacht, könnte Ouvrard als persönlicher Gläubiger der Spanischen Krone auftreten, und aus seiner Agentur bei dieser Gelegenheit würde man dann auch andere Vortheile ziehen können. Ouvrard reiste endlich ab nach Madrid, nachdem er auch diesen Vorschuß geleistet hatte, fand aber bei seiner Ankunft daselbst den öffentlichen Schatz so leer, daß man nicht einmal das für die königlichen Reisen nach den Lustschlössern nöthige Geld, eine halbe Million Franken, auftreiben konnte. Ouvrard begann feine Mission mit der augenblicklichen Hergabe dieser Summe, sobald er Kenntniß von den bedrängten Zuständen der königlichen Kasse erhielt, und wandte mit großer Kunst zwei Mittel an, um Eingang bei dem Alles vermögenden Friedensfürsten (?i-incipe

das einzige Mittel zu adoptirm, das Duvrard vorgeschlagen hatte. Dieser fand sich zuletzt bewogen den Fürsten an den Brief zu erinnern, den der Kaiser, sobald er Kenntniß von seinem früheren Zaudern in Betreff der Subsidien erhalten, eigenhändig an den König von Spanien geschrieben, und zur Ablieferung in dessen eigene Hande an den Gesandten Beurnonvile gesandt hatte. Der gedachte Brief enthielt Drohungen, plumpe Anspielungen auf das intime Verhältniß zwischen der Königin und Godoy, und die peremtorische Förderung, den letztern aus dem Lande zu verweisen. Diesem Sturm hatte derselbe zu entgehen gewußt, aber daß es nicht rathsam sei, sich zwei Mal einer solchen Gefahr auszusetzen, ward ihm von Ouvrard begreiflich gemacht, der in der Regel täglich sein Frühstück bei ihm einnahm. Ein neuer Brief von dem Minister Barbe-Marbois, mit neuen Drohungen des Kaisers wegen der Verzögerung in Madrid führte Ouvrard zu dem Friedensfürsten. Hier befand er sich plötzlich in Gegenwart der Königin Caroline. Die günstige Gelegenheit, um derselben seine Besorgnisse über die Gefahren auszusprechen, welche die Stellung ihres anerkannten Günstlings bedrohen dürften, wurde nicht vernachlässigt, und die erste Folge war, daß Ouvrard eingeladen wurde, Gemächer in dessen Pallast einzunehmen. Als Madrid von einer solchen ungewöhnlichen Gunstbezeugung hörte, fielen vor ihm auf einmal alle die Schranken, mit denen sich die Haziendas und andere Autoritäten umgeben hatten. Alte Vorurtheile und verjährte Gewohnheiten traten in den Hintergrund — die Unterhandlungen führten in wenigen Tagen zu einem Zweck, den sie in Monaten nicht erreicht haben würden Ietzt ergriff Ouvrard unmittelbare Mittel, um dem dringendsten der Nebel, der Brotuoth, sogleich abzuhelfen, und zeichnete am 26 November 1804 mit der Iunta d'Anona von Madrid einen von der Regierung verbürgten Contrakt, für die Lieferung von 2 Millionen Zentner Korn aus den Französischen Häfen zu 26 Franken. Sodann zeichnete er an demselben Tage Verträge mit den Ministerien des Krieges und der Marine für die Lieferung aller ihrer Bedürfnisse, während mehrerer Iahre, endlich gab er seine Unter

schrift zu einem Handelsvertrag, von dem die Welt bisher noch kein Beispiel gesehen hatte. Dies war ein Contrakt für die Errichtung einer gemeinschaftlichen Handelsgesellschaft unter der Firma Ouvrard und Compagnie zwischen ihm und dem Könige von Spanien Carl IV. selbst, für die ganze Dauer des Krieges. Die Hauptbedingungen desselben bestanden erstlich in der Vollmacht, für Rechnung der Gesellschaft und während der ganzen Dauer des Krieges mit Großbrittannien in alle Häfen des Spanischen Amerika's alle zum Consum der Colonien erforderlichen Waaren und Produkte einführen, und zu gleicher Zeit alle Erzeugnisse derselben, darunter insbesondere alles Gold und Silber frei ausführen zu können; zweitens, in der Verpflichtung Sr. Kathol. Majestät die Handelsgesellschaft mit allen den nöthigen Lieenzen für die Zulassung der von den Häfen des Auslandes ankommenden Schiffe, nach den Andeutungen, die Ouvrard selbst, der einzige Bevollmächtigte der Firma, darüber geben würde, zu versehen; drittens in der Bedingung, alle aus den Unternehmungen der Gesellschaft fließenden Vortheile in gleichen Hälften zwischen Sr. Katholischen Majestät und Ouvrard zu theilen. Napoleon billigte Ouvrard's Contrakt für die Ausfuhr von zwei Millionen Centne r Korn aus Französischen Häfen, unter der Bedingung eines Ausfuhrzolles von vier Franken per Centner, also acht Millionen Franken, die in Paris baar entrichtet wurden. Ouvrard erhielt auch von der Englischen Regierung die gehörigen Freipässe für den Trausport der eontrahirten Quantitäten Korn. Seinen Contrakt mit der Iunta d'Anona, die erhaltene Einwilligung Napolevn's zur Ausfuhr, und der Englischen Regierung zum Trausport ließ Ouvrard in allen Spanischen Zeitungen anzeigen, und die Wirkung war magisch- Weizen fiel so sehr, daß die Spanische Regierung Herrn Ouvrard eine Million Piaster als Entschädigung für die Aufhebung seines Contraktes anbot — er schlug das Auerbiete n aus, und begnügte sich damit, ihn auf die aus den Französischen Häfen bereits gesegelten Schiffe zu redueiren. Unmittelbar nach dem Abschluß seines Handels-Vertrags mit König Carl IV. von Spanien ward Ouvrard in den Besitz von fünfhundert königlichen Lieenzen für die zollfreie Einführung aller Art von Waaren in die Colonien gesetzt Diese Lieenzen, mit der Unterschrift des Finanz-Ministers, Don Miguel Cayetano Soler versehen, ließen den Nameu des Schiffes, des Capitaius, die Angabe des Tonnengehalts, der Flagge und der Natnr der Ladung in blaneo. Sodann erhielt Ouvrard am 18 Deeember 1804 Behuf des gedachten Handels-Vertrages 752 Tratten oder Livranzas der Madrider Schatzkammer und der Hof-Banquiers, Garochi Neffe und Compagnie, für die Summe von 52,5NN,

Seiten bindeu und sich ihnen auf Diseietion übergeben, aller Einrede in die Art und Weise, wie sie seine Pläne zur Ausführung zu bringen beabsichtigen, enthalten, dieselben im Voraus genehmigen, im Voraus die Richtigkeit ihrer Rechnungen anerkennen und zu diesem Behuf ihnen zwölf in blaneo gezeichnete Briefe einhändigen. Wie sie ungefähr zu operireu gedachten, ward ihm nur im allgemeinen Umriß auseinandergesetzt, und zu gleicher Zeit begreiflich gemacht, daß sie sich vor der Hand nur an das Praktische, an die vorhandenen königlichen Wechsel auf Mexieo, Havaua u. f. w. und an die Benutzung der Lieenzen halten wollten, je nachdem diese ihnen eingehändigt werden dürften. Ouvrard willigte in alles ein, und hierauf ward am 6 Mai IK05 zwischen ihrem Hause und ihm ein sehr einfacher Vertrag eingegangen. Die Herren Hope und Compagnie verpflichteten sich, die Benutzung der Lieenzen für seine Rechnung und gegen eine stipulirte Commission von 5 Proeent von allem daraus fließenden Verkehr zu übernehmen, die Kosten der Agenturen selbst zn tragen und dann an Ouvrard oder seinen gehörig bevollmächtigten Stellvertreter, den Netto-Ertrag derselben auszubezahlen, sobald sie ihn selbst empfangen haben würden. Desgleichen gingen sie die Verpflichtung ein, das äquivalent aller ihnen zugestellten Wechsel, sobald sie einkassirt wären, und zollfrei die Häfen der Spanischen Kolonien, zumal Veraeruz verlassen haben würden, mit 3 Franks 7) Centimes per Piaster zu vergüten. Hierauf übergab Ouvrard den Herren Hope, weiche außerdem beauftragt waren, eine Anleihe für Rechnung der Spanischen Krone zu negoeiren, den größeren Theil der in seinen Händen befindlichen Dokumente und Wechsel und kehrte nach Paris und Madrid zurück. Dort will ich ihn lassen und seiner Verlegenheiten und Schicksale nur dann erwähnen, wenn die Entwickelung meiner eigenen Geschickte mich darauf zurückführen und die daraus sich ergebende Pflicht der Rechtfertigung seines Andenkens es erfordern möchte. Denn er war unstreitig der Mann, der zuerst seiuer Nation die Elemente des Credits anschaulich gemacht und ihr selbst durch seine verwegenen Operationen zu einer Zeit genützt hat, wo die Kunst des innerlichen Haushaltes eines Staates von Napoleon kaum begriffen, viel weniger mit Ernst aufgefaßt ward. Die ihm von Napoleon zugefügten und mit einer gewissen Hartnäckigkeit verfolgten Ungerechtigkeiten waren der schreiendsten Art, und diese sind unglücklicher Weise in dem 6. Bande des XX. Kapitel der Thiers'schen Geschichte des Consulats und des Kaiserreiches auf eine leichtsinnige Weise beschönigt worden, so sehr auch der Historiker, der zu der Zeit, wo sie stattfanden, die Kinderschuhe noch nicht vertreten hatte, sich bemüht haben mag zu beweisen, daß er seine Erzählung aus authentischen Quellen geschöpft hat. Diese Quellen waren Napoleon's anbefohlene Berichte!

In dem Geschäfte, das die Herren Hope übernommen hatten, war das Londoner Haus der Herren Baring Gebrüder und Compagnie (Larin^ Liotner " (!o.) betheiligt, doch war dies, der Kriegszustände wegen, ein Geheimniß, das ich nicht ahnete, und das ich erst später erfuhr, als mich nach meiner ersten Rückkunft aus Amerika, Herr Henry Hope damit bekannt machte.

Viertes Kapitel

Das Mexikanische Geschäft der Herren Hope und Compagnie.

Di in Amsterdam plojektilte Grundlage und die praktische Ausführung desselben in den Vereinigten Staaten. David Parish aus Antwerpen mit der Over-Verwalwna. dieses Geschäfts betraut, Herr A. P, Lestapis, aus den Hope'schen Comtoir und ich, mit den beiden wichtigsten Zweigen derMani pulation der Gelder, jener in Veraeruz, ich in New'Orleans. Meine Abreise von Amsterdam nach New-York. Ausbruch des gelben Fiebers daselbst. Abstecher nach Boston. Ankunft des verwiesenen Generals Moreau in New-York. Ankunft von David Parish in New-York. Finale Verathungen daselbst. Meine Ankunft in New'Orleans am ersten Ostertage I80L. Schilderung der dortigen Zustände. Der Gouverneur Elaiborne. Der Länder-Spekulant IohnMe.Donough. Der Advokat Ed uard Living' ston. Mein Auftreten in New-Orleans als Geschäftsmann. Das gelbe Fieber, das mich inNew-Iort verschont hatte, ergreift mich hier. DieVerschwörungsgeschichte des ehemaligen Viee Präsidenten der Vereinigten Staaten, Aaron Burr. General Wilkinson. Die Reneontre derAme rikanischen Fregatte Chesaveak mit dem Englischen Kriegsschiffe Leopard im Jahre 1807. Einfluß derselben auf meine Lage. Allgemeine Erwartung eines Krieges mit England.

Zur Erhebung der mächtigen Tilber-Vorrätbe in Mexieo und zum Transport derselben nach Europa wurden zwei verschiedene Wege ermittelt. Der eine war, von der englischen Regierung, trotz des Krieges mit Spanien, die Erlembniß des Transportes der Silberpiaster von Veraeruz nach England zu erhalten. Es herrschte damals in Großbritannien ein großer Mangel an gemünztem Gelde, besonders aber an Silber-Valuten, und die Englisch-Ostindische Compagnie hatte in diesem Betreff große Bedürfnisse zur Bezahlung ihrer Armee und zur Aufrechterhaltung ihrer verschiedenen Etablissements in Indien. Der erste Versuch, eine solche Erlaubniß zu erhalten, schlug fehl; Englands erster Minister Pitt verweigerte sie, weil es offenbar eine Verstärkung der Mittel des Feindes war, auf indirektem Wege ihm die Hülfsquellen wieder zu eröffnen, von welchen der Krieg ihn ausgeschlossen hatte. Aber die Weisheit und das richtige Gefühl des Staatsmannes wachten bald wieder in ihm auf, und machten sich geltend, sobald er den Vortheil, den diese Silber-Vorräthe in den Händen der ostindischen Compagnie und der Londoner Börse dem Brittischen Handel verleihen würden, in's Auge faßte und berechnete. Den Flor des Englischen Handels befördern, hieß ja die allgemeine Wohlfahrt vermehren. Napoleon hegte offenbar ganz andere Grundsätze als er der Commerz-Deputation von Antwerpen, die ihn bei seiner Ankunft dort zu bewillkommnen kam, die Worte entgegen warf: „)e n'ime p le3 neßociant! Un nsßocint et un Komme o,ui venärit 8 patrie pour un petit 6eul" Er verachtete den Kaufmannsstand, und in einer seiner Unterredungen mit Ouvrard machte er ihm den Vorwurf, daß er das Königthum zu einer Handelsfigur herabgewürdigt hätte. „Vou ve li!88s I rovaut6 m niveau äu commerce!" hatte er ihm gesagt. Kurz, Pitt gab zuletzt seine Einwilligung zu der Absendung von vier Fregatten, die mitten im Kriege mit Spanien, eine nach der anderen, auf der Rhede von Veraeruz erschienen und ungestört etwa vierzehn Millionen Piaster aus der Schatzkammer von Mexico mit nach Hause brachten. Iedoch vierzehn Millionen waren nicht mehr als etwa der vierte Theil von der ganzen Summe, die man nach Europa schaffen wollte. Der bei weitem größere Theil sollte nicht in harten Thalern, sondern auf natürlichem Handelswege durch die Beförderung der Waarentransporte von Amerika, zumal aus den Vereinigten Staaten, nach den Europäischen Häfen geschafft werden. Die Vereinigten Staaten, welche damals allein im Besitz des Frachthandels und Verkehrs (cari-vlnz tr6e) waren, boten das größte Feld zum Einkauf aller Arten von Colonial-Produkten, nicht nur ihrer eigenen, wie Baumwolle und Taback, sondern auch aller und jeder anderen Gattung, wie Caffee, Zucker, Pfeffer u. s. w. dar, da diese dort für Amerikanische Rechnung unter dem Schutze ihrer neutralen Flagge regelmäßig und ohne Schwierigkeit eingeführt wurden. Aber der Krieg zwischen England und deni Europäischen Festlaude, das dem Machtgebot Napoleons gehorchte, so wie die Wachsamkeit der Englischen Flotten und Kaper machten den Transport solcher Einkäufe für Rechnung der Herren Hope und Compagnie selbst, fast unmöglich. Es mußten demnach Maßregeln getroffen werden, demselben den Charakter neutralen Eigenthums zu geben, nicht nur zum Schein, sondern in der Wirklichkeit, und dies konnte nur dadurch geschehen, daß man den Unternehmungsgeist der Amerikanischeu Kaufleute zu Verschiffungen für ihre Rechnung nach den Europäischen Continentalhäfen stimulirte, die Versicherungen in England besorgte, Vorschüsse machte und für den Betrag dieser Vorschüsse Wechsel auf die Empfänger nahm, welche die Herren Hope selbst aussuchten und bezeichneten, als solche die ihr vollkommenes Vertrauen besaßen. So verzinste und vermehrte sich das heimzubringende Eapital auch durch die ungeheuren Commissionen, die von diesen Consignationen zu erheben blieben. Die ganze Combination war eine vortreffliche, konnte aber eine natürliche und leicht ausführbare nur in einem solchen Lande wie die Vereinigten Staaten werden, wo der Unternehmungsgeist keine Grenzen kennt, das Capital der Unternehmer in der Regel aber beschränkt ist. Man wagt dort viel und gerne.

Zwei große Schwierigkeiten lagen jedoch der Ausführbarkeit des ganzen Planes in dem Wege. Die erste, und die wichtigste, war die Ermöglichung der Ausfuhr und des Transportes der in Mexieo zahlbaren Valuten nach den Vereinigten Staaten. Die Gelder mußten unter Amerikanischer Flagge und wo möglich für Amerikanische Rechnung exportirt werden. Aber die Neutralmachung solcher Capitalien konnte nicht ohne bedeutende Commission geschehen und respektable Häuser hätten sich auch nicht dazu hergegeben. Man hat eo nicht vergessen, daß ein einziges Haus im Norden Europa's zu Anfang des Englisch-Französischen Krieges eine solche Menge von Schiffen und Ladungen gedeckt und neutral gemacht hatte, daß die Englischen Kreuzer auf die häufige Wiederkehr desselben Namens in den Fakturen und Couossementen aufmerksam gemacht, den verdächtigen Umstand benützten, um sie aufzubringen und die Coudemnationen zu erhalten. Denn diese wurden aus dem einzigen Grunde ausgesprochen, weil es nicht möglich sein komite, daß ein einziges Haus die Meere mit einem so großen Capital bedecken könnte, als hier binnen kurzer Zeit aNf denselben zum Schwimmen gebracht ward. Die Mittel zur Bekämpfung dieser ersten Schwierigkeit mußten in den Vereinigten Staaten gesucht werden. Hieraus entstand die zweite, nämlich die Auswahl eines Mannes, der hinlängliche merkcmtilische Erfahrung, mit großer Intelligenz und Menschenkunde verband, außerdem das Eombinations-Vermögen besaß, um Hülfsmittel und Auswege dort entdecken zu können, wo sie sonst dem äuge des gewöhnlichen Spähers verborgen lagen. Das Baringsche Haus wünschte die Leitung des Geschäfts dem schon genannten Herrn Sam. P. Labouchere zu übergeben, der damals die Französische Correspondenz auf ihrem Cömtöir geführt hatte; jedoch sein älterer Bruder, der als Chef des Hope'schen Hetlises, den Contrakt mit Ouvrard abgeschlossen hatte, bezeichnete Herrn David Parish (der nach dem Frieden zu Amiens ein merkantilisches Etablissement in Antwerpen begründet hatte) als den Mann, der unter allen Umständen wohl am besten eonveniren konnte - Herr Sam. P. Labouchere schien kein durchgreifender Mann zu sein. Diesen, den dritten Sohn des damals noch in Hamburg etablirten Schottländers Namens IöhN Parish, hatte Herr P. C. Labouchere kurz nach der Eröffnung seines Antwerpner Hauses in Paris kennen gelernt und seinen Schärfblick, seine Gewandtheit und seini seltene, fast instinktmäßige Menschenkenntniß, schnell erkannt. Er war, außerdem eben kein belesener, aber ein angeuehmer Gesellschafter, von leichten gefälligen Manieren und ein ansgezeichneter Whistspieler. Es hieß allgemein, ich habe es. jedoch nie mit Bestimmtheit erfahren noch fast glauben können, daß er einen großen Theil des Stammeapitals, mit dem er sein Etablissement begonnen, seinem großen Gewinnst im Spiel in Hamburg verdankte, aber unbezweifelt ist es, und das wußte auch Herr Labouchere, daß er dasselbe kurze Zeit nach Eröffnung seiues Etablissements mehr als zu verdreifachen verstanden hatte, und zwar auf eine sehr einfache Weise. Bei seinem Aufenthalte in Hamburg, vor seiner Reise nach den Vereinigten Staaten, war der damalige Ex-Bischoff und Conventionell Talleyrand von der Familie Pcmsh sehr gut aufgenommen und mit Geldmitteln von derselben versehen worden. Als Napoleon das erste Mal Belgien besuchte und sich einige Tage lang in Antwerpen aufhielt, beherbergte Herr David Parish den Fürsten Talleyrand in seinem, großartig eingerichteten Hause, und die erneuerte Bekanntschaft mit einem Sohne aus der Familie, die ihn einst so freundschaftlich aufgenommen hatte, führte diesen zu einer gewissen Intimität, welche durch die beste Tafel in Antwerpen und häufiges Kartenspiel zu hohen Einsätzen, zwei Dinge, die der Fürst eben so sehr liebte und verstand als sein Wirth selbst, täglich größer ward, und zuletzt vertrauliche Mittheilungen rechtfertigen konnte. Der Fürst war natürlich kein Kostverächter in Hinsicht der Vortheile, zu welchen ihm seine Stellung die Bahn brechen konnte — man wußte allgemein, wie er die erste Nachricht von dem Siege zu Marengo zu benutzen verstanden und sich bereichert hatte. Eine nicht minder sichere Gelegenheit zu einer ähnlichen Spekulation, doch nicht in den Fonds, bot sich jetzt dar. Der Fürst, als Napoleon's Minister der auswärtigen Angelegenheiten, besaß den Schlüssel zu dem, was in dessen Kopf, in Bezug auf politische Dinge und Verhältnisse vorging, und wußte, daß der baldige Ausbruch eines Krieges mit Großbritannien, binnen Kurzem unvermeidlich sein würde. Die gewisse Steigerung aller ColonialProdukte in einem solchen Falle lag auf der Hand. Der Fürst, ehe er Antwerpen verließ, verstand sich mit feinem jungen Freunde, und tiefer benutzte, so viel er durch Capital und Credit es vermochte, den Wink, uni große Ankäufe von Colonial-Waaren in Antwerpen selbst und anderswo zu machen. Bald nach Napoleon's Rückkehr nach Paris fand die berühmte Seene mit Lord Whitworth in den Tuillerien statt. Die Kriegs-Erklärung >ind eine bedeutende Steigerung aller Colonial-Produkte folgten auf den Fersen. Dieser erste bedeutende Erfolg gab Herrn David Parish in den Augen des Herrn Labouchere ein gewisses Gewicht, und die Kunst sich in das Vertrauen eines Mannes, wie der Fürst Talleyrand einer war, so jung schon eingenistet zu haben, galt als unleugbares Verdienst und als Beweis seiner Fähigkeit in der Handhabung großer Interessen. Es konnte Herrn Labouchere nicht schwer werden, Herrn David Parish zu bewegen, die Interessen seines Antwerpene r Hauses ganz und gar den Händen seines Assoeiös G. Agie, anzuvertrauen und die Agentur des in Amerika projektirten Geschäfts zu übernehmen. Das Geschäft selbst bot große Lockung dar, nicht minder die Bedingungen, unter denen man sich über diese Agentur verständigte. Diese letzteren bestanden erstlich in dem, Herrn David Parish zugestandenen Genuß eines Viertheils aller aus dem Geschäft fließenden Vortheile und Verdienste; zweitens, in der Verpflichtung abseiten des Herrn David Parish, nicht ein einziges Geschäft zu unternehmen, das nicht für die gemeinschaftliche Rechnung dcr beiden Interessenten Hope und Compagnie und David Parish bleiben müßte; drittens, in dem Rechte, alle und jedeReise- und Unterhaltungskosten in Rechnung zu bringen.

Nun waren noch zwei Haupt-Agenten nothwendig, von denen der eine bestimmt war, nach Mexieo zu gehen, die Wechsel einzukassiren, die Piaster in Veraeruz einschiffen zu lassen und den Verkauf der unter Lieenzen ankommenden Schiffs-Ladungen zu überwachen; der andere in New-Orleans, die ankommenden Thaler in Empfang nehmen, die von Europa kommenden Ladungen Deutscher, Englischer und Französischer Manufaktur-Waaren unter den mitgegebenen Lieenzen nach Veraeruz befördern und außerdem so viel Lieenzen an die dortigen Kausieute negotiiren sollte, als dazu Gelegenheit sein mochte. Zu der Agentur in Mexieo gaben die Herren Hope und Compagnie aus ihrem eigenen Comtoir den Chi>f ihrer Spanischen Correspondenz, Herrn A. P. Lestapis, einen in Bearn geborenen Franzosen, her, die Agentur in NewOrleans ward meinen unerfahrenen Händen anvertraut. Dies waren die allgemeinen Grundlagen des Plans, nach welchen derselbe zur Ausführung gebracht werden sollte. Für mich selbst ergab sich während der definitiven Abfassung der Instruktionen, die mir Herr D. Parish bringen sollte, keine Nothwendigkeit eines längeren Aufenthalts in Europa. Demnach verließ ich es in den ersten Tagen Iuli's 1805 und schiffte mich in das Amerikanische Schiff Flora, Capitain Daniel Sterling, nach New-Uork ein. Ich kam daselbst nach einer 42-tägigen Reise an, die damals für eine sehr kurze galt. Der erstaunte Rheder des Schiffes, der von dessen Ankunft in Amsterdam nicht einmal etwas erfahren hatte, stand am Quay, iIm mich, den einzigen Passagier, den es gebracht hatte, und seinen Capitain zu bewillkommnen. Die Welt, in die ich mich jetzt versetzt sah, war mir so vollkommen neu, ich hatte, bei der damaligen großen Seltenheit authentischer Beschreibungen der Vereinigten Staaten, so wenig darüber gelesen, daß ich einen höchst unvollkommenen Begriff von dem Lande besaß, und dasselbe auf der Bahn der (Zivilisation von dem ursprünglichen rohen Zustande, in dem das Land entdeckt und allmählich bevölkert worden war, viel weiter zurück geglaubt, und langsamere Fortschritte seiner Cultur erwartet hatte, als ich wirklich vorfand. Ich erinnere mich eines Umstandes, der die Verschiedenheit meiner Ideen über Amerikanische Zustände von den Begriffen des Capitains über die Vollkommenheit seines Vaterlandes, meinen Lesern am Besten bezeichnen wird. Es war der Umstand des zufälligen Zerbrechens eines guten Schirmes auf dem Verdeck während eines heftigen Sturmes. Da ich ihn zerbrochen aufnahm und den Capitain befragte, ob er glaube, daß ich einen so guten Schirm in New-Uork wiederfinden dürfte, so antwortete er mir, wie empört: „Loa die me! ^ll ine nlietner tne un nine in ^levv^orlll" Man Vergesse nicht, daß dies vor siebeu und vierzig Iahren stattfand, und daß man damals, in Deutschland, Amerika gewöhnlich als eine Art von Straf-Colonie zu betrachten pflegte, wohin nur Taugenichtse und ungerathene Söhne gehörten. Als ich meinen Oltern meine bevorstehende Reise dahin anzeigte, antwortete mir meine Mutter: Sag mir, ob dieser unglückliche Gedanke, nach Amerika zu gehen, in Deinem Kopfe entstanden ist? Wer weiß, ob man nicht Deine Unerfahrenheit benutzen will!'

Wenige Tage nach meiner Ankunft in New-Uork brach dort das gelbe Fieber aus. Bei meiner Abreise von Amsterdam hatte mich Herr Labouchere befragt, ob ich mich vor dem gelben Fieber fürchtete, denn — setzte er hinzu — wenn Sie sich fürchten, so müssen Sie nicht nach Amerika gehen, Sie sind gewiß zu sterben! Ich hatte eine verneinende Antwort gegeben, und da ich auch wirklich keine Spur von Furcht empfand, so wollte ich ritterlich in New-Uork ausharren. Aber die Häuser, denen ich empfohlen war, machten es mir bea?eiflich, daß da gewöhnlich in den Monaten Juli, August und September die Geschäfte ruheten, so sei es jetzt, wo das gelbe Fieber herrsche, und die Stadt von Iedermann verlassen würde, der sie verlassen könnte, unweise dort zu bleiben. Ich folgte ihrem Rath und ging nach Boston, kehrte aber nach einem sechswöchentlichen Aufenthalt daselbst und in Philadelphia, zurück nach New-Uork. Wenige Tage nach meiner Rückkehr hieß es, daß in der Bai ein Schiff von Cadir angekommen sei, das den verwiesenen General Moreau am Bord habe. Plötzlich wurden alle Trommeln der Bürgermiliz in allen Theilen der Stadt gerührt, der Chöf derselben, ein Advokat Namens Morton, zu Pferde in GeneralsUniform, mit seinen Adjutanten, meistens junge Rechtsgelehrte, durchflog sie in allen Richtungen, als ob man geahnt hätte, daß auch Moreau seine Laufbahn als Advokat begonnen hatte, befahl und empfahl große Hast in der bevorstehenden Musterung in der langen Hauptstraße, Broadway genannt, die sich bis an die öffentliche Promenade: ,,'IKe Ntwi^" erstreckt. Hier war es, wo der ausgezeichnete Fremde landen sollte. Dies geschah auch eine Stunde später. Der General, bürgerlich in blauem Frack und Pantalons gekleidet, bestieg unter lautem Iubel und Musik ein für ihn bereit gehaltenes Pferd, und ritt, von dem Generalstab der buntscheckigen Miliz umgeben, die lange Straße hinab bis nach dmi Stadthause. Iede einzelne Kompagnie eines jeden einzelnen Bataillons trug damals ihre eigenthümliche, manchmal sehr bizarre Uniform ^- es war unmöglich, das Ensemble dieser, militairischen Vereinigung anders als in dem Lichte einer Harlequins-Iacke anzusehen, aber die Befehlshaber dieses sonderbaren Corps waren nicht wenig stolz darauf, und als der General Moreau am Stadthause anlangte und dort abstieg, ward er von dem General Morton ernstlich befragt, was er eigentlich von dem Amerikanischen Militair denke. Solche, Soldaten, soll der Ankömmling geantwortet haben, habe er in seinem ganzen Leben nicht gesehen! welches etwas zweideutige Complimeut mir an demselben Tage mehrere Male mit großem Ernste, als etwas höchst ehrenvolles für die Amerikanische Soldateska, wiederholt ward. *) Einige Amerikanische Virtuosen hatten für denselben Abend ein großes Coneert in dem Saale des sogeuanten <üit^ Hotel" — damals das größte Wirthshaus der Stadt — veranstaltet. Man begab sich zum General Moreau, um sich die Ehre seines Besuchs zu erbitten, den er auch versprach. Sogleich erschienen neue Anschlagzettel an allen Gassen-Ecken, worin dieser Besuch in großen Buchstaben figurirte. Ich hatte mir das Vergnugen nicht versagen Hollen, den großen Mann in der Nähe zu sehen, und war hingegangen. Ein furchtbares Gedränge umgab ihn, die wichtigste Figur in diesem Gedränge aber war nicht der General Moreau, von dem sich Iedermann sagte, daß er doch ganz und gar nicht wie ein Französischer General aussähe, weil er nur einen einfache^ blauen Rock trüge, sondern der Herr General Morton, in seiner Washington-Uniform, blauem Rock mit gelben Aufschlägen u. s. w. Dieser präsentirte dem General Iedermann, der ihn anstaunen

') Als Marsch!! Vertrand vor einigen Jahren die westlichen und nordwest liche Theile der Vereinigten Staaten besuchte und nach Buffalo im Staate von New-York kam, ward auch dort ihm zu Ehren eine Revue der Bürger-Miliz gehalten und tie Zeitungen haben bei dieser Gelegenheit die tleißigiähnge Anekdote wieder aufgefrischt und ihm dieselben Worte in den Mund gelegt.

wollte. Das Händeschütteln mit Damen und Herren nahm kein Ende! Endlich drängte auch ich mich bis zu der näheren Umgebung der beiden großen Feldherren, des Advokaten und Federhelden Morton, und des Helden von Hohenlinden — ein Quäker ließ sich dem letzteren vorstellen, schüttelte ihm herzlich die Hand mit den Worten: „l^Iaä ^ es ^ou le in .^mene! ?r^ Leneil, „8^, 6o ^ou remember, vliat v tlie pries ol dockinel vnen ,,^ou lelt <ü6ix?" Der Sieger von Hohenlinden zuckte die Achseln und mußte die Antwort schuldig bleiben.

Einige Tage nach diesem militairischen Feiertage kam auch mein Freund Lestapis von Amsterdam mit einem Theile der erforderlichen Dokumente zum Betrieb unseres Verkehrs an. Wir vertrieben uns mehrere Wochen die Zeit auf eine ganz angenehme Weise — die bekannte gastfreundschaftliche Aufnahme, deren jeder, auch nur einigermaßen gebildete Fremde in den Vereinigten Staaten genießt, machten uns dies leicht. Endlich kam in den ersten Tagen Novembers Herr David Parish an. Die Kunde von einem bevorstehenden großartigen Geschäfte war ihm bereits vorangegangen, und obleich die Natur desselben nicht bekannt war, noch selbst gemuthmaßt wurde, so begleitete die größte Neugier dennoch alle seine Schritte. In New-Uork ward die in Amsterdam vol^ ständig debattirte Combination des ganzen Geschäfts entwickelt und analysirt unH wir, mein Freund Lestapis und ich, gingen hierauf ein Ieder nach seinem Posten ab, er nach Veraeruz, ich nach New-Orleans, wo eine ganze von Hamburg ausgesandte Ladung deutscher Leinen angekommen war und meiner bereits wartete. Der schnellsegelnde Schooner Aspasia brachte ihn nach seiner Bestimmung, ich ging über Land nach Charleston und, da dort ganz gegen alle Ewartung kein eonvenables Fahrzeug vorhanden war, das mich nach New-Orleans hätte mitnehmen können, so kaufte ich den Schooner Regulator, und ging in demselben nach New-Orleans ab. Am ersten Ostertage I8W betrat ich zuerst den Boden von Louisiana, wo ich fünf Iahre später einheimisch zu werden bestimmt war, und erreichte vor Sonnenuntergang die Stadt New-Orleans.

Louisiana, einst eine Französische, dann eine Spanische, dann wieder eine Französische Colonie, war bekanntlich kurze Zeit vorher von den Vereinigten Staaten der Französischen Regierung für fünfzehn Millionen Spanischer Thaler abgekauft und vorläufig als Territorialbesitzung organisirt worden. Es besaß seine eigene, selbsterwäylte Legislatur, aber der Gouverneur des Landes erhielt seine Ernennung von dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, der damals Thomas Iefferson war. Der Coneurrent dieses berühmten Mannes bei der Wahl zum Präsidenten war der Obrist Aaron Burr gewesen, und es hieß, daß die Stimme eines Volksrepräsentanten aus dem Staate Kentucky, Namens William Cole Claiborne, bei dieser Wahl den Ausschlag gegeben und die Entscheidung zu Gunsten Iefferson's herbeigeführt hätte. Einen solchen Dienst hatte der Präsident durch die Ernennung Claiborne's zum Gouverneur von Louisiana belohnt, und dieses Subjekt dazu bestimmt, den bisherigen Französischen Präfekten Laussat, einen Mann von Erziehung und Bildung, im Besitz der feinen Manieren eines Französischen Hofmannes, zu ersetzen. Claiborne war gerade das Gegentheil, gut aussehend, aber sonst ein ungehobelter, ungeschliffener, fast tölpelhafter Patron, dabei pfiffig und ausgelernt, „Knovinß", wie das die Amerikaner nennen und gewöhnlich sind. Der größere Theil der Bevölkerung war damals Französischen Ursprungs, in der Stadt selbst waren drei Fünftel derselben Französischen, ein Fünftel Spanischen und ein Fünftel Nordamerikanischen Ursprungs, unter dem sich einige wenige Deutsche befanden. Die Stadt zählte etwa l6,lXM Einwohner, von denen ein Drittheil aus Sklaven und Farbigen bestand. Der Kaufmannsstand war durch vier oder fünf Französische, zur Zeit des Französischen Regiments begründete Etablissements, von der Nachbarschaft der Garonne herstammend, durch drei von Schottländern errichtete Comtoire, ein Deutsches Comtoir und acht oder zehn, von jungen Amerikanern aus Boston, NewJork, Philadelphia und Baltimore begonnenen Commissionshäuser, nebst einem halb Dutzend Gewürzkrämerladen, vertreten. Die Spuren dieser zuerst Verkehr treibenden Klasse von Ansiedlern

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beschränken sich heut zu Tage auf den sehr wohlhabend gewordenen, noch lebenden Zuckerpflanzer Shepherd, und auf den noch reicheren, ehemaligen Gewürzkrämer W. M. Montgomery, zu dessen Eigenthum ein großer Theil des nordwestlichen Stadtviertels gehört, und der theils in New-York und theils in Paris lebt. Zugleich mit dem eben genannten zweiundzwanzigjährigen Iüngling Shepherd aus Baltimore war in New-Orleans ein junger, wenige Jahre mehr zählender Amerikaner ebenfalls aus Baltimore angekommen, der einige sechs oder achttausend Thaler mitgebracht und nachdem er allerlei uneultivirte Distrikte an den Ufern des Missisippi zu untersuchen sich die Zeit genommen, eine "Auswahl "getroffen und angekauft hatte. Dieser junge Mann hieß Iohn Me. Donough, prahlte mit seinen angekauften Ländereien so häufig und so regelmäßig, verstand die Kunst fiktiver Verkäufe zu sehr erhöheten Preisen an seinen Freund Shepherd, und durch diesen wieder an andere Personen zu noch höheren, so vollkommen, und trieb sie, bei seltener Sparsamkeit in seinem Haushalt, so lange und mit solchem Erfolge, daß zuletzt reelle Käufer iu das fein gewobene Netz fielen und sich einen Theil derselben zu eigen machten. Me. Donough sprach wenig, mischte sich selten in allgemeine Conversation, besonders mit Damen, deren Gesellschaft er so sehr als möglich vermied, und wenn er seine Lippen öffnete, so war seine ganze Beredsamkeit der Schätzung gewisser Ländereien gewidmet, die er eben zugekauft hatte, und unerschöpflich. Doch nicht allein in Louisiana, sondern in den benachbarten Staaten trieb er sein Wesen und dies über vierzig Iahre hindurch. Seine Zeit vertrieb er sich mit der Bewachung der Erziehung einiger Kinder aus der Nachbarschaft seiner sehr einfachen Residenz auf einer ihm zugehörigen Pächtern, oder wie man es in jenen Theilen Amerika's nennt — einer Plantage. Er beschäftigte sich auch mit dem Studium der Medizin aus Liebhaberei. Mr. Donough ist im Monat Oktober des vorigen Iahres (l85l gestorben und bei der Eröffnung seines Testamentes hat es sich ergeben,^ daß er fast vier Fünftheile aller uneultivirten Länder im Staate von Louisiana, und vieler in den anderen obgenannten Staaten bele

genen Territorial-Besitzungen bis zu dem bedeutenden Total-Werthe von funfzehn Millionen Dollars bei seinem Tode besaß. Ich habe ihn in dem Zeitraum von vier und dreißig Iahren sehr oft, zuletzt im I. 1K39 gesehen, und von ihm nur einen einzigen Verwandten, einen Bruder gekannt, der Schiffssteuermaun war, und frühe, wenn ich nicht irre, am gelben Fieber starb. Me. Donough selbst ist ohne Erben irgend einer Art, weder direkter noch eollateraler Natur gestorben und hat sein ungeheures Vermögen der Regierung der Vereinigten Staaten unter der Bedingung vermacht, dasselbe überall in öffentlichen Schulanstalten anzulegen. Außerdem befinden sich in seinem Testament eine Menge kleinerer Vermächtnisse verschiedener, mitunter sehr bizarrer Art. Eines der merkwürdigsten ist das, welches dem berühmten Französischen Schriftsteller, Herrn Leon Gozlan in Paris zugefallen ist. Dieser hat bekanntlich vor einigen Iahren einen Roman unter dem Titel! ^I.e Uöäeejn

Ich kehre von dieser Episode zu der bunten Charakteristik meines eigenen Lebens zurück.

Welche Begriffe man sich im Norden der Vereinigten Staaten von einer solchen Communität als diese Stadt damals bildete, zu machen gewohnt war, dürfte aus einer Erzählung meines Freundes, N. Amory aus Boston, erhellen, dessen eben etablirtes Haus unter der Firma: Amory und Lallender, die von Hamburg ausgesandte Ladung Schlesischer Leinen in Empfang genommen hatte und für mich in Bereitschaft hielt. Im Begriff von Boston nach New-Orleans abzureisen, hatte er in den Zeitungen die Anzeige eines Schiffes bemerkt, daß dahin abzugehen bestimmt war, und für welches Fracht gesucht ward. Amory meldete sich bei dem Rheder, ihm sein junges Haus als Consignataire des Schiffes zu empfehlen. Der Rheder theilte in Vertrauen mit, daß er es ganz und gar nicht im Sinne habe, sein Schiff nach New-Orleans zu senden, daß er aber diese Anzeige nur in der Absicht gemacht l,abe, um unter den Passagieren, die sich zu der Reise dahin melden würden, einen Spitzbuben ausfindig zu machen, der einen seiner Brüder um eine bedeutende Summe Geldes betrogen hatte. Denn — setzte der Rheder hinzu — ich halte es für wahrscheinlich, daß er es versuchen wird sich nach New-Orleans zu begeben, da es ja bekanntlich der natürliche Sammelplatz aller Schurken und alles Gesindels ist. Unter diesen, größtentheils als Auswurf der nordöstlichen Staaten angesehenen Eingewanderten, befand sich jedoch ein Mann von ausgezeichneten Geistesfähigkeiten und wirklichem Talent. Dieser Mann war der berühmte Iurist Eduard Livingston, der aus dem Staate New-York herstammte, Advokat in der Stadt New-York gewesen war, und dort als Mitglied ihres Munizipal-Rathes die Funetion des Reeorders, eines Unterbürgermeisters, verwaltet hatte. In dieser Eigenschaft hatte er eine höchst wichtige Rolle gespielt, auch den Staat selbst einmal im Senat zu Washington repräsentirt. Plötzlich entdeckte sich in der Verwaltung des Munieipaleinkommens der Stadt, welches in den Händen des Reeorders war, ein nicht leicht weg zu demonstrirendes Defieit von sechzigtausend Thalern, und es ward unter diesen Umständen Livingston unmöglich dort länger zu bleiben. Er floh nach New-Orleans und begann dort auf's Neue seine Laufbahn mit dem außerordentlichsten Erfolge. Hier vermählte er sich mit der jungen und verführerischen Wittwe eines Legitimisten und Legisten aus St. Domingo, Namens Moreau, einer geborenen Davezae, welche nach der Verheerung jener Colonie mit ihrer Mutter, Schwester und einem Bruder zu

erst nach Iamaien, dann nach Louisiana geflüchtet war. Von

diesem Schwager Livingston's August Davezae, werde ich weiterhin zu sprechen Gelegenheit finden. Es ist eben derselbe, der iu späteren Iahren vom Präsidenten Iackson zum Amerikanischen Geschäftsträger im Haag ernannt, von dort nach Neapel zur Berichtigung und Einkassirung der Indemnitäts-Gelder berufen ward, aber bald darauf seine Stelle im Haag aufgeben mußte, weil um einen milden Ausdruck zu gebrauchen — Irregularitäten iu der Ablegung seiner Rechnungen vorgefallen waren, über die er keine genügende Auskunft geben konnte. Davezae, von Französischer Abkunft, der eine große Fertigkeit in der Englischen Sprache erlangt hatte, war gerade damals beeidigter Dolmetscher in den Gerichtshöfen, wie er es später auch in der gesetzgebenden Versammlung Louisiana's ward, zuletzt Livingston's Faktotum geworden, und hatte sich ihm besonders in der Aufsuchung der Elemente eines Prozesses in den Familienpapieren der Französischen Pflanzer, wie in der Herbeischaffung allzeit fertiger Zeugen, die alles zu beschwören bereit waren, fast unentbehrlich gemacht. Ich erinnere mich besonders eines merkwürdigen Eriminal-Prozcsses gegen einen gewissen Beleurgey, den Redakteur eines der ersten Amerikanischen Blätter, welches unter dem Namen „!.e leleßi-ap'.e" in Französischer und Englischer Sprache 1806 und 1807 in NewOrleans erschien. Der Angeklagte hatte die Unterschrift eines reichen Pflanzers nachgemacht, um Geld darauf zu erheben, und als er entdeckt ward, dem Pflanzer sein Verbrechen schriftlich eingestanden und ihn dringend gebeten, nicht als Kläger gegen ihn aufzutreten. Der Pflanzer zeigte sich auch dazu geneigt, der Brief befand sich aber bereits in den Händen der Gerechtigkeit. Wie erhielt nun Livingston, als Anwalt und Vertheidiger Beleurgey's nach diesem Geständnisse, diesem verdammenden Beweise seiner Schuld, die Freisprechung des Angeklagten? Davezae musterte Zeugen, welche vor Gericht schwuren, daß sie von jeher Beleurgey als den größten Lügner gekannt hätten, von dessen Lippen nie ein wahres Wort geflossen sei. Schaut her! — sagte nun Livingston zu feiner Französischen Iury — der Mann konnte die Wahr

heit nicht sprechen; die Anerkennung seiner Schuld selbst ist eine Lüge, denn nur ein Unsinniger kann sich selbst anklagen. Also hat Beleurgey gelogen, oder er ist nicht Herr über seinen Verstand, in beiden Fällen hat er nicht gewußt, was er that, und kann nicht für schuldig erklärt iVerden! Und die Geschworenen sprachen ihn frei!'

Nennenswerthes Capital besaß, als ich in New-Orleans er schien, kein einziges dortiges Haus, und ein honorabler Charakter schien nur eine eben so große Seltenheit zu sein. Ich horchte so viel als ich vermochte auf die Aeußerungen der nleisten, dort eben etablirten Kaufleute, und bei ihrer Ruhmredigkeit und dem Prahlen mit olevolne war es sehr selten, daß meine eben beginnende Erfahrung nicht durch die Keuntuiß eines unwürdigen Kniffs in Handel und Wandel bereichert wurde, wodurch der eine oder der andere seinen nächsteu Nachbar düpirt zu haben sich rühmte. Der Mann, dem ein mit einer gewissen Geschicklichkeit ausgeführter Bubenstreich gelingt, wird nur zu oft in den Vereinigten Staaten mit dem Lobe beschenkt, ein „clever lello-v" zu sein. Eine unbedingte Rechtlichkeit, verbunden mit einer gewissen Scheu gegen alle Unternehmungen, die' mit der mindesten Gefahr verknüpft sein konnten, entdeckte ich bei den obengenannten Herren Amory und Callender, und es war eben in Folge dieser beiden, im Amerikanischeu Handelsverkehr etwas seltenen Eigenschaften, daß ich zu meinen Unternehmungen mich ihres Hauses zu bedienen entschloß. Ich hatte noch keine vierzehn Tage in New-Orleans zugebracht, hatte Niemanden Veranlassung gegeben zu vermuthen, in welcher Absicht ich diesen Ort besuchte, als es auf einmal hieß, ein Schooner unter Amerikanischer Flagge sei im Missisippi in sechs Tagen von Veraeruz angekommen mit l50,000 Spanischen Thalern an Bord, für Vineent Nolte. Ei! wer ist denn das? fing man an zu fragen —Was, der junge Mann? Man hatte jedoch eben aufgehört sich darüber zu verwundern, als abermals ein Schooner von Veraeruz, mit einer Summe von 200,000 Thlr. an Bord, endlich, zehn Tage später, ein dritter erschien, der wie der erste, mir 150,000 Thlr. brachte, und Alles das für denselben jungen Mann! Schon als bloßer Fremder hatten die französischen Pflanzer mich mit einer gewissen Auszeichnung aufgenommen — ich sprach französisch, jetzt, mutis 6e plu! kannte ihre Vorliebe für mich keine Grenzen mehr. Keine Festivität fand bei ihnen statt, zu der ich nicht eingeladen worden wäre. Ueber drei Monate hatte ich schon in dem Lande verkehrt, als mich in den ersten Tagen des August-Monats das gelbe Fieber auf eine furchtbare Art ergriff. Ein brennendes Kopfweh, als ob der Kopf auseinander spalten wollte, und heftige Schmerzen im Rückgrade waren die ersten Symptome. Meine Umgebung, unter ihnen ein mir, durch seine Verbindungen mit Veraeruz interessant gewordener Spanier, Namens Sero, riefen sogleich ihren Favorit-Arzt, einen Franzosen Namens Raoul herbei, und diesem Menschen, der in jeder anderen Hinsicht, nur in seiner Anschaunng vom gelben Fieber nicht, ein vollkommener Charlatan war, gelang es mich zu retten. Bei der ganz richtigeu Idee, daß das gelbe Fieber nichts als eine gewaltige Entzündung der Galle sei, gab er mir auf der Stelle ein heftiges Vomitif, sodann am nächsten Tage ein ditto zweites, am dritten ein eben so heftiges Purgativ, und — meine Besinnung kehrte allmählig zurück - ich war gerettet, obgleich unendlich schwach und entnervt. Am Vormittage des dritten Tages erschien vor mir der Cassirer der Louisiana Bank, ein sehr ehrlicher Mann, Namens Zacharie, und befragte mich mit großem Ernste, ob ich mein Testament gemacht hätte. Ich antwortete: Nein! Wozu? Nun — fuhr er fort — ich brauche es Ihnen wohl nicht zu sagen, daß Sie Morgen sterben werden, — ich horchte hoch auf — denn der vierte Tag ist der kritische, den man in der Regel nicht überlebt. Sie haben Schätze, große Summen in der Bank liegen, wie man sie hier noch nicht gesehen hat, und wenn Sie sterben sollten, so würden diese Capitalien in höchst unsichere Hände fallen, die vom Staate ernannten Verwalter des Vermögens der Intestat sterbenden Fremden, sind Leute, die nicht allein kein Vertrauen verdienen, sondern ohne Rückhalt gesprochen geradezu gewissenlose Schurken. Meine Autwort war, daß ich mich durchaus nicht sterbelustig fühlte, und daß ich auch nicht sterben würde. Ich sehloß mit den Worten: „domme ^e 8M8 8u> 6e ne pa muurii, ,^e n'i p8 envie äe me e88er I Me vee mon tetament!" Herr Zacharie sah mich ernst an, und sagte mir zuletzt: „Kn dien, mon elier I>lon8ieur ^olte, veo cette 6jpo8ltwn I, ^le ,,8ui 8ur U83! qus vou8 ne mou^rel p8l"

In dem Spätjähr 1806 eireulirten in den Vereinigten Staaten vielfache Gerüchte von einer beabsichtigten oder bereits organisirten Verschwörung, deren Zweck die Trennung der südlichen Staaten von den mehr nördlich gelegenen, und die Errichtung einer zweiten Amerikanischen Republik sein sollte. An der Spitze' dieser Verschwörung und dieser projektirten zweiten Republik, hieß es allgemein, stände der Amerikanische Obrist Aaron Burr, derselbe der zu der Zeit feiner Erwählnng des Präsid/nten Iefferson's ssoueurrent und Nebenbuhler gewesen war, und den berühmten Staatssekretair Washington's,, Namens Alexander Hamilton, in einem Duell getödtet hatte. Man wußte es, daß dieser in bösen Ruf gerathene Mann, vor dem Iefferson, wie allgemein bekannt, eine persönliche Furcht besaß, dir westlichen Staaten im Geheim bereist und Confederirte gesucht und angeworben hatte, sss hieß auch, daß das Haupt der kleinen Militair-Macht der Vereinigten Staaten, ein gewisser General Wilkinson, und ein Miliz-General, Namens Adair, aus dem Staate Kentucky, zu dieser Verschwörung gehörten. In NewDrleans ward auf Befehl der Regierung zu Washington die Loeal-Miliz organisirt und in waffenfähigen Zustand versetzt; die dort ansäßigen Franzosen bildeten drei Compagnien, die Irländer eine vierte, die Deutschen eine fünfte u. s. w. Diese letzteren, ohne eben viel von mir zu wissen, ernannten mich zu ihrem Hauptmann, wahrscheinlich weil sie täglich von meinen Geldvorräthen in der Bank gehört hatten, — militairische Capaeität besaß ich keine und konnte keine besitzen, auch meinen Untergebenen, welche aus Comtoirdienern, Krämern und Handwerksgesellen bestanden, vom Dienste nicht mehr lehren, als ich eben Tags zuvor selbst erlernt hatte. Auf einmal erschien in New-Orleans, als Befehlshaber der Garnison, der obgedachte verdächtig gewordene General

Wilkinson, der sogleich die Loeal-Miliz musterte und einschwören ließ, so daß er über uns alle, als wären wir regelmäßige Linientruppen, gebieten konnte. Dann ließ er zwei junge, eben angekommene Amerikaner, Namens Samuel Swartwout und P. V. Ogden plötzlich festnehmen, an Bord eines kleinen Schiffes der Negierung bringen und als Mitschuldige des abrissen Burr nach Washington abführen. Den Missifippi entlang kam einige Tage später der Kentuckische General Adair in New-Or leans an, ward ebenfalls sogleich verhaftet und nach Washington gesandt Zuletzt wurde mir unter der Hand mitgetheilt, daß ich in sehr verdächtigen. Lichte bei dem kommaudirenden General stände, da er die Gewißheit habe, das Baringsche Haus in London habe sich anheischig gemacht, die nöthigen Fonds zum Gelingen der Verschwörung des Obristen Burr herzugeben, und ich sei bekanntlich ihr Agent. Kanni erfuhr ich, daß Wilkinson einen Sergeanten und ein Paar Corporale aus meiner Compagnie heimlich zu sich berufen und sie über mich befragt hatte, so schien es mir auf einmal klar zu werden, daß der Herr General-Commandcu t mit falschen Karten spiele, und ich beschloß, ohne Weiteres, mich zu ihm zu begeben und ihn geradezu um seine Absichten hinsichtlich meiner zu befragen. Er nahm mich mit einer gewissen Solemnität an, führte mich bei Seite, schlug die Augen gen Himmel und sprach viel von seiner Verantwortlichkeit und seinen Pflichten gegen Gott und den Staat, die es erforderlich machten, sich mit Wachsamkeit nach allen Seiten umzusehen. Endlich zeigte er mir einen von ihm aufgefangenen Brief eines der Mitverschworeuen Burr's, in dem die Worte standen: B. hat es übernommen, die erforderlichen Fonds zur Ausführung des ganzen Plans herzugeben. Sodann fragte er mich, was ich ldenn dächte nnd darüber zu sagen hätte. Meine Antwort war kurz gefaßt, nämlich diese: daß er sich an eine bessere Autorität als M meinige wenden müsse, um die Bedeutung dieser Worte zu erhalten, daß der Buchstabe B. wahrscheinlich auf seinen Freund Burr anzuwenden, daß ich kein Agent der Herren Baring sei und daß, wenn er mir die Ehre erweisen wolle, sich zu mir zu verfügen, ineine Bücher seiner Durchsicht offen ständen, — vor Allem aber wünschte ich genau zu erfahren, ob er mit dieser freiwilligen Erklärung zufrieden sei und mich in Ruhe lassen wolle. Mit eben derselben Feierlichkeit, mit der er mich zuvor empfangen hatte, ergriff er jetzt meine Hand, richtete die Augen abermals gen Himmel und sagte mir: Sie haben da oben einen Freund und Beschützer — Sie sind ein ehrlicher Mann, Herr Nolte, gehen Sie in Frieden zurück nach Ihren> Hause! Hiemit war die Sache abgemacht. Ich hatte den Mann vollkommen errathen und die innere Ueberzeugung erhalten, er sei ein Charlatan und höchst wahrscheinlich tief in Burr's Komplott verwickelt gewesen. Die Folge hat erwiesen, daß ich ihn richtig beurtheilt hatte. Aus den Prozessen, die wegen der willkürlichen Verhaftungen des Generals Adair, der Herren Swartwout und Ogden nachher in Washington stattfanden, hat es sich ergeben, daß er wirklich dem Obristen Burr seine Theilnahme au dem Complott zugesagt, sich aber bei Zeiten zurückgezogen hatte. Bei seiner Vertheidigung machte er immer die pompösen Worte geltend: er habe der Constitution der Vereinigten Staaten ein Glied abgenommen, um den ganzen Körper zu retten (lopp'cl oll limb to ave tne bu6^ ok tne LoiüMution), und nur Iefferson's Vorliebe und Schutz zog ihn glücklich aus den eomplin'rten Folgen seines irregulairen Verfahrens. Das Vertrauen seiner Lands leute war von ihm gewichen, er wanderte endlich nach Mexiko und starb dort einige Iahre später.

Noch eine andere Probe hatte ich während der Verwaltung der mir anvertrauten Interessen zu bestehen. Dies war die berühmte Reneontre des Englischen Kriegsschiffes Leopard mit der Amerikanischen Fregatte Chesapeak, an der Mündung derBay gleiches Namens im Sommer des Iahres 1807. Der Englische Befehlshaber hatte bestimmte und genaue Auskunft über die Anwerbung einiger aus seinem Schiffe desertirten Matrosen an Bord der Amerikanischen Fregatte erhalten. Als die letztere sich auf offenem Meere zeigte, ging das Schiff Leopard gerade auf sie zu, und der Befehlshaber forderte die Rückgabe seiner Deserteure, die der Commandant der Fregatte natürlich ihm versagen mußte. Die Fregatte war schwach bemannt und auch sonst zu einem Kampfe keinesweges vorbereitet. Die ersten Schüsse Englischer Seits wurden nur einmal beantwortet und dann die Flagge sogleich gestrichen. Hierauf begaben sich einige Englische Offieiere an Bord der Fregatte, musterten die Mannschaft, suchten ihre fünf Deserteure heraus, und nahmen sie mit sich zurück an Bord ihres eigenen Kriegsschiffes. Die Begebenheit erzeugte eine furchtbare Aufregung in den Vereinigten Staaten — man sprach allgemein und mit großer Entrüstung von unmittelbarem Kriege mit England. Es fehlte nicht an unberufenen Rathgebern, welche mir die Empfehlung aufzudringen versuchten, mit meinen Silber-Vorräthen unverzüglich und direkt nach England oder- wenigstens nach dem Norden zu gehen. Ich wußte indessen'nur allzuwohl, daß von Seiten England's keine Veranlassung zum Kriege da sein konnte, und daß, hinsichtlich der Vereinigten Staaten ein Krieg nur von dem Congreß erklärt werden konnte, daß dieser erst vom Präsidenten zusammen berufen werden mußte, und daß folglich einige Monate damit hingehen würden, ehe man sich im Stande befände, dazu die erforderlichen Vorbereitungen zu treffen, wenn, — was allerdings noch immer zweifelhaft bleiben mußte — der Congreß in die Nothwendigkeit einer solchen Maßregel einzugehen für rathsam halten sollte.

Fünftes Kapitel.

David Parish in Philadelphia.

Die von ihm getroffenen Maßregeln. Lestapis erscheint in Veraeruz unter dem Namen Villanueva. Rückblick auf Ouvrard und seine Verhältnisse. MißVerwaltungen, die natürlichen Folgen der grenzenlosen Verbindlichkeiten, die er übernommen. Complieirte Verhältnisse mit der Französischen StaatsBank, welche dadurch ihre Baarzahlungen einzustellen sich genölhigt sieht. Napoleon's Rückkehr nach dem Preßburger Frieden, Seine Machtgriffe und sein willkürliches Eingreifen in Ouvrard's Geschäfts Verhältnisse, wodurch die gan;e Organisation derselben von Orund aus zerstört wird. Napoleon und das Haus Hope und Compagnie in Amsterdam, das seine Ansprüche mit Würde zurückweist und seinen Abgeordneten, den nachherigen Baron Loüis, mit einer Lehre zu Hause schickt. Der Französische GeneralConsul de Beanjour in Philadelphia muß sich nothwendig Parish's Händen übergeben, so wie der Minister des öffentlichen Schatzes, Mollien, sich in die Arme der Herren fope werfen mnß. Falsche und einseitige Beurtbeilung Ouvrard's durch Thiers, der seine kaufmännische Lage nie begriffen oder nie hat begreifen wollen.

Ich blieb also vor der Hand an Ort und Stelle. Ein Rückblick führt mich jetzt zu dem Centralpunkt des großartigen Geschäfts zurück, dessen oberste Leitung dem Herrn David Parish anvertraut war. Dieser hatte Philadelphia zu seinem Hauptquartier erwählt, als Mittelpunkt zwischen New-York und Baltimore, von welchen beiden Häfen die Waarentransporte unter Lieenzen ausgehen, und wo die hauptsächlichsten Retouren in Spa

nischen Thalern empfangen werden sollten. Nach Berathungen mit einigen der ersten Häuser, besonders in Baltimore, wo man die Schnellsegler, „elipper8" genannt, am besten zu bauen gewohnt war, ergab es sich, daß an Versicherungen solcher Verschiffungen durchaus nicht zu denken war, da man nicht weniger als 20 Proeent Prämie dafür forderte. Um ein Capital von 60,000 Dollars zu einer solchen Prämie zu decken, würde man 75,000 Dollars versichern müssen und unter diesen Umständen hätte man vier Ladungen, eine jede zum Werthe von 60,000 Dollars erpedirt und versichern lassen, so würde man eine Total-Summe von 60,000 Dollars für Prämie ausgelegt haben, welche, kämen die vier Ladungen alle glücklich an, das versicherte Capital gerade um so viel vermindert haben würden, das ist, daß von 240,000 Dollars nur I0,000 Dollars übrig geblieben wären. Man nehme nun an, daß von vier unversicherten Ladungen die eine total verloren ginge oder gekapert würde, die anderen drei aber glücklich ankämen, so würde das auf eins hinauslaufen; und da ein Verlust von 1 zu 4, selbst in Kriegszeiten ein höchst seltener sein würde, wo schnellsegelnde Schiffe, unter einem wachsamen, thätigen Capitain, dem für guten Erfolg eine angemessene Belohnung versprochen werden sollte, gebraucht würden, so ergab es sich als eine höchst zweckmäßige Maßregel, vorläufig und auf einmal, sechs schnellsegelnde Schiffe von gleichem Werthe und gleichem Tonnengehalt erbauen, mit gleich werthvollen Ladungen beladen zu lassen, und für Rechnung der Unternehmer unter den Spanischen Lieenzen, nach Veraeruz abgehen zu lassen.

Hierin bestand die erste Maßregel, zu der man sich entschloß. Die zweite wat, welche Prämie oder welcher Gewinn für den Gebrauch der Lieenzen, und die Einfuhr der bisher verbotenen Waaren in Mexieo, zugestanden werden, die dritte, wer die Auslage des Schiffsbaues und der Ladungen bestreiten sollte. Hinsichtlich dieser beiden Punkte ward es für füglich erachtet, in beiden nur ein Interesse vorwalten zu lassen, das heißt, die ganze Auslage Schiffe und Ladungen zusammen, von einem einzigen Hause bestreiten und sich von demselben einen Dritttheil des NettoGewinnes als Prämie für den Gebrauch der Lieenzen, bezahlen zu lassen. Ging eine Ladung verloren, oder sollte sie gekapert werden, so war natürlich auch keine Prämie für die Lieenz zu bezahlen. Es war das Haus der Herren Robert und Iohn Oliver, die schon ein liquides Capital besaßen und ehrenhafte, in Baltimore angesiedelte Irländer waren, welche in Verbindung mit ihrem Schwager Iames Craig in Philadelphia, das Geschäft einstweilen übernahmen. Auch ward stipulirt, daß wenn diese Fahrzeuge zum Transport von Piastern gebraucht werden sollten, welche nicht aus dem Provenü der Ladungen herrührten, die Rheder zu einer Fracht von 5 Proeent von dem eingeschifften Belauf berechtigt sein sollten.

Die ganze Combination war vortrefflich, aber ehe das Haus in Baltimore den definitiven Contrakt mit Herrn David Parish abschloß, blieb noch eine Bedenklichkeit zu beseitigen. Dasselbe wollte genau wissen, wozu es gebunden sein dürfte, wenn ungeachtet der den Ladungen zugesicherten Exemtion von den üblichen, schweren Zöllen in Mexieo plötzlich gewisse unerwartete Forderungen von der dortigen Regierung gemacht und von denen im Hafen von Veraeruz befindlichen zwei oder drei Ladungen auf einmal erhoben werden sollten. Gegen eine solche Eventualität verlangten die Herren Oliver die Garantie des Herrn D. Parish. Zwischen Ouvrard und seinem Assoeie, Carl IV., oder vielmehr seinem Ministerium war es ganz einverstanden gewesen, daß keine Zölle in Mexieo zu entrichten sein würden. Aber die Herren Oliver wollten als weise Kaufleute die Länge und Breite ihrer Verbindlichkeiten genau kennen, und Herr Parish mußte sich also dazu verstehen, ihnen diese Garantie zu geben, wenn etwas aus dem Geschäfte werden sollte. Er übernahm sie demnach für eine Vergütung von 20 Proeent, welche von dem Brutto-Crtrag der in Veraeruz verkauften Ladungen, bei der in Philadelphia zu machenden Abrechnung gekürzt und Parish bezahlt oder vergütet werden sollten.

Bald nach seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten hatte er den ältesten und besten Correspondenten der beiden Firmen Hope und Baring, namentlich denHerren Willing und Franeis in Philadelphia, Robert Gilmor und Söhne in Baltimore, Iames und Thomas H. Perkins in Boston und einigen anderen, die Natur seiner Mission vorgelegt, und den Wunsch ihrer Theilnahme an dem Geschäfte bezeugt. Theils ward er nicht begriffen, theils fehlte es an disponiblen Mitteln, um eine so großartige Unternehmung ausführen zu können. Nachdem man in Baltimore acht oder zehn Monate lang Augenzeuge von dem außerordentlicheu Erfolg der Herren Oliver gewesen war, fehlte es nicht länger an Liebhabern und Abnehmern der Lieenzen, wodurch dann Paris!) in den Stand gesetzt war, mit Isaae Me. Kimm, Iames Tennant und Iohn O'Donnell in Baltimore gleichartige Verträge abzuschließen, auch dem weniger bemittelten, aber damals in sehr gutem Credit stehenden Hause Archibald Graeie und Söhne in New-York ein Paar Lieenzen zu übergeben. Der Agent in Veraeruz, mein Freund A. P. Lestapis, war dort unter dem Namen Ioss Gabriel de Villanueva aufgetreten. Er hatte ehemals in dem Comtoir des Herrn Iuan Plante in Santander gearbeitet und bei dem Tode eines seiner Collegen, eines Spaniers, Namens Villanueva, der, von gleichem Alter, ihm an Figur und Gestalt glich, waren ihm dessen Geburtsattesi und andere Papiere in die Hände gefallen. Herr Labouchere in Amsterdam, d r üble Folgen, wenigstens Schwierigkeiten von dem Auftreten eines Franzosen in Mexieo befürchtete und geglaubt hatte, daß man Alles durch das Erscheinen eines Spaniers, in Spanischeni Interesse, beseitigen, und ungestört die Mexikanische Schatzkammer würde leeren können, gab die Veranlassung zu dieser Nameus-Substitution und bestimmte dies Auftreten meines Freundes unter einem erborgten Namen. Das Geheimniß dieser Namens-Aenderung ward in Veraeruz nur einer einzigen Person, einer Dame anvertraut. Lestapis verliebte sich in ein höchst liebliches Frauenzimmer, ein Fräulein Manuelita de Garay, und heirathete sie unter dem Namen Villanueva und mit dem Versprechen, die Ceremonie außerhalb Merieo's unter dem Namen Lestapis zu wiederholen. Dies geschah zwei Iahre später in Philadelphia.

Den Verkauf der ihm zugesandten Ladungen hatte Villanueva zwei Häusern in Veraeruz anvertraut, drei Viertel davon deni respektablesten und reichsten der beiden, Pedro Mi guel de Fcheverria, und ein Viertel dem minder begüterten Franeiseo Luis de Septien gegeben, unter der Verpflichtung, die Hälfte der berechneten Commission von 5 Proeent zu verguten. Den besten Maßstab deu Gesammtbetrag der nach Veraeruz verschifften Ladungen zu schätzen, giebt die Summe der Hälfte dieser Commission, welche 280,000 Dollar betrug. Das Ganze belief sich demnach auf 560,000 Piaster und der Nettowert!) der eingeführten Ladungen war folglich 11,200,000 Thaler gewesen, da weder Fracht noch Zölle, und nur die Commission und einige geringe Loeal-Unkosten abzuziehen blieben. Außer dem Produkt der verkauften Waaren, brachteu die von Veraeruz zurückkehrenden Schnellsegler jedesmal ein bis zweimalhunderttausend Thaler auf Rechnung der eineassirten Wechsel oder Livranzas, welche letztere mit Inbegriff der von mir in New-Orleans empfangenen Summen etwa 15 Millionen Spanischer Thaler austrugen.

Ich muß jetzt noch einmal zu Ouvrard zurückkehren, von dem sich meine Leser auf seiner letzten Reise nach Madrid getrennt haben. Man hätte glauben können, daß der Heißhunger Ouvrard's nach kolossalen Unternehmungen endlich seine volle Befriedigung, selbst bis zur Uebersättigung erhalten hätte. Aber man hätte sich geirrt. Unmittelbar nach seiner Ankunft erhielt er durch seinen Freund und Gönner, den Friedensfürsten Godoy, einen Contrakt auf zehn Iahre für die Uebernahme der Produkte aller T'lei- und Quecksilberminen zu dem durchschnittlichen Preise der letzten zehn Iahre, und außerdem die Lieferung alles für die königliche Rsgie erforderlichen Tabacks.

Nach Maßgabe der sueeessiven, einander in großer Schnelligkeit folgenden Ankunfte Spanischer Thaler in den Häfen der Vereinigten Staaten, bekam Ouvrard durch das Haus Hope in Amsterdam das äquivalent derselbeu zu dem stipulirteu Conrse, und dies setzte ihn in den Stand, der Spanischen Monarchie nicht allein die außerordentlichen Hülfsquellen, welche dieselbe jenseits des Oeeaus besaß, ergiebig zu machen, sondern auch, ihr die Mittel zu verleihen, die jährlichen Subsidien an Frankreich mit Leichtigkeit entrichten zu können. Es läßt sich ohne große Berechmmgsgabe einsehen, daß auf diese Weise Napoleon den Schlüssel zu der Spanischen Schatzkammer in Händen bekam, daß er ihn behalten konnte, so lange es ihm wohlgefiel, und daß er auf indirekte Weise über die Schätze gebot, deren Zugang ihm der Krieg mit England und die Wachsamkeit seiner Geschwader verschlossen hatte. Dies mußte, wie schon bemerkt, selbst für beschränkte Intelligenzen handgreiflich sein, und dem Französischen Gesandten in Madrid waren durch Ouvrard's Mittheilungen und Auseinandersetzungen die Augen hinlänglich geöffnet worden. Seine Berichte hatten auf den Minister des öffentlichen Schatzes gewirkt — er hatte sich überzeugt, daß Ouvrard der allgebietende Mann in Spanien war — aus jeder sicheren Quelle strömte die Wahrheit so unleugbar hervor, daß ein Mißgriff fast unmöglich werden mußte. Und doch, sollte man es glauben, daß die größte Intelligenz, das größte Genie des Zeitalters, Napoleon, diesen Mißgriff beging? Dieser Fall trat aber wirklich ein. Auf seinen Haß gegen alles was Kaufmann hieß, zum Kaufmannstand gehörte oder kaufmännisch betrieben war, habe ich schon hingedeutet, und dies, verbunden mit seiner persönlichen, blinden Antipathie gegen Ouvrard und seiner verkehrten Politik hinsichtlich Spaniens, reichte hin, um das herrlichste Gebäude, das je der kaufmännische Unternehmungsgeist zuni Frommen beider Monarchien zu errichten begonnen hatte, umzustürzen, und somit sich selbst die reichhaltigen Silberquellen des Spanischen Schatzes zu verschließen. Als Entschuldigung seiner Misgriffe spricht für Napoleon nur Eines — die Verwirrung der Französischen Finanzen, die ungeheuren Bedürfnisse seiner zahlreichen Heere und die daraus entstandenen unvermeidlichen Operationen. Allerdings schöpfte er aus den Besteuerungen und maßlosen Contributionen der eroberten Länder eine Zeitlang die Mittel diese Bedürfnisse zu befriedigen, und, im eigentlichen Sinne des Wortes, auf fremde Kosten zu leben; aber auf die Länge mußten diese Erpressungen das Maß übersteigen, krankhafte Fiuanzzustände erzeugen, und das Ausland zu derselben Zeit empören, wie das denn auch geschah. Dazu kam noch, daß die kolossalische Natur der von Ouvrard seiner Seits begonnenen und von ihm projektirten Operationen, einen Geist der Ordnung, der Methode, und viel Wachsamkeit, so wie eine Menge treuer und tüchtiger Diener und Agenten erforderte, wie sie Ouvrard weder besaß noch in zureichender Zahl finden konnte. Gewohnt mit Millionen zu schleudern, war er ohne Zweifel oft im Stande, seine Berechnung im Allgemeinen zu machen, und im Ensemble Mittel zu ihrer Ausführung anzudeuten, denen eine kurze praktische Wirksamkeit nicht mangelte; aber sobald die Stunde des wirklichen Inslebentretens seiner Projekte schlug, da war ihm die Gabe der klaren Erfassung der erforderlichen Maßregeln, der Umsicht im Ergreifen, und der Ausdauer in der Durchführung derselben versagt. Somit stand allerseits die Bahn zu Mißverwaltungen, Unterschleif und Betrügereien offen, die dann auch nicht ausblieben und sich zuerst in einer seltsamen Krise der Pariser Bank kund thaten. Der Banquier Düprez, der, wie man sich erinnern wird, hinsichtlich der Verpflichtungen Ouvrard's gegen den öffentlichen Schatz in seine Schuhe getreten war, und die terminweise fällig werdenden Obligationen der allgemeinen Steuereinnehmer (Keeeveur Lensi-ux) in Händen besaß, hatte mittelst der vom Minister des Schatzes an sie ergangenen Cireulairbriefe dieselben aufgefordert, ihm gegen eine Zinsen-Vergütung von wenigstens 8 Proeent per Annum alle disponiblen Gelder auf Rechnung dieser Obligationen zu senden. Auf diese Weise waren ihm große Capitalien zugeflossen, von denen er, wie es hieß, größtentheils aus Eitelkeit, funfzig Millionen an verschiedene Geld bedürftige Handlungshäuser ausgeliehen und sich selbst dadurch unmittelbar darauf in Verlegenheit gebracht hatte. Um dieser abzuhelfen hatte er die Obligationen der Steuer-Einnehmer an die Staatsbank (Lnque 6e ?lnce) versetzt und Vorschüsse darauf erhalten, und als diese kurze Zeit

nachher durch die plötzlich geforderte Einlösung vieler ihrer Banknoten beunruhigt ward, und sich an die Steuer-Einnehmer (Neceveur 6en6rux) selbst wendete, mit der Einladung, ihren Cassenbestand zu verstärken und Zahlungen auf Rechnung zu machen, ergab es sich, daß Düprez schon den Vorsprung genommen, und selbst den größeren Theil der daraus zu fließenden Gelder bereits empfangen hatte, so daß nichts weiter übrig blieb, als derselben einfache Anweisungen auf ihn, Behufs der Einlösung seiner daselbst dis eontirten Obligationen abzugeben. Düprez, der sich nicht im Stande befand, diesen natürlichen Tausch zu ermitteln, sah sich demnach gezwungen, der Direktion der Bank die ganze Sachlage seiner pekuniairen Verhältnisse vor Augen zu legen. In Folge dieses schnell bekannt gewordenen Umstandes, verbunden mit den schlecht unterdrückten Besorgnissen der Bankdirektoren selbst, fiel die Bank in plötzlichen Miskredit; — Iedermann wollte Geld für seine Noten einwechseln, und sie sah sich zum allgemeinen Schrecken gezwungen, ihre Baarzahlungen einzustellen. Es war am Tage nach dem Siege bei Austerlitz, daß diese Nachricht in Napoleon's Hände gelangte. Etwas früher als vierzehn Tage nach diesem Ereigniß, hatte der Minister Barbs-Marbois der ersten Verlegenheit des Staatsschatzes dadurch abzuhelfen versucht, daß er Ou vrard in Madrid durch einen Courier aufforderte, ihm sogleich die Hälfte der zuerst von der Spanischen Regierung gemachten Einzahlung von Wechseln für zwanzig Millionen Piaster, also zehn Millionen abzugeben, und ihm die freie, unbedingte Verfügung darüber zu lassen. Ouvrard besaß ein solches Vertrauen in die Rechtlichkeit des Ministers, daß er ihm diese Wechsel für zehn Millionen Piaster ohne Verzug einsandte. Unmittelbar darauf erschien in Madrid Namens des Ministers ein Agent, ein Herr Wants, mit einem ministeriellen Schreiben an Ouvrard, wodurch dieser aufgefordert ward, alle und jede Art von Spanischen Valuten, die er in Händen haben möchte, dem Träger des Schreibens auszuliefern und unverzüglich nach Paris zurückzukehren. Einige Tage später erhielt Ouvrard den vollständigen Bericht über die vorerwähnte Bank-Crisis. Wants hatte den Wunsch bezeugt, dem Friedensfürsten vorgestellt zu werden, wozu Ouvrard sich auch augenblicklich verstand. Der Finanzminister Soler, der sich gegenwartig befand, wandte sich an Herrn Wants mit den wenigen Worten: Herr, wenn irgend etwas ungeschehen geblieben ist, so müssen Sie sich an Herrn Ouvrard halten, der es nicht verlangt hat, denn es ist mir befohlen worden, ihm in Allem zu willfahren. Wants begriff sogleich das ganze Verhältniß und den Credit, dessen Ouvrard genoß, sah sehr wohl ein, daß das Franzosische Ministerium sich auf ihn vollkommen verlassen dürfe, und glaubte, nach gehöriger Kenntnißnahme der allgemeinen Lage Ouvrard's, nach Paris zurückkehren zu dürfen, indem er ihm seinen Glückwunsch über den in Madrid errungenen Einfluß ablegte. Am Tage nach seiner Abreise erfuhr der Friedensfurst durch seine Pariser Privat-Correspondenz, daß er höchst wahrscheinlich binnen Kurzem die Aufforderung erhalten würde, Ouvrard ohne Weiteres festnehmen und nach Frankreich abführen zu lassen. Voller Theilnahme zeigte der Fürst diesem seinen Privat-Bericht, und rieth ihm, sogleich nach Amerika abzugehen und dort die Folgen der irrthümlichen Auffassungen der Französischen Regierung in Ruhe abzuwarten, zu welchem Behuf er eine Fregatte zu seiner Verfügung zu stellen sich erbot. Aber Ouvrard erklärte ihm, daß er keiner Fregatte bedürfe, um nach Amerika zu gehen, sondern nur einer hinlänglichen Eskorte, um Bayonne erreichen, und sich von dort sogleich auf den Weg nach Paris begeben zu können.

Napoleon, der durch den Abschluß des Preßburger Friedens den Lohn seines siegreichen Feldzuges gegen Oesterreich erkämpft hatte, und am 26. Ianuar 1806 nach Paris zurückgekehrt war, ließ schon am Abend des nächsten Tages Ouvrard, Vanlerberghe und Desprez (denen Thiers im 6. Bande der Geschichte des Kaiserreiches eigenmächtig den Titel der vereinten Kaufleute, ^sßocin r6uni8" giebt) zu sich bescheiden, der Bote aber hatte Ouvrard verfehlt und nur die beiden letzteren kamen. Sie waren von dem ersten Ausbruch des kaiserlichen Zornes so erschüttert, daß Thiers sich berufen fühlt zu erzählen, sie hätten heiße Thränen vergossen. Napoleon hatte den Erzkanzler Cambaeöres aufgefordert, ihm die Natur der ganzen zwischen den drei genannten Herren, dem öffentlichen Schatze und der Französischen Bank entstandenen Verwickelung auseinanderzusetzen, aber wer hätte im Stande sein können, Licht in diesem Chaos zu sehen, wenn eö nicht Ouvrard selbst gewesen wäre? Napoleou, der diesen Namen nicht ohne die Aufwallung des größten Zornes hören konnte, wollte sämmtliche Herren sogleich in Vineennes einsperren lassen, ergab sich jedoch in den ihm von Cambaeöres gegebenen Rath, so viel als möglich aus diesem vermeintlichen Schiffbruch zu retten, und sich aller ihrer Papiere, Effeete und Gelder zu bemächtigen. Sein Entschluß war schon gefaßt, als er den Staatsrath, der Form wegen, zusammenberief, wo der Minister BarbeMarbois einen vollständigen Bericht über den Gegenstand der Berathung zu lesen anfing, aber gleich nach den ersten Worten schon durch die Erklärung unterbrochen wurde, er wisse vollkommen, was er zu thun habe. Wenn — erklärte der Kaiser — jene Herren mir nicht Alles abliefern was sie besitzen, und wenu Spanien mir nicht Alles bezahlt, was es ihnen schuldig ist, so schicke ich sie nach Vineennes und eine Armee nach Madrid. Napoleon beschloß jedoch zu hören, was Ouvrard zu diesem Allen zu sagen haben möchte und beschied ihn noch einmal, am i Februar, zu sich. Kaum hatte dieser beim Eintreten ein Paar Worte geäußert, so rief der Kaiser den Staatsseeretair herbei und sagte ihm: Herr Maret, lesen Sie dem Herrn mein Dekret vor! Durch dies Dekret wurden die drei Herren als Staatsschuldner für die Summe von 87 Millionen Franken erklärt, und verpflichtet, an Obligationen und Wechseln verschiedener Art, die für Rechnung Ouvrard's sich theils in den Händen der Herren Hope und Compagnie, theils in dem Staatsschatze befanden, die Total-Summe von 69 Millionen einzubezahlen und für die fehlenden 18 Millionen ihre eigenen Wechsel zu geben. Nach erfolgter Lesung dieses Dekrets fuhr der Kaiser auf Ouvrard los, und fragte ihn, welche Bürgschaft er für die richtige Zahlung dieser Summe geben könne? — die Antwort war, daß vollkomniene Zahlung erfolgen würde, wenn man ihm, Ouvrard selbst, die Liquidation seiner Geschäfte überlassen wollte. Nun! —. sagte Napoleon — ich rechne darauf. Ich werde dies Dekret „durch ein anderes ersetzen, wodurch Alles, was Sie in den Hä'n.,den der Herren Hope und Compagnie besitzen mögen, zu meiner Verfügung zu stellen bleiben wird. Ouvrard bemerkte in Antwort, daß die Folge, die man von allen diesen Maßregeln erwarten müsse, keine andere sein könne, als der Widerstand England's gegen die Ausfuhr der Piaster von Mexieo und die Auflösung der Verträge durch Spanien selbst. Dies zweite Dekret, vom 18 Februar, verordnete, daß alle und sämmtliche von Ouvrard auf den ',(5assirer der Consolidationskassa, Don Manuel Sirto Espinosa in Madrid, gezogene und von diesem aeeeptirte Wechsel, so wie sie in dem zwischen beiden, am 18 November 1805, gemachten provisorischen Abschluß detaillirt waren, aus den Händen der Inhaber zurückgezogen und dem Französischen Staatsschatz überliefert werden sollten, namentlich der Belauf von 7,260,249 Piaster, welche die Herren Seguin und Michel Ieune in Paris (Unter-Lieferanten der Herren Ouvrard und Consorten) als Unterpfand in Händen hatten. Diese, hieß es, müßten innerhalb vier und zwanzig Stunden zurückgegeben werden. Ein Courier, der den nächsten Morgen nach Madrid expedirt wurde, brachte der Spanischen Regierung die Nachricht der Erlassung dieses Dekrets und der Auflösung ihrer Verbindung mit Ouvrard. Er war hiedurch außer aller Wirksamkeit gesetzt und erfuhr einige Zeit darauf, durch eine offieielle Bekanntmachung im Moniteur, daß in Folge einer neuen Untersuchung seiner Bücher u. s. w. es sich herausstellte, daß nicht 87 Millionen, sondern 141 Millionen der Belauf wäre, wofür er und Consorten als Staatsschuldn!! zu figurireu hätten. Es gelang Ouvrard und Vanlerberghe binnen achtzehn Monaten diese ungeheure Schuld an den Staat zu liquidiren, aber vielfältige Gläubiger anderer Art erschwerten die fernere Regulirung ihrer Geschäfte in solchem Maße, daß sie nothgedrungen am 3l Deeember 1807 ihre Insolvenz-Erklärung im Handelstribunal zu Paris eingeben mußten.

In Betreff der Gelder, Wechsel und anderer Valuten, welche in den Händen der Herren Hopc sich befanden, hatte Napoleon ohne seinen Wirth gerechnet. Dies mächtige Haus, welches damals an der Spitze des Kaufmannsstandes in der ganzen Welt stand, und in Holland sich nicht nur unabhängig fühlte, sondern auch in Finanzsachen sich für ebenbürtig mit allen Fürsten der Erde und auf gleichen Fuß mit ihnen sich zu stellen für berechtigt hielt, konnte durch kaiserliche Dekrete sich keineswegs für gebunden halten. Diesen Wahn besaß jedoch Napoleon. Dem Nachfolger des abgesetzten Ministers Barbe-Marbois, dem Herrn Wollten, hatte er einen Brief an die Herren Hope und Compagnie in die Hand diktirt, der, in dem Tone eines Herrn an seine Diener, folgende Worte enthielt: Ihr habt in dem Louisiana-Geschäft genug verdient, so daß ich keinen Zweifel hege, Ihr werdet ohne Verzug Euch in Alles fügen, was ich zu verordueu für gut finde. Dieses Schreiben hatte er durch einen Inspektor der Finanzen, ohne Ouvrard's Einwilligung dazu erhalten zu haben, nach Amsterdam abfertigen lassen. Der Finanz-Inspektor wurde aber sehr schlecht empfangen und mußte unverrichteter Dinge abziehen. Bald darauf hielt Napoleon es für zweckmäßig, den Baron Louis - (den nachherigen ersten FinanzMinister Louis Philipp's) nach Holland zu senden, um das Terrain zu sondiren und die Ressoureen ausfindig zu machen, die Ouvrard dort haben konnte. Der Baron Louis erschien bei den Herren Hope und setzte ihnen den Gegenstand seiner Mission auseinander. Herr Labonchere, der ibn empfangen hatte, erwiederte auf der Stelle: Ob wir für Rechnung des Herrn Ouvrard Gelder in Händen haben oder nicht, darüber, Herr Baron, sind wir Ihnen durchaus keine Rechenschaft schuldig, und das Unpaßliche Ihres jetzigen Schrittes hätte Ihnen selbst einleuchten sollen. Diese, auch von Ouvrard erzählte Anekdote, kann ich als Wahrheit verbürgen, da ich sie ebenfalls zu mehreren Malen von Herrn Labonchere selbst habe erzählen hören, der überhaupt ein innerliches Vergnügen nicht unterdrücken konnte, jedesmal wenn er Gelegenheit fand völlige Unabhängigkeit von dem Manne an den Tag zu legen, vor dem der ganze Europäische Kontinent auf den Knien lag. Er hielt Napoleon für den größten Tyrannen, den die Welt bisher gesehen hatte, war aber immer bereit, ihn gegen alle Vorwürfe eines Blutdurstes zu vertheidigen, die, wie manche andere, in der damaligen Zeit und unter der allgemeinen Aufreizung der Leidenschaften ihm nicht erspart wurden. Geschmack am Blutvergießen — pflegte er oft zu sagen — hegt Napoleon nicht, aber als Mittel zum Zweck, ist er eben so bereit die Hand darauf zu legen, als auf jedes andere, das ihm nahe liegt. Nichts Anderes zu thmi, als dieselben dem Französischen GeneralConsul in Philadelphia, dem Herrn Felix de Beaujour, zur Negotiation zuzusenden. Als dieser die Wechsel erhielt, war guter Math theuer. Er hatte einigen der größeren Französischen Häuser Philadelphias, Stephan Girard, L. Clapier und anderen auf den Zahn gefühlt. Niemand wollte mit den verdächtigen Wechseln etwas zu thun haben, auch war keine Vorkehrung zum Einfassiren derselben in Mexieo da. Einzelne Summen hätten wohl hie und da angebracht werden können, aber wo es sich um Millionen handelte, was hätten dergleichen theilweise Negotiationen gefruchtet? Er mußte also uothgedrungen sich an Parish wenden und sich Rathes erholen. Es war vorauszusehen, daß hieraus eine Negotiation zwischen den beiden Herren und ein Vertrag entspringen mußte. Die Natur desselben ist immer ein Geheimniß zwischen Beaujour und Parish geblieben. Denn als ich in dem Winter von 1808—1809 mit dem ersten provisorischen Abschluß der großen Operationen beschäftigt war, habe ich weder in der Correspondenz, noch in den Copierbüchern, Noch weniger in dem Conto-CourantBuch des Herrn Parish — die einzigeu Bücher, die ich vorfand — das Mindeste darüber erfahren können, — weder Bedingungen noch Summen. Die Piaster kamen mit den gewöhnlichen Schoonern von Zeit zu Zeit an, und wurden sogleich an Herrn de Beaujour abgeliefert. So viel habe ich jedoch schließen könneu, daß der Gesammtbetrag der von ihm eingezogenen Wechsel keine zwei Millionen Piaster überstieg. Einige der von Ouvrard erpreßten Wechsel fanden ihren Weg wieder in die Hände der Herren Hope. Bei der später erfolgten freiwilligen Cession Ouvrard's, seines Guthabens in Spanien sowohl als bei den Herren Hope, an den öffentlichen Schatz in Paris ('li^8or public) sah sich dieser unvermeidlich genöthigt, sich mit dem gedachten Hause zu verstehen; der Graf Mollien war ein zu einsichtsvoller Geschäftsmann, als daß er nicht bald die Nothwendigkeit und auch die Vortheile einer friedlichen Abfindung mit demselben hätte einsehen sollen, zumal da die Macht Napoleon's an der moralischen Unabhängigkeit des Hope'schen Hauses gescheitert war, und man von diesem das erhalten konnte, wozu Herrn de Beaujour Mittel und Einfluß fehlten — Vorschüsse auf Abrechnung. Hätte die gewaltsame, eigenmächtig durch Napoleon's unbeugsamen Starrfinn erzwungene Auflösung der genauen Verbindung Ouvrard's mit dem Spanischen Hofe, die von dem ersteren geöffneten, ergiebigen Geldquellen der Spanischen Krone nicht verstopft, so würden, nach dem unvermeidlichen Aufschub einiger Monate, eines Iahrs vielleicht, den die Vorbereitungen erfordern mochteu, die Silberminen Mcrieo's der französischen Schatzkammer lange steuerpflichtig geblieben sein. Was späterhin durch die erzwungene Abdankung Carls des IV. und seines Thronerben in Bayonne erfolgte, mußte deu Bruch der Colonien mit dem Mutterlande nach sich ziehen — in Amerika hatte das Säbel-Regiment Napoleon's seine natürlichen Gränzen gefunden und der neueingesetzte Monarch Spanien's fand keinen Gehorsam. Es ist unmöglich, die Auseinandersetzungen zu lesen, welche Thiers in dem 22. und 24. Kapitel seines 6. Bandes über die Ouvrard'schen Verhältnisse und Verwickelungen gegeben hat,' ohne sich zu überzeugen, daß es deck Verfasser stets in Allem besonders darum zu thun gewesen ist, seinen Helden so vorwurfsfrei als möglich zu schildern. Denn bei der mindesten, unbefangenen Beurtheilung der ganzen Sachlage zur Zeit der Rückkehr Napoleon's von dem Preßburger Frieden, hätte er doch einsehen müssen, daß wenn, wie er behauptet, die kolossalen Combinationen und Unternehmungen Ouvrard's und Consorten, der französischen Schatzkammer und der Bank insbesondere große Verlegenheiten zugezogen hätten, es doch vielmehr die Unzulänglichkeit des vereinten Einkommens der Französischen und der Spanischen Regierung, um den eigentlichen Staatsbedürfnissen und den ungeheuren Kosten und der militairischen Operationen Napoleon's Genüge leisten zu können war, aus welcher diese Verlegenheiten flössen. Beiden Ländern war aller Handel über's Meer, versagt, und da keine Ausfuhren möglich waren, so mußte das baare Geld auswandern, uni unentbehrliche Bedürfnisse an Colonial- und anderen Waaren zu bezahlen. Spanien war gezwungen worden, England den Krieg zu erklären, und dann die Verpflichtung zu übernehmen, während der Dauer desselben eine jährliche Subsidie von 72 Millionen Franken zu bezahlen, gerade zu einer Zeit, wo demselben durch den Krieg die gewöhnlichen baaren Zuflüsse aus seinen Amerikanischen Colonien abgeschnitten worden waren. Als erfinderischer Kopf, der für die Launen und Geldbedürfnisse Napoleon's augenblicklich Millionen finden konnte, war Ouvrard demselben nützlich und unentbehrlich, weiter sah er nicht, oder— wollte er nicht sehen. Da es zu seiner Politik gehörte, den sogenannten Räubern des öffentlichen Einkommens — dafür sah er Ouvrard au — das wieder abzunehmen, was sie seines Erachtens auf unrechtmäßige Weise gewonnen haben konnten, so waren ihm die Mittel einerlei, welche Ouvrard anwenden mußte, um für seine jedesmaligen Bedürfnisse das nöthige Geld aufzutreiben. Und doch bedurfte es keiner großen Einsicht noch Rechnungsgabe, um zu dem Resultat zu gelangen, daß wenn die unmittelbar disponiblen Mittel Fraukreich's unzureichend waren, um die gewöhnlichen Staats- und außerdem Napoleon's außerordentliche Bedürfnisse zu befriedigen, wenn Spanien das einzige Mittel geraubt wurde, wodurch es seine Schuld abtragen konnte, Anleihen aber unmöglich waren, weil das Vertrauen der auswärtigen Capitalisten aufgehört hatte, weder ein Ouvrard, noch sonst Iemand, die Löcher stopfen konnte, die Napoleon täglich und ohne Bedenken zumachen keinen Anstand nahm. Man mußte also auf das natürliche Staats-Einkommen schon im Voraus sich stützen, indem man es durch das von der Bank gewährte Diskontiren der Obligationen der Steuer-Einnehmer (Lon 6e Neeeveur8 öeneraux) lange Vor seiner Zeit zu Gelde machte. So lange das Publikum die an Geldes Statt emittirten Banknoten zu empfangen Willens war, so konnte das thörichte System fortdauern - der erste Mißkredit mußte das lockere Gebäude, trotz aller Combinationen Ouvrard's, unfehlbar stürzen. Dies konnte keinem Sachkundigen entgehen, so daß selbst Thiers seiner Versuche ungeachtet, Napoleon so fehlerfrei als möglich darzustellen, zuletzt mit anscheinendem Widerwillen, das folgende Geständniß ablegt: Man muß jedoch der Gerechtigkeit zu Liebe eingestehen, daß dem Kaiser selbst ein großer Theil (— ich möchte sagen, der allergrößte Theil —^ der Schuld zugemessen werden muß, die sich bei dieser Gelegenheit kund that, indem er mit großer Hartnäckigkeit, und allzulange das Gewicht dieser ungeheuren Lasten auf den schwachen Schultern des Herrn deMarbois ruhen ließ, ohne sich um die Schöpfung der außerordentlichen Mittel zu bekummern, welche die Umstände erforderten. Die Absetzung des Herrn de Marbois, die gewaltsamen Maßregeln gegen Ouvrard und Consorten, das Anathema, das er gegen sie aussprach, können ihm bei der Nachwelt nie als Deckmantel für den Mangel jener Eigenschaften dienen, die er als Herrscher hätte besitzen sollen, und die in der Handhabung der allgemeinen StaatsIuteressen unentbehrlich waren — diese Eigenschaften erforderteu eine gesunde Beurtheilung seiner finanziellen Verhältnisse und unbedingte, stäte Aufmerksamkeit auf den Wechsel ihrer Zustände. Der Wirth, der bei den meisten Rechnungen Napoleon's vergessen ward, hieß das Gleichgewicht seiner Finanzen.

Die Mißberechnung, welche Napoleon in dem Glauben beging, die Spanischen Wechsel auf Mexieo könnten in seiner Hand eben so brauchbare Valuten werden, als in den Händen der Herren Hope, erwies sich bald darauf. Für's erste gab es auf dem festen Lande nirgends so großartige Kapitalisten, als die Herren Hope, die einen Theil ihres mächtigen Kapitals in dem Kaufe solcher Staatspapiere hätten anlegen können, denn die eventuelle Zahlung derselben mußte in einem anderen Welttheil erfolgen, sie war überdies zweifelhafter Natur, und endlich, die definitive Handhabung des Ertrags, jedenfalls eine weit hinausgeschobene und konnte in keine unmittelbare verwandelt werden. Zweitens waren die Herreu Hope durch ihre genaue Verbindung mit dem Baring'schen Haust (— Herr Labouchere selbst der Schwiegersohn des ältesten Chööfs, Sir Franeis Baring's, und dieser wieder der intime Freund des damaligen Marqnis von Lansdowne, ehemaligen Grafen von Shelburne und des Marquis von Wellesley -) vielleicht allein im Stande, die Einführung der Piaster aus Mexieo dem Pitt'schen Ministerium als eine für den Britischen Handel und für die Ostindische Compagnie heilsame Maßregel einleuchtend zu machen und zu ermitteln, in ihren Augen allein konnten diese Valuten einen nominellen Merth besitzen, und sie allein konnten ihnen denselben verleihen. Diese Entdeckung mußte der Minister des Französischen Schatzes, der Graf Mollien, dem die Ouvrard entrissenen Wechsel und Papiere übergeben worden waren, bald darauf machen. Er, der sehr wohl wissen konnte, welchen Weg die Herren Hope mit ihren Wechseln genommen hatten, hatte sieb eingebildet, er habe

Ich habe mir diese vielleicht allzulange Digression, die dem eigentlichen Zweck dieser Memoiren etwas fern liegt, nothwendig erlauben müssen, da Ouvrard als eigentlicher Schöpfer des National-Credits in Frankreich, wie dies die Folge erweisen wird, sich große und unleugbare Verdienste um sein Vaterland erworben hat, und anstatt als Mann von Genie zu gelten, gewöhnlich als Abentheurer betrachtet wird. Unbezweifelt ist es, daß die Umstände, unter denen er dies Genie und die Aktivität seines Geistes zu entwickeln bestimmt war, zu den außerordentlichsten gehörten, welche die Welt bis dahin gesehen hatte, und daß die Möglichkeit ihrer Wiederkehr jetzt kaum begriffen werden kann.

Sechstes Kapitel

Erzwungene Auflösung der großartigen Operation.

Meine Rückkehr nach Philadelphia. Bekanntschaft mit Robeit Fulton in New-Aork. Blicke in seine Geschichte. Das Ablaufen des ersten Dampfschiffes Cleimont vor meinen Augen, und vonNew-Zlork nach Albanp gehend. Abreise nach Havana zur Einforderung der Regierungswechsel von 700,NUN Piaster. Negotiation mit dem General-Intendanten Roubaud. Tausch dieser Wechsel gegen einen einzigen a meine Ordre gezogenen und mir ausgelieferten Wechsel von 945,ouu Piaster auf den Viee-König von Merieo, der größte, den ich in meinem Leben indosfirt habe. Abreise aus Havana in dem Schooner „Merchant", nach Baltimore bestimmt.

Es war im Sommer 1807, als wir, Lestapis in Mexieo und ich in New-Orleans, von Parish in Philadelphia die ersten Winke bekamen, daß der Zustand der Dinge, uns dem wahrscheinlichen Ziel unserer, Anfangs auf Iahre berechneten Agenturen näher bringen würden. Was mich insbesondere betraf, so war keine Nothwendigkeit da, länger in New-Orleans zu verharren, als es die Liquidation meiner dortigen Geschäfte erheischen würde — das heißt, etwa einen Monat. Die von Parish mit Oliver und Anderen getroffenen Arrangements führten eine natürliche Aenderung des ursprünglichen Plans, nach welchem assortirte Ladungen von Europa nach New-Orleans kommen, von dort nach Veraeruz befördert, die Retouren und andere Geldsendungen wieder NewOrleans zum Bestimmungshafen, auf ihrem Wege nach Europa haben sollten. Der Anwendung der Retouren und der Verwendung der Lieenzen standen dagegen große Schwierigkeiten im Wege, solide Wechsel auf den Norden und auf England waren sehr selten und nur in geringen Quantitäten zu haben, und zu Verschiffungen nach Europa gab es kaum zwei Häuser, denen ich Vorschüsse mit einiger Sicherheit hätte machen können. Im August 1807 war ich mit meiner Liquidation fertig — den Herren Amory und Callender vertraute ich die Einkassirung mehrerer noch nicht abgelaufener Wechsel, im Betrage von 40,000 Dollars an, und kehrte nach dem Norden zurück, wo meine Dienste bald darauf zu einem neuen Geschäft in Havana erfordert wurden.

Es war gerade zu dieser Zeit, wo ich, bei den Vorbereitungen zu demselben in einer der berühmtesten Pensionen (boai-öMß noue) der Stadt New-York, nämlich in der der Wittwe Gallop in Broadway logirend, zufällig beim Frühstück mit einem Herrn bekannt gemacht ward, der eben im Begriff war, der Welt das erste Beispiel praktischer Dampfschifffahrt zu geben. Der Leser wird ohne Mühe errathen, daß hier von Robert Fulton die Rede ist, und daß das Gesagte sich auf das eben vollendete, von ihm auf eigene Kosten erbauete Dampfschiff Clermont bezieht, welches alle Zungen beschäftigte, so wie der bevorstehende, seiner Ausführung nahe getretene Versuch, der Gegenstand allgemeiner Neugier war. Mein Nachbar lud mich bald darauf ein, dem Schauspiel der Abfahrt eines ersten, zur Wirksamkeit berufenen Dampfschiffes, die um 12 Uhr vom Ufer des Hndsonflusses erfolgen sollte, beizuwohnen, und es bedurfte wahrlich feiner Ueberredung, um dieser Einladung Genüge zu leisten. Hier sah ich dann dies wundervolle, seltsame Gebäude — 130 Fuß lanq, 16V Fuß breit, die Tiefe 7 Fuß, der Tonnengehalt 160, wie es beschrieben worden war — mit etwa vierhundert Passagieren am Bord, mit dem Glockenschlage 12 den Quai verlassen, gerade in die Mitte des Stromes hineinfahren, dreimal hinter einander eini Zirkel machen, und dann der Macht der Fluth und des Windes zugleich trotzend, den Strom auf seinem Wege nach Albany kühn hinauffahrend, als ob der günstigste Wind ihm die Segel gefüllt hätte. Ein lautes Iubelgeschrei erscholl von den taufenden und aber taufendeu von Zuschauern, welche sich an beiten Ufern des Hudsonflusses gesammelt hatteu, um Augenzeuge nicht allein der Wirklichkeit dieses ersten großartigen Versuches, sondern auch seines unbediugten, glänzenden Erfolges zu werden.

Es ist das Loos aller außerodeutlichen, allgemein nützlichen Erfindungen, die Zielscheibe des Ehrgeizes der Nationen werden zu müssen, wobei man das uum cuicme zu beachten sich weder zur Pflicht, noch weniger zur Gewohnheit macht. Selbst die zufällige, glanzlose Entdeckung des Schießpulvers gönnt man dem Deutschen Mönche nicht, der Chinese soll schon längst damit gewirthfchaftet — auch die Buchdrucker in längst irgend einem Winkel der Lombardei existirt haben, lange ehe noch Guttenberg und Faust die Hand daran gelegt hatten. Kein Wunder also, wenn die Priorität der Erfindung der Dampfschifffahrt von Engländern, zumal von den Schotten und von den Franzosen, Fulton abgesprochen wird. Man lasse diese verschiedenartigen Ansprüche auf ihren respektiven Werth beruhen, was man aber nie wird in Abrede stellen können, das ist die seltene Ausdauer, mit der Robert Fulton seine Pläne verfolgte, nachdem ihm die Tiefe seiner Ueberzeugung nur in einem einzigen Punkte hatte erkennen lassen, sowie die Gewissenhaftigkeit, mit welcher er dieser Ueberzeugung Alles zu opfern keinen Anstand nahm, sobald diese Schwierigkeit besiegt war. Von diesem Allen, von Fulton's Rechte zu der Vaterrolle der Dampfschifffahrt, von seiner beispiellosen Energie unter dem beugenden Drucke so mancher wiederholten Schläge und Launen des Schicksals, von seinem Muthe, ohne Bedenken das zu thun, was man im gemeinen, besonders im kaufmännischen Leben: Alles auf eine Karte setzen heißen würde, als eine günstige Wendung der Dinge, die Bahn zur Ausführung seiner Pläne vor ihm aufschloß, wird sich der Leser aus dem Folgenden überzeugen.

Fulton, etwa in den Iahreu 1768-1770 und im Staate Pennsylvanien geboren, begann seine Laufbahn als Lehrling eines Goldschmiedes in Philadelphia. Sein genievoller Kopf gab baldige Beweise großer und mannigfaltiger Befähigungen, unter denen, als ein begüterter Freund ihn in den Stand setzte, London zu besuchen, sich besonders der Hang zur Mechanik und zum Studium der Dampfmaschinen und ihrer möglichen Anwendung entwickelte. Hier ward er mit einem Landsmann, Namens Iames Rumsey, bekannt und schöpfte wahrscheinlich die ersten Ideen von der Anwendung der Dampfkraft auf die Schifffahrt. Denn Rumsey selbst hatte lange in Philadelphia mit einem gewissen Iohn Fitch verkehrt, sich als Coneurrent schon im Iahr 1788 gemeinschaftlich mit ihm um ein Patent für die ausschließliche Beschiffung aller Gewässer des Staates Pennsylvanien, mittelst Dampfkraft, beworben und war in diesem Bestreben dort gescheitert, weil von keiner besondern Methode ihrer Anwendung auf die Schifffahrt in ihren Bittschriften die Rede war, und die Legislatur von Pennsylvanien, wie billig, Anstand nahm, ein Patent für die undefinirte, spezielle Anwendung einer bloßen Idee zu geben, die Mehrere zugleich haben konnten, und, wie es sich erwies, auch gehabt hatten. In England war Rumsey glücklicher und erhielt ein Patent am 24. März I7W.

Die Zeichnung des von Fitch projeetirten Dampfschiffes, welches sich mittelst Ruder fortbewegen sollte, findet sich inBrewster's Eneyelopädie, 1. Band, und weicht nur wenig von Rumsey's Plan ab, dem es in London gelang, einen Amerikanischen Capitalisten zu eutdecken und ihn zu einer Theilnahme an seinem Projeete zu bestimmen. Eben als der Bau des Schiffes angefangen hatte, starb dieser — die Interessenten versuchten es, ihn fortzusetzen, aber ohne Erfolg. Zu gleicher Zeit traten mehrere Engländer und Schottlände r mit ähnlichen Projecten auf, besonders ein Ingenieur, Namens Symington, dem es, nachdem er schon in den Iahren 1788 und 1789 die Pläne der Amerikaner mehr oder weniger gekannt hatte, zuletzt, zwölf Iahre später, im Iahre 1802, gelang, ein Dampfschiff zu vollenden, das er die Charlotte Dundas nannte, und auf dem Forth und Clyde-Canal, nicht ohne Erfolg, in Bewegung setzte. Sodann erhielt er den Auftrag, mehrere Böte zum Behuf der Schifffahrt auf diesem Canal zu bauen und die Aussicht, auf gleiche Weise zum Bau einiger Böte für den Bridgewater Canal gebraucht zu werden. Aber der Verwaltungs-Ausschuß des Forth- und Clyde-Canals widersetzte sich der Ausführung dieses Planes; der Herzog von Bridgewater starb, und Symington, der einen nicht geringen Theil seines Vermögens in Versuchen aller Art zugesetzt hatte, zog sich zurück und beschäftigte sich mit allerlei Verbesserungen seines ursprünglichen Planes, wofür er von Zeit zu Zeit Patente erhielt. Doch von allen den Projeeten, die Einführung der Dampfschifffahrt betreffend, kam keines zur Ausführung, bis endlich nach dem Friedenstraetat zu Gent, der im Deeember 1814 zwischen England und den Vereinigten Staaten von Amerika abgeschlossen ward, Englische Reisende sich augenscheinlich von dem Erfolge überzeugten, den Fulton's Versuche in seinem Vaterlande gehabt hatten, die Kenntniß davon in ihrer Heimath verbreiteten, zu Nachahmung seines Beispiels lockten und später erst den Reiz erweckten, sich mit der Geschichte der Dampfschifffahrt zu beschäftigen und den Beweis zu verbreiten, daß nicht er der Erfinder, sondern daß das Gewächs ein ursprünglich Britisches sei, Fulton aber kein anderes Verdienst habe, als es auf Amerikanischen Boden verpflanzt zu haben. Fulton war in der Zwischenzeit nicht müssig gewesen und hatte mit all' dem eigenthümlichen Eifer des Amerikanischen Unternehmungsgeistes die Einführung der Dampfschifffahrt in seinem Vaterlande zu erstreben versucht. Er fand aber wenig Eingang — selbst in seiner, größtentheils wohlhabenden Familie, den Livingston's im Staate New-York, wovon sich einige Mitglieder bereits mit allerlei Dampfschifffahrts-Projeeten beschäftigt hatten, nur mäßigen Glauben und keine Unterstützung. Dies trieb ihn wieder nach Europa, von England zuletzt nach Paris, wo der Chaneellor Livingston, ein Verwandter, sich dort als Gesandter der Vereinigten Staaten befand, und ihn mit wissenschaftlichen Männern aller Art bekannt machen konnte. Auch mit einem andern Verwandten, Robert Livingston, der in Verbindung mit seinem Landsmann Stevens schon früher Versuche

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in der Dampfschifffahrt gemacht hatte, stieß er zusammen und ließ, auf gemeinschaftliche Kosten mit ihm, ein Dampfboot erbaueu. Im Augenblick, wo es die ersten Evolutionen auf der Seine, vor den Augen einiger dazu eingeladenen Autoritäten und Notabilitäten machen sollte, spaltete es sich, von dem Gewichte seiner unbehülflichen, in England verfertigten Maschine gedrückt,- in zwei Hälften und ging mit ihr zu Grunde. Fulton, keinesweges abgeschreckt, dachte an andere Projekte und brachte zuletzt den Plan gewisser Maschinen zu Stande, welche er der Regierung anbot, und welche die Submarine-Zerstörung des feindlichen, Cherbourg blockirenden Englischen Geschwaders zum Zweck hatte. Die Maschinen, in's Wasser gesenkt, sollten, durch Dampfkraft getrieben, sich selbst den Weg bis zu gewissen Schiffen, in gerader Linie bahnen, an den Kiel derselben heften und sie dann in die Luft sprengen. Der Plan ward, wie üblich, an ein Comits des Kriegs-Ministeriums und Ingenieur-Corps verwiesen, aber von ihm kaum einer Untersuchung werth geachtet. Die Eifersucht, mit der Französische Ingenieure Fremde immer betrachtet haben, ist notorisch. Außerdem wirkte der unglückliche Versuch auf der Seine nicht wenig zu Fulton's Nachtheil. Seine Ungeduld kannte allmählich keine Grenzen. Er bestürmte das Ministerium, den Ausschuß, erhielt nie eine genügende Antwort und drang endlich, durch des Gesandten Livingston's Einfluß unterstützt, zu wiederholten Malen bis zu Napoleon. Dieser hatte ganz andere Dinge im Kopfe und ließ zuletzt, bei einer Hof-Gala, im Unwillen über Fulton's ungestümen Eifer, gegen Livingston die Worte fallen:

Torpedoes, auch Catamarans genannt. Der Marine-Ausschuß und Fulton wurden um den Preis von vierzigtausend Pfund Sterling einig, für den der letztere seine Erfindung übergab und der ihm uach gemachtem, erfolgreichen Versuche ausbezahlt werden sollte. Die Englische Admiralität ließ die Maschinen durch ihre Handwerker verfertigen und vertraute ihre Anwendung der mächtigen Hand Nelson's an, der damals bekanntlich die Englische Flotte vor Boulogne befehligte. Der Versuch fiel aber unglücklich aus — die Maschinen platzten und schössen aus dem Wasser empor, ehe sie das Französische Geschwader erreichten. Es versteht sich von selbst, daß von einer Zahlung an Fulton'keine Rede sein konnte, jedoch blieb dieser so lange und so hartnäckig bei seiner Behauptung stehen, daß die Schuld des Fehlschlagens nur der ungeschickten Verfertigung der Maschinen und uicht der Erfindung selbst zuzuschreiben wäre, daß der Verwaltungsrath der Englischen Admiralität am Ende auf seinen Vorschlag einging, einen speeiellen Ausschuß zu ernennen, vor dem Fulton mit einer, unter seinen Augen verfertigten Maschine, auf eigene KW^ d. h. auf ein ihm zugehöriges Schiff den Beweis der praktischen Ausführbarkeit seiner Erfindung führen sollte. Am bestimmten Tage ging Fulton mit dem Ausschuß, Dundas an der Spitze, nach Deal ab, wo ein kleines Schiff, unter Amerikanischer Flagge, das er gekauft hatte, auf der Rhede vor Anker lag. Fulton, seine Maschine in der Hand, ersuchte die anwesenden Mitglieder, ihre Uhren zur Hand zu nehmen — es war zwölf Uhr, als er seinen Torpedo vor ihren Augen und mit den Worten in die See fallen ließ: In fünfundzwanzig Minuten präeise, meine Herren, fliegt mein Schiff dort in die Luft! Wie gesagt, so gethan! Dem Beweise fehlte nichts — und Fulton bestand natürlich auf den stipulirten Preis. Auf dem Continent hatte sich unterdessen das Blatt gewendet — Napoleon's Augenmerk war nicht länger die Invasion England's, sondern der Krieg mit Oesterreich und Rußland, und die Gefahr, der Englischen Küste entlang, nicht mehr so dringend. Man handelte mit dem Major Franeis — er begnügte sich mit der Hälfte der ihm versprochenen Zahlung und kehrte, jetzt wieder Fulton,

mit seineni Gelde nach New-F)ork zurück. Ietzt auch, wo er der Unterstützung nicht länger bedurfte, stieg sein Lieblingsgedanke mit verjüngter Kraft wieder in ihm empor. Er erbaute aus eigenen Mitteln das erste obengenannte großartige Dampfschiff, dem er den Namen des Landsitzes seines Freundes, des Chaneellors Living ston gab, und dasselbe Clermont taufte. Es erreichte Clermont, eine Entfernung von 110 Meilen, innerhalb 24 Stunden, fuhr dann am nächsten Morgen um 9 Uhr wieder ab und kam 8 Stunden später, 47 Meilen weiter, in Albany an — durchschnittlich hatte es also fast fünf Meilen per Stunde gegen Fluth und Wind zurückgelegt.

Dies Dampfschiff war das erste, welches zu einem praktischen Behuf und zum reichlichen Nutzen seiner Eigenthümer zu fahren begann. Die weitere Geschichte Fulton's der seinen Erfolg nur acht Iahre überlebte und im Iahr 1815 starb, habe ich anderswo erzählt.')

Unter denen vmälapoleon aus Ouvrard's Portefeuille entnommenen Wechseln befanden sich 105 Wechsel zum Betrage von 70N,(XX> Piastern, die von dem Spanischen Finanz-Minister Don Mig. Cay. Soler auf die ,,Ox 6e do8oliäaeion" (Consolidations-Casse) in Havana gezogen worden waren. Graf Mollien hatte sie an die Herren Hope und Compagnie gesandt, und aus ihren Händen kamen sie in die ineinigen. Der Avisbrief des besagten Trassenten Soler an den Verwalter der Consolidations, Casse in Havana, Don Raphael Gomez Roubaud, sagte ausdrücklich, daß diese Wechsel nur in Silber und in keiner anderen Münzsorte bezahlt werden müßten; und in die beiden damit gesandten, besonderen Empfehlungsbriefe zu Gunsten des mit der Einkassirung beauftragten Agenten, dessen Namen in Blaneo gelassen war, worin diese Bedingung sich wiederholt fand, ward der ineinige eingeschrieben. Der eine dieser zwei Empfehlungsschreiben war für den eben erwähnten General-Intendanten Rou

') Siehe meinen Artikel: „Robert Fulton und die Dampfschifffahrt" in No. 20 der „Deutschen Hcmdelszeitung", Vloit vom 20, Mai 1849,

band, der andere für den General-Gouverneur der Insel Cuba, den Marquis de Someruelos. In beiden befand sich auch die Empfehlung, den Träger mit besonderer Höflichkeit aufzunehmen. Warum ich dieses Umstandes hier erwähne, wird sich sogleich erweisen. Wir hatten schon in Philadelphia erfahren, daß in der ganzen Insel Cuba, seit der Unterbrechung der Communieationen mit Mexiko, kein Silberthaler mehr zu erblicken wäre, und daß die einzigen dort kursirenden Valuten in Doublonen beständen, die in den Vereinigten Staaten zu 15 V,^ Piaster angenommen wurden, in Havana und Cuba aber l?'/4 und 18 Piaster galten, und im Umlauf waren. Es konnte kein Zweifel darüber herrschen, daß die Wechsel in Havana, und zwar, wie von der Spanischen Regierung selbst vorgeschrieben worden, in Silber bezahlt werden mußten, und da die Unmöglichkeit einer solchen Zahlung faktisch existirte, so stieg natürlich der Gedanke auf, der Regierung der Insel Cuba einen Tausch gegen Wechsel auf Mexiko, mit einer kleinen Vergütung für Prämien-Unterschied, etwa 5 Proeent, vorzuschlagen. Ich war einverstanden mit Parish, daß selbst zun. Pari, ein solcher Tausch, wenn die Regierung der Insel Cuba sich dazu verstehen sollte, eine zweckmäßige Maßregel sein würde. Um die Besprechungen in Havana zu erleichtern, versah ich mich mit einem Attest des Spanischen Gesandten in Washington, der damals der Marquis de Casa Urujo und zufällig in Philadelphia war, welches bezeugte, daß die AssekuranzPrämie für Gelder von Vera-Cruz nach den Vereinigten Staaten 20 bis 25 Proeent wäre. Ich ging hierauf mit einem der ^lip. pei-8", dem Schooner Colleetor, nach Havana ab, und fertigte denselben gleich nach meiner dortigen Ankunft nach Vera-Cruz ab, um Piaster für Philadelphia abzuholen, mit dem Ersuch au Parish, mir denselben wieder zu schicken, um weitere Depeschen nach VeraCruz mitzunehmen.

Am nächsten Morgen machte ich dem Herrn General-Capitain, Marquis de Someruelos, meinen Besuch, und begab mich sodann zu dem Intendanten Don Raphael Gomez Roubaud, an den derselbe mich verwiesen hatte, und für den, wie schon erwähnt, ich ebenfalls einen Brief besaß. Beide Herren hatten mich mit ausgezeichneter Höflichkeit, aber auch mit dem Geständniß empfangen, daß sie die wenigen Ressoureen, die ihnen die jetzigen Umstände zu Gebote gelassen hätten, zu eigenen Zwecken gebrauchen müßten, für mich kein Geld hätten, Silberthaler vollends nicht, und daß ich unveirichteter Dinge würde wieder abziehen müssen. Indessen — bemerkte der Intendant — es handelt sich noch nicht um eine definitive Antwort, wir wollen die Sache weiter überlegen. Ich bat um eine baldige Besprechung, und sie ward für den dritten Tag angesetzt. Bei dieser erklärte mir der Intendant, er sei bereit, die Wechsel in Geld einzulösen, wenn ich mich dazu verstehen wolle, Doublonen zu l8 Piaster per Stück in Zahlung zunehmen. Ich wies auf die Wortfassung der Wechselbriefe und auf die besondere Empfehlung des Finanz-Ministers Soler in Madrid hin, und erklärte ihm geradezu, ich könne nur Silber annehmen. Das haben wir nicht — antwortete er — und können es Ihnen auch nicht geben und wenn Sie uns auf den Kopf stellten. Wenn Sie keine Doublonen annehmen wollen, so bekommen Sie gar Nichts! Ich eipostulirte mit ihm und bedeutete ihm, daß ich unmöglich 3 Piaster per Doublon verlieren könne. Wenn — setzte ich hinzu — von einer solchen Zahlung die Rede sein könnte, so würde er mir die Doublonen nicht zu 18 Piaster, sondern zu 15 Piaster anrechnen müssen. Er ward zuletzt ärgerlich und sagte mir in einem hochtrabenden Tone: Herr Nolte, wir sind es nicht gewohnt, uns von Fremden vorschreiben zu lasseu, was wir lhun sollen, und wenn Fremde mit dergleichen Prätentionen zum Vorschein kommen, so schicken wir sie dahin! Dabei wies er mit seinem Zeigefinger auf das hohe Castel Morro hin, das den Eingang des Hafens beherrscht, und gerade vor unseren Augen da stand. So? — war meine Antwort — Nun, es würde mich freuen, das Innere desselben kennen zu lernen, der Zutritt ist ja sonst einem jedeu Fremden versagt. Er sah mich etwas überrascht, aber doch sehr ernsthaft an, und fuhr dann fort: Können wir uns nicht verständigen? Ich kann es möglich machen, daß Ihnen der ganze Betrag in Zucker bezahlt werde — wollen Sie den annehmen? Meine Antwort konnte keine andere sein, als daß ich nicht gekommen sei, um Zucker zu kaufen. Aber was wollen Sie thun, wenn keine andere Zahlung möglich ist? Nun, sagte ich, ich werde einen Protest erheben und dann ganz einfacher Weise mit meinen Wechseln zurückkehren. Einen Protest? — schrie er auf — In der ganzen Colonie finden Sie keinen einzigen Notarius, der es wagen würde, Wechsel auf die Regierung zu protestiren! Auch dafür Hab' ich gesorgt, erwiederte ich, indem ich mich vor meiner Abreise von Philadelphia gerichtlich zum Notar habe machen lassen, — meine Unterschrift wird von dem Marquis de Casa Urujo als rechtskräftig beglau bigt werden, und somit bleibt Alles in der Ordnung — „et nou „8amms8 en rößle waren meine letzten Worte, denn wir unterhielten uns in Französischer Sprache. Ich hatte mir in der Stadt von guter Autorität sagen lassen, daß Don Raphael Spanischer Leaationssekretair in Paris gewesen sei und daß er durch den Einfluß des Fürsten Talleyrand, der ihn gern mochte, die Anstellung als General-Intendant und Direktor der Tabacks-Faktorei — (königlicher Cigarren-Manufaktur) — erhalten hatte. Ich bediente mich dieses Umstandes, um dem Intendanten mein Bedauern auszusprechen, daß meine sehr einfache Mission mit so vielen Schwierigkeiten zn kämpfen habe, und daß ich befürchten müsse, Alles dies würde einen üblen Eindruck in Paris machen, zumal bei einer Person, der wir wohl beide Achtung schuldig wären. Auf der Stelle antwortete er mir in seinem schlechten Französisch und mit einer gewissen Lebhaftigkeit: „peronne que Uonü läle^lnä!" Er wurde ganz ernst und sagte mir zuletzt: Können Sie mir nichts vorschlagen? Jetzt war er auf dem Punkte, wo ich ihn haben wollte. Meine Antwort ließ nicht auf sich warten, und ich versuchte es ihm begreiflich zu machen, daß es, da wir ein regelmäßiges Etablissement in Mexiko zum Einkassiren der vielen Wechsel besäßen, wohl das Beste und Kürzeste sein würde, mir für meine Forderung einen Wechsel auf den Vieekönig von Mexiko zu geben, nur setzte ich hinzu, da es nicht dasselbe ist, hier in Havana, oder in Mexiko meine Zahlung zu erhalten, so müsse er wohl einsehen,machte er mit dem Daumen und dem Zeigefinger das Zeichen des Zahlens) — unser Herr Intendant ist sehr geldgierig — das einzige Argument, das Eingang bei ihm findet, ist dieses! Und hier wiederholte er sein Fingerspiel. Ich dankte ihm für seine Mittheilung, erkundigte mich nach seinem Namen und befragte ihn sogleich nach dem Namen des Mannes, der wohl mit dem Intendanten in der größten Vertraulichkeit stehen möchte, ssr nannte mir einen Herrn Santa Maria, ehemals Assoei6 des Hauses Cuesta und Santa Maria, der in der Vorstadt, Salü genannt, in einer gewissen Zurückgezogenheit, aber doch in Pracht lebte. Nach den Feiertagen war ich beflissen, mir den Weg zu diesem Manne" zu bahnen. Mein Correspondent, der späterhin so reich gewordene Don Salvador de Martiartu, der mir auch nicht eine einzige gescheute Zurechtweisung, noch irgend einen zweckdienlichen Rath hatte geben können, war offenbar aufgeregt, als ich mich nach einem Herrn Santa Maria erkundigte, sagte mir, derselbe sei ein pfiffiger Kauz, dem man nicht trauen dürfe, übrigens ein gescheuter Mann, der die beste Tafel, nach Spanischem Geschmack, in Havana führe, er gehöre übrigens nicht zu seiner Bekanntschaft. Ich wandte mich darauf an den in der merkantilischen Welt sehr bekannt gewordenen Herrn Iames Drake, einen Engländer, der eine Spanierin geheirathet hatte. Dieser sagte mir, er würde mich mit Santa Maria bekannt machen — es sei ein gewandter Patron, ich müsse aber auf meiner Hut sein, und über die Breite des Fingers sei ihm nicht zu trauen. So kam ich mit Santa Maria zusammen, der mir gleich bei unserer ersten Unterhaltung zu verstehen gab, er kenne mein ganzes Geschäft, der Intendant habe ihm Alles gesagt, und er habe es sich vorgenommen, mich den folgenden Tag aufzusuchen, nm mir seine Dienste anzubieten. Ich schloß daraus im Stillen, daß der Intendant ihn instruirt habe, mir näher zu treten, und zu sehen, was mit mir zu machen wäre. Sie fordern — sagte er lächelnd — fünfunddreißig Proeent, um Ihre Thaler von Mexiko zu holen. Glauben Sie das möglich machen zu können? - Ei, warum nicht? — war meine Antwort — wenn man das Recht auf seiner Seite hat und zu sprechen versteht. Indem ich diese Worte aussprach, wiederholte ich das von dem deutschen Commis in der s!x 6e co. 8oli6

daß dieser Tausch nicht ohne eine ssewisse Prämie geschehen könne. Geben Sie mir — sagte er zuletzt - Ihre Ideen schriftlich, und dann werden wir sehen, wie wir mit einander fertig werden können!" Die Nennung Talleyrand's hatte etwas gewirkt, welchen tiefen Eindruck sie aber zu machen bestimmt war, wird dem Leser aus der Folge klar werden. Ich setzte also meinen Brief nn den Intendanten auf, erklärte ihm die Bedingungen, unter denen ich mich zu einem Tausche der Wechsel verstehen würde, und bestand, dem Prineip gemäß, daß viel gefordert werden müsse, um etwas zu erhalten, auf eine Prämie von 35 Proeent, indem ich mich darauf stützte, daß die Asseeuranz-Prämie von Vera-Cruz nach Philadelphia 25 Proeent wäre. Ich fertigte darauf meinen Brief, der in Französischer Sprache geschrieben war, an die Behörde ab. Das fremde Idiom, dessen ich mich bedient hatte, erforderte eine Uebersetzung in das Spanische, Mittheilungen der übersetzung an den Generalkapitain, und veranlaßte einen Briefwechsel, dem ich, bei den einfältigen Fragen, die mir vorgelegt wurden, kein Ende absehen konnte. Ich harrte mehrere Tage auf Antwort in einer mißmuthigen Stimmung. Die Weihnachts zeit rückte heran, und am Weihnachtsabend begab ich mich, wie die ganze Welt, ganz einsam nach der überfüllten Kathedralkirche. In einem der wenig erleuchteten Gänge derselben hörte ich auf einmal, von einer mittellauten Stimme hinter mir ausgesprochen, die Worte: Herr Nolte! Herr Nolte! Ich kehrte mich um und sah einen noch nicht vierzigjährigen Mann, dem eine gewisse bureaukratische Haltung zur zweiten Natur geworden zu sein schien. Sie sind — fuhr der Mann fort — wenn ich nicht irre, ein Deutscher?" — Ia! — antwortete ich — wenigstens der Abkunft nach. — Nun — sagte er weiter — ich arbeite an der Consolidationskasse — l^ax 6e <üoii8oli6eion) — ich weiß, warum Sie hier sind, habe alle Ihre Correspondenz gelegen und kann Ihnen vielleicht, als meinem Landsmann?, einen Dienst erweisen. Sie schreiben ganz gut und Ihre Argumente scheinen unwiderleglich. Aber damit dringen Sie hier zn Lande nicht durch! Sie müssen andere Minen springen lassen — (hier

F 840,000.

weniger 16/, Proeent 140,000. —

F 700,000. —

Die ausgegebene Summe muß durch Einfuhr aus Mexiko ersetzt werden und um diese Summe von F 840,000 durch Versicherung zu decken, müssen F 988,235. —

versichert werden. Von Vera-Cruz nach Philadelphia ist die Prämie 25 Proeent, von VeraCruz nach Havana rechne ich nur 15 Proeent . 148,235. —

Gedeckte Summe. F 840,000. — Verlust für die Regierung F 140,000. —

Auslage für Prämie 148,235. — .

Total-Ausgabe F 288,235. —

Die von mir verlangte Prämie von 35 Proeent auf F 700,000 beträgt 245,000.

Folglich erspart die Regierung von Cuba . . . F 43,235. —

— wenn sie mir mein Verlangen gewährt.

Als ich dieses Memorandum zu Santa Maria hintrug, fun kelten seine Augeu. „lü'et elair K ceövsr le ^euil" rief er aus

— „eel mareker Wut oul" Ein Paar Tage darauf benachrichtigte mich Santa Maria, der Intendant sei einverstanden, es käme nun darauf an zu bestimmen, wie viel ich ihnen beiden, ihm und dem Intendanten zusammen geben wolle. Ich kam mit ihm endlich übeiein, 2 Proeent von den F 700,000 nach Anlieferung des neuen Wechsels, also F 14,000 zu geben. Ohne Zustimmung des Generalkapitainö konnte der Intendant in ReHierungssachen nicht verfügen, es war also nöthig, seine Einwilligung zu dem Tausche zu erhalten. Der Marquis de Someruelos, ein grundehrlicher Mann, erklärte, daß er nichts einzuwenden haben würde, wenn das Consulat die Berechnung billigte. Dieses bestand aus drei der ersten Spanischen Kaufleute in Havana, von denen der eine den Ruf eines unbestechlicheu Mannes trug, die beiden anderen aber gewohnt waren, sich nnr an klingende Argumente zu halten. Nachdem Santa Maria den beiden mit einem elastischen Gewissen begabten Herren auf den Zahn gefühlt hatte, sagte er mir, daß dreitausend Piaster hinreichen würden — „polii- termmer l'llire". Ich gab auch diese her und acht Tage darauf erhielt ich in zwei Expeditionen einen einzigen Wechsel auf den Vieekönig von Mexieo für die Totalsumme von F 945,000. Das größte Indossement, das ich je zu geben gehabt habe, war natürlich dieses, als ich denselben an Villanueva übersandte. Mit dem Intendanten war ich übereingekommen, meine 105 Wechsel erst dann auszuliefern, wenn mir von Mexieo her die Annahme des seinigen berichtet werden würde, aber diese Wechsel sollten bis dahin in einem, mit unserem beiderseitigen Siegel versehenen Packet in der Consolidationskasse deponirt bleiben.

Nach Abschluß unserer Negotiationen gab mir der Inten .dant in dem Pallaste der Intendanz ein prachtvolles Diner, wo ich nach der damals in Havana üblichen Sitte meine Stelle allein an der Spitze einnehmen mußte. Zu meiner Rechten saß der Intendant, die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme des zu meiner Linken sitzenden und bürgerlich gekleideten Herrn Iames Drake, war in besternten und bebänderten Uniformen. Beim Abschied, Abends, zog mich der Intendant auf die Seite und sagte mir:- Wenn Sie nach Paris schreiben, so unterlassen Sie es nicht, den Fürsten Talleyrand meiner Ergebenheit zu versichern, und ihm zu sagen, welche Aufnahme Sie bei mir gefunden haben. Ich erwiderte blos: 5e leii mon öevoir" — denn ein Versprechen dieser Art hätte ich ihm nicht geben können. ,.^

Der Schooner Colleetor erschien ein Paar Tage darauf im Hafen, nahm meine Depeschen nach Vera-Cruz mit, und in wenigen Tagen erhielt ich von daher die befriedigende Nachricht, daß der Vieekönig den großen Wechsel bezahlt habe. Ich nahm also mein Siegel von dem Packet in der dax cle ^on8ulillaeion" ab und gab bei dieser Gelegenheit dem Deutschen Commis ein angemessenes Doueeur. Vier und vierzig Iahre sind seit jener Zeit verflossen — es ist mir nie geglückt, mich des Namens dieses freundschaftlich gesinnten Mannes erinnern zu können. EZ war ein Rheinländer.

Da die Herren Hope und Compagnie ihrem Vertrage mit Ouvrard gemäß, der, wie schon erzählt, an den Französischen Schatz übertragen worden war, für jeden einkassirten Thaler 3 Fr. 75 Ct. zu bezahlen hatten, so waren diese in Havana zahlbaren 700,000 Piaster auf 2,625,000 Franken angeschlagen. Durch meine Combination ward nun dieser Zahlung eine andere in Vera-Cruz substituirt, und zu diesem Course ein unerwarteter Gewinn von 918,750 Franken möglich gemacht worden. Ich war demnach herzensfroh, meinen Committenten in Amsterdam so viel mehr in die Tasche gesteckt zu haben. Auf welche Weise aber dies Geschäft sein Ende erreichte, wird der Leser im Verlauf meiner Erzählung erfahren.

Siebentes Kapitel

Der Schiffbruch.

Schiffbruch auf den Floridanischen F.elsen-Niffen: CarpsfortReef genannt. Merkwürdige Rettung. Aufenthalt auf der Bahama-Insel: „New'Providenee" in dem Städtchen „Nassau". Rückkehr nach den Vereinigten Staaten. Ankunft in Philadelphia.

Die Nothwendigkeit einer unmittelbaren Zurückreise nach Philadelphia war eben nicht da, denn das von der Amerikanischen Regierung auf alle Schiffe gelegte Embargo hatte die Thätigkeit des Handels, besonders des Ausfuhr-Geschäftes der Vereinigten Staaten zum Stillstand gebracht. Ich hätte eine bessere Iahreszeit zu meiner Rückkehr abwarten können. Aber so sehr mir auch der Aufenthalt in Havana wohlgefiel, so sehr fühlte ich einen Drang nach besseren Umgebungen als mir damals zu Gebote standen. Uankee — Supereargoes und Schiffseapitaine genügt mir zur täglichen Unterhaltung nicht. Auch mein Herz war bei dem Wunsche eines baldigen Wiedereintreffens in Philadelphia nicht ganz unbetheiligt. Ein Schiff nach Charleston und zwei nach Baltimore boten mir die Mittel zur Rückkehr dar — der eine der letzteren war der Schoouer Indepeudenee ein wirklicher Clipper und der andere, ein größerer, stark gebauter Schooner, Merchant genannt. In diesem besprach ich meine Passage, in Gesellschaft eines jungen Engländers, Namens Creighton, Agenten für das New-Yorker Haus Murray und Söhne. Wir sollten am 18 Ianuar 1808 segeln — unser Gepäck war eingeschifft, aber durch widrige Winde wurden wir bis zum 25 Ianuar aufgehalten, an welchem Tage zugleich verschiedene gute Schiffe, die in der Zwischenzeit angekommen und wieder beladen worden waren, zugleich mit uns in See stachen. Man sollte nie an Ahnungen glauben, und sich diesem Gefühl hinzugeben, habe ich immer für eine große Thorheit gehalten. Daß aber ein dunkles Vorgefühl eines gewissen Unfalls oder einer bevorstehenden Widerwärtigkeit manchmal im Leben in uns aufsteigt, das erfuhr ich in diesem Iahre zwei Mal. In dem Augenblicke, wo ich an Bord des Schooners Merchant ging, erhob sich in mir eine innere Stimme, dte mir sagte, das ich doch wohl Unrecht gethan haben dürfte, mich nicht in dem Clipper Independenee eingeschifft zu haben.

Es war Mittag, als wir unter Segel gingen. Heftige Nordost winde hatten unsere Abfahrt verhindert. Selbst bei diesen nördlichen Stürmen, wenn die See über das auf Felsen stehende hohe Fort: El Morro bricht, ist das Meer diesseits dieser ungeheuren Festung in der Bucht, die den Hafen von Havana bildet, wenig bewegt. Der plötzliche Uebergang in den thurmhohen Wellengang des bekannten Golf-Stromes, „tne (iiilt ti-em, greift selbst Seeleute öfters an, wie das auch in dem britischen Kanal, bei der Ausfahrt aus'Dover, nicht selten der Fall ist. Mein Reisegefährte und ich wurden, als wir kaum das Fort im Rücken hatten, von der Seekrankheit heftig ergriffeu und auf unser Lager geworfen. Gegen Abend war der Wind, der den ganzen Tag südöstlich geweht hatte, wieder nördlich geworden, uns also gerade entgegen. Des anderen Tages war es ein völliger Sturm von Südöst, der uns herumschankelte — mit unserer Seekrankheit war es vorbei, aber theils aus Mangel an Appetit, theils aus Faulheit blieben wir schlummernd auf unseren Matratzen liegen. Nachts gegen eilf Uhr ward ich durch einen furchtbar heftigen Stoß erweckt und beinahe aus meiner Koje geworfen. Das plötzliche Stillstehen des Schiffes und ein noch stärkerer Stoß, der dem ersten unmittelbar folgte, ließen mir gar keinen Zweifel mehr, daß wir auf Klippen geworfen wären. Ich schrie meinen Reisegefährten Creighton und meinen treuen Neger Celestin auf das Verdeck. Ietzt erfolgten drei so heftige Stöße, das ich kauni das Stehen behalten konnte, und in demselben Moment legte sich das Schiff auf die Seite , Lt-amenö). „Wo ist der Kapitain?" fragte ich den Manu am Ruder. „Er schläft!" war die Antwort. Ich rief in die Kajüte, in die das Wasser schon stürzte: „Kapitain Murphy! Kapitain Murphy!" Keine Antwort! „Wo „ist der Steuermann denn?" war meine nächste Frage. „Drüben beim Bugspriet!" (tke loreea8tle) hieß es. Ietzt ergriff ich einen Arm. Es war der Kapitain, der sich gähnend aus der Kajüte heraus wand, und wie ich später erfuhr, den ganzen Abend mit dem Steuermann getrunken hatte. Kaum hatte sich der Kapitain von dem Grade unserer Gefahr überzeugt, als er, noch immer an den Wirkungen seines Rausches laborirend, wie von Sinnen ganz verkehrte Kommando - Wörter ausstieß. Fast fünf Minuten blieben vir in dieser Lage, ehe daß ein Segel gestrichen wurde. Der Schooner legte sich jetzt immer mehr auf die Seite und war halb unter Wasser. Ein Paar Matrosen waren glücklich genug gewesen, in dieser schrecklichen Verwirrung die Art ausfindig zu machen und wir hofften durch das Kappen der Masten das Schiff wieder aufrecht zn bringen; doch die Axt versagte ihre Dienste und der Sturm blies das Licht unserer einzigen Laterne aus. Es war Zeit zur Schaluppe zu greifen, und mittelst großer Anstrengung gelaug es uns, sie von den Tauen zu lösen, wodurch sie an das Deck befestigt war und sie auszuwerfen. Das beständige Krachen unseres Fahrzeuges ließ uns befürchten, daß es in Stücken gehen würde. Wie es uns gelang ein Fäßchen Schiffszwieback, den Kompaß und des Kapitains Quadranten in die Schaluppe (tl,e lonZ bcit) zu bringen, ist mir noch jetzt unbegreiflich. Vier Matrosen sprangen in die Schaluppe und bemühten sich mit ihren Hüten das über die Klippen mit großer Gewalt hereinbrechende Wasser auszuwerfen. Mein Neger hatte sich mit großer Mühe in die Kajüte, die halb

unter Wasser war, hineingearbeitet, und der Himmel weiß wie? meine Chenille (denn wie die meisten war ich in bloßem Hemde) meine Uhr und meinen Schreibkasten ergriffen, in welchem ich, wie er sehr wohl wußte^ Papiere von großer Wichtigkeit hatte. Oeffnen konnte ich den Sekretair nicht, denn wo war der Schlüssel? Ich warf ihn also in die Schaluppe, wohin auch mein Reisegefährte den seinigen zu bringen gewußt hatte, und er ergriff eben ein hängendes Tauwerk, um ihm nachzuspringen, als plötzlich der Strick, der das Schiff an unser Wrack befestigt hielt, brach und das Boot mit den darin befindlichen vier Matrosen von uns gerissen ward. Cin Paar Minuten darauf hörten wir noch die Worte: „>Ve i-e Zrouncl! We 8nall penkl" und dann var das Toben des Sturmes und das Brausen der See die einzigen Laute, die wir vernehmen konnten. Noch hing das Iollyboot am Penterbalken Mer dem Ruder). Das konnte uns retten! Schnell ward es heruntergelassen, doch eben so schnell zerschlug es die Macht der Wellen in mehrere Stücke, gegen das Steuerruder. Nun blieb uns nur noch ein Rettungsmittel übrig — ein Floß zu macheu. So schwer auch die Aufgabe war, so gelang es uns doch ein Paar Raaen und Ruder zusammen zu bringen und einige Taue darum zu schlagen, als auf einmal der Vormast sich krachend zersplitterte und im Fallen über Bord das eben angefangene Werk mit sich fort riß. Das Schiff sank nun immer tiefer und zwar in der Richtung, daß die Steuerbord-Seite perpendikulär über die Backbord-Seite zu stehen kam. Wenig mehr wie das eiserne Geländer des Halbverdecks (Oui-ter6eoK) ragte, nebst dem Hauptmast aus dem fürchterlichen Wellenbruche hervor. In dieser hülflosen Lage blieb uns gar nichts zu thun übrig, als uns an das eiserne Geländer, an das wir uns bisher festgehalten hatten, völlig festzubinden, und unser Schicksal mit Resignation zu erwarten. Daß uns ein nasser Tod, und dieser nur entgegenblickte, läßt sich leicht begreifen. An Rettung denken zu wollen, wäre baarer Unsinn gewesen. Und doch, wie vernehmlich ließ sich, in mir wenigstens, der Hoffnung tröstende Stimme hören! Freilich kaum Sekunden lang, aber — welche Sekunden! So etwas trotzt allen Versuchen einer Beschreibung! Mein Reisegefährte, der Trunkenbold Murphy und selbst die meisten Matrosen schienen unter der Last ihres Schicksals zu erliegen. Auch mir erging es im Ganzen nicht besser. Doch wenn ich Alles zusammenrechne, so kann ich mir meine bessere Fassung nur mittelst der Idee (die gar nicht aus meinem Kopfe wollte) erklären, das wir uns retten würden. Die Brandung stürzte immer während über uns her, und von Minute zu Minute erwarteten wir, vom Geländer herabgerissen und in die bodenlose Tiefe geschleudert zu werden. Vier Stunden lang hatten wir auf dem Geländer schon gehangen, als der Sturm sich etwas legte und wir auf einmal die Stimme eines der in die Schaluppe gesprungenen Matrosen erkannten. Bald darauf vernahmen wir auch die Stimmen der zwei andern. Ein Strahl der Hoffnung belebte unsere halb erstorbenen Lebensgeister. Gewisser schien uns nichts, als daß die vier Kerle mit der Schaluppe zu unserer Rettung zurückkämen, aber leider war dies nicht der Fall. Die Schaluppe hatte sich nicht lange gegen die fürchterliche Brandung erhalten können und war mit einem der Matrosen, einem Neger, der nicht schwimmen konnte, gesunken. Die anderen drei hatten sich theils durch Schwimmen, theils auch durch das Festhalten an einzelne hervorragende Klippenstücke gerettet, bis sie den Vormast ergriffen und sich durch diesen und das abgerissene Tauwerk auf unserem Verdeck einen kümmerlichen Zufluchtsort erarbeiten können. Da hingen nun eilf Menschen an einem morschen Geländer, unter einer Wellenmasse begraben und sahen jede Sekunde ihrem Ende entgegen. Ietzt wahrlich war wenig mehr zu hoffen, und die wenigen Augenblicke die wir unserer Betäubung entwenden konnten, waren trüben Reflexionen gewidmet. Dann und wann blickte einmal ein Stern durch die schwarzen Wolken und wie gerne erblickten wir nicht in ihm den Vorboten des Morgens! Aber auch wie oft wurden wir getäuscht! Um sieben Uhr endlich, nachdem wir achtehalb Stunden auf dem Geländer gehangen hatten, verzogen sich die Sturmwolken und auf eine Entfernung von neun Seemeilen (tnree lezue) zeigte sich ein schmaler schwarzer

Band !. A

Streifen am äußersten Horizont, den wir augenblicklich für Land erkannten. Ein unnennbares, wohlthätiges Gefühl verbreitete sich über uns, doch der unmittelbar darauf folgende Gedanke an die Unmöglichkeit das Land erreichen zu können, machte es uns theuer bezahlen. Dabei brach die schäumende Brandung immer über uns her, und obgleich der Wind sich mäßigte, so blieb das Meer doch in fortdauernder Sturmbewegung. Es mochte wohl acht Uhr Morgens sein, als wir auf einmal ein Segel im GolfStrom erblickten. Es schien sich uns zu nähern, bis wir deutlich die Brigantine erkennen konnten, in deren Gesellschaft wir Hauana verlassen hatten. Man denke sich unsere Empfindungen, als sie näher und immer näher kam, und nun auf einmal herumlavirte und sich in wenigen Minuten wieder ganz aus unserem Gesichte entfernte. Daß unser Schooner nicht schon längst in Stücken gegangen war, daß das morsche Geländer noch immer die schwere Last von zwölf Körpern hielt, waren Wunder, auf deren Fortdauer wir nicht rechnen konnten. Wir beschlossen einen zweiten Versuch zu einem Floß zu machen, und brachten es etwa in anderthalb Stunden wirklich zu Stande. Es bestand aus neun kleinen Stücken, nämlich dem sogenannten tore^N', d. i. der Gaffel des Gaffelfocks, zwei Raaen und sechs größeren oder kleineren Rudern, wie die anliegende Figur zeigt:

No. I. 2, 2 ein ßühnerkasten, wo der Capitain, Mr, Creigh on und ich angebunden waren,

No. 4: Platz, wo mein Neger sich festgebunden hatte.

No. 5: Platz, wo der Matrose Jack mit ausgespreizten Beinen stand,

No. 6, 7, 8, 9, lo, II- Plätze, wo die Matrosen sich größtentheils stehend erhielten.

Es war sichtbarlich ein ärmliches, gebrechliches Ding, das eilf Menschen zu tragen hatte. Mehr Holz konnten wir nicht erwischen — die über uns stürzende See verhinderte uns dies Floß gehörig zu vollenden. Es war locker zusammen geheftet, und sank, als wir uns darauf begaben, sogleich über zwei Fuß. Wir banden uns meistens an unsere Sitze fest, denn die schwankende Bewegung und die Macht der uns beständig hebenden und plötzlich wieder sinkenden Wellen hätte uns unfehlbar weggespült. Es war zehn Uhr Morgens, als wir unser Wrack verließen. Der Wind blies glücklicher Weise gerade auf das Land, sonst wäre uns alle Möglichkeit an die Erreichung desselben genommen gewesen. Keine Minute lang blieb unser Floß in einer horizontalen Richtung. Bald sank es rechts, balb links — dann und wann bedeckte uns die hohe See ganz und gar, und wir bereiteten uns oft genug mit einem stillen: Ietzt! jetzt! auf usere letzten Au, genbll'cke. Steuern konnten wir das Floß nicht. Wir gingen, wie Wind und Wellen uns trieben. Nur der Matrose, der an der Spitze No. 5 stand, konnte ihnen etwas nachhelfen. Er hatte eine wollene Decke ergriffen und breitete sie zwischen seinen Armen aus, um den Wind aufzufangen, indem er eine Bemerkung aussprach, die mich lächeln machte. „Mi — sagte er — „i tne ytirt ali ttit nant no reell" (Dies ist das erste Segel, das nicht gereeft zu werden braucht.^ Kaum spürbar war der Nutzen, den uns dies leistete, und daß wir Nachmittags vier Uhr erst halben Weges zwischen dem Lande und unserem Wrack waren, mag als Beweis der Langsamkeit unserer Bewegung gelten. Um fünf Uhr sahen wir drei kleine Segel von des Landes äußerster Spitze auf uns zu kommen. Die Entfernung, in der sie von uns waren, benahm uns jede Möglichkeit uns ihnen zu erkennen zu geben, nnd wenn wir ihnen zuschrieen, so war es eher aus Verzweiflung als aus einer anderen Ursache. Mit der größten Gefahr lösten wir das Ruder No. 8, hefteten den roten Halstuch eines Matrosen daran, und hielten es hoch empor, doch half es uns nicht besser als unser Geschrei. Wir wurden weder gehört noch gesehen. Um diese Zeit war unser Floß fast drei Fuß unter Wasser. Das Meer war indessen viel ruhiger geworden und ob wir gleich bis an die Brust unter Wasser waren, so wurden unsere Köpfe doch nicht mehr so häufig gewaschen. Bei Sonnenuntergang — es mochte wohl sechs Uhr sein — berechneten wir, daß wir noch viertehalb Meilen (See-Meilen) vom Lande wären. Wir hielten es für Ost-Florida, vor dem ein kleines Inselchen lag. Die Fluth kam uns setzt völlig entgegen, auch sprang der Wind jetzt wieder gerade vom Lande auf. Wir alle erwarteten wieder in die See hinausgetrieben zu werden und sagten mit schwerem Herzen der untergehenden Sonne ein ewiges Lebewohl. Die kleinen Segel, die wir um fünf Uhr erblickt hatten, schienen unserem verlassenen Wrack, das wir durch den aus dem Wasser emporragenden Mast so eben noch erkennen konnten, näher gekommen zu sein und Anker geworfen zu haben. Ietzt war es in der That schwer, an dem Glauben: Alles zum Besten immer noch festzuhalten. Die wieder sich erhebende Fluth vereitelte jeden Versuch, unser Floß durch das aufgelöste Ruder zu steuern, und die wollene Decke war von keinem Nutzen mehr, da der Wind uns von dem Lande zurückblies. Die Nacht fiel ein — einige unserer Leute hatten einen Krampf in den Gliedern, andere waren durch ihre gefahrvolle Anstrengung erfordernde Stellung auf dem Floß ganz erschöpft. l?s ist wahrlich unmöglich sich einen richtigen Begriff von unserer Lage zu machen. Eine Stunde später mochten wir wohl drei Flintenschüsse weit von der kleinen Insel entfernt sein, die wie wir späterhin erfuhren, sich Key Tavernier nannte. Hier erblickten wir in der Dämmerung ein Wrack, wie es uns schien eine ehemalige Brigantine und eine große Schaluppe (loop), beide vor Anker, aber ohne eine mensch

liche Seele darauf. Die Insel schien unbewohntes Land zu sein. Wir machten verschiedene Versuche es zu erreichen. Sie waren aber alle fruchtlos, denn die Fluth trieb uns immer wieder zurück, und zuletzt längs dem Lande hinunter, das wir anfangs für die Küste von Florida gehalten hatten, das sich aber als eine andere Insel, Key Largo genannt, auswies. Glücklicherweise drehte sich die westliche Spitze dieser größeren Insel, je näher wir ihr kamen, südlich, fast Viertelmond-artig, herum und fing in eine Art von Bucht die Fluth auf, so das wir um 10 Uhr Abends dem Lande ziemlich nahe waren. Wir sondirten mit dem Ruder und fanden die Tiefe des Meeres nicht über vier Fuß. Ietzt verließ der Matrose No. 5, Iack war sein Name, seinen Platz und sprang in's Meer, ein anderer, ein Deutscher von Geburt, folgte ihm, und diese beiden Kerle, die die stärksten, folglich ani wenigsten entkräftet waren, zogen unser morsches Floß an das Ufer, welches wir, der Vorsehung sei Dank, etwas nach eilf Uhr endlich glücklich erreichten. Einige der Matrosen, mein treuer Celestin, mein Neger, waren so entkräftet, daß sie das Floß nicht verlassen konnten, und einer nach dem andern an das Ufer getragen werden mußten. Der Steuermann und ein paar Matrosen erreichten es kaum, als sie wie leblos niederfielen. Mein Neger ergriff meine Hand, küßte sie, und indem er noch eben die Worte: „ati mun maltre! 8i ^e vou

sanken wir ermattet darauf nieder. Wir lagen alle in einem Haufen und versuchten uns gegenseitig zu erwärmen — meinen Neger hatte ich festgehalten, und brachte ihn in einem Paar Stunden zur Besinnung zurück. Während der Nacht wurden wir auf eine andere Manier erfrischt. Einige regenschwangere Wolken entledigten sich ihrer Bürde auf uns und hätten uns eine angenehme Kühle verschafft, wenn wir ihrer bedurft hätten. Kaum ging die Sonne auf, so entdeckten wir zu unserer unaussprechlichen Freude drei kleine Fahrzeuge (WrecKei-boat) vor Anker zwischen Key Largo und Key Taveruier. Die Entfernung war groß, doch unerreichbar schienen uns diese Fahrzeuge nicht zu sein. Noch eine Prüfung stand uns bevor. Eben rafften wir uns auf, um längs dem Ufer diesen Böten einigermaßen entgegen zu gehen, als sie auf einmal die Anker lichteten und in See gingen. Zwei kamen eine Stunde darauf wieder zurück und legten sich neben den Sloop, den wir Abends zuvor erblickt hatten. Ietzt beschlossen wir keine Zeit zu verlieren und immer fortzugehen, bis wir diesen Fahrzeugen gegenüber gelangen konnten, von wo aus wir ihnen zuzurufen gedachten. Wir fingen unsere Wanderung an, waren aber durch Hunger, besonders aber durch Durst und die vielen Strapazen so erschöpft, daß wir uns alle fünf Minuten ausruhen mußten. Einigen von uns waren die Beine geschwollen, ich selbst, wie die meisten barfuß. Wir befanden uns ohne alle Nahrung, hatten nur zwei Bouteillen Wein als Stärkungsmittel für eilf Personen gerettet, und keinen trockenen Fleck am Leibe. Herr Creighton und ich waren schlimmer daran, wie die Uebrigen, es war am vierten Tage, seitdem wir einige Nahrung genossen, und unsere Wanderung von drei Meilen dem Ufer entlang trug nicht wenig zu unserer größeren Erschöpfung bei. Ietzt befanden wir uns endlich den Wreckerböten gegenüber. Auf dem Ufer lag ein zehn Fuß langes Rohr. An dieses befestigten wir ein rothflanellenes Matrosenhemd, und pflanzten es auf in der Hoffnung, daß uns die Leute am Bord jener Fahrzeuge erblicken und zu unserer Rettung eilen würden. Wir konnten sie ja deutlich er, kennen — den Rauch auf den Verdecken wahrnehmen! — sicher mußten sie uns bemerken, unser Geschrei hören! Und doch schienen sie sich gar nicht um uns zu bekümmern, noch auf unser wiederholtes Zurufen zu achten. Drei unserer Unglückskameraden hatten die wüste Insel in allen Richtungen durchkreuzt, um frisches Wasser und einige Bananes aufzusuchen. Sie fanden weder das eine noch die andern, und kamen trostlos zu uns Trostlosen zurück. Der Hunger wüthete in unseren Eingeweiden, und die Furcht vor einem Hungertode stieg in dem Grade, daß unser Appetit sich mehrte, denn unsere außerordentliche Kraftlosigkeit hatte jedes andere Gefühl in uns erstorben. Wir alle fühlten, daß es eine physische Unmöglichkeit sein würde, noch einen Tag auf diese Weise zu verleben. Es mochte gegen zwei Uhr Nachmittags sein, als Herr Creighton und ich einem Matrosen funfzig Thaler und einen neuen Anzug boten, wenn er nach einem der beiden Fahrzeuge hinschwimmen und den Leuten an Bord Kunde von unserem Dasein bringen wollte, und Iack, derselbe, der Tags zuvor die wollene Decke fast zehn Stunden lang zwischen seinen Armen ausgebreitet gehalten hatte, unternahm das große Wagstück. Die Entferung war nicht völlig drei Seemeilen. Ich brauche kaum die Sehnsucht zu beschreiben, mit welcher ihm unsere Augen folgten. Wir verzweifelten an einem glücklichen Erfolg, je weiter er sich von uns entfernte, denn wir bemerkten, daß die Fluth ihn immer zurücktrieb und daß er ermüdet zu sein schien. Sein Kopf über dem Wasser war kaum mehr sichtbar — nur dann und wann ein kleiner schwarzer Punkt, der auf der Oberfläche des Wassers herumzutreiben schien. Ietzt war auch dieser plötzlich verschwunden. Armer Iack! — dachten wir — du host es überstanden! Doch sieh! Da war Iack am Bord der Sloop" und schrie den Leuten auf den Fahrzeugen zu. Ietzt sahen wir, daß zwei Mann mit eiim kleinen Boote ihm entgegen kamen, ihn nach ihrem Fahrzeuge brachten, und dann, daß sie auf uns znruderten. Was wir alle empfanden, wird auch die geübteste Ftder nicht beschreiben können, nnd fühlen kann es nur der, der je in einer ähnlichen Lage gewese ist. Das Boot, so klein es weu, nah uns alle auf unb brachte uns zu einem der beiden Fahrzeuge, etwa achtzehn Tonnen groß, wo wir sogleich etwas Nahrung bekamen. Es war, wie gesagt, ein Wreckerboot, in New-Providenee, (— eine der Englischen Bahama-Inseln —) zu Hause gehörig, mit vier Leuten bemannt, die sich hier längs der Floridakuste aufhalten, um Schildkröten zu fangen, und zum Theil davon, theils von geborgenem Proviant der hier von Zeit zu Zeit gestrandeten Schiffe leben. Es sind Englische Westindier. Der Schiffer, dem das Fahrzeug zugehörte, gestand, daß er uns den ganzen Morgen recht wohl am Ufer gesehen hätte, daß er aber in der Ueberzeugung, wir wären schiffbrüchige Spanier, die nach der Rettung gewaltsame Hand auf sein Fahrzeug legen und nach Cuba führen würden, wie das unlängst einigen ihrer Kameraden widerfahren wäre, sicherlich taub bei unserem Geschrei geblieben sein würde, wenn ihm Iack's Ankunft keine bessere Meinung von uns beigebracht hätte. Die Klippen, auf welchen unser Schooner gescheitert war, hießen: „Oi^toi-t Neek" - wo im Iahre 1774 die Englische Fregatte Carysford mit Mann und Maus untergegangen war.

Der übrige Theil dieser Begebenheit ist bald erzählt. Wir vertheilten uns auf drei Fahrzeuge, und nachdem wir der widrigen Winde wegen sechs Tage längs der Floridanischen Küste und zwischen den kleinen Inseln gekreuzt und Schildkröten gefangen hatten, gingen wir nach Nassau, dem Hafen von New-Providenee ab, wo wir am 6 Februar, dem eilften Tage nach unserem Schiffbruch, ankamen, und ich selbst barfuß und mit einem aus Segeltuch von unseren Rettern verfertigten Paar Hosen an das Land stieg. Der Solieitor General, ein Mr. Armstrong, der sich meines Namens erinnerte, da ein von New-Orleans nach Liverpool bestimmtes Schiff, an dessen Bord ich 30,000 Piaster nach England gesandt hatte, in New-Providenee aufgehalten und untersucht worden war, und der überdies von England her früher schon die Familie Creighton gekannt hatte, versah uns mit Geld. Wir mußten vierzehn Tage auf eine Schiffsgelegenheit nach den Vereinigten Staaten warten, das dort gelegte Embargo hatte die Communieationen mit Westindien unterbrochen. Endlich am 2 Februar schifften wir uns nach Charlestou ein, wohin uns ein günstiger Wind in vier Tagen brachte. Wir hatten Iack mitgenommen, mit seiner neuen Garderobe versehen, und ihm die versprochenen funfzig Thaler gegeben. Ehe wir die Küsten von Florida verließen, hatten wir den durch widrige Winde erzeugten Aufschub einiger Tage benutzt, um uns unter den Klippen nach einigen unserer Effekten umzusehen. Wir entdeckten die Schaluppe, in ihr den Leichnam des einzigen ertrunkenen Matrosen, der, an einem der Sitze festgebunden, dort den Tod gefunden und auf einem Sacke mit 600 Thalern das Leben ausgehaucht hatte. Auch wurden aus den Ueberbleibseln des Schooners Merchant 20 Fässer Caffee, 40 Kisten Zucker und etwa 1600 Thaler Silber geborgen, gleichfalls mein Reisekoffer, der aber bis auf einige Hemden und meinem Kopierbuche, ganz ausgewaschen war. Mein Schreibkasten mit 2000 Thalern Silber war unwiederbringlich verloren. Von Charleston begaben sich mein Reisegefährte und ich über Land nach Philadelphia, das wir am l l März erreichten.

Achtes Kapitel

Das Embargo der Vereinigten Staaten im Iahre 1808.

Unterbrechnng der Commumeationen mit Mexieo — die erste und wichtigste Ursache, welche auf die unabhängige Stellung Parish's einwirkte und die Quelle seiner ersten Verlegenheit ward, — der Ankauf bedeutender Ländereien auf dem St. Lawrenee-Flusse, eine der nächsten. Geschichte dieses Ankaufs. Gouverneur Morris und Le Ray de Chaumont, die Urheber der Verblendung Parish's und die ersten Verkäufer dieser wenig brauchbaren Territorial-Besitzung. Parish erhält vom Staatsschatz-Sekre tair Gallatin die Erlaubnis,, trotz des Embargo's, Schiffe in Ballast zu pediren und Silberthaler aus Merieo zu holen. Benutzung dieser Gunst durch John Jaeob Astor in New-York. Zur Geschichte dieses Mannes. Stephen Girard in Philadelphia. G i ra r d's Geschichte und Entstehen. Bruch meines rechten Beines in Wilmington. Benutzung der daraus geflossenen Muße zum Entwurf des ersten Bilanzes der großen Operation.

Bei meiner Ankunft fand ich David Parish in großen Tribulationen. Das von dem Congreß der Vereinigten Staaten zu Anfang des Iahres plötzlich gelegte Embargo, eine Maßregel, welche allen Verkehr mit Großbritannien einstweilen zu hemmen bestimmt war, bis man sich mit dieser Macht über mehrere streitige Fragen, das Durchsuchungs-Recht und die Wegnahme Englischer Matrosen aus Amerikanischen Schiffen u. s. w. verständigt haben würde — war ganz dazu geeignet, bedeutende Verlegenheiten in dem Fortgang unserer Geschäfte zu erzeugen. Es lagen in Mexieo und in Veraeruz noch bedeutende Summen, und das Abgehen der Clippers, um sie abzuholen, war dadurch unmöglich gemacht worden. Zweitens lagen in New-Aork, in Philadelphia und in Baltimore große Waaren-Vorräthe, die nach Europa zu gehen bestimmt waren, auf welche Parish Vorschüsse zu einem großen Belauf gemacht hatte. Die ganze Maschine war in Stockung gebracht, der regelmäßige Gang derselben folglich unterbrochen, und von.Seiten der Herren Hope und Compagnie hatten sich einige Spuren von Ungeduld wegen verzögerter Rimessen blicken lassen. Zu dieser Verzögerung hatten, wenn sie auch nicht die unmittelbare Ursache derselben wurden, einige Umstände mitgewirkt, welche nur einer von Parish für gut befundenen Abweichung von der regelmäßigen Bahn des ihm anvertrauten Geschäfts zugeschrieben werden konnten und eine baare Cassen-Auslage von mehr als drei Vierteln einer Million (8lX1,(XX) Dollars oder etwa ^,200,(XX Franken) nach sich gezogen hatten. Von diesen in Europa unvorhergesehenen und unberechneten Umständen sei es mir erlaubt, nur einen, den wichtigsten zu erwähnen, weil er meine Leser über dm Ursprung eines, jetzt das Eigenthum der Familie Parish gewordenen, kolossalen, an der nordwestlichen Grenze des Staates New-York belegenen, und vom Strome St. Lawrenee bespülten Länder-Besitzes, so wie dessen Umfang einigermaßen belehren wird. Zu den älteren Freunden der Familie Parish, am Anfang dieses Iahrhunderts, gehörte der so bekannt gewordene Nord-Amerikanische Gesandte am Hofe von Versailles, Herr Gouverneur Morris, ein heller Kopf und talentvoller Mann, der auch Hamburg besucht und einige Zeit mit dem Herrn Iohn Parish, damaligen dortigen Eonsul der Vereinigten Staaten, verkehrt hatte. Er war nach seinem Vaterlande zurückgekehrt und lebte im Staate von New-York auf seinem Gute, Morrisonia genannt, mn EastRiver, funfzehn Meilen von New-York. Von dort besuchte er David Parish, auf seine Einladung, im Frühjahre 1807, in Philadelphia, und wohnte ein Paar Wochen bei ihm. Bei dieser Gelegenheit gelang es ihm, von seinem Wirth dreißigtausend Dollars gegen Hypothek auf seine Besitzungen am St. LawreneeFlusse zu erhalten. Einige Monate darauf, nach seiner Rückkehr zu Morrisonia schrieb Herr Gouverneur Morris eiue Broschüre über den jetzigen Werth des Grund-Eigenthums an der nordwestlichen Grenze des Staates New-York, und die progressive, in Aussicht stehende Werth-Vermehrung desselben, und dedieirte diese Ergießung seiner Feder seinem Freunde David Parish. Zu gleicher Zeit erhielt dieser seine Einladung, die kostbaren Ländereien im Spätjahr desselben Iahres zusammen zu besuchen. Dies geschah auch. Bald darauf besuchte Gouverneur Morris abermals seinen Freund Parish in Philadelphia, wo dann der erstere die gegebene Hypothek durch den Verkauf der ganzen Besitzung zu ungefähr 2 Dollars per Acker einlöste, und Parish einige 20,000 Dollars zuzugeben hatte. Im Herbste 1808 besuchte Parish abermals die Ufer des St. Lawrenee, kaufte dem dort seit Iahreu angesiedelten Franzosen Le Ray de Chaumont ungefähr hundert tausend Acker zu dem durchschnittlichen Preise von 2 Dollars per Acker ab, und außerdem von einer der Verzweigungen der Familie Ogden, und ihrem Repräsentanten David B. Ogden, einem der ersten Rechtsgelehrten in New-York, den ganzeu Flecken Ogdensburg, — jetzt der Sitz des Herrn George Parish (dem zweiten Sohne des in Niensteden lebenden Herrn Richard Parish) —/ür ungefähr neuntausend Thaler ab. Sodann beschäftigte sich der neue Eigenthümer sogleich damit, von Spanien 3000 Merinoschafe zu importiren, um einen großen Theil der Lokalität zu benutzen, von der es so ziemlich allgemein bekannt war, daß sie im höchsten Grade unproductiv, unfruchtbar und meistens aus steinichtem oder Felsenboden bestand, aber wie der Herr Le Ray de Chaumont und Consorten Parish auseinandergesetzt hatten, gerade die Abwechselungen des Spanischen Terrains wiederholte, wo die Merinoschafe die vollkommenste Wolle abgeben. Parish war von dieser Idee so ergriffen, daß er, als wir bei einer zusammen gemachten kurzen Tour auf dem Wege von Baltimore, um ein Paar Pferde zu kaufen, einer steinichten Strecke vorbeifuhren und Merinoschafe hernmspringen sahen, mir ganz erfreut zurief: Seheu S^ einmal, Nolte, wie das herumspringt! Das wird herrliche Wolle geben! Ich schreibe diese Erzählung nach vier und vierzig Iahren grüßtentheils als eine Reminiseenz meines Gedächtnisses nieder, und kann folglich, in soweit es die Genauigkeit der Zahlen betrifft, dieselbe nicht durchaus verbürgen; aber was ich verbürgen kann, ist dies, daß die ganze, von Parish für diesen Zweck gemachte Auslage sich bis zum Frühjahr 1809 auf 363,000 Dollars belief. Davon wird der Leser den Beweis in den nachfolgenden Blättern finden.

Von den beiden anderen Ursachen des von Parish's augenblicklich empfundenen Geldmangels in der Mitte seines in Amsterdam mit vollem Rechte vorausgesetzten Ueberflusses, berühre ich in wenigen Worten, nur die eine, welche die Folge der fallirenden Lage des Hauses von Guest und Banker, Importeurs in Philadelphia, war. Parish hatte ihre Aeeepte bis zum Belauf von 70,000 Dollars diskontirt und en porte leuiüe; und da die Combination, die gemacht wurde, um dies Kapital zu retten, nicht wesentlich zur besseren Beleuchtung der damaligen Sachlage gehört, so unterdrücke ich sie hier, jedoch nicht, ohne mir die Bemerkung zu erlauben, daß sie nur einen Beweis mehr von der elastischen Natur kaufmännischer Gewissen im Allgemeinen, und von den Ressoureeu eines tief berechnenden Geistes — „li-uitlul in „expeclienl" - liefert, aber vor dem Tribunale strenger Moralität schwerlich eine unbedingte Absolution erhalten möchte.

Wenn man zu der oben erwähnten Summe von 800,000 Dollars die Vorschüsse auf Colonial-Waaren, welche zur Verschiffung nach Europa bestimmt waren, und auf anderthalb Millionen Dollars belaufen mogten, des ssmbargo's wegen aber aufgespeichert bleiben mußten, rechnen will, so läßt es sich leicht begreifen, daß die unterbrochene Regelmäßigkeit des ganzen Geschäftes eine fühlbare Lücke und peinliche Wirkung erzeugen mußte. Die Herren Hope und Compagnie rechneten auf bedeutende Rimessen, auf einmal wurden ihnen Tratten von David Parish für einen beträchtlichen Belauf vorgezeigt, wodurch derselbe bei seiner Cassen-lFrschöpfung sich Luft gemacht hatte. Der Protest bezeichnete die Ursache der verweigerten Annahme durch die Worte: Wegen Mangel an Bericht. Die Wechsel wurden bezahlt. Als ich funfzehn Monate später mit Herrn P. C. Labouchere dieses

Funfzig Jahre in beiden Hemisphären

Vorfalls, mit dem Bedauern erwähnte, daß er Parish's Stellung zu prä'judieiren geeignet gewesen sei, so erwiederte er mir: Ich wollte Parish nur daran erinnern, daß er nicht unbedingter Herr sei, um über unsere Easfa nach Gutdünken zu verfügen, sondern nichts mehr als bloßer Theilnehmer eines gewissen Geschäfts, unter gewissen wohl einverstandenen Bedindungen. Bezahlen wollten wir die Wechsel jedenfalls.

Das Embargo machte sich doppelt fühlbar, nicht allein durch die Unmöglichkeit der Verschiffung der ungeheuren Waaren-Vorräthe, auf welche Parish Vorschüsse gemacht hatte, und die er unter Schloß und Riegel hielt, sondern auch durch die nicht minder vereitelte Möglichkeit, die schnell segelnden Schooners nach Vera cruz zu expediren, um die dortigen Baarsummen abzuholen. Diesem Uebel aber verstand Parish abzuhelfen. Er begab sich nach Washington, suchte den damaligen, durch seine Intelligenz und seine Erfahrung so ausgezeichneten Schatzkammersekretair Albert Gallatin auf, und überzeugte ihn, daß wenn die Politik der Regierung es erfordere, die Erportation Amerikanischer Produkte durch das Embargo zu verhindern, es doch unmöglich eine weise Politik sein könne, den Vereinigten Staaten die Mittel zu benehmen, die vom Auslande verschuldeten Summen in Silber zu Hause zu bringen, und daß es in dieser Hinsicht und zu diesem Zwecke eine weise Maßregel sein dürfte, die Abfahrt der Schiffe in Ballast zu erlauben. Der Finaüzsekretair sah dies wohl ein, und gab unter seiner Verantwortlichkeit den Direktoren s^ollectoi-) der verschiedenen Zollhäuser der Atlantischen Häfen die Autorität, die Expedition solcher Fahrzeuge zu gestatten. Demnach gelangten die von Merieo erwarteten rückständigen Summen wieder an, und gegen Ende des Sommers verließ auch Villanueva, der ebenfalls seine Mission vollendet hatte,, seinen bisherigen Wohnsitz Veraeruz und nahm unter seinem wahren Namen Lestapis einstweilen eine Sommerwohnung in Germantown, fünf Meilen von Philadelphia.

Das Argument, dessen Parish sich gegen den Herrn Gallatin bedient hatte, um für Schiffe in Ballast zur Einholung rückstän. diger Geldsummen die Erlaubniß der Abfahrt erhalten zu könnm, hatte Anklang in den Ohren eines Mannes gefunden, der sich von der großen Masse deutscher Einwanderer, durch seine bedeutenden Erfolge, seinen spekulativen Geist und seine großen Reichthümer ausgezeichnet und eine gewisse Celebrität erworben hatte. Dieser Mann hieß Iohn Iakob Astor, der Begründer der Amerikanischen Colonie Astoria, an den nördlichen Ufern des stillen Meeres, welche Washington Irving auf eine so malerische Weise beschrieben hat. Er war bekanntlich aus Heidelberg gebürtig — die Familie soll Aschthor geheißen haben — und in New-York als Kürschnergeselle angekommen. Seine ersten Ersparnisse, d. h. den Lohn, den er in einer Remchwaarenhandlung für das Ausklopfen der Vä'ren-, Hirsch- und anderer Felle erworben, hatte er in allerlei Rauchwerk, Hirsch- und KaninchenFellen ausgelegt, die er den damals noch in den Straßen von New-York herumirrenden Indianern abkaufte, und sobald er eine gewisse Quantität zusammengehäuft hatte, nach Europa und namentlich nach der Leipziger Messe hinbrachte. Hier tauschte er Nürnberger Waare, wohlfeile Messer, Glaskorallen und andere für den Indianischen Handel an der Canadischen Grenze brauchbare Artikel ein, und brachte sie selbst dorthin, wo er sie abermals gegen neue Felle und Pelzwaaren einwechseln konnte. Diesen Tausch setzte er, wie er mir selbst erzählt hat, zwölf Iahre lang unverdrossen fort, selbst nach der Canadischen Grenze und selbst zur Leipziger Messe gehend, und lebte dabei, wie er es gewohnt gewesen war, spärlich und kümmerlich. Endlich hatte er sich ein bedeut.ndes Kapital erworben, ward allmählig Schiffs-Rheder und rüstete Expeditionen nach der Nordwestküste aus, um in der Nachbarschaft von Nootka Sund Pelzwerke einzutauschen. Zur Vermehrung seines Vermögens hatte ein anderer Umstand beigetragen. Bei dem Frieden zwischen England und seinen abtrünnigen Provinzen, den dreizehn Vereinigten Staaten, im Iahre 1783, wurden den Deutschen Kriegern im Amerikanischen Heere, größtentheils Hessen und Darmstädtern, vom Congreß mehrere Acker Land im Staate von New-York, selbst in der Nachbarschaft der Stadt

New-Dork bewilligt. Die meisten dieser Soldaten starben im Verlauf der Iahre, ohne daß es ihnen gelungen war, diese einzelnen Besitzungen zu Gelde zu machen; aber ihre in Europa zurückgelassenen Erben und Verwandte vergaßen die kleinen Erbschaften nicht. Bei einem Besuche, den Astor in späteren Iahren in Heidelberg machte, vereinigten sich die meisten dieser dort seßhaften Grundbesitzer, und ernannten ihn zu ihrem Bevollmächtigten, um doch etwas aus ihren unfruchtbaren Grundstücken zu lösen-' Aber die gehoffte Werthvermehrung des Eigenthums machte im Allgemeinen nur langsame Fortschritte und die Erben wollten Geld, Geld, baldiges Geld. Astor, darum angegangen, antwortete jedesmal, daß man, um baar Geld zu haben, nach dem Werthe des Geldes und nicht nach dem eingebildeten Werthe des Eigenthums rechnen müsse, und daß nur mittelst großer Opfer Geld daraus gezogen werden könne. Man berathschlagte sich; endlich ward Astor peremtorisch aufgefordert nicht länger zu zaudern, sondern zu verkaufen. Unbekannte Spekulanten fanden sich ein - der Ertrag war geringe, aber die Erben bekamen was sie gewünscht hatten — Geld. Heut zu Tage gehören mehrere dieser Grundstücke zu den werthvollsten und bedeutendsten der Stadt und sind durch Astor allmählig in andere Hände übergegangen — die unbekannten Spekulanten aber aus jeder Erinnerung verschwunden. Astor, in dem Augenblicke des Embargos, war im Besitz mehrerer Millionen, fo daß er seinem einzigen Sohne, dem in Göttingen wissenschaftlich ausgebildeten William Astor, das in Broadway erbaute und achtmalhunderttausend Dollars kostende, wohlbekannte Pracht-Hotel Astor-House schenken konnte. ,

Die von Parish erhaltene Erlaubniß der Abfahrt von Schiffen in Ballast, um Silber heimbringen zu können, hatte Astor den Gedanken eingeflößt, daß man dieselbe auch Schiffen vergönnen könne, welche Bezahlung der Schulden des Auslandes in Waaren heim zu bringen versuchen möchten. Er begab sich zu dem Ende nach Washington, und erhielt auch, unter dem Vorwande, daß er ein bedeutendes Theelager in Canton besitze, die gesuchte Erlaubniß, ein Schiff in Ballast dahin absenden zu können. Astor hatte in Wahrheit gar kein Theelager in Canton, es kam also darauf an, Geld zum Ankauf, dem allgemeinen Gebrauche gemäß, hinzuschicken. Die Ausnahme, deren Parish sich hinsichtlich der nach Veraeruz bestimmten Schooners in Ballast zu erfreuen gehabt, und die hin und wieder auch auf andere Schiffe ausgedehnt wurde, welche nicht Gold- und Silber-Valuten, sondern Waaren für Amerikanische Rechnung heim zu bringen hatten, bewies hinlänglich, daß man unter gewissen Umständen diese Vergünstigung des Auslaufens nur Schiffen in Ballast zu einem bestimmten Zweck zuzustehen geneigt war. Hier aber kam es darauf an, zu bestimmen, ob unbeladene Schiffe, die aber Silbervaluten mitnahmen, als Schiffe in Ballast angesehen werden könnten. Edle Metalle werden in den meisten, aber nicht in allen Ländern als Waaren angesehen. Die Entscheidung der Frage, ob überhaupt die Ausfuhr von Silber-Valuten mit sonst unbeladenen Schiffen hiervon abhängen solle oder nicht, zur Sprache zu bringen, war eben nicht rathsam. Die Frage war, ob es einem auswärtigen Gläubiger Amerikanischer Kaufleute, der die ihm schuldigen Summen einzukassiren gekommen wäre, unter den bestehenden Umständen erlaubt werden dürfe, den wirklich einkassirten Theil mit nach Hause zu nehmen. Man schien in Washington geneigt zu sein, dies zuzugeben. Nun war es in den nordischen Häfen der Vereinigten Staaten wohlbekannt, daß die ersten unter den eingeborenen Chinesischen Kaufleuten Canton's nie angestanden hatten, ihren regelmäßigen, Iahr aus, Iahr ein wiederkehrenden Correspondenten aus den Vereinigten Staaten gewisse Credite zuzugestehen, die sich nicht selten auf bedeutende Summen beliefen. Hierauf baute Astor seinen Plan. Er suchte sich unter den Laskaren (— Chinesische Matrosen —) der kürzlich von China angekommenen Schiffe ein Subjekt aus, und nahm es als Mandarin gekleidet, mit nach Washington, wo es die Rolle des Chinesischen Gläubigers zu spielen hatte und Hong-Qua oder Kina-Holu getauft ward. Niemand ließ es sich einfallen die Identität desselben zu bezweifeln. Astor drang mit seinem Plane durch. Die ausgesandten 2lX1,lX1(1 Dollars wurden zu Canton in Thee und anderen Chinesischen

Bond >, ll)

Waaren angelegt, und gelangten, ein Iahr später, in dieser Gestalt wieder in die Hände ihres Eigenthümers, der sie mit seltenem Vortheil zu Gelde machte. Ein Kunstgriff war gelungen, dessen Moralität in den Vereinigten Staaten von Niemandem bezweifelt ward.

Astor hat ein Vermögen von zwölf Millionen Spanischer Thaler größtentheils seinem einzigen Sohne hinterlassen. Sein Geist war unaufhörlich mit der Vermehrung seines Vermögens beschäftigt und besaß keine andere Richtung. Eines körperlichen Uebels wegen war er gezwungen worden, sich nach Paris zu begeben, um den Vortheil der ärztlichen Hülfe des berühmten Ba< rons Dupuytren genießen zu können. Dieser stellte ihn ganz wieder her und rieth ihm täglich auszureiten. Er ließ es sich selbst angelegen sein, ihn manchmal auf diesen Spazierritten zu begleiten. Eines Tages — und diese Erzählung verdanke ich dem Baron Dupuytren selbst — schien Astor bei einem solchen Spazierritt zu keiner Art von.Unterhaltung geneigt. Kein Wort war von ihm herauszulocken. Endlich behauptete Dupuytren, er müsse an einem geheimen Uebel leiden, wenn er nicht sprechen wolle. Er drang und drang in ihn so lange, bis Astor zuletzt seine Zunge löste und sagte: Sehen Sie, Herr Baron, wie schrecklich! Ich habe hier in den Händen meiner Banquiers ungefähr zwei Millionen Franken, wofür ich nicht ohne Mühe eine Zinsen-Vergütung von 2'/2 Proeent per Anno erhalte. Nun habe ich dieser Tage einen Brief von meinem Sohne in New-York erhalten, woraus ich ersehe, daß man dort die besten Aeeepte zu IV bis 2 Proeent pro Monat haben kann. Ist das nicht zum Rasendwerden? Der Baron Dupuytren, der eine große Neugier in Betreff Nstors wirklichen Ursprung besaß, legte mir eines Tages die Frage Vor: ,;0n voulu m'38urer que mon8ieur ^tor 6ebut6 6M8 8 ollisre comme niarelianä 6e z>enx äs lapift8. 8erit-cs „poible?" Wer nun weiß, welchen verächtlichen Begriff die Pariser mit der Qualification eines „mlelianä 6e peux 6s lpin8" verbinden, wird errathen können, welche niedrige Abkunft der Herr Baron deni Millionair zuschrieb, den er in seinen Spazierritten

zu begleiten sich zur Pflicht machte, und anscheinlich zur Ehre gereichen ließ. O! Zauberkraft des Goldes!

Ich kann bei dieser Gelegenheit eine andere merkantilische Celebrität des Nordamerikanischen Freistaates nicht unerwähnt lassen, sie hieß: Stephen Girard. Dieser Mann war in einem den Ufern der Garonne nahe gelegenen Dorfe geboren, der Sohn eines Bauern und hatte als Matrose sein Vaterland verlassen. Bis zum Untersteuermann (conti-e mütti-e ä'sczuipaße) gestiegen, kam er als solcher nach Philadelphia, ließ sich dort nieder, und errichtete für seine im Westindischen Handel, besonders am Handel mit St. Domingo betheiligten Landsleute eine Schenke am Ufer des Delaware. Die Revolution in St. Domingo erzeugte eine Auswanderung, die ihm immer mehr Kunden zuführte, er ließ kleine Fahrzeuge bauen, um feine dort flüchtigen Landsleute in Sicherheit zu bringen, tauschte Kaffe für Mehl ein, bis sein anfänglich kaum nennenswerthes Kapital allmählig wuchs, und ihn in den Stand setzte, zuletzt größere Schiffe zu bauen und seinen steigenden Unternehmungsgeist nach allen Seiten hin auszudehnen. Seine Sparsamkeit gränzte fast an Geiz, Matrosenkost blieb ihm die liebste, und Rhederei seine Lieblingsbeschäftigung. Der Erfolg derselben, da er seine Schiffe nie versichern ließ, immer tüchtige und erfahrene Kapitaine wählte, bedeutende Versicherungs-Prämien ersparte, und nach diesem Prineipe fortfuhr dieselbe immer mehr zu vergrößern, ward zuletzt ein beispielloser. Unbelesen, wie es ein Französischer Matrose sein mußte, kaum im Stande seinen eigenen Namen zu schreiben, nannte er alle seine Schiffe nach den größten Schriftstellern seines Vaterlandes, er sah einen Montesquieu, einen Voltaire, einen Helvetius, einen Iean Iaeques Rousseau die Amerikanische Flagge verherrlichen und fühlte sich glücklich in dieser Idee. Seine Schiffe, die er vorzugsweise nach der Insel Mauritius (damals Isle de Franee), nach Ealeutta und Canton zu senden pflegte, und die vierzig- bis sechszigtausend Thaler jedes kosteten, brachten Ladungen am Werth von einhundert bis zweimal hunderttausend Thalern nach Philadelphia, und von dort nach Europa, vorzüglich nach Amsterdam an 'die Herren Hope und Compagnie, und wurden nie versichert. Ein seltenes Glück begleitete ihn in allen diesen Unternehmungen. Bis zum Iahre 1815 war nie eines seiner Schiffe verloren gegangen oder genommen worden. Man wird sich leicht einen Begriff machen, wie hoch das durch ersparte Prämien verdiente Kapital sich belaufen mußte, wenn man erfährt, daß diese Prämien sich über zehn, funfzehn bis zwanzig Proeent beliefen.

Girard's rechte Hand war einer seiner Landsleute, ein Fran, zose Namens Roberjeot, der seine kaufmännische Erziehung ganz und gar in Hamburg, von der Hand des Professors Büsch er, halten, und der einzige Mann war, den er dann und wann, aber auch nur dann und wann, zu Rathe zog. Dieser Gehülfe Girard's hatte für einen anständigen, aber doch mäßigen Gehalt einige zwanzig Iahre lang bei ihm gearbeitet — von Zulage zu demselben war oft die Rede gewesen, aber sie war nie zur Thatsache geworden. Roberjeot, der im hohen Alter versorgt zu sein wünschte, entschloß sich eines Tages seinem Prineipal zu erklären, er müsse, wenn er ihn länger behalten wolle, Ernst aus der Sache machen und ihm ein hübsches Sümmchen geben, damit er es bei Seite bringen und anlegen könne. Girard, etwas gereizt, erwiederte, er würde ihm zehntausend Thaler geben, Roberjeot forderte sechzigtausend. Auf den nächsten Tag hingewiesen, erhielt er, ohne die mindeste Bemerkung zu hören, was er gefordert hatte — sechzigtausend Thaler.

So großartig auch Girard in vielen Dingen sein konnte, so kleinlich war er in manchen anderen. Von seinen mannigfachen Verwandten in Frankreich, die alle arme Bauersleute waren, wollte er nie etwas hören noch sehen. Wenn einige unter ihnen es einmal wagten über's Weltmeer >zu gehen und ihn in Philadelphia aufzusuchen, so schickte er sie mit einem kleinlichen Geschenk sogleich wieder zurück. In einem besonderen Falle bewies er eine ungewöhnliche Härte. Seine Kapitaine hatten die gemessensten Vorschriften, weder fremde Waaren, Passagiere noch Briefe zu bringen. Eines feiner Schiffe kehrte von Bordeaux zurück und durch ein anderes, das ihm vorangeeilt war, hatte er erfahren, daß es ihm

einige Anverwandte als Passagiere bringen würde. Er schickte nach Neweastle am Delaware, wo die ankommenden Schiffe ge wohnlich vorfahren, einen Befehl ab für den Kapitain, der ihm verbot irgend welche Passagiere zu landen und an Ort und Stelle zu verbleiben, bis sich ein anderer melden und dieselben nach Bordeaux zurücknehmen würde, sodann mochte er mit seiner Ladung herauf nach Philadelphia kommen. Hier ward der Kapitain durch einen neuen ersetzt. Eine Ausnahme hatte er jedoch mit zwei Nichten, verwaisten Töchtern eines unbemittelt verstorbenen Bruders, gemacht. Diese ließ er zu sich kommen und gab der einen die Erlaubniß, nebst zwanzigtausend Dollars, den Bruder des bei der Restauration der Bourbons, nach der Schlacht bei Waterloo, emigrirten Generals Lallemant zu heirathen. In seinem Testamente hat er auch der andern eine ähnliche Summe vermacht.

Eine herbe Erfahrung machte er bei seinen Lieblings-Correspondenten in Europa, Herren Hope in Amsterdam, die sein ganzes Vertrauen besaßen. Demungeachtet hatte er nach Amsterdam, einen Quäker, Namens Hutchinson, hingesandt, mit der gemessenen Instruktion, diesen Herren hübsch auf die Finger zu sehen, damit sie auch genau die wirklichen Preise vergüteten, die sie für seine Consignationen erhielten u. s. w. Es war in dem Hope'schen Hause als Regel angenommen, zur Deckung mancherlei kleiner Comtoir-Unkosten, die nicht in Rechnung gebracht werden konnten, ein für allemal bei der Reduktion des Cassegeldes zu Baneo, ein achtel Proeent mehr als der täglich notirte Börseneours zu rechnen. Ward z. B. dem Herrn Hutchinson angezeigt, man habe ein Tausend Säcke Caffs, aus der Ladung des Schiffes Voltaire, zu — Agio — Proeent verkauft, so kam er den nächsten Tag auf das Hope'sche Comtoir und unterbrach Herrn Labouchere in seinen Meditationen, um ihm, den Finger auf den gedruckten Cours des Zettels in der Hand gelegt, zu beweisen, das Agio müsse ein Achtel weniger berechnet werden. Die oft gegebene und oft wiederholte Erklärung des Herrn Labouchere an den jungen Quäker, der, immer mit dem Hut auf dem Kopfe, geradezu und ohne Erlaubniß in das Privat-Comtoir des Chöfs, das sauctum Sancturum

aller Holländischen Kaufleute, eindrang, welche sich dort allen Fürsten der Erde gleich achteten, hatte nichts gefruchtet. Zuletzt ließ man ihn stehen und wollte ihn nicht mehr anhören. Er schrieb nach Philadelphia an seinen Prineipal, der Prineipal diktirte seinem Untergebenen die gröbsten Briefe an die Herren Hope, die dem letzteren endlich geradezu erklärten, es herrsche zwischen ihren Handelsprineipien und den seinigen ein solcher Unterschied, und alle Versuche, ihn eines Besseren zu belehren, wären dermaßen ohne Erfolg geblieben, daß sie sich ihrer eigenen Ruhe und Zufriedenheit wegen entschließen müßten, seinen Geschäften zu entsagen. Es kam eine Art von Abbitte, man wolle sich ändern u. s. w., in Amsterdam aber blieb man bei dem gefaßteu Entschlusse, und setzte hinzu, man wolle ihm noch den Dienst erweisen, ihm das Haus ihrer Freunde und Machbaren, die Herren Daniel Crommelin und Söhne, als Correspondenten für die Zukunft anzuempfehlen. Das Erstannen dieser Herren selbst, als die ersten bedeutenden Coufignationen Girard's ihnen zuflössen, nicht minder das Erstaunen der ganzen Börse von Amsterdam, daß man solche Geschäfte, ohne alle Vorschüsse, zurückweisen könne, läßt sich wohl begreifen. Die Herren Hope hatten nach der Ineorporation Holland's in das Kaiserreich sich von allen WaarenGeschäften zurückgezogen oder gewissermaßen zurückziehen müssen, weil aus den berühmten Dekreten Napoleon's, des Berliners und des Milanesers, unabsehbare Schwierigkeiten entstanden waren, und die Sicherheit des Handels betroffen hatten. Als aber nach dem Sturze Napoleon's, im Iahre 1814, Holland seine Unabhängigkeit wieder erlangte, und das Haus der Herren Hope, umgemodelt, seinen alten Rang wieder einnahm, wollte Girard die Iahre lang unterbrochene Verbindung auf's Neue anknüpfen. Auch diesmal ward die Versicherung gegeben, man wolle sich hinsichtlich des Styls der zwischen den beiden Häusern zu führenden Correspondenz, ändern. Aber Herr Labouchere war nicht gewöhnt seinen Ton herabzustimmen. Er ergriff selbst die Feder und beantwortete den vom Herrn Girard ausgesprochenen Wunsch, mit dem Bedauern, daß er ihm nicht willfahren könne, da man die Ueberzeugung besitze, er könne wohl seine Sprache, aber nicht seine Grundsätze ändern, und somit mochte es wohl das Zweckmäßigste sein, die Bekanntschaft für beendigt anzusehen.

Der eben in die Firma der Herren Hope getretene Herr Ierome Sillem, vermeinte, das hieße zu weit gehen, er habe persönlich nichts gegen Girard einzuwenden, und ein so lukratives Geschäft wie das seinige, musse man nicht mit den Füßen von sich stoßen. Labouchere erwiederte ohne Zaudern, daß wenn er, Sillem, nichts gegen Girard einzuwenden habe, so sei das Haus Hope darum doch nicht gebunden, seine Ansichten zu ändern, und seiner Würde etwas zu vergeben, er, Sillem, genösse die Voitheile seines Eintritts in die Firma nur unter der Bedingung, daß er auch dessen wohlbekannte Grundsätze aufrecht erhalten werde. In einer bald darauf folgenden Privat-Unterredung mit Herrn Labouchere konnte ich mich der Bemerkung nicht enthalten, daß ich geneigt sei, dem Herrn Sillem beizupflichten, Girard habe ja einigermaßen Abbitte gethan u. s. w.! Ich gebe jetzt seine Antwort, um in meiner Charakteristik von diesem merkwürdigen Manne keine Lücke zu lassen. Er sagte mir: so^e? per8u6s Uon8ieui- Holte, czue ee „r6lu3 ler ux Ltat8 Uni plu ä'Konneur K I mi8on Ilope et, pr 8un reultt, en clelinitil, plu8 6e dien, yue tout ce que ^ce belle Naire äe Uon8ieur Nirrü! puurlient lui pi-oeulel." Ich ließ es dabei bewenden, und behielt meinen Glauben in petto, in der Ueberzeugung, daß das Ehrenvolle der Weigerung nirgends verkannt werden könnte, daß Herr Labouchere aber, hinsichtlich ihrer Wirkung auf den Geist des verkehrenden Publikums der Vereinigten Staaten, sich einer Illusion Preis gäbe, wenn er seine wirkliche Meinung ausgesprochen haben sollte, — etwas, das ich freilich nicht bezweifeln konnte.

Girard gehörte auch zu der Liste der besten Amerikanischen Korrespondenten des Hauses Baring in London. Als einer der Chefs derselben, Franeis Baring, der zweite Sohn Lord Ashburton's seinen Geburtsort Philadelphia im Jahre 1818 besuchte, begab er sich auch auf das Comtoir des Herrn Girard, den er aber nicht vorfand. Herr Roberjeot, der bereits genannte älteste Commis desselben, sagte ihm, daß wenn er Herrn Girard selbst sehen wolle, so müsse er ihn auf seinem großen Pachtgute (srm), nahe bei der Stadt, früh Morgens aufsuchen. Baring begab sich auch dahin, fragte nach Herrn Girard, und' erhielt die Antwort: Da oben steht er! Man bezeichmte ihm einen kleinen, imtersätzigen Mann, in den sechsziger Iahren, mit grauem Haar, bloßem Kopfe, bloßem Hemde und aufgerollten Hemdärmeln, der mit der Heugabel in der Hand auf einem Heuwagen stand, und denselben zurecht packen half. Ist das Herr Girard?" fragte er. — Ia! — war die Antwort. Hierauf trat Baring näher und nannte sich. So, so! — bemerkte Girard, — Sie sind also der Sohn des Mannes, der sich hier verheirathete? Nun, es ist mir lieb, Sie zu sehen. Aber ich habe keine Zeit jetzt mit Ihnen zu plaudern. Es ist Erntezeit. Ich habe viel zu thun! Da! spazieren Sie dort ein wenig herum! Schauen Sie meine Kühe an und lassen sich ein Glas Milch geben, solche Milch bekommen Sie in ganz London nicht! Herr Girard hatte vollkommen Recht — die Londoner Milch ist notorisch das schlechteste Getränk der Welt das diesen Namen trägt. Baring that wie ihm geboten war, und da er, selbst etwas von einem Sonderling, Sonderlinge liebte, so kitzelte ihn der Gedanke, daß wohl niemals einer der Chöfs des ersten Londoner Hauses von dem Chöf des ersten Amerikanischen Hauses auf eine solche Weift empfangen worden wäre.

Ich kehre wieder, nach einem Sprunge von zehn Iahreu, zurück, nach dem Sommer von 18l)8, das heißt zu der Zeit, in welcher Parish seine Merinoschafe erwartete und die ersten Früchte seiner neu augekauften Ländereien zu ernten hoffte.

Ich hatte ihn in Baltimore verlassen und war durch Havre de Graee (am Ufer des Susquehannah-Stromes) über Wilmington nach Philadelphia zurückgekehrt. Hier hatte ich ein Pferd gesehen, das als Tandem (Vorspänner) zu meinem Cabrioletpferde paßte, und das ich am nächsten Tage näher besehen und kaufen wollte, wenn der Versuch glücklich ausfiele. Aber das Resultat dieses Versuches war gerade das Gegentheil für mich. Ich war bis an die Spitze des Hügels von Brandywine gefah ren, im Augenblick des Umkehrens wurde das unversuchte Pferd scheu, rann fort, das zweite ihm den Hügel hinab folgend und hinten und vorne ausschlagend, bis ihm unfern von der Brücke über den Delaware das Kopfzeug abfiel und es sich bäumte. In diesem Augenblick sprang ich aus dem Kabriolet, brach das rechte Bein, so daß der Fuß nur noch an der Haut hing, und blieb auf der Landstraße liegen, wo mir mein Neger, den ich beim Umkehren hatte aussteigen lassen, um den Vorspänner (le6er) auf die rechte Bahn zu bringeu, endlich zu Hülfe kam, einige Leute herbeirief, und mir eine Bahre verschaffte, auf welcher man mich nach dem ersten Wirthshause in Wilmington brachte. Die guten Wirthsleute holten in ihrer Angst sogleich die sogenannten beiden besten Chirurg! herbei, einen Doktor Smith und einen Doktor Iames Tilton,*) zwei, ihres großen Rufes ungeachtet, ganz unerfahrene Wundärzte. Die zwei Herren standen an der Spitze der politischen Partheien ihres kleinen Städtchens, Dr. Smith, ein ächter Federalist, der andere, Dr. Tilton, ein großer Verehrer Iefferson's, folglich ein Demokrat. Sie hatten seit Iahr und Tag kein Wort mit einander gewechselt, beiderseitig sich herzlich gehaßt und jetzt, zufällig, am Fuße meines Bettes, in dem kleinen Stübchen eines höchst miserablen Wirthshauses getroffen. Diese beiden Menschen, die seit einer langen Reihe von Iahren in offener Fehde mit einander lebten und in ihren bürgerlichen Stadtverhältnissen sich nie mit einander hatten verstehen können, wurden diesmal eins über einen Punkt, bei dem ich mich ganz besonders betheiligt fand und der mich folglich im höchsten Grade interessirte. Nachdem sie das Bein ge- und besehen hatten, beschlossen sie, weil die Hundstage im Anzuge waren, und die außerordentliche Hitze mir, ihrer Berechnung gemäß, unfehlbar die Mundsperre zuziehen und mein Leben in Gefahr bringen würde, ohne weiteres das Bein abzunehmen. Als sie mir diesen Beschluß bekannt machten und unmittelbar Anstalten zu der Operation treffen wollten, erklärte ich ihnen, daß ich mich derselben auf keinen Fall unterwerfen würde, sie müßten den Ver, such des Wiederansetzens wagen, möge da kommen was da wolle. Dies geschah demnach, meinem Befehl gemäß, aber auf eine höchst ungeschickte Weise und auf die alte Manier, indem man das Bein umwand und zwischen Schienen legte. Am zweiten Tage nach dem Verband wurden meine Schmerzen so groß, daß ich mich ernstlich nach Mitteln umsah, um mir Linderung und Hülfe zu verschaffen. Da trat auf einmal ein bekanntes Gesicht in mein Zimmer. Es war ein Hamburger, der Sohn eines Französischen Sprachlehrers, Namens Virchaur, den ich in Hamburg manchmal gesehen zu haben mich erinnerte. Er hatte auf seinem Wege nach Baltimore, wo er mit einer Miß Proetor versprochen war, sich in dem Wirthshause zu einer Erfrischung aufgehalten und von de Wirthöleuten erfahren was vorgefallen war. Seine Neugier, da man ihm von einem Herrn aus Europa gesprochen, hatte ihn veranlaßt den Leidenden felbst in näheren Augenschein zu nehmen. Er ließ sich sogleich bereit finden, zurück nach Phila, delphia zu eilen und sich, auf mein Geheiß, an meine Freunde, die Herren Willing und Franeis zu wenden, um von diesen einige Zeilen an den berühmtesten Wundarzt der Vereinigten Staaten, den Doetor Physick, mitzunehmen, die das Ersuchen enthielten, mir augenblickliche Hülfe zu leisten. Das aber erlaubte diesem ausgezeichneten Manne seine so vielfach angesprochene Zeit nicht, jedoch schickte er mir auf der Stelle seinen höchst erfahrenen und geschickten Neffen, den Doktor Dorsey zu, den ich noch selbigen Abend zu sehen bekam. Derselbe erkannte sogleich, was ich erwartet hatte — die Pfuscherei der beiden Wilmingtoner Wundarzte, löste meine Fesseln und nahm die Operation des Setzens noch einmal vor. Ich litt nicht wenig. Als sie vollendet war, sagte er mir: Ich verbürge Ihnen die vollkommene Erhaltung Ihres Beines, auch daß es ziemlich gerade und brauchbar bleiben wird. Da aber die Inflamation so groß geworden ist, daß die Art des Wiederanknüpfet der Knochen nicht zu berechnen ist, so kann ich Ihnen nicht wohl verbürgen, daß Sie nicht etwas hinken werden. Er besuchte mich oft — nach der in Philadelphia üblichen Taxe für Doktoren und Wundärzte wird jeder Besuch derselben außerhalb der Stadt mit-einem Spanischen Thaler pro Meile bezahlt — Wilmington war acht und zwanzig Meilen von Philadelphia entfernt, jeder Besuch kostete folglich 28 Thaler. Ich lag auf meinem einsamen Bette in Wilmington zwei und vierzig Tage. Am sechsten derselben besuchte mich Paust) auf seiner Rückkehr von Baltimore nach Philadelphia, das er, zu einer Tour nach seinem Eigenthum am St. Lawreneeflusse, bald wieder verließ, nachdem er dort sehr gefällige Einrichtungen für meine Aufnahme, nach Vollendung meiner Prüfungszeit in Wilmington, getroffen hatte. Von diesem Orte ward ich am drei und vierzigsten Tage, Morgens um sechs Uhr, in meinem Bette auf das Verdeck eines sogenannten Neweastle Packets getragen, und gelangte selbigen Abend um 10 Uhr in Philadelphia an, eine halbe Stunde später in die mir zugedachten Gemächer der Pension (boai-öinß boue) einer Mlstriß White, der ersten in dieser Stadt. Dort ward ich durch den Besuch mancher Freunde und der besten Gesellschaft, die Philadelphia von einheimischen und auswärtigen Reisenden aufweisen konnte, erfreut, bis ich mich auf Krücken umherbewegen konnte, und bald darauf wieder völlig hergestellt fand. Im Oetober kehrte Parish zurück, in Begleitung des Generals Moreau, den er in seinem Hause aufnahm, und den ich bei dieser Gelegenheit als einen milden, wohlgefälligen, aber in geistiger Rücksicht, im Ganzen genommen, sehr unbedeuteuden, wenig interessanten Mann kennen lernte. Seine Manieren waren einfach und besaßen eine gewisse Natürlichkeit, die anzog, aber fesseln konnte seine Conversation, oder vielmehr sein Monolog — denn zu einem Dialog auf längere Zeit kam es selten — nur dann, wenn er auf das Kapitel seiner allerdings höchst merkwürdigen und ausgezeichneten militairischen Thaten gebracht ward. Dann hörte man ihm gerne zu. Napoleon nannte er, fast ohne Ausnahme, jedesmal: „le Hran."

') Dieser Mann ward bei dem vier Jahre später begonnenen Krieg mit England zum Ober-Chirurgus aller Feldhospitäler ernannt, hatte aber eine solche Ineapaeität bewiesen, daß er entlasse werden mußte. Das damalige Amerikanische Regierungsblatt: .,ll><: xtiun! Intelü^''", zeigte diese Entlassung an und motivirte sie.

Parish selbst war nicht zum Besten gestimmt. Ohne eben dazu verpflichtet zu sein, hatte er mir seine Korrespondenz mit dem Amsterdamer Hause, d. h. die von demselben empfangenen Briefe, gewöhnlich mitgetheilt, jetzt war er verschlossener in diesem Betreff geworden. Lestapis, der, wie schon erzählt in Germantown wohnte, kam nur selten zur Stadt, um zu sehen, was neues da sein mochte, da ich aber in Parish's unmittelbarer Nachbarschaft wohnte, so besuchte ich ihn und sein Comtoir fast täglich. Eines Morgens rief er mich in sein Zimmer und sagte mir: Die Herren in Amsterdam scheinen etwas ungeduldig zu werden, sie möchten gerne einen Entwurf von der ganzen Sachlage sehen, und den zu machen, ist eben keine leichte Aufgabe, obgleich die Materialien dazu alle daliegen. Wollen Sie sie einmal anblicken und mir sagen, was Sie davon denken? Ich gab mich gerne dazu her, und nachdem ich mich einigermaßen orientirt hatte, erbot ich mich den provisorischen Bilanz zu machen, den er haben wollte. Der Total - Belauf des ganzen Umsatzes betrug nicht weniger als drei und dreißig Millionen Spanischer Thaler. Ich machte mich sogleich an die Arbeit, nahm alle entbehrliche Bücher und Papiere mit zu Hause, und arbeitete von der Mitte Octobers des Iahres 1808 bis Anfangs März des folgenden. Zum Abschreiben der vielfältigen Rechnungen und meiner Darstellungen bediente ich mich meines jungeu Freundes Virchaux, der mich in Wilmiugton besucht hatte und der als Commis in einem Quäker-Hause sich nicht ganz behaglich fand. Ich rieth ihm vor der Hand seine Stelle ja nicht aufzugeben, mir aber sonst alle die Zeit zu gönnen, die ihm zu Gebote stand. Nachdem Parish deu Entwurf durchstudirt hatte, fand er ihn genügend und seinen Wünschen entsprechend. Unmittelbar darauf machte er mir den Vorschlag, ihn selbst nach Europa zu tragen, denselben den Herren Baring und Herrn I. Willianis Hope in London mitzutheilen, und dann ilach Amsterdam zu Herrn Labouchere zu eilen, der, wie er mir sagte, auf mich mit großer

Ungeduld zu warten schien. Zu dieser Ungeduld hatte das von mir in Havana abgeschlossene Geschäft zum Theil die Veranlassung gegeben. Durch meinen Schiffbruch, das Embargo, und einige Verzögerungen abseiten Parish's war direkte Kunde von diesem Geschäft gar nicht, und indirekte auf eine Weise an die Herren Hope gelangt, die sich Niemand hatte träumen lassen. Man wird sich erinnern, daß bei meinem Abschiede von dem Intendanten in der Havana derselbe mir besonders empfohlen hatte, seinem Beschützer und Freunde Talleyrand, Kenntniß von der guten Aufnahme zu geben, die ich von ihm erhalten hatte. Das mußte ihm nicht genügt haben, denn er hatte die Gelegenheit eines nach St. Sebastian in Ladung liegenden Spanischen Schiffes benutzt, um sich, wie man vulgariter zu sagen pflegt, einen weißen Fuß bei dem Fürsten zu machen, ihm zu schreiben, was er zur Beförderung des Geschäftes, das mich dorthin geführt hatte, aus besonderer Achtung für die Interessen des Fürsten gethan habe und wie es abgeschlossen worden sei. Zu einer Zeit, wo die ganze Küste von Cuba von den vielen Englischen Kreuzern scharf, die Spanische Küste in der Bay von Biskay aber noch schärfer bewacht war, grenzte die glückliche Ausfahrt eines Spanischen Schiffes aus dem Hafen von Havana, und die glückliche Ankunft desselben in den Häfen von St. Sebastian oder Bilbao fast an eine Unmöglichkeit. Aber diesmal, in dem Falle des Schiffes, das zum Träger des Briefes des Intendanten an den Fürsten Talleyrand erwählt worden war, war sie möglich geworden — der Fürst hatte den Brief richtig erhalten. Herr Labouchere, der sich gerade zu der Zeit seines Empfanges in Paris befand, ward in Betreff desselben befragt — er wußte in der That von gar nichts, als daß ich die Wechsel von 700,000 Piaster zum Ineasso nach der Havana mitgenommen hatte. Der Fürst sah sich unter den bewandten Umständen verbunden, den ganzen Hergang der Sache dem Minister des öffentlichen Schatzes, dem Grafen Mollien, mitzutheilen, und dieser konnte eben so wohl, als ich es selbst gethan hatte, berechnen, wie viel die Herren Hope und Compagnie bei dem ganzen Tausche der Wechsel gewinnen

mußten. Gr machte also Ansprüche auf einen Theil dieses Gewinnes, und Herr Labouchere blieb auf der Defensive bis auf weitere Nachricht von mir. Bei meiner Abreise von Philadelphia empfahl mir Paris!) ganz besonders, seinen Wunsch nicht aus den Augen zu verlieren, die gekauften Ländereien für seine alleinige Rechnung behalten zu dürfen, und, wenn sich bei der Untersuchung meiner Rechnungen die Gelegenheit darböte, meine Karten so zu spielen, daß in dieser Hinsicht keine Schwierigkeiten stattfinden könnten. Bei seiner Neigung manchmal Finten zu machen, glaubte ich, daß er anfinge seinen Kauf zu bereuen, und daß er den größeren Theil desselben wieder los zu werden wünsche. Es wird sich im Verfolg erweisen, daß ich mich geirrt hatte, und daß Parish, mit den weitaussehendsten Projekten in Rücksicht seiner Besitzungen, von Europa zurückkehrte.

Neuntes Kapitel.

Rückkehr nach Europa im Monat April 1809.

Ankunft in Falmouth. Aufenthalt in Folge der „älien äet". Besuch des Herrn John Palish in Cheltenham. Seine äußerliche Erscheinung aus der Brunnen-Promenade. Erster Besuch im Baring'schen Hause. Besuch bei Herrn Henry Hove, ältestem Chef des Amsterdamer Hauses. Per sönliche Bekanntschaft des Jugendfreundes meines Paters, Sir Franeis Baring. Die Londoner Firma: BaringBrothers undCompagnie. Erste Zusammenkunft mit Herrn Alerander Baring. Abreise nach Holland über Helgoland. Reise nach Paris. Dortige Zusammenkunft mit Herrn P. C. Labouchere, der mich persönlich mit Ouvrard bekannt macht. Anekdote von diesem Manne. Die Stecknadeln. Neue Pläne Ouvrard's, welche die Schlacht bei Wagram und ihre Folgen über den Haufen stößt. Rückkehr nach Amsterdam, über Brüssel. Meine Krankheit in Amsterdam während des Winters. Rückkehr nach Hamburg im Frühjahr 18 in. Familien-Angelegenheiten.

Am 5 April 1809 ging ich von New-York in dem Englischen Packetschiffe ., Prinee Adolphus zuerst nach Halifax in Nova Seotia und von dort nach Falmouth ab. Ich könnt mir auf diesem Rückwege nach Europa Schiller's Worte: Und heim-wäris schlägt der sanfte Friedensmarsch! nicht zurufen, denn es gab Krieg, bitteren ernsten Krieg. Wir hatten den Beweis davon im Augenblick, als wir uns der Englischen Küste näherten. Einmal des Nachts, ein anderes Mal, als- wir uns eben zu Tische gesetzt hatten, erscholl von dem Verdeck herab di Stimme des

Capitains mit dem Machtgebot: ^ll nanä on 6ecK!" Beide Male hatte man sich in der unmittelbareu Nachbarschaft eines kleinen Französischen Kriegsschiffes geglaubt und, Vertheidigung bis auf's Aeußerste, war Capitain Bolderson's Entschluß. Aber man hatte sich getäuscht — die Gefahr ging vorüber. Die Fahrt von Halifax bis auf die Höhe von Falmouth war in neun Tagen vollendet, doch gerade im Angesicht des Hafens erhob sich ein eontrairer Wind und wir mußten nicht weniger als — neun Tage — zu unserem nicht geringen Aerger laviren. Endlich am neunzehnten Tage nach unserer Abfahrt von Halifax stiegen wir wohlbehalten und munter an das Land, trotz der Thränen einer sentimentalen Amerikanerin, die an zu weinen fing und fortwährend die Worte ausrief: OK! tns I.ans ol m^ loreltner! (3) Land meiner Vorfahren!)

Es war zur Zeit meiner Landung in England in Folge der Nullen ^ot" keinem Fremden gestatte?, das Innere des Landes zu bereifen, ohne einen Paß vom Fremden-Bureau (^lien OMce) vorzeigen zu können, und es erforderte damals neun Tage, um von London Antwort auf eine Anmeldung desfalls erhalten zu können, die von einem verantwortlichen Hauseigenthümer gemacht werden mußte. Sobald mein Paß ankam, machte ich mich auf den Weg nach London, den ich über Bath nahm, um das meinem Freunde David gegebene Versprechen zu lösen, gleich nach Ankunft seinen Vater zu besuchen und ihm die neuesten mündlichen Nachrichten zu bringen. Ich fand aber Herrn Iohn Parish nicht in Bath, er war nach Cheltenham gegangen, wohin ich ihm sogleich folgte und wo ich ihm auf der Brunnen-Promenade entgegenkam, sobald ich ihn erkannte. Seine Gewohnheit, durch irgend etwas Außerordentliches die Aufmerksamkeit seiner Umgebungen auf sich zu ziehen, hatte er in England nicht abgelegt, daher war seine Erscheinung auffallend — ein kleines, sammtnes, mit Pelzwerk verbrämtes Käppchen auf einem Ohr, ein Polnischer sammtner Rock mit langen Schößen und goldenen Quästen, eine lange Türkische Pfeife in der rechten Hand, in der linken ein langes seidenes Band, an deni zwei Mopshunde umhergaukelten, bildeten das Costüm dieses vor Iahren als 8lchiCKm6Ier nnd Vranntwein-Schenker zuni Hamburger Bürger gewordenen Schottländers. Nachdem ich seine Neugier in Betreff seines Sohnes befriedigt und seine Fragen beantwortet hatte, eilte ich, unter dem Versprechen der baldigen Wiederholung meines Besuchs nach London, und begab mich am Morgen nach meiner Ankunft zu den Herren Baring's, deren Firma damals Sir Franeis Baring, Bart, und Compagnie lautete. Ich traf in ihrem Comptoir nur den ältesten Schwiegersohn des Chiefs, den Herrn Charles Wall, Schwager des Herrn P. C. Labouchere, und deponirte dort einstweilen meine Papiere, Rechnungen und Dokumeute. Mein zweiter Besuch galt den beiden Herren Hope, nämlich deni ältesten, schon genannten Chöf der Amsterdamer Firma, Herrn Henry Hope, und dem Gemahl seiner Nichte, Iohn Williams Hope, die beide zusammen in Cavendish Square wohnten. Endlich begab Ich mich zu den Iugendfreunde meines Vaters, Sir Franeis Baring, der mich mit großer Herzlichkeit aufnahm, auf meine Ankunft vorbereitet war, und mir hinsichtlich der Mexikanischen Operationen eine Reihe von Fragen vorlegte. Von den Herren Hope bereits dazu aufgefordert, bestätigte er mir, daß ich meine Papiere zur Disposition seines Sohnes Alexander halten nlöchte, und dann, nach gepflogener Berathung und Kenntnißnahme derselben, würde man beschließen, was weiter zu thun sei und mich davon benachrichtigen. Einstweilen dürfte hier der Ort sein, über die Familie B aring, zumal über die ausgezeichnetsten Mitglieder derselben, Sir Franeis und seinen zweiten Sohn, Alexander, sowie über den ehrwürdigen Chöf des Amsterdamer Hauses, Herrn Henry Hope, den ich schon genannt habe, Einiges zu sagen.

Dieser Letztere, als ich ihn kennen lernte, stand in den siebenziger Iahren und war etwas taub. Er war nie verheirathet gewesen und der Mann, welcher der antokraten Macht Rußland's unter der Kaiserin Katharina der Zweiten, den Weg zu deni Vertrauen der damals reichsten Kapitalisten Europa's, der Holländischen gebahnt, und dadurch den Russischen Credit begründet

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hatte. Von der Kaiserin immer mit großer Auszeichnung behandelt, hatte sie ihn unter Anderem mit ihrem Portrait in Lebens größe beschenkt, welches in der vortrefflichen Gemälde-Gallerie des von ihm im Harlemer Wald erbauten Pallastes „t'Nuv ten LooK" (jetzt ein königliches Lustschloß) den Ehrenplatz einnahm. Bei seiner Uebersiedelung nach England hatte er diese ausgezeichnete Gallerie von lauter Cabinetsstücken mitgenommen, wo ich sie oft in seiner Residenz in Cavendish Square zu bewundern Gelegenheit gehabt habe. Mit dem Tone eines gebildeten Weltmannes verband er eine gewisse Leutseligkeit, die jedes Herz ansprach und fesselte. Die Herzlichkeit, mit der er mir jedesmal entgegenkani, wenn er mich in seiner Wohnung in der Stadt, oder auf seinem Landsitze in East-Sheen, in der Nachbarschaft Richmonds, empfing, ist mir immer in frischem Gedächtniß geblieben. Ein geheimer Kummer schien sich jedoch seiner Seele bemächtigt zu haben — dies waren die ruchbar gewordenen Verhältnisse seiner Nichte, der Madame Willia'.ms-Hope mit einem Holländischen DragonerObristen Namens Dopff. Er hatte Vertrauen zu mir gewonnen und faßte mich eines Tages plötzlich bei der Hand, führte mich nach dem Fenster zu und konnte einige Thränen nicht zurückhalten, als er mir mittheilte, daß er ihr die Thür seines Hauses verbieten lassen würde, wenn sie diesen Mann mit nach England zu bringen wagte. Der größere Theil seines bedeutenden Vermögens, das er dem ältesten Sohne dieser Nichte, Henry, vermacht hatte, und der unverehelicht starb, ist nach dessen Tode an den zweiten, Adrien, der keinen männlichen Erben hinterließ, und von diesem wieder an den dritten, Franeis, übergegangen, der mehrere Iahre später geboren ward. Derselbe ist der jetzt in Paris angesiedelte reiche und wohlbekannte Herr Hope und das einzige überlebende Mitglied dieses Zweiges der Hope'schen Familie.

*) Die Erforschung des Ursprungs der Bcm'ng'schen Familie

') Einen Theil der hier folgenden Pattikularitüten habe ich schon im Jahre 1848 in einem für den Deutschen Freihafen", Blatt vom II Juni,

hat sie bis zu einem Petrus Baring geführt, der in den Iahren 1660 bis 1670 in Gröningen, in der Holländischen Provinz Overyssel gelebt hatte. Einer seiner Enkel, unter dem Namen Franz Baring, war Prediger der Lutherischen Kirche in Bremen und ward nachher in derselben Eigenschaft nach London berufen, wo ihm unter anderen ein Sohn, Iohn genannt, geboren ward. Dieser, mit der Fabrikation des Tuches wohlbekannt, ließ sich in Larkbeer in Devonshire nieder, und errichtete dort eine Tuch-Manufaktur. Er hatte fünf Kinder, vier Söhne, Iohn, Thomas, Franeis, Charles und eine Tochter, Namens Elisabeth. Von diesen etablirten sich die beiden Söhne, Iohn und Franeis, ursprünglich zum Behuf des Absatzes der väterlichen Fabrikate, und um die erforderlichen Rohstoffe und Materialien, Wolle, Farbewaaren u. s. w. selbst direkt vom Auslande beziehen zu können, unter der Firma: Iohn und Franeis Baring in London, und begründeten das Haus, welches nach dem Rücktritte des älteren Bruders Iohn, der sich nach Exeter zurückzog, unter der schon oben genannten Firma: Franeis Baring und Compagnie und nach dem Tode des Chöfs, Franeis, zuletzt unter der Firma: Baring Brothers und Compagnie allmälig die erste Stufe merkantilischer Eminenz im Welthandel erstiegen hat.

Sir Franeis, der unter dem Ministerium des Grafen von Shelburne (Vater des jetzigen Marquis von Lansdowne) dessen genauer Freund und Rathgeber in Finanz-Angelegenheiten geworden war, hatte im Iahre 1793 den Titel Baronet erhalten, und War schon von diesem: „tke ?rinee ol merclianw" genannt. Er war etwas schwächlich und sehr taub geworden, als ich ihn persönlich kennen lernte. Bei Gelegenheit eines der ihm gemachten

No. 24, geschriebenen Artikel: „Alerander Baring, erster Lord AMurton und das Baring'sche Haus" mitgetheilt. In einer der wenige Tage später erschienenen Nummern des Hamburger „Freischützen" hatte dieser keinen Anstand genommen, sich den größten Theil dieses Artikels, ohne An gabe der Quelle, aus der er geschöpft worden, zu eigen zu machen.

Besuche erzählte er mir, daß er seinem Geschäfte dreißig Iahre lang vorgestanden hätte, ehe er sich für berechtigt anzusehen geneigt war, Equipage halten zu dürfen. Bei einer andereu, als ich ihm von meinem Projekte sprach, nach Beendigung meiner Mission mich in New-Orleans zu etabliren, bemerkte er mir: In der Regel, mein junger Freund, sind unter Commissionsgeschästen diejenigen die besten, wo sie diese Richtung nehmen. Hiebei machte er mit den Händen die Bewegung, als ob er sich etwas zuwürfe, aber die Geschäfte so! — als ob er etwas von sich wegwürfe — fuhr er fort, da muß schon aufgepaßt werden! Dies hieß mit audern Worten sagen, daß Consiguationen zu empfangen ein besseres Geschäft sei, als Commissionen auszuführen. Von seinen Söhnen traten drei: Thomas, Alexander und Henry in das Londoner Etablissement, der erstere aber, der des Vaters Titel fortzupflanzen bestimmt war, nahm nach seineni Tode am 12 September I81l) den Namen Sir Thomas an und zog sich von dem Hause zurück, so wie dies der dritte, Henry, später zu thun sich veranlaßt fand. Dieser war ein leidenschaftlicher Spieler und hatte immer mit großem Glücke gespielt und mehrere Male in Paris die ^Nnti-eprie ßsnsrale 6e jeux" gesprengt. Aber einen der Chööfs eines solchen Hauses eine Nacht nach der andern in den größeren Spielhäusern zu sehen, machte eine schlechte Wirkung, und wenn dies auch dem Credit desselben keinen Nachtheil brachte, so that es doch seiner Respektabilität nicht geringen Eintrag. Man empfand dies an der Hauptquelle und kam zu einem Verständnis; über dessen Rücktritt.

Alexander Baring, der zweite Sohn des Sir Franeis, hatte einen Theil seiner Erziehung in Hanau genossen, dann dieselbe in England vollendet, und seine kaufmännische Laufbahn in dem Hause der Herren Hope und Compagnie begonnen, wo sich zwischen ihm und dem Herrn P. C. Labouchere eine Freundschaft eutspann, die später zu der Heirath des letzteren mit seiner Schwester Maria führte. Nachdem in Folge des Einmarsches der revolutionairen Armee unter Pichegrü in Holland die Herren Hope sich nach England zurückgezogen hatten, und auch Alexander Baring das Haus verließ, entschloß sich dieser die Vereinigten Staaten von Nordamerika zu besuchen. Der Vater beschränkte beini Abschied seinen Rath 'auf zwei besondere Empfehlungen, die eine war, keine unkultivirte Ländereien zu kaufen, die andere, dort keine Frau zu nehmen, weil, sagte er, unkultivirte Ländereien leichter gekauft als verkauft werden können, eine Frau aber in der Regel nur in ihrer Heimath gedeiht und gar nicht wieder anzubringen ist. Alexander war aber kein Iahr in den Vereinigten Staaten, als er den doppelten väterlichen Rath vergaß. Nicht allein kaufte er große Ländereien im westlichen Theile des Staates Pensylvanien nnd legte ein nicht unbeträchtliches Capital, 100,000 Dollars, im damaligen Distrikte, jetzigem Staate von Maine, und zwar unter der Verpflichtung an, binnen einer ge, wissen Reihe von Iahren eine bestimmte Anzahl von Ansiedlern dahin zu bringen, sondern er heirathete auch im Iahre 1798, gerade vier und zwazig Iahre alt, die älteste Tochter, Anna, des Herrn William Bingham in Philadelphia, der damals für den reichsten Mann in den Vereinigten Staaten galt und ein Mitglied des Senates war. Die Erbschaft, die er ihr nach dem Tode des Vaters verdankte, belief sich auf ungefähr 900,000 Dollars. Sie gebar ihm neun Kinder, von denen sieben am Leben sind. Der älteste, nach seinem Großvater William Binghcun genannt, ist der jetzige Lord Ashburton und 53 Iahre alt. Seine Gattin ist eine Lady Sandwich, und die Ehe kinderlos. Nach seinem Tode geht also der Titel so wie der größte Theil des von ihm zu hinterlassenden Vermögens an den zweiten Sohn, Franeis, über, der eine Tochter des ehemaligen Staatssekretärs Napoleon's des Herzogs von Bassano, zur Frau hat, gewöhnlich in Paris lebt, der älteste Chööf des Londoner Hauses ist, an der Geschäftsführung aber selten Theil nimmt, und zwei Söhne hat. Von jeher des Vaters und der Mutter Liebling, werden Titel und Vermögen also, ganz nach ihrem Wunsche, in die Hände dessen gehen, der in ihren Augen den Vorzug verdient hätte.

Ungefähr acht Tage nachdem ich meine Papiere auf dem Baring'schen Comtoir abgeliefert hatte, erhielt ich von Herrn Alexander Baring eine sehr freundliche Einladung, mich an einem bestimmten Tage und zu einer genannten Stunde in seinem Comtoir in Bischopsgate Street einzufindew. Hier war es denn, wo ich diesen, schon damals so ausgezeichneten Kaufmann zum ersten Male zu seheu bekam, und wo ich das Glück hatte, sein Vertrauen in wenigen Unterredungen vollkommen zu gewinnen. Die wiederholten Beweise, die er mir von diesem Anfang unserer Bekanntschaft an, während eines langen Lebenslaufes, davon gegeben, das Wohlwollen, mit dem er mich stets empfangen, und die besondere Vorliebe, mit der er an mich hing, gehören zu den angenehmsten Erinnerungen meines Lebens, und in den Tagen der Prüfung habe ich nie darauf hingeblickt, ohne ein wohlthuendes Gefühl zu empfinden, das meinen Muth für neue Kämpfe gestählt hat. Die ersten anderthalb Stunden waren gesprächsweise einer Uebersicht und Zergliederung des ganzen Mexikanischen Geschäftes gewidmet, dessen Details Herrn Baring eben so wenig als den Herren Hope bekannt waren, und von dessen Resultaten diese Herren sammt und sonders nur nach'den Summen urtheilen konnten, die zum Vorschein kamen. Nachdem ich ihm nun in diesem Labyrinth von Rechnungen zum Wegweiser gedient hatte, schlug er die Papiere zusammen, um sie zu studiren, und versprach, binnen wenigen Tagen ihren Inhalt weiter mit mir zu besprechen und eine Untersuchung des 8tatu quo vorzunehmen. Im Laufe unserer Unterhaltung warf er plötzlich die Frage auf: >Vnt

Bei unserer nächsten Unterredung, nachdem er sich vollkommen orientirt hatte, brachte ich d Frage über Parish's Ankauf von Ländereien auf das Tapet. Die bis in die Mitte März dafür ausgegebenen Gelder betrugen, nach den mitgebrachten Rechnungen, wie schon oben bemerkt, die Summe von 363,000 Dollars. „>Vn^" — bemerkte er — „?ari8k inut dve deen vei^ 8n„ßuine bout tne matter, to nave Ii

Aus Alexander Baring's Händen gingen meine Papiere in die seines Vaters, des Sir Franeis, der mich ebenfalls zu sich beschied, um über einige Punkte, die er im ersten Augenblick nicht begriffen hatte, Aufklärung zu erhalten. Es betraf das, durch die von Parish übernommene Garantie in Betreff der Zölle zu 20 Proeent erzeugte Capital, welches zwei Millionen Thaler überstieg und in den Abrechnungen zwischen Parish und Oliver, so wie zwischen ihm und den anderen Häusern, immer abgezogen und von ihm einbehalten wurde. Eine kurze Erklärung machte ihm die ganze Sache einleuchtend, und hierauf sandte er die Papiere an den Herrn Williams Hope mit der Erklärung, daß bis dahin Alles klar genug sei, um, wie er sagte, Land zu erblicken

— „to ee lnä", war sein Ausdruck. Herr Williams Hope, dessen Kopf schon keine Anstrengung mehr vertragen konnte, nahm

— was er allerdings sehr wohl thun durfte — Sir Franeis beim Wort und bezeugte den Wunsch, ich möchte ohne Zeitverlust zu Herrn Labouchere eilen. Da die Herren Baring eine Communieation mit Amsterdam über Vließingen mittelst Fischerböte unterhielten, so wollte ich mich eins derselben bedienen, um schneller hinüber zu kommen. Herr Williams Hope vermeinte jedoch, es könnten bei meiner Landung in Holland sich allerlei Schwierigkeiten erheben, die ich, da ich der Holländischen Sprache nicht kundig war, nicht würde beseitigen können, man würde mir meine Papiere abnehmen u. s, w., ich müsse also über Helgoland gehen, welches damals der Centralpunkt des Contraband-Handels mit dem Norden Deutschlands war. Ich würde, vermeinte er, mich von dort aus besser durchschlagen und Amsterdam erreichen können. „It mttei-" — geruhte er mir zu sagen — „vei-v -little ,,l>out ^our pelonaI alet^tlie paper ro tke tninß, tlie^ mut „de 82le. 'lne r

Ich ging also über Harwich nach Helgoland ab, wo ich eine Menge Hamburger aus meiner früheren Bekanntschaft antraf, z. B. den Herrn Charles Parish, den jüngeren Bruder David's, der dort, dem Sammelplatz aller Schmuggler uach dem Festlaude, unter seinen Zeitgenossen und Teilnehmern an diesem nicht sehr reputirlichen Handel") (einem wahren Iiol8 ä'oeuvre

für den regelmäßigen Kaufmann) seine eigenthümliche Befähigung zu der Rolle eines merkantilischen Matadors, und den ihm angeborenen Hang ,,5 traneker

Ein mit Caffe beladenes Voot brachte mich nach der Weser und landete mich dort vor Tages-Anbruch an einem kleinen, dem Ufer nahegelegenen Dorfe. Hier erhielt ich Wagen und Pferde und begab mich weiter auf dem Wege nach Amsterdam. Ich erreichte diese Stadt am vierten Tage nach meiner Landung, fand aber auf deni Hope'schen Comtoir als Disponent einen älteren Engländer, Namens Nixon, der mich sogleich benachrichtigte, Herr Labouchere warte anf mich in Paris und ich müsse ohne Verzug mich dahin begeben. Ich erhielt am selbigen Tag meinen regelmäßigen Paß, verließ Abends 10 Uhr Amsterdam und erreichte Paris am vierten Tage, fast im Traume, da ich sieben Nächte durchwacht und noch kein Bett besucht hatte. Herr Labouchere war noch in Nantes, ward aber binnen drei Tagen im Hotel de l'Empire erwartet, wo ich ebenfalls mein Absteigequartier genommen hatte. Dies, das beste Hotel in Paris, befand sich an der Ecke der RueCerutti und derRue de Provenee, und war dasselbe Haus, welches einige Iahre später von Herrn Iaeques Laffitte gekauft und bewohnt ward. Drei Tage darauf kani Herr Labouchere an, herzlich erfreut mich zu sehen, und keineswegs zurückhaltend mit seinem Lobe. Aber gegeu Paris!) konnte er einigen Mißmuth nicht unterdrücken. Am unangenehmsten schien ihm der in Philadelphia eingeleitete Prozeß mit einem gewissen Sarmiento, gebürtig aus Teneriffa, der dort angesiedelt war, und der durch Intriguen in Madrid Mittel gefunden hatte, Namens der Spanischen Regierung gegen Parish mit einem Schein, von Recht auftreten und ihn für einbet)altene Zölle auf den Verkauf der nach Veraeruz geschickten Ladungen verantwortlich zu machen unternommen hatte. Als Sarmiento mit dieser Forderung zum Vorschein kam, mußte Parish's einfache und natürliche Verteidigung nur die sein, daß er als Agent der Herren Hope und Compagnie in Amsterdam persönlich nichts zu verantworten haben könne, und daß wenn Sarmiento, oder eigentlicher die Spanische Regierung, wirklich etwas zu fordern berechtigt sei, man sich an die Herren Hope in Amsterdam selbst zu wenden habe, nicht an Jemand, der nur in ihrem Namen gehandeW habe. Daß Parish nnr Agent fei und unter Instruktion gehandelt habe, hätte sein Contrakt bewiesen, und nicht die Amerikanischen, sondern die Holländischen Gerichtshöfe hätten das eigentliche Forum sein müssen, vor denen die Frage hätte verhandelt werden können. Aber diesen Weg einzuschlagen, das erlaubte Parish seine angeborene Eitelkeit nicht. An der Spitze so vieler Millionen, Geld in Fülle ausstreuend, wo er von kaufmännischen Bedürfnissen darum angesprochen ward, schien er in den Vereinigten Staaten eine viel wichtigere Persönlichkeit geworden zu sein, als der Präsident selbst. Er gefiel sich in der Rolle des Herrgottes der Amerikanischen Börsen, und dieser einigermaßen zu entsagen, mußte ihm schwer werden. Dies war es ohne Zweifel, was ihn den unrechten Weg einschlagen und einen Prozeß durchführen ließ, der zum öffentlichen Seandal ausartete, wo man die Posse erlebte, daß bei einer der gerichtlichen Verhandlungen der König Carl IV. von Spanien persönlich als Zeuge gegen David Parish aufgerufen ward.

der Deutschen in den Jahren l8>3 und 1814, gegen Napoleon's Uebermacht, auch kein rechtmäßig hätte sein tonnen, wenn ich das Verdammungs-Urtheil über diesen von seinen erzwungenen Unterthanen getriebenen Schleichhandel aussprechen wollte. Offener Widerstand einer unterdrückten Nation, mit den Waffen in der Hand und auf offenem Felde, ist von jeher als männlich angesehen worden — er trägt seine Berechtigung auf der Stirne, man setzt sein Leben auf das Spiel — Erlösung von dem verhaßten Joche ist der gemeinsame Zweck zum allgemeinen Besten. Man wird aber doch wohl nicht behaupten wollen, daß ein Schleichhandel, mit der Maske vor dem Gesicht, zum Besten einzelner Individuen, die das Wort: Unterschleif als das Motto ihrer Fahnen zur Schau tragen, wobei nicht Leben und Freiheit, sGdern nur eine Summe Geldes zum Einsatz gebracht werden, rechtmäßig und reputirlich sei? Der merkantilische Coder gestattet einen Contraband-Handel nach dem Auslande hinaus, aber den Bewohnern eines Landes, dessen Gesetze sie zu beobachten gebunden sind, in wessen Händen auch immer das Ruder sein mag, kann es nie erlaubt sei sie zu umgehen und las zu thun, was sie verbieten. Die Vortheile einer solchen Abweichung tonnen nur erschlichen werden und das allein drückt ihnen den Stempel der Gesetzlosigkeit auf, die den schlechte Unterthan von dem guten unterscheidet.

Die Frage der Ländereien schien sich ohne Schwierigkeit erledigen zu wollen. Auch Herr Labouchere betrachtete diesen kolossalen Ankauf als eine ex parte Spekulation, die gar nicht zu dem Bereich des unternommenen Geschäftes gehörte, und von der es von selbst verstanden sein mußte, daß sie eine Privat-Angelegenheit Parish's zu bleiben bestimmt war.

Nachdem Herr Labouchere mir über die in Havana durchgegeführte Operation einige Fragen vorgelegt hatte, theilte er mir mit, daß er die Sache mit dem Grafen Mollien zu beendigen haben und mich ihm vorstellen würde. Dies geschah auch, der Graf, der Brillen trug, beguckte mich von oben über die Brillen hinweg, während Herr Labouchere zu ihm sprach und sagte mir zuletzt einige schmeichelhafte Worte über meinen Erfolg. Einige Tage später lenachrichtigte mich Herr Labouchere, daß er die Sache mit dem Minister abgemacht habe, ,^'i

Meine Amerikanische Mission konnte ich einstweilen so gut als vollendet ansehen, wenigstens für so lange, als Parish nicht von den Vereinigten Staaten zurückgekommen war. Ich wollte meine Eltern in Hamburg besuchen, aber Herr Labouchere hielt mich zurück — er hätte, sagte er mir, neue Beschäftigung fiir mich, von der ich in wenigen Tagen das Nöthige erfahren würde. Da wir dasselbe Hotel bewohnten, so sahen wir uns täglich, des Morgens gewöhnlich. Aber auch manchmal in der Nacht, nach seiner Rückkehr von Gesellschaften, oder von der Oper, oder von irgend einem Theaterbesuch.

Eines Morgens ließ Herr Labouchere mich zu sich berufen, und als ich erschien, stellte er mich dem Herrn Ouvrard vor, dessen persönliche Bekanntschaft, wie er wußte, ich schon längst zu machen gewünscht hatte. Der feine Ton, die gefälligen Manieren und die Zuvorkommenheit dieses Mannes gefielen mir außerordentlich. Mit einer seltenen Zungenfertigkeit und in gewählten Ausdrücken äußerte er sich über Alles, das ihm in den Wurf kam, und bezeugte zu gleicher Zeit die Klarheit seiner Auffassungen durch tref sende Worte, sobald diese vonnöthen waren. Er blieb nie eine Antwort schuldig, und wo ihm die Wahrheit die Elemente derselben versagte, fand er sie in seinem erfinderischen Geiste, der ihn auf eine Mittelstraße zwischen Dichtung und Lüge führte. Einen überzeugenden Beweis von seiner besonderen Fähigkeit, sich auf dieser Mittelstraße zu bewegen, gab er mir, als ich ihn einige Iahre später in einer Tischgesellschaft bei Herrn Labouchere wiedersah. Er war im Frühjahr 1809, in einem der oft wiederkehrenden Anfälle böser Laune Napoleon's in Vineennes auf mehrere Wochen eingesperrt gewesen und der Gebrauch von Feder, Papier und Dinte, sowie der Bücher waren ihm untersagt worden. Herr Labouchere legte ihm die Frage vor, was er, bei einem so rastlosen Geiste, wie es der seinige war, angefangen hatte, um sich unter solchen Umständen die Zeit zu vertreiben. Ohne sich lange zu besinnen antwortete Ouvrard, daß das, was ihn eigentlich verlegen gemacht hätte, in der Schwierigkeit bestanden habe, etwas zu ersinneu, daß ihm zwischen vier nackten Wänden Beschäftigung für seinen Geist und zugleich auch Bewegung für seinen Körper geben könne. Endlich — sagte er — hatte ich das rechte Mittel gefunden. Ich bin zufällig mit meiner Hand in eine meiner Rocktaschen gefahren und habe dort ein Packet Stecknadeln entdeckt. Ich holte sie sogleich heraus, zählte sie sorgfältig, eine nach der andern, fand, wie Leporello im Don Iuan, die Zahl 1003, nahm Harauf die ganze Quantität in die Hand und zerstreute sie durch Würfe nach allen Seiten meines Gemaches hin. Darauf begann ich ihre Wiedereinsammelung, bis ich dieselbe Zahl zusammen zu bringen im Staude war. Iedesmal fehlten ihrer drei, vier, fünf und mehrere. Ich ruhte und rastete nicht bis ich auch diese wieder gefunden hatte — manchmal verging eine ganze Stunde im Spekuliren, wo sie wohl' sein oder stecken könnten, dann spähte ich alle Löcher, Ritzen in den Wänden oder am Boden aus, und so hatte ich Tage lang für meinen Geist und meinen Körper zugleich, eine heilsame, ununterbrochene Anstrengung und Beschäftigung."

Ouvrard, der seiner längeren Unthätigkeit müde, und wieder im Besitz seiner vollen Freiheit gelangt war, hatte mit seinem Freunde, dem Herzog von Otranto, dem Minister der Polizei, und unter der Beteiligung Murat's, des Königs von Neapel, einen Plan abgekartet, der den letzteren sehr ansprach. Die begonnene Negotiation konnte nur langsam fortschreiten, weil Murat bei dem Heere stand, das in dem Waffenstillstand zwischen der Schlacht von Eßling und der Schlacht von Wagram einer kurzen Ruhe genoß. Es handelte sich um Murat's Unterzeichnung von ein Hundert Lieenzen, die nach dem Modell der Spanischen des Don Miguel Cay. Soler, weder den Tonnengehalt der Schiffe, noch die Natur der Ladung andeuteten, die sie von Malta nach Palermo und Neapel führen und dafür Neapolitanische Produkte aller Art eintauschen und zurückbringen sollten. Mit diesen Lieenzen wollte Herr Labouchere mich nach Malta senden, sobald man sich den Bedingungen unterworfen haben würde, die er für die Ausführung des Geschäfts festgesetzt hatte. Sie bestanden in dem Depot von zwei Millionen Neapolitanischer Dukaten in den Händen des Hopeschen Hauses, als Deckung und Sicherheit für die Ladungen Englischer Manufaktur- und anderer Waaren, die in den Neapolitanischen Häfen verkauft, oder gegen Neapolitanische Produkte umgetauscht werden sollten. Der Herzog von Otranto hatte es übernommen, dieses Depot zusammen zu bringen. Nachdem ich den ganzen Tag meinem Vergnügen gewidmet hatte, wurde ich nicht selten um Mitternacht zu Herrn Labouchere berufen, um ihn in allerlei Ausarbeitungen, das projektirte Geschäft und die Spanische Anleihe betreffend, hülfreiche Hand zu leisten. Mittlerweile ward die Schlacht von Wagram geliefert — Napoleon's nahe Rückkehr stand in Aussicht, Murat zauderte die Li- uzen zu unterzeichnen, und der Herzog von Otranto, von dem man sehr wohl wußte, daß er aufgehört hatte in des Kaisers Vertrauen eine bedeutende Rolle einzunehmen, mußte seinen Versuchen entsagen, Geld für die von Herrn Labouchere geforderte Garantie aufzutreiben.. Der letztere machte hierauf Anstalt zu seiner Rückkehr nach Amsterdam und ersuchte mich ihm in einigen Wochen dahin zu folgen. Ich gehorchte seinem Wunsche und traf in Amsterdam zur Zeit ein, wo der König von Holland die Hoffnung nährte, durch geheim gepflogene Unterhandlungen die Basis zu einem allgemeinen Friedenstraktat mit England zu legen. Er hatte Herrn Labouchere kennen und schätzen gelernt und sich an diesen gewandt, um die vorläufigen Negotiationen einzuleiten. Herr Labouchere zeigte mir auf einmal seine bevorstehende Abreise nach England an, ohne mir aber ein Wort über den Zweck derselben zu sagen, gab mir aber ein Paar Zeilen für den Minister der Marine, die ich ihm abliefern sollte, sobald derselbe mich zu sich berufen und seine Wünsche mittheilen würde. Diese Zeilen . enthielten nichts weiter, als daß er sich in jeder Hinsicht auf mich verlassen könnte, und daß ich ihm zu Gebote stände. Vierzehn Tage vergingen — Herr Labouchere kehrte plötzlich von London zurück, und ich erfuhr erst dann, daß er in seiner Friedens-Mission gescheitert war. Das Ganze war ein von dem Herzog von Otranto angezetteltes Projekt gewesen, um sich in der fallenden Gunst Napoleon's durch einen unerwarteten Erfolg in England wieder festzustellen; aber als Napoleon, der gerade damals Antwerpen mit der jungen Kaiserin Marie Louise besuchte, durch

seinen Bruder Louis von der Stellung der Negotiation unterrichtet ward, die beiden Namen von Ouvrard und Fouchs, von denen der erste ihm schon längst verhaßt gewesen, der letztere eben anfing es zu werde, wieder zu Gesichte bekam, verstieß er den letzteren und gab seinem Rachfolger, als Minister der Polizei, dem Herzog von Rovigo, den Befehl, den erstenn festnehmen und in Vineennes einsperren zu lassen. Es war lange nach dieser Verhaftung, die mit ungewöhnlicher Strenge ausgeführt wurde, daß ich von Ouvrard die Details der oben berührten Anekdote zu hören bekam.

Ein heftiges Katarrhal-Fieber befiel mich jetzt in Amsterdam, und fesselte mich mehrere Wochen lang an mein Bett; bis zu der Mitte des März-Monats 1810 mußte ich mein Zimmer hüten. Ich wechselte häufige Briefe mit meiner Familie, die sehr ungeduldig war mich wieder zu sehen. Ein Brief von meinem Vater benachrichtigte mich, daß die harten Zeiten seine Geschäfte sehr erschwert hätten, und daß viele Gelder in Waaren steckten, die er von dem Mittelländischen Meere erwartete, und — um den merkantilischen Ausdruck zu gebrauchen — etwas knapp wäre. Endlich schloß er mit der Aufforderung, da ich, wie er gehört habe, so sehr viel in Amerika verdient bätte, ihm ungefähr 15,000 Mark zu senden. Ich antwortete, daß ich gar nicht bestimmen könnte, wie groß mein Verdienst wohl sein möchte, da er von einer noch schwebenden Abmachung des ganzen Geschäfts, an dessen Ausführung ich nur zum Theil mitgewirkt hatte, abhängen würde, daß es aber mit den 15,000 Mark keine Schwierigkeit haben solle, und daß er sie binnen acht oder zehn Tagen erwarten könne. Ein Monat war kaum vergangen, nachdem er diese Summe von mir empfangen hatte, als ich auf's Neue um eine zweite von 12,500 Mark angegangen ward. Auch diese ward ihm zugesandt. Endlich, vollkommen wieder hergestellt, erhielt ich von Herrn Labouchere die Erlaubniß meine Familie in Hamburg besuchen zu dürfen. Ich befand mich wenige Tage darauf in ihrer Mitte. Meiner guten Mutter war ihre ganze Lebhaftigkeit verblieben, meinen Vater fand ich etwas bedrückt und offenbar stumpfer. Cr war damals etwas über 69 Iahre alt. Nach einiger Zeit erkundigte ich mich nach den Umständen der Familie, und mein Vater, in einem Töte 5 Töte, gratulirte mir zu meinem großen Erfolge. Nachdem er mich bei meiner Abreise aus Hamburg fast für verloren angesehen habe, sagte er, hätte ich die Kunst gehabt, in wenigen Iahren ein so bedeutendes Kapital zu erwerben,, der Amerikanische Consul Forbes habe ihm versichert, ich hätte zum Mindesten 600,000 Mark verdient. Und das, lieber Vater, — bemerkte ich ihm — .haben Sie glauben können? Wirklich sich dieser Idee hingeben, nicht denken können, daß Sie schon viel früher Beweise eines solchen Reichthums erhalten hätten, wenn dies wahr wäre? Er mußte mir die Antwort schuldig bleiben. Eine große Leichtgläubigkeit hatte ich schon oft in seinem Charakter bemerkt, daß sie aber so weit gehen könnte, als es hier der Fall war, davon hatte ich auch nicht die mindeste Ahnung gehabt. Zu meiner Mutter zurückgekommen, sprach auch sie von erworbenen Reichthümern, und da verrieth mir ein Spiegel eine gewisse Bewegung des Kopfes, die ihr mein Vater hinter meinem Rucken machte und die in einem negativen Kopfschütteln bestand, in welcher Täuschung auch sie fortgelebt hatte. Hier glaube ich mir weitere Details ersparen und mich auf das Resultat beschränken zu dürfen, welches die Folge meines Hamburger Besuches war. Es war nicht ganz ohne Mühe, daß ich meinem Vater begreiflich machte, daß man von schlechten Geschäften doch nicht leben und daß er in diesen Zeiten keine andere als solche zu machen erwarten könne. Als er dies endlich einsah, verstand er sich dazu, sich zur Ruhe zu begeben. Was nun nach der Liquidation seiner Geschäfte an dem ihm vorgeschossenen Kapital mangelte, das gab ich her, um alle Ansprüche zu tilgen. Nachdem ich einige Erkundigungen eingezogen hatte, wie viel eine solche Familie, wie die seinige, in einem wohlfeileren Orte, zum Beispiel in Schwerin oder in Ratzeburg, gebrauchen könnte, um mit Anstand zu leben, veranlaßt! ich dann meinen Vater die kostbare Residenz in Hamburg aufzugeben und einen dieser Orte zu seinem künftigen Aufenthalt zu wählen, indem ich mich anheischig machte, ein Fixum von 6000 Mark herzugeben. Der Entschluß ward ausgeführt, meine Eltern zogen nach Schwerin und dann nach Recheburg, wo ich sie beide noch zweimal, in den Iahren 1816 und 1822 zu umarmen das Glück hatte und wo sie beide ihr Leben beendigt haben, ehe Fortuna angefangen hatte, mir den Rücken zu kehren. Die Kenntniß meiner Unglückstage und meiner Leidensperiode hat sie, Dank sei es der Vorsehung nicht mehr erreicht.

Zehntes Kapitel.

Rückkehr nach England.

Die Ankunft Parish's zu der finalen Liquidation der großen Operation erfolgt viel später als erwartet — die Liquidation selbst aber erst im Juni l8ll. Parish wird von mir nach Antwerpen begleitet, und das Resultat dort abgewartet. Seltener Gewinn bei der Operation, Zusammentreffen in Paris mit Labouchere, Parish und Le Ray de Chaumon, welcher letztere, mit neuen Verkaufs-Projekten seiner Ländereien beschäftigt, Parish nicht aus den Augen läßt. Flüchtiger Blick auf den Werth der von Parish gekauften Ländereien. Doppelte Vorschläge zu Etablissements in Europa. Ich weise sie ab. Entschluß nach New-Orleans zurückzukehren. Vorläufige Besprechungen in Paris mit Herrn Labouchere und dann mit Herrn Alerander Baring in London, über mein künftiges Etablissement in New-Orleans. Die Wahl eines Gefährten und künftigen Handelsgesellschafters. Abreise von Liverpool nach New-York im September I8II. Ankunft daselbst. Fortsetzung meiner Reise nach New-Orleans über Land und mittelst bei westlichen Schiffahrt. Flachböte, die ich in Pittsburg erbauen und einrichten lasse. Ich folge meinem im Voraus abgegangenen Reisegefährten Hollander zu Pferd über die Gebirge der Alleghany. Erste Bekanntschaft an den Wasserfällen desIuniataflu'ssesmitAudubon, dem nachher so berühmt gewordenen Ornithologisten. Aufenthalt in Lerington. Henrv Clav. Erste Spuren des Erdbebens auf dem Wege nach und dann in Louisville selbst. Abfahrt von Louisville. Das Erdbeben bricht in der Nacht vom 6, Februar I8l2 bei New-Madrid am Missifippi aus. Beschreibung meiner Lage. Folgen des Erdbebens. Ankunft in New-Orleans im März I8l2.

Bald darauf kehrte ich nach England zurück, um die Ankunft Parish's und die Liquidation des ganzen Geschäfts abzuwarten. Lestapis hatte bereits seit einem Iahre die Vereinigten Staaten

verlassen und war mit seiner Familie nach Bordeaux gegangen. Parish kam erst viel später nach Europa zurück, landete wie ich in Falmouth, und begab sich sogleich zu seinem Vater in Cheltenham. Ehe er sich nach London auf den Weg machte, lud er mich ein ihn dort zu besuchen. Er wünschte Kunde von der ganzen Sachlage zu haben, besonders über die Stimmung der Herren Hope und Baring zu erfahren. Daß er in Rücksicht seiner Ländereien auf keine Schwierigkeiten stoßen würde> das hatte ich ihm schon nach den Vereinigten Staaten berichtet. Im August beschloß er, sich über Ostende und Antwerpen nach Amsterdam zu begeben, um seine Verhältnisse mit seinen Mandanten zum Schlusse zn bringen. Er bezeugte den Wunsch, daß ich ihn wenigstens bis nach Antwerpen begleiten, und dort seine Rückkehr von Amsterdam abwarten möchte und ich verstand mich um so lieber dazu, als auch ich meine Pläne für die Zukunft in's Reine zu bringen und sicher zu stellen wünschte. Herr Labouchere hatte mir vorgeschlagen, an die Stelle des Herrn Trotrean, in das Haus seines Bruders in Nantes zu treten und die einzige Tochter dieses rechtschaffenen und begüterten Mannes zu heirathen, da der Vater, sagte er mir, damit zufrieden sei und versprochen hatte, ihr einstweilen I50,lXX) Franken mitzugeben, wenn ich auf die Sache einzugehen geneigt wäre. Aber Mamsell war gerade das Gegentheil von einer hübschen und liebenswürdigen Französin, Nnmuth, Grazie und Bildung fehlten ihr in gleichem Maße, und wenn sie anch eben nicht für einfältig gelten konnte, so war es doch eine ausgemachte Sache, daß gescheute Personen ganz anders sein müßten. Ich wies also die Vorschläge ab. David Parish, der nach den Vereinigten Staaten zurückkehren wollte, wünschte mich nnn an die Spitze eines Etablissements zu stellen, daß mit einem Kapital von zwanzigtausend Pfund Sterling und in Gesellschaft mit seinem Schwager Hamilton aus Glasgow, der seine Schwester, die Wittwe Charnock, geheirathet hatte, in Liverpool begonnen werden sollte. Das Kapital sollte von ihm, seinen Brüdern in Hamburg, den Herren Barings, und mir in gleichen Summen von fünftausend Pfund Sterling zusammengeschossen werden.

Ich wünschte erst Herrn Hamilton kennen zu lernen, ehe ich mich binden und einwilligen wollte. Nach gemachter Bekanntschaft mit diesem Herrn war ich bald entschlossen die Sache abzulehnen. Kaufmännische Erfahrung besaß der gute Mann keiner Art, er war bloß Agent einer Londoner Feuer-Assekuranz-Compagnie in Glasgow gewesen, hatte die um acht Iahre ältere, übrigens sehr liebenswürdige Wittwe geheirathet, und schien ein völlig charakterloser, schwacher Mann zu sein, der sich bei dem Pantoffel-Regiment, unter dem er stand, ganz glücklich fühlte. Von Herrn Alexander Barina. erfuhr ich übrigens, daß er seine Theilnahme an dem ganzen Plane nur deswegen zugesagt hätte, weil man ihn zu dem Glauben veranlaßt hatte, daß man Rücksprache mit mir genommen hätte, und daß mir die Sache recht wäre. Ich gab also abschlägige Antwort, sobald ich von Herrn Bem'ng erfahren hatte, daß er ganz geneigt war, der Ausführung meines eigenen Projektes, ein Etablissement in New-Orleans zu begründen, behülflich zu werden. Ich hätte, vermeinte er, vortrefflich gewählt, und ein solches Haus, im Besitze des Vertrauens guter Europäischer Häuser, müsse Erfolg haben. Meine Weigerung mißfiel Parish eben so sehr wie meine frühere Herrn Labouchere misfallen hatte, ich fühlte mich aber stark in der bei Herrn Alexander Baring gefundenen Billigung meines Projektes, nach den Vereinigten Staaten zurückzukehren, denn auch er war der Ansicht, daß es in beiden Fällen ein gewagtes Kunststück gewesen sein würde, einen Assoei6 anzunehmen, zu dem man kein Vertrauen besaß.

Parish kehrte von seiner Liquidation in Amsterdam nach vierzehn Tagen zurück. Von den Details habe ich mehr durch ihn erfahren als gesehen. Die Ländereien blieben, wie er es gewünscht hatte, für seine Rechnung. Herr Labouchere hatte seinen Vorschlag abgelehnt, die von Echeverria und Septien vergütete halbe Commission, die, wie der Leser sich erinnern wird, sich auf 260,000 Dollars belief, zwischen meinem Freunde Lestapis und mir zu theilen, weil er des Glaubens war, es sei nicht gut, junge Leute uf einmal in den Besitz eines solchen Capitals zu setzen, und weil Ouvrard, den Napoleon's Maßregeln zu Grunde gerichtet hatten, der Schöpfer des ganzen Geschäftes gewesen, das ihnen solche Vortheile gelassen hätte, jetzt zurückgekommen sei, folglich ein näheres Anrecht dazu habe. Somit ward ihm die ganze Summe geschenkt. Nachdem man, mit Berücksichtigung des von Sarmiento einge< leiteten Prozesses und anderer dergleichen Eventualitäten, vorläufig die Summe von 83,500 Pfund bei Seite gesetzt hatte, betrug der Gewinn der bei diesem Geschäft erübrigt worden war, nicht wem ger als die große Summe von 778,750 Pfund Sterling. Herr Henry Hope in London, dem die in Amsterdam getroffene Abrechnung mitgetheilt ward, vermeinte, man könne auch die obigen 83,5

Dem Verkäufer des größten Theiles ,der neu erworbenen Ländereien Parish's, Herrn Le Ray de Chaumont, der Iahre lang über die unproduktiven Theile derselben gebrütet hatte, war, nach dem Französischen Sprüchworte: „I^'appstjl viont 8ir IZ^ penäant quelczue „temp8 euoore. Herr Le Ray hatte bald begriffen, daß sein Weizen hier nicht blühen könne und schwieg. Als ich beim Caffö nach dem Essen Herrn Labouchere die Bemerkung machte, daß die ganze Farbe seiner Conversation für Parish eben nicht sehr anziehend gewesen sein könne, war seine Antwort diese, daß er Herrn Le Ray und ähnlichen Projektanten auf immer die Lust, habe vertreiben wollen, sein Haus mit unsinnigen Vorschlägen zu behelligen, und Parish betreffend, setzte er hinzu: „il ne 'percevr 7,que trop tot yu'il lit une 8otti8e."

Einige Leute in Europa, zumal in Hamburg, sind geneigt, diesen Ländereien, auf welche ungeheure Summen verwandt worden sind, einen großen Werth beizumessen, und sie Goldgruben gleich zu achten; aber wenn man das dafür ausgelegte Kapital, nach einem ganz mäßigen Anschlag, nur auf 70l),(XX> Dollars — und es ist viel mehr — schätzen, Zinsen nur zu 3 Proeent rechnen und berücksichtigen will, daß dasselbe während eines Zeitraums von fünf und dreißig Iahren gar keine Zinsen ausgetragen und kaum die Kosten der Unterhaltung gedeckt habe, so wird es sich ergeben, daß diese Ländereien jetzt einen Werth zum mindesten von zwei Millionen Dollars besitzen müßten. Seit der Entdeckung einiger Eisenbergwerke werden, bei einer guten Verwaltung, allerdings Zinsen daraus gelöst. Ob diese sich nun Netto auf 6<1,

Einverstanden endlich mit Herrn Labouchere über das was sein Haus in Betreff meiner und in Gemeinschaft mit dem Baring'schen zu thun gesonnen sei, für den Fall, daß ich das Projekt eines Etablissements in New-Orleans zur Ausführung brächte, begab ich mich jetzt nach London. Mein erster Besuch galt natürlich Herrn Alexander Baring, der bereits von Herrn Labouchere benachrichtigt, mich einlud den zweiten Sonnabend zu ihm, auf das Land, zu kommen. Er besaß in Carshalton eine angenehme Villa (dies wird auf Englisch Käshorton ausgesprochen), wo er mich zur bestimmten Zeit empfing, und wo ich bis zum Montag blieb. Die Zeit ward auf eine ganz angenehme Weise zugebracht, aber der Augenblick der Besprechung des Zweckes meines Besuchs konnte nicht gefunden werden, denn selbst in seiner Einsamkeit war er mit tausend Dingen von Wichtigkeit überhäuft. Endlich sagte er mir am Montage vor dem Frühstück, daß er mich in seinem Curriele zur Stadt bringen würde, und kaum abgefahren, begann er im Wagen, ohne Erinnerung meiner Seits, seinen klaren und wohlgeordneten Vortrag über die beschlossene Unterstützung meiner Pläne. Diese bestand in einem auf fünf Iahre mitgegebenen Kapital von sechs tausend Pfund Sterling zu fünf Proeent Zinsen, und einem Blaneo-Credit, im Verlauf und Behuf meines Geschäftes, von zehntausend Pfund Sterling. Daß die beiden Häuser, Hope und Baring, in meinem Cireulair als Hauptfreunde genannt werden sollten, blieb einverstanden. Bei der Untersuchung eines Auszuges aus meiner laufenden Rechnung mit dem Londoner Hause fand ich außer der bedeutenden, mir für meine Agentur vergüteten Summe, eine runde Summe von eintausend Pfund Sterling, deren Ursprung ich nicht errathen konnte, zu meinem Credit gestellt. Eine Nachfrage gab mir die Kenntniß, daß man bei der finalen Abrechnung in Amsterdam beschlossen hatte, mir diesen Betrag auf Rechnung mancher Auslagen zu vergüten, die ich in dem Laufe meiner Agentur gehabt und nicht berechnet haben dürfte — man hatte nämlich einen bedeutenden Unterschied zwischen meinen Reise- und Unterhaltungskosten und denen der anderen Herren gefunden, die sammt und sonders der allgemeinen Unternehmung zur Last gebracht wurden.

Ich suchte in London zu meinem Gehülfen einen tüchtigen jungen Manu, der Vertrauen einzuflößen und zu rechtfertigen geeignet war, und fand ihn in einem jungen Liefländer, Namens Eduard Hollander aus Riga. Mein guter Freund Friedr. W. Brederlo, aus dem ehemaligen wohlbekannten Hause der Herren Ioch. Ebel Schmidt und Compagnie daselbst, hatte ihn mir ganz besonders anempfohlen. In Liverpool fand ich denselben Capitain Sterling, der mich das erste Mal, im IuliMonat 1805, in dem Schiffe Flora von Amsterdam nach New-York gebracht hatte. Ich gab ihm in seinem neuen Schiffe Aristomenes genannt, gern den Vorzug vor den übrigen, die nach New-York im Laden waren und schiffte mich mit meinem Reisegefährten, im September 1811 ein. Es war gerade die Iahreszeit der Aequinoetial-Stürme und auch das berühmte Iahr des großen, so lange sichtbaren Kometen, dessen Einfluß, wie man später behauptet hat, sich so vortheilhaft auf die Wein-Erndten am Rhein und an den Ufern der Garonne fühlbar gemacht hatte. Wir verloren zwei Masten auf der schwierigen Fahrt, kamen aber nach 48 Tagen glücklich in New-Aork an. Ich wünschte die westlichen Provinzen kennen zu lernen, deren reiche und mannigfaltige Erzeugnisse aller Art, die beiden Flüsse Ohio und Missisippi hinabgebracht werden, die Quelle des Flors der Stadt New-Orleans zu werden bestimmt, und den Ufern entlang, nur wenig bevölkert, überhaupt in einem sehr rohen Zustande waren. In Folge dieses Wunsches beschloß ich mich über das Gebirge der Alleghany nach Pittsburg, im Staate Pennsylvanien zu begeben, mir dort ein Paar Flachböte (Ntboaw) zu kaufen, und mich und meinen Reisegefährten Hollander, von der Macht des Stromes bis nach NewOrleans, ungefähr 2000 Meilen, getrieben, ruhig hinabgleiten zu lassen. Die einzige andere damals übliche Art des Transportes auf den beiden Flüssen ward durch die sogenannten Kiel-Böte lAeeldot8) ermittelt, schmale lange Böte, die aber höchstens ein Paar hundert Fässer Mehl einnehmen und die Reise binnen 30 oder 35 Tagen mittelst Rudern vollenden konnten, dagegen die „lltboat" nur gesteuert, aber nicht gerudert wurden, und dazu 40 bis 50 Tage gebrauchten. Diese letzteren waren zum Transport der Passagiere aber bequemer, da man auf den Flößen ein ordentliches Zimmerchen mit Betten u. f. w. und außerdem noch eine kleine eonvenable Küche und Speisekammer errichten konnte. Ich ließ durch meinen vierzehn Tage vor meiner Abreise von Philadelphia nach Pittsburg abgesandten Freund Hollander zwei solcher Böte kaufen und einrichten, das eine zu unserem Gebrauch, das andere um einen kleinen Stall für mein Pferd zu haben, und 400 Fäßchen Mehl mitzunehmen, die sich immer mit gutem Vortheil in New-Orleans absetzen ließen und die Reisekosten decken sollten. Eines tüchtigen Pferdes halt' ich in Philadelphia habhaft werden können, und mein Felleisen hinten auf dessen Rücken geschnallt, machte ich mich im Deeember allein auf den Weg nach Pittsburg. Es war sehr kalt. Ich ritt eines Morgens früh in großer Einsamkeit über das höchste der Alleghany-Gebirge, LaurellHill genannt, und kam etwa um 10 Uhr in einem kleinen Wirths hause au den Wasserfällen des Iuni ata an. Hier forderte ich ein solides Frühstück. Die Wirthin wies mich in ein Zimmer und sagte mir, ich würde Wohl gemeinschaftliche Sache mit einem dort schon sitzendeu fremden Herrn machen. „He is czuite stranZei-", sagte sie mir. Als ich eintrat, fand ich denselben (der mir sogleich das zu sein schien, was mau wohl im gemeinen Leben einen wunderlichen Heiligen nennt) an einem Tische, vor dem Feuer sitzend, mit einem Madras Tuch um das Haupt gebunden, ganz nach Art der Französischen Matrosen oder Französischen Arbeitsleute in einem Seehafen. Ich ging höflich auf ihn zu, mit den Worten: „I liope l 6ont inoomoäe Vuu, „b)s cominz to talie m^ brelll>8t >vitn ^ou?" Die Antwort war: ,7^o 8ir!" aber mit einem stark betonten, Französischen Aeeeut ausgesprochen, und lautete: No Serre! ,,^K" — fuhr ich fort: ^Vou8 ete8 ?lnci8, ^Ion8jeul?" Nö Serre!" war die Antwort, hai emm äun Hännglieschmänn. ll m n lünßIi8NMi>). „Wn^", fragte ich weiter — nov 6o ^ou malte tkt ^out? Vou looli Iili,e ?lenckinn n6 vou pel^ lilie one?" Hai emme änn Hännglieschmänn, bikaas hai got änn HännglieschWaiff! (l m en NnßIi8Nman beeu8e I Zot n I^iiFll8N ^ile) erwiederte er. Ohne die Sache weiter zu untersuchen, beschlossen wir, beim Frühstück, fortan zusammen zu bleiben und zu reiten, bis wir Pittsburg erreichen würden. Er erwies sich immer mehr als ein Original, kam aber zuletzt überein, daß er ein geborner Franzose sei, von Larochelle herstamme, aber schon in seinem Kindesalter nach Louisiana gekommen und dort, im Seedienst aufgewachsen, allmählich aber ein wirklicher Amerikaner geworden sei. Nun, fragte ich, wie verträgt sich das mit Eurer Qualität als Engländer? Ietzt bequemte er sich auf einmal mir in Französischer Sprache zu antworten: ,,.4,u baut 6u eompte, je „8M8 UN neu co8monolite, j'nnrtien8 tou8 le8 p^l" Dieser Mann, der sich nachher einen so großen Namen in der Naturgeschichte, besonders in der Ornithologie erworben, hieß Audubon, war aber damals keinesweges darauf erpicht, sich mit naturhistorischen Studien zu beschäftigen.'") Er wollte Kaufmann werden und hatte die Tochter eines ehemals in Philadelphia, jetzt aber in Schippingport, an den Wasserfällen des Ohio-Stromes, und in der Nachbarschaft von Louisville ansäßigen Engländers und Mühlen-Besitzers, Namens Bake well, geheirathet. Auch er gedachte den Ohio-Strom bis nach Kentucky hinabzufahren. In Pittsburg war keine andere Gelegenheit dazu vorhanden, als die meiner Böte, und da er ein guter gefälliger Mensch, außerdem ein allerliebster Zeichner war, so bot ich ihm unentgeltlich ein Bett in unserem Zimmerchen an. (5r nahm dies Anerbieten dankbarlich an, und wir verließen Pittsburg bei sehr kaltem Wetter, die beiden Flüsse Monongahela und Ohio voller Treibeis, in den ersten Tagen des Monats Ianuar 1812. Von seinen Reiseprojekten erfuhr ich übrigens nichts, bis wir Limestone, einen winzigen kleinen Ort an der nordwestlichsten Spitze des Staates Ohio erreichten. Hier ließen wir beide unsere Pferde an das Land bringen, und ich entschloß mich mit ihm über Land zu gehen, zuvor den Hauptort Lerington zu besuchen, und von dort aus nach Louisville zu reiten, wo er seine Frau und Schwiegereltern, und ich meine beiden Böte zu finden hoffte, die ich dahin, unter Hollander's Aufsicht beordert hatte. Wir hatten in Limestone kaum unser Frühstück eingenommen, als Audubon auf einmal aufsprang und mir auf Französisch zurief: „Umtenant je vi po8er Ie8 be8 6e mon etaI)li88emeiitl" Hierauf nahm er ein kleines Packet mit Adreßkarten, nebst einem Hammer aus seiner Rock-, einige kleine Nägel aus seiner Westentasche und fing an auf die Thüre der Schenke, wo wir gefrühstückt hatten, eine der Karten festzunageln, welche die Worte enthielt:

t!ommi88jon8-Uercknt8, (?urli, I.rä H- ^loul.)

d. i. Schweinefleisch, Schmalz und Mehl.

Wasserfälle d^s Iuniata-Stromes, und eine schmeichelhafte Anerkenn! ug der kleinen Dienste, die ich meinem Reisegefählten damals und später bei seiner Reise nach England zu leisten so glücklich gewesen bin.

So! dachte ich. Da hast du Nebenbuhler, ehe du noch au Ort und Stelle gelangt bist! Doch da dieses Commissions-Haus sich weder auf den großen Namen der Herren Hope, noch auf den der Herren Baring berufen konnte, Schmalz und Schweinefleisch überdies keine Artikel waren, deren Verkehr eine besondere Anziehungskraft für mich besitzen konnte, so gab ich mich gern dem Gedanken, hin, daß eine Coneurrenz dieser Art nicht viel zu bedeuten haben könne.

Von Limestone ritten wir, Audubon und ich, zusammen nach Lerington, dem Hauptorte des Staates Kentucky, einem blühenden Städtchen, wo ich viel von einem hochbegabten Advokaten hörte, der sich während der Wahlen für Congreß - Mitglieder in Wirthshäusern und Straßen durch allerlei Balgereien und Faustkämpfe ausgezeichnet haben sollte. Dieser Mann war kein anderer, als der bald darauf immer berühmter werdende Henry Clay, ein Cougreß-Mitglied, dessen äußerliche Erscheinung keinesweges dazu geeignet war, einen hohen Begriff von seinen intelleetuellen Fähigkeiten zu geben, der sich aber als Redner schon damals einen großen Ruf erworben hatte.

Ein gräßlicher Gebrauch hatte zu jener Zeit ziemlich allgemein unter den größtentheils rohen Bewohnern der westlichen Staaten geherrscht — der Gebrauch, sich die Nägel an den Fingern so lange wachsen zu lassen, bis man ihnen im Schneiden die Form einer kleinen Sichel geben konnte, um sich derselben in den häufig vorfallenden Raufereien dazu bedienen zu können, seinem Gegner die Augen auszuschneiden. Diese barbarische Kunst hieß: „Loußinß. gzei diesem Ritt durch Kentucky sah ich mehrere Personen, denen ein Auge fehlte, andere deren beide Augen verunstaltet waren. Die Aufregung, welche damals in Betreff der Mißverständnisse mit England die Vereinigten Staaten durchzuckte, war in den westlichen Provinzen viel größer als an der Seeküste, und die Stimmung überhaupt eine sehr gereizte. Als ich auf meiuem Wege von Lexington nach Louisville durch Frankfurt kam, sagte man mir, daß der gesetzgebende Körper (tlie state I.e8lll>ture) des Staates Kentucky gerade in deni Augenblick seine Sitzungen hielte. Ich entschloß mich hinzugehen, um diese mit den Sitzungen der Territorial-Legislatur von Louisiana, die ich in New-Orleans hatte kennen gelernt, und die aus dem wunderlichsten Gemisch von eingeborenen Amerikanern und von Französischen und Spanischen Abkömmlingen bestand, vergleichen zu können. Kaum eingetreten in den Sitzungssaal, hörte ich einen sehr begeisterten Redner eine heftige Diatribe gegen England und die Worte aussprechen: 'We mut nve var villi ttret Lritain. „^V!- vill rum Ker Oommeree! dommeree i tne pple in yLlltam'8 e^e — tnere ^ve mut ßouße ner! (Wir müssen Krieg mit Großbrittannien haben! Krieg wird seinen Handel vernichten. Der Handel ist der Apfel des Britischen Auges — „den müssen wir mit unsern Nägeln ausschneiden. Diese Rednerfioskel fand vielen Beifall, und es läßt sich nicht läugnen, daß für ein Publikum, wie das der meisten Einwohner Kentuckys damals bildete, sie wohlberechnet war, und einen gewissen dichterischen Schwung verrieth. Die Nord-Amerikaner besitzen im Allgemeinen einen oft untrüglichen Scharfblick, der ihnen schnell eine gewisse Aehnll'chkeit zwischen zwei durchaus verschiedenen Dingen zeigt. Man hört nicht selten von den Lippen der unerzogensten Menschen Vergleiche der treffendsten Art. Zu den glücklichsten, die von den andern Ufern des Oeeans zu uns herübergekommen sind, gehört vielleicht einer, der von dem, übrigens sehr mittelmäßigen Amerikanischen Dichter Bar low, dem Verfasser der Columbiad gemacht worden ist. Alles, was zu seiner Zeit die Englische Sprache verstand und redete, war voll von der glänzenden Phraseologie des Englischen Redners Burke, der sich in seiner Begeisterung so oft zu einer fast unermeßlichen Höhe zu erheben pflegte. Barlow, der ihn angehört, und ihm entweder in seinen logischen Schlüssen nicht hatte folgen können, oder überhaupt, wie er vermeinte, gesunde Logik bei ihm vermißt hatte, brach in die Worte aus: Burke steigt wie eine Rakete, entfaltet ein blendendes Licht und fällt dann wie ein Stock herab! („Ue ^ri8e8 lilce rocket, preä ßlrinß üßlit, an6 oome8 6ovn nlike u 8Uolll)

Ich ritt einsam durch die große Waldung, die Frankfurt von Louisville trennt, als auf einmal mein Pferd, wie vom Blitz getroffen, plötzlich still stand — die Bäume um uns herum hatten einige Sekunden lang eine schwankende Bewegung angenommen. Der Gaul gehorchte mit einer Art von Bangigkeit meinem Sporn zum Fortschritt, stand noch einmal plötzlich still und schritt endlich zagend weiter. Es dauerte eine kurze Zeit lang, ehe er in' seinem vorigen Schritt zurückfiel. Bei meiner Ankunft in Louisville ward ich an der Wirthshausthüre sogleich umringt und emsig befragt, ob ich etwas von dem Erdbeben verspurt hätte — ich glaubte die Frage mit gutem Rechte bejahen zu können. Der Ohio war seit mehreren Tagen ganz gefroren gewesen, und seit länger als eine Woche waren keine Böte den Strom herabgekommen. Die meinigen und mein Freund Hollander waren also auf dem Wege zwischen Limestone und Louisville eingefroren. Drei Tage darauf, in dem Augenblicke, wo wir uns zu Tische gesetzt hatten, ward das ganze Haus heftig erschüttert, Gläser, Teller und Bouteillen klirrten und fielen vom Tische herab — die meisten Gäste sprangen auf mit dem Geschrei: „tnei-s i tke ei-tk. Qulle! b^Anßo! I'nei-e i8iw Kumtniß bout it!" und liefen auf die Straße hinaus. Es war wieder ruhig geworden, und Ieder kehrte allmählig in sein Haus zurück. Frühzeitig am nächsten Morgen erfuhr ich, daß die Erdstöße die Eisdecke über den Ohio gelös't und dem Strome seinen freien Lauf wieder gegeben hätten, auch daß mehrere Böte, unter anderen zwei zusammengebundene, über die zwischenLouisville und dem eine Stunde davon entfernten Städtchen Shippingport belegenen Wasserfälle den Strom hinabgegleitet wären. Ich ritt sogleich nach Shippingport und fand dort meine Böte und meinen Reisegefährten wohlbehalten wieder. Sobald wir unsere Vietualien-Vorräthe erneuert und vermehrt hatten, kehrte ich zurück zu meinen Nöten, und nachdem wir unsere weitere Reise wieder angetreten hatten, verließen wir einige Tage später die klaren, durchsichtigen Gewässer des Ohio's und gingen bei ihrem Zusammenflusse mit dem großen Missisippi in dessen dicke, schlammartige Fluthen über. Wir waren mehrere Tage lang ruhig fortgeschwemmt, hatten der Gewohnheit nach, jeden Abend die Fahrt eingestellt, und die Böte auf irgend eine Weise an den Ufern befestigt. Bei den Reisen in Flachböten, wie die unsrigen, ist es zur Regel geworden, während der Nacht kein Fahrzeug der Macht des Stromes anzuvertrauen. Denn die Oberfläche des Wassers wird von den vielen vom Ufer abgerissenen, aber dann wieder festgewurzelten und unbeweglich stehenden Bäumen (planier), so wie von denen, die zwar ebenfalls festgewurzelt, aber eine aufund niedergehende Bewegung behalten und in immerwährendem Schwunge sind (8^ei-), so häufig unterbrochen, daß es des Nachts zur Unmöglichkeit wird, ihnen auszuweichen, welches oft selbst bei Tage nicht ohne alle Schwierigkeit geschehen kann. So waren wir am 6 Februar bis zu dem kleineu Städtchen Neu, Madrid am Misfisippi gelangt. Einige zwanzig Böte, die gleichzeitig mit uns von Shivpingport abgegangen waren, leisteten uns Gesellschaft. Es war eine mondhelle Nacht. Mein Gefährte Hollander hatte sich zur Ruhe begeben, ich saß an einem kleinen Tische Nachts II Uhr, und zeichnete eine Carrikatur auf den damaligen Präsidenten Madison,") von dem es hieß, daß er unter dem Pautoffel-Regiment stände. Derselbe hatte kurz vorher eine Proelamation ergehen lassen, wodurch er die Nation aufforderte: „to put o i-mour nä vllllille ttituäe. Meine Carrikatur schilderte ihn in Generals-Uniform und in einer herausfordernden Stellung, seine Gemahlin, ebenfalls mit einem militairischen Hut bedeckt, Gewehr im Arm und im Besitz der rotheu Hosen, welche ihr Vorgänger Iefferson bekanntlich von der revolutionairen Zeit Frankreichs (wo er als Abgeordneter Paris bewohnt hatte) von dort mitgebracht und, wie allgemein behauptet ward, getragen haben soll. Ich hatte an den etwas durchlöcherten rothen Hosen die letzten Pinselstriche gethan, als ein furchtbarer Knall, wie ein plötzlicher Kanonen-Donner, erscholl, dem unmittelbar zahllose Blitze folgten, der Missisippi wie das Wasser in einem siedenden Kessel aufschäumte und der Strom rauschend zurückfloß, die Bäume des Wäldchens, neben dem wir angelegt hatten, krachend niederbrachen und zusammenstürzten. Das furchtbare Schauspiel dauerte mehrere Minuten fort, das heftige Wetterleuchten, das Rauschen des rückwärts fließenden, aufkochenden Stromes und das Krachen der stürzenden Bäume nahm kein Ende. Hollander in seinem Bette aufgeschreckt und halbsitzend, fragte: Was ist das, Nolte? — Welche andere Antwort konnte ich ihm geben, als daß ich es selbst nicht wüßte, aber die Wirkungen eines Erdbebens voraussetzte. Ich stieg auf das Dach unserer Böte. Welch' ein Anblick! Unsere Böte schwammen allerdings, aber weiter von dem Ufer entfernt, als wir sie beim Anfang der Nacht gebracht hatten, ringsum schwimmende Bäume und Baumäste, die der wieder in gehöriger Richtung fließende Strom mit sich fortriß, von dem Städtchen nur einige sehr entfernte Lichter hervorblickend — kurz ein wahres Chaos. Die kleine Mannschaft, die ich zur Bemannung meiner Böte von Pittsburg mitgenommen hatte, bestand aus drei Matrosen, die der Mangel an Beschäftigung in den Häfen während des Vmbargo's, nach Pittsburg getrieben hatte, und einem mit den Flüssen vertrauten Steuermann (Kivol pilot). Sie sagten mir, daß die Böte ringsum sich von den Fesseln, die sie an das Ufer ketteten, allmählig befreit hätten und fortgeschwommen wären, und befragten mich, ob wir nicht dasselbe thun wollten. Ich bedachte sogleich, daß wenn es unter gewöhnlichen Umständen gefährlich und also keineswegs rathsam sei, sich in der Nacht dem Strome Preis zu geben, so müsse jetzt, bei den vielen, durch das Erdbeben gelösten und fortgetriebenen Bäumen die Gefahr um vieles vermehrt sein, und daß es folglich am klügsten wäre, an Ort und Stelle zu bleiben, bis man wieder Tageslicht haben und seinen Weg klar sehen könne. Bei Sonnenaufgang entfaltete sich die ganze schaudervolK Seene vor unseren Augen, und das fast bis zu drei Viertheilen seines Umfanges versunkene, zerstörte und überschwemmte Städtchen-Neu-Madrid lag mehr als fünfhundert Schritte von uns entfernt, einzelne zerstreute Bewohner hie und da aus den Trümmern hervorragend. Unsere Böte lagen mitten in einer von gefallenen Bäumen gebildeten Insel, und es vergingen mehrere Stunden, ehe die Mannschaft sich einen Weg mitten durch hatte hauen und Bahn machen können. Endlich waren wir wieder in den Strom gelangt und setzten unsere Reise, Etappenweise, weiter, bis wir am zwei und dreißigsten Tage nach unserer Abfahrt von Pittsburg, bis nach Natchez, im Staate Mississippi, gelangten. Hier, wo wir allerlei Details über die dort verspürte Wirkung des Erdbebens bekamen, blieben wir acht Tage, während welcher Zeit auch nicht ein einziges von den Böten zum Vorschein kam, die uns am 6 Februar umgeben hatten. Bei unserer Ankunft in New-Orleans erfuhren wir, daß man dort von dem Erdbeben nichts weiter verspürt hatte, als daß die Kronleuchter im Ballsaale auf einmal hin und her geschwungen waren, und daß eine Menge Damen sich sehr übel befunden hätten, andere augenblicklich ohnmächtig geworden wären. Dies merkwürdige und in seinen Folgen so erschreckliche Erdbeben hatte seinen Ursprung in dem nordwestlichsten Theile des Staates Missouri genommen, Louisiana mehr oder weniger erschüttert, sich durch den ganzen Mexikanischen Meerbusen bis nach Caraeeas gestreckt, wo es zuletzt ganz besonders gewüthet, die Stadt Caraeeas fast ganz zerstört, und dort sowohl als an mehreren Stellen der Umgebung'40,000 Einwohner zur Armuth redueirt oder verschlungen hatte. Von den Böten, die uns am Abend des 6 Februars umgeben hatten,' hat man nie etwas Weiteres erfahren — wir würden wahrscheinlich, ohne den gefaßten Entschluß, demselben Schicksal nicht entgangen sein.

') Ich hatte diese Carrieatur anDavid Parish gesandt, der sie in seinen> Schlafzimmer in Ogdensbnrg Jahre lang aufgehangen hatte. Ans seinen Händen war sie in die des wohlbekannten Caffirers der Mechanies Bank, Dennis A.Smith in Baltimore und nach einigen Johlen wieder in die meinigen gekommen, als diese zum Bruch kam.

Ich habe es immer für eine große Gabe des Himmels angesehen, daß mir bei großen Gefahren, denen ich in meinem Lebenslaufe einige Male ausgesetzt gewesen bin, immer eine gewisse Ruhe und meine ganze Besinnung verblieben ist.

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Gilftes Kapitel.

New - Orleans.

Erste Einrichtungen. DerCongreß erklärt England den Krieg am I8Inni 1812. David Parish übernimmt auf seine persönliche Verantwortlichkeit eine der Regierungsanleihen, wodurch Verwickelungen in seiner Lage entstehen. Der im Deeembel I8l4, drittehalb Jahre später, zu Gent geschlossene Friede zieht ihn glücklich heraus. Tropischer Orkan in New-Orleans, im Herbste 1812, Bruch meines rechten Armes im Jahre 1814, Unnöthige Einstellungen der Baai-Zahlungen der Banken zu New - Orleans. Von der Börse zum Mtgliede des Ausschuffes erwählt, der die Sache untersuchen und darüber berichten soll, entstehen für mich, als Berichterstatter, persönliche Händel daraus. Ursprung meines ersten Duells, mit einem unbekannten und nie vorher gesehenen Gegner. Eine Geschäfts-Operation nach P,nsaeola durch die beiden New-Orleans begränzenden Seen: Borgne undPontchatrain, mittelst einer mit Baumwolle beladenen Flotille kleiner Fahrzeuge, Ich lange damit in der Bau von Mobile an, erwarte dort den Erfolg der vor meinen Augen erfolgenden Beschießung des Forts, uno benutze den Augenblick des Rückzugs des geschlagenen Englischen Geschwaders, um in der Nacht in Pensaeola einzulaufen. Neue Händel, die mir die Clique des Bank-Cassiiers Saul auf den Hals schiebt, namentlich mit dem MarineZahlmeister Shields. Unterbrechung unserer Fehde durch die Ankunft der Englischen Flotte in dem Golf von Florida.

New-Orleans, das ich vor mehr als fünftehalb Iahren verlassen hatte, hatte in dieser Zeit einige nicht unbedeutende Fortschritte gemacht — es war viel gebaut und etwas verbessert worden. Der Charakter seiner Bevölkerung hatte aber nichts gewonnen. Die älteren Einwohner, Spanischen und Französischen Ursprungs, hatten eine gewisse Biederkeit, Treue und Glauben in ihrem Verkehr an den Tag gelegt. Die Advoeaten, die aus dem Norden der Vereinigten Staaten eingewandert waren, prozeßsüchtig sein mußten, um Brod zu haben, und mit einiger Kenntniß der Amerikanischen Gesetze, Chikane und Schliche eingeführt und einigen der alten Einwohner dieselben eingeimpft hätten, waren zum Theil die Urheber dieses moralischen Rückschritts geworden. Der Gouverneur Claiborne hatte die Wahl-Intriguen zur Mode gemacht und das Ehrenhafte des sonst so gutmüthigen Charakters der Creolen zu untergraben verstanden. Die gesellschaftlichen Zustände waren eher verschlimmert als verbessert worden.

Ich hatte kaum eine Wohnung genommen und meublirt, als wir von Washington die Nachricht der am 18 Iuni 1812 erfolgten Kriegserklärung gegen England erhielten, wodurch denn auf einmal alle Projekte, die ich in Rücksicht meiner Europäischen Geschäfts-Verbindungen gemacht hatte, zum Scheitern gebracht wurden, und alle Vortheile, die ich mit gutem Rechte davon zu erwarten berechtigt war, mir aus den Händen schwanden. Man mache sich, wenn man kann, einen Begriff von der Lage, in die ich plötzlich versetzt ward.

David Parish war, wie ich schon bemerkt habe, im Spätherbste des Iahres 1811 mit großen Projekten von Europa zurückgekehrt. Es war seine Absicht gewesen, sich ganz von Europäischen Geschäften zurückzuziehen und sein Interesse in dem Antwerpener Hause aufzugeben. Aber sein Assoeiö, Herr G. Agie, einer der rechtschaffensten und vorsichtigsten Kaufleute, die mir je bekannt geworden, hatte seinen Namen nicht in der Firma entbehren wollen, und sie blieb demnach David Parish, Agie und Compaguie. Kapital hatte Parish jedoch nicht in dem Hause gelassen. Die großen fortdauernden Consignationen, die dasselbe unter denen, mit den Mexikanischen Capitalien von ihm gemachten Vorschüssen, erhalten hatte, waren natürlich auch Agie günstig gewesen und hatten ihn zu einem größeren, eigenen Vermögen verholfen, als er wohl je zu besitzen geahnt haben konnte. Bei seiner Rückkehr nach den Vereinigten Staaten hatte Parish den Französischen Baumeister Ramse, denselben, der in Hamburg für Herrn von Hostrup die erste dortige Börsenhalle erbaut hatte, ferner, aus Barmherzigkeit oder als Gesellschafter, einen schon bejahrten Französischen Miniatur-Maler — bon enlnt, bon mmßeur, bon tl8eur 6e olemboui'ß" — kurz einen „lreeur", der, wie Shakespeare's Fallstaff, nicht allein selbst witzig, sondern auch andern Stoff zum Witzigwerden darbot, sodann einen vortrefflichen Französischen Koch, und andere zur Vervollständigung seines Haushaltes nützliche Personen, mitgebracht. Ramse sollte ihm in Ogdensburg eine eonvenable Residenz, ein Wirthshaus des ersten Ranges, eine Kirche und andere Gebäude errich, ten, und in einem kleineren Orte, den Parish bereits den Namen Parishville beigemessen hatte, mehrere größere oder geringere Bauten ausführen. Ouvrard bespricht in seinen Memoiren den Ursprung dieser in Embryo gebliebenen Stadt in folgenden Worten: yH'avi8 vu Uun8ieur vviä ?ri8n Hnver oü il venit cle „turmer une mi8on, qui vit eneore trop neu 6'lmpnrtance pour qu'il put li8er scliapper I'oec8ion, 6e 8'ttacner me ,,3ssjre8. Hppels pr Ue88ieur8 Hops, il con8entit prtir pour „Ie8 Ltat8'IIni8, et quoique 8imple .^Zeut 6'une operation,

Der Krieg mit England mußte große Geldauslagen nach sich ziehen. Es entstanden daraus die größten finanziellen Verlegenheiten für die Regierung, welche allerdings Anleihen zu einem immer steigenden Zinsfuß ausschrieb, aber wenig Darleiher fand. Parish, ohne vorhergegangene Besprechung mit Europäischen Kapitalisten, am allerwenigsten mit den Herren Baring, wie man sogleich ersehen wird, ohne besonderes Einverständniß mit befreundeten Kapitalisten der Vereinigten Staaten, noch mit einigen Banken, um Vorschüsse auf deponirte Staatspapiere zu erhalten, übernahm eine dieser hohe Zinsen tragenden Anleihen zu einem niedrigen Course, hatte sich aber verrechnet, es fanden sich nur wenige Nehmer, und diese nur für geringe Summen, die Staatspapiere fielen unter dem stipulirten Course hinab, und der größte Theil der eingegangenen Verpflichtungen mußte auf seine eigeneu Schultern zurückfallen. Als A. P. Lestapis im Herbste desIahres 1807 nach Beendigung seiner Mission Veraeruz verließ, hatte er eine zweifelhafte Schuld von etwa 30,000 Piaster in den Händen des Herrn F. C. de Septien zur Einkassirung hinterlassen. Bei der im September des Iahres 1811 in Amsterdam erfolgten Abmachung des ganzen Geschäfts ward diese Summe zu meinen und zu Gunsten meines Freundes A. P. Lestapis in gleichen Theilen abandonirt; und da Parish nach den Vereinigten Staa, ten zurückkehren wollte, Septien beauftragt, sich wegen derselben mit ihm zu verstehen, wenn es ihm gelingen sollte, Zahlung von dem bösen Schuldner zu erhalten. Die Summe ward endlich einkassirt und, erhaltenen Instruktionen gemäß, an Parish verantwortet. Dies geschah — denn weder Lestapis noch ich erfuhren dies genau — zur Zeit des mit England begonnenen Ameririkanischen Krieges. Erst nach dem Frieden zu Gent, am 24 Deeember 1814, kam es zum Vorschein, daß Parish dieselbe empfangen hatte und erst im Iahre 1816 gerieth mein halber Antheil in meine Hände. Einen deutlicheren Beweis von den Verlegenheiten, in die Parish damals gerathen war, von seiner wahren Geldnoth, konnten wir nicht haben, denn der Empfang dieser Summe war uns verschwiegen worden. Um sich nun aus diesen Verlegenheiten zu ziehen, glaubte Parish kein leichteres Mittel finden zu können, als den größeren Theil der Stock-Certifieate an die Herren Baring in London zu senden und auf dieselben bedeutende Summen auf Rechnung zu entnehmen. Das Ende dieses Wagstückes war vorauszusehen. Das Londoner Haus sandte die Certifieate zurück an Parish und wies seine Tratten ab — England war ja in offenem Kriege mit den Vereinigten Staaten! Parish schien überdies ganz und gar vergesseu zu haben, daß bei einem von dem Lord Major in London im Iahre 1808 gegebenen Festessen, der alte, so allgemein geachtete Sir Franeis Baring sich, unter dem Murren der Gesellschaft, gegen den Vorwurf zu vertheidigen gehabt hatte, sein Haus befördere durch seine Kapitalien und den Verkauf Amerikanischer Staatspapiere die Pläne der feindselig gesinnten Amerikanischen Regierung. Ich war in New-Orleans zu weit von dem eigentlichen Schauplatze dieser Verlegenheiten Parish's entfernt, um sie ganz und genau haben kennen lernen zu können; aber das einfache Faktum, daß er seine Aeeepte, mit unbedeutenden Namen als Indossenten, in allen Banken disl'ontiren zu lassen versuchte, war genug, um es einleuchten!) zu machen, daß er die große und erhabene Stellung, die er noch zwei Jahre vorher an den Amerikanischen Börsen behauptet hatte, jetzt nicht länger besaß, und seine Freunde mußten es innig bedauern, den Mann in Verlegenheiten zu erblicken, von denen er mehrere Iahre hindurch so manche seiner Umgebungen zu befreien gewohnt gewesen war. Parish war natürlich gutherzig und es war zum Sprichwort geworden, daß er keine abschlägige Antwort zu geben vermochte. Man denke sich jetzt diesen Mann, der die Wichtigkeit seiner eigenen Stellung Andere nie auf eine unangenehme Weise hatte empfinden lassen, in die Lage versetzt, ihren guten Willen ansprechen zu müssen! Die Olivers, Craig und andere, die durch ihn an die Quellen ihrer jetzigen Reichthümer gelangt waren, fanden sich nicht geneigt, das Erworbene wieder auf's Spiel zu setzen, und die Schüchternheit, mit denen sie diesmal seinen Combinationen entgegenkamen, war eine begreifliche Sache. Parish's Lage war bedenklich geworden, als der am 24 Deeember 1814 zu Gent gezeichnete Friede zwischen Großbrittannien und den Vereinigten Staaten auf einmal den Amerikanischen Staatspapieren ihren Werth wiedergab und Vortheile auf den Schlußeoursen an die Stelle der Verlüste setzte. Parish war gerettet.

Ich kehre zu meiner eigenen Lage zurück, wo mir wenige Monate nach dem Anfang meines Etablissements alle Hülfsquellen plötzlich abgeschnitten wurden. Die daraus entstehende Geschäftslofigkeit, die fast an Unmöglichkeit grenzende Schwierigkeit, unter diesen Umständen irgend welche Geschäfts-Combinationen zu ersinnen, die dem kaufmännischen Unternehmungsgeist entsprächen, nnd zugleich den Ruf kaufmännischer Vorsicht nicht auf das Spiel setzen und eompromittiren würden, >nachten unter einer Bevölkerung, wie New-Orleans sie damals besaß, das Leben zu einer gewissen Bürde. Tragen ließ sie sich, aber man empfand die Freudenleere feiner Existenz, denn der Zweck derselben war verschwunden Sie glich der Windstille eines Seefahrers, aber mit dem drückenden Unterschied, daß dies nur Tage und Wochen dauert, der Termin der meinige n aber auf einige Iahre hinaus nicht abzusehen war.

Der Mississippi war von einem Paar Englischer Kriegsschiffe blockirt und genau bewacht. Nach diesem traurigen Beginn des Jahres betraf die ganze Stadt und Gegend am Ende des Monats August das Unglück das Opfer eines der furchtbaren Orkane zu werden, die sich in den tropischen Klimaten nur allzuoft zur Zeit der Sonnenwende ereignen. Achtzehn von den Schiffen, die im Hafen lagen, wurden auf das linke Ufer des Missisippi geworfen und lagen am Lande, einige Gebäude und angefangene Bauten umgestürzt, die meisten Dächer in der Stadt abgedeckt und aller Ziegeln entblößt. Dies waren die Erinnerungen des ersten Kriegsjahres!

Im zweiten, dem Iahre 1813, wurde ich abermals an die Gebrechlichkeit der menschlichen Natur erinnert. Denn im Mai, bei einem Spazierritt mit einem Bekannten, machte dieser die Bemerkung, mein Pferd sei ein vortrefflicher Wettrenner, und er möchte wissen, ob dies wahr sei. Ich bejahte seine Anfrage. Ich ,,möchte es gerne rennen sehen! fuhr er fort. Das ist leicht geschehen! — sagte ich — nur müssen Sie Ihr Pferd zurückhalten, denn wenn das meinige ein anderes neben sich galoppiren hört, so kann ich es nicht länger zurückhalten. Er verstand sich zu diesem einfachen Vertrage, hielt aber nicht Wort, denn kaum hatte ich das meinige angespornt und laufen lassen, so schlug er sein Pferd an, und rief mir von hinten zu: „Lalloa l 1 tninll, yl cn boat ^ou! Was ich vorher gesagt hatte, geschah, mein Pferd war nicht mehr zu halten, rannte fort, mit einer beispiellosen Schnelligkeit, stürzte plötzlich zusammen und warf mich auf die Seite, wo ich ungefähr zwei Meilen von der Stadt, auf der Heerstraße, leblos liegen blieb. Als ich" zu meiner Besinnung kam, befand ich mich in meinem Bette in der Stadt. Ich hatte eine schwere Kopfwunde erhalten und den rechten Arm, am Ellenbogen, gebrochen. Es war eine Akvlose. Der Arm ist gekrümmt geblieben und ich kann ihn nicht ausstrecken.

Der Parteigeist nahm bei den traurigen Zuständen der Stadt täglich zu und veranlaßte dort, wo gesellschaftliche Verhältnisse eben begonnen hatten, die größten Spaltungen und unversöhnliche Feindschaften. Man trat an den Gassenecken zusammen, um Privat-Seandale zu hören oder zu eolportiren. Das baare Geld machte sich rar. Die ganze naheliegende Küste war von den Seeräubereien der Gebrüder Laffitte aus Bavonne, Sauvinet, Beluche, Dominique, Gamba und anderen, die man mehr oder weniger in der Stadt New-Orleans offen herumspazieren sah, beunruhigt. Sie besaßen ihre Freunde und Verbindungen, ihre Waaren-Depots u. s. w. in der Stadt und verkauften, fast öffentlich, die geraubten Waaren, zumal Englische ManufakturWaaren. Besonders aber florirte durch sie der Sklavenhandel. Diese Seeräuber nahmen Spanische und andere Sklavenschiffe auf hoher See, hatten an der Küste, unweit New-Orleans, in der kleinen Insel Barrataria genannt, ihr hauptsächlichstes Depot, wohin sich die Zuckerpflanzer, meistens Französischen Ursprungs, begaben, mit 150 bis 200 Piaster die geraubten Sklaven bezahlten, die sie in der Stadt für 600 der 700 Thaler nicht hätten haben können, und führten sie durch die mannigfachen, unter sich verzweigten Flüßchen Bavou's genannt, auf ihre Pflanzungen ein. Der Schmuggelhandel war eine der Ursachen des Raarwerdens des baaren Geldes. Die Pflanzer, anstatt Banknoten mitzunehmen, holten baare Münze, um diese Einkäufe bezahlen zu können, aber das Geld ging nicht aus dem Lande, sondern versteckte sich in den Privateassen der geheimen Agenten der Seeräuber in der Stadt und ward der allgemeinen Cirenlation entzogen. Die Französische und Catalonische Bevölkerung der Stadt hatte sich nie in dem Glauben gefügt, daß Banknoten eben so gut wie baares Geld, Zeichen des Werthes sein können, wenn sie die Sicherheit einer guten Verwaltung des Bank-Capitals zur Grundlage haben, und das Vorurtheil gegen sie, das so lange geherrscht hatte, hatte eben angefangen zu weichen, als die Eifersüchteleien zweier Cassirer, der eine in der Bank der Pflanzer (planlor'8 LmK) Namens T. L. Harman, der andere in der Bank von Orleans (LanK ol 0i-Ien) Namens Ioseph Saul, beide geborne Eng länder, dasselbe auf's Neue in's Leben rief. Der letztere hatte es darauf abgesehen, den Credit der Pflanzers-Bank zu stürzeu, und selbst die Kunden an sich zu ziehen, welche sie besaß, meistens Pflanzer, die ihre Geld-Depots immer länger lagern ließen, als die Kaufleute. Der Herr Cassirer, der die ganze Direktion der Bank um die Finger wickeln konnte und sie vollkommen beherrschte, hatte das Diskontiren zu beschränken, dadurch eine im Vergleich mit der Pflanzers-Bank geringere Emission der Bankpapiere zu veranlassen gewußt, die einkommenden Banknoten jener sorgfältig gesammelt, und, nachdem er ungünstige Gerüchte über die Zustände der Pflanzer-Bank hatte aussprengen lassen, plötzlich an einem Tage, wo er sehr wohl wußte, daß ihr Silber-Vorrath sehr zusammengeschmolzen war, diese Masse von Banknoten zum Einlösen gegen Silber vorzeigen lassen. Sie überstieg um Vieles den Silber-Vorrath der 'Pflanzers-Bank, und der Commis der Bank von Orleans, der sie vorgezeigt hatte, kehrte demnach unverrichteter Dinge mit der Botschaft zurück, man würde deshalb weitere Rücksprache nehmen. Das war genug. Die ganze Bevölkerung war in Aufregung, man warf sich auf die Pflanzers-Bank, die allgemeine Stimmung aber machte keinen Unterschied zwischen ihr und der Bank von Orleans, und auch diese gerieth mit der Einwechselung oder Zahlung ihrer Noten in Stockung. Die Einwohner flogen nach der Börse und ernannten ein Comits von fünf Mitgliedern, die Herren W. Nott, H. Landreaur und P. F. Dubourg vom Handelsstande, den Advokaten Mazureau, und mich, zur Untersuchung der eigentlichen Bankzustände, um einen Bericht darüber abzulegen. Mein College Nott war der einzige, der eine gewisse Einsicht in die Materie besaß, die beiden anderen Kaufleute im Besitz höchst geringer Kenntnisse, der Advokat Mazureau, vollkommen ohne Begriffe über das Wesen der Cireulation, hielt sich aber ipo motu für berechtigt, den Bericht zu schreiben, der außer ihm, mir und Herrn Nott anvertraut wurde. Der erste Entwurf des Herrn Mazureau, voller Deklamation und hohler Worte, gab mir bald die Ueberzeugung, daß er gar nichts von der eigentlichen Sachlage begriffen, und demnach nicht wisse, was er zu sagen habe. Ich erbot mich einen andern Entwurf zu machen, und es ergab sich, nachdem ich ihn den andern Mitgliedern mitgetheilt hatte, daß er, bei der Wahl zwischen den beiden Entwürfen, mit vier Stimmen angenommen, der andere nurMazureau's eigene Stimme für sich hatte. Der von mir verfaßte Bericht, nachdem das Resultat unserer Untersuchung der verschiednen Bankzustände geschildert und die beruhigendsten Gründe für die Solvenz aller Banken der Stadt ausgesprochen war, enthielt einige Worte des Bedauerns, daß wegen der kleinlichen Eifersucht zweier Cassirer ein solcher unnöthiger Auflauf veranlaßt und ein Mißkredit hervorgerufen worden sei, der nicht hätte stattfinden sollen, noch können, wenn man das wahre Interesse der Stadt besser beherzigt hätte. Der Cassirer der Pflanzers-Bank, der mein persönlicher Freund war, nahm die Sache auf wie er sollte, der Cassirer der Orleans-Bank, ein leicht gereizter, jähzorniger Mann aber wüthete und flammte seinen Zorn an allen Orten in schmählichen Ausdrücken aus. Er hatte von unserem Collegen Mazureau bald erfahren, daß ich die Feder geführt hatte, mit dem Zusatz, daß die sogenannte Anklage: une llile combinee entre Monieur Kott et Uoiiieui- I^olte" wäre, und daß die beiden anderen Mitglieder des Ausschusses sich nur auf Diskretion ergeben hätten. Nun hieß es in der ganzen Stadt, Herr Saul habe gedroht, er würde uns beide züchtigen und nicht eher ruhen, bis er vollkommene Satisfaktion von uns erhalten hätte. Sein erster Angriff war gegen meinen Freund Nott gerichtet, der gerade einer der Direktoren der Bank von Orleans war, die ihn zum Cassirer hatte. Er verschaffte sich sogleich, aber ganz im Stillen, die Bankvollmachten der meisten Aktien-Inhaber, um in ihrem Namen bei der bevorstehenden jährlichen Wahl neuer Bank-Direktoren, sechs an der Zahl und Nott an der Spitze, abzusetzen. Iunge, unerfahrne Kausieute von keiner Bedeutung, wurden an ihre Stelle ernannt. Dabei renommirte er täglich an den beiden Börsen (es waren ihrer damals zwei in New-Orleans, eine Amerikanische und eine Französische) und drohte uns beiden, über kurz oder lang eine wohlverdiente Züchtigung zu geben. Ich wollte keine Notiz von diesen Erbärmlichkeiten nehmen, aber Nott wollte Saul's Muth auf die Probe stellen und bat mich, demselben in seinem Namen eine Note zuzustellen, worin er aufgefordert ward, entweder das Gerücht der versprochenen Züchtigung für unwahr zu erklären, im Gegenfall aber sich bereit zu halten, ihm persön liche Genugthunng zu geben. Wir hatten beide gerechnet, daß dies ihm eine Gelegenheit darbieten hieß, sich auf einmal durch ein paar freundliche Worte an mich, von diesen Rodomontaden zurückzuziehen. Ich nahm also Nott's Brief an Herrn Saul, fand ihn nicht zu Hause, traf ihn aber auf seiner Rückkehr von dem Ballspiel (OioKott C>-oun6) und übergab ihm höflich die kleine Note. Er las sie fichtbarlich nicht ohne Bewegung durch, schlug sie heftig und gereizt zusammen, und antwortete in einem trotzigen und arroganten Tone, er werde Antwort schicken. Durch weu, Herr Saul, damit ich Ihrem Freunde entgegen kommen kann? — Das brauchen Sie nicht zu wissen! — erwiederte er mir mit ununterbrochener Insolenz. Nun denn - sagte ich — „geben Sie mir nur eine Zeile als Beweis, daß meines Freundes Brief in Ihren Händen ist und meine Mission ist dann erledigt! — Saul's Antwort auf diese Aufforderung war ein derber Faustschlag auf mein rechtes Auge — er hatte sich immer seiner Kraft und Gewandtheit als Boxer gerühmt, und ich, der ich durch meinen, vor einem Paar Monaten erfolgten Armbruch nicht im Stande war, irgend einen Widerstand zu leisten, entzog mich schnell seinen Händen, indem ich quer über die Gasse eilte, er folgte mir nach, riß mich von hinten, beim Kragen gefaßt, nieder und schlug meinen Kopf mit großer Gewalt gegen die Ecken des Rinnsteines, so daß ich fast finnlos und blutend liegen blieb. Ein Paar Bekannte, die mich einige Minuten darauf dort fanden, brachten mich nicht ohne Mühe nach Hause, und mußte ich, bei der Kur meiner Kopfwunden, vierzehn Tage in meinem Bette liegen. Nott besuchte mich sogleich und sagte mir, er wisse was er zu thun habe, den nächsten Morgen hoffe er mir hinsichtlich meines Mörders — so nannte er ihn (^our 8888m) — etwas Genügendes mittheilen zu können. Er trat am folgenden Morgen um zehn Uhr in mein Zimmer mit den Worten: Euer Mörder, Nolte, wälzt sich in seinem Blute! — Was — rief ich — todt? — Nein! — war die Antwort — Nicht todt, aber durch den Leib geschossen! Und nun erzählte er mir, daß er ihni, sobald er Kenntniß von der Behandlung, die mir geboten worden, erhalten habe, auf der Stelle ein Cartel zugeschickt, um sich früh Morgens mit ihm auf Pistolen zu schlagen, mit der Erklärung, die Sache müsse vor 12 Uhr abgemacht sein. Sau! habe versprochen sich um 8 Uhr zu stellen, und ich kenne nun das Resultat. Es ergab sich bei der Untersuchung, daß die von Sau! erhaltene Wunde tödtlich gewesen sein würde, wenn er sich nicht unter dem Hemde, gegen alle Regeln des Duells, mit einer seidenen Binde den Leib umwickelt hätte; Nott's Kugel hatte getroffen, war aber an dem zehn Ellen langen, folglich mehrmals aufgelegten Gewebe abgeprallt, und unter eine der Rippen der rechten Seite gefahren. Nach vierzehn Tagen war ich wieder hergestellt und säumte keinen Tag von Herrn Saul persönliche Genugthunng für seine Mißhandlung zu fordern — seine Antwort war: daß, da er meinem Freunde, Herrn Nott, bereits Genugthunng für das gegeben habe, was zwischen ihm und mir vorgefallen war, so sei er keinem Andern Rechenschaft darüber abzulegen verpflichtet. Daß diese Antwort mich nicht zufrieden stellen würde, werden meine Leser wohl erwarten. Ich schrieb abermals an meinen Beleidiger, daß ich von einer solchen Antwort nichts wissen wolle, daß Herr Nott das mir zugefügte Unrecht als eine persönliche, ihm zugefügte Beleidigung aufzunehmen für gut gefunden, daß ick aber nicht gewohnt sei meine Rechnungen auf fremde Kosten zu liquidiren und daß ich nichts weiter von ihm erwarte als persönliche Genugthunng und das auf der Stelle. Ich wartete drei Tage auf Antwort, aber vergebens. Da entschloß ich mich meine beiden

v

Briefe nebst seiner Antwort, darunter in großen Buchstaben die Worte: Ich erkläre demnach hiemit: Ioseph Saul für einen nichtswürdigen Schurken und eine feige Memme! drucken und diese von mir unterzeichnete Erklärung an allen öffent, lichen Orten und Gassen-Ecken anschlagen zu lassen. Um sieben Uhr Morgens waren diese Plaeate überall sichtbar. Die Aufregung in der Stadt war sehr groß — die öffentliche Meinung, d. h. alle die, welche nicht die Folgen eines verweigerten Diskonto's ihrer Wechsel zu befürchten hatten, da man allgemein glaubte, die Annahme oder Weigerung derselben hänge lediglich von dem Cassirer ab, sprach sich laut zu meinen Gunsten aus. Ich selbst fühlte mich aber im höchsten Grade unglücklich, bis ich nicht per, sönliche Satisfaetion von meinem Ocgner erhalten hatte, und wußte eine Zeitlang mir selbst nicht zu raten, da ich mit einem verkrüppelten Arm und der daraus entspringenden Unmöglichkeit, mich ohne Pistolen mit ihm zu messen, es nicht wagen konnte, öffentlich die Reitpeitsche auf ihn zu legen. Endlich ersann ich mir ein Mittel, das ich für unfehlbar hielt, um meinen Zweck zu er, reichen. Es war das folgende: Unter den Generälen, welche Ame, rikanischer Seits nach der Canadischen Grenze nicht allein zur Vertheidigung derselben, sondern auch um einen Offensiv-Krieg gegen das längst derselben sich ausdehnende Englische Heer zu führen, geschickt worden waren, befand sich einer Namens Wil, liam Hull, der bei der ersten Annäherung eines Englischen Corps, obgleich notorisch schwächer als das seinige, sich zurückzog und zuletzt ohne Schwertstreich ergab. Er ward bald darauf ausgewechselt und nach seiner Rückkehr unmittelbar vor ein Kriegsgericht gestellt, das ihn zur Degradation verurtheilte und durch öffentliche Proclamation für eine feige Memme (poltroon nä do^arö) erklären ließ. Nun ließ ich in dem Zeitungsblatte: ^'ini 6e81.oix im Namen des verurtheilten Generals, einen Brief von ihm an einen seiner Freunde in New-Orleans erscheinen, worin er sehr über sein hartes Schicksal klagt, besonders aber über die unerträgliche Lage, in die er durch das Urtheil versetzt worden sei, da von dem Augenblick an, wo er für eine feige Memme erklärt worden. Niemand in Boston etwas mit ihm zu thun haben, viel weniger ihm öffentlich die Hand reichen wolle. Er könne demnach, fuhr der Brief fort, nicht länger in Boston bleiben und sehne sich herzlich nach einem anderen Orte, wo man die Sache nicht so genau nähme; und wenn es wahr sein sollte, daß Herr Ioseph Saul, Cassirer der Bank von Orleans, wie er erfahren habe, seine Stelle aufgeben und sich zurückziehen wolle, so möchte er sich gern zu der Vaeanz melden, weil er gehört habe, daß man dort, trotz des entehrenden Ausspruchs, man sei ein feiger Schurke, dennoch sein Geschäft mit großer Unverschämtheit zur Schau tragen, auch mitunter Leute finden könne, die einem an Diskontotagen sogar die Hand freundlich darböten, er. Hull, sei um kein Haar besser oder schlechter, als der gedachte Saul, und verdiene daher auf derselben Stufe zu stehen. Im Einklang mit jedem Ehrenmanne in NewOrleans mußte ich erwarten, daß dieser Brief, als dessen Autor mich zu nennen, die Redaktion der Zeitung ermächtigt war, den Mann, den er betraf, auf das Feld bringen würde, aber ich hatte falsch gerechnet. So verstanden Herr Saul und die Clique, in der er seine Rathgeber fand, die Sache nicht. Sie wollten gern die ihm widerfahrne Schande von ihm abwaschen, aber ohne Gefahr für ihn, jedenfalls nicht auf ihre Kosten. Sie bildeten sich ein, daß ich nicht so verwegen sein würde, mich trotz eines verkrüppelten Armes, oder gar mit der linken Hand schlagen zu wollen, und daß es mir nur darum zu thun sei, meiner üblen Laune Luft zu verschaffen, und geriethen auf den Plan, irgend Iemand zu suchen, den sie mit geringer Mühe würden überreden können, mir ohne stichhaltige Ursache.eine Herausforderung zu senden, damit ich, wie sie wähnten, dieselbe abweisen und ihnen allen das Vergnügen verschaffen möchte, mich an den GassenEcken gerade so anschlagen zu lassen, als es ihrem Freunde Saul widerfahren war. Man suchte einige Zeit lang vergebens. Nach ein paar Wochen begünstigte der Zufall das saubere Projekt. Ein Neffe des Generals Hull, Namens Allen der bei einem der Regimenter der Vereinigten Staaten in Mobile als Unterzahlmeister stand, war nach New-Orleans gekommen, um einige Regiments-Geschäfte abzumachen. Man fand ihn aus, und der Versuch, ihn gehörig zu bearbeiten, war nicht mißlungen. Zu gleicher Zeit war man gekommen, um mich zu benachrichtigen, daß Familien-Freunde des Generals damit beschäftigt wären sich an mich zu rächen. Auch hatte mir der Redakteur des Zeitungsblattes: „I.'mi 6e I.oix" mitgetheilt, daß sich Iemand gemeldet hätte, um den Namen des Autors jenes Briefes zu erfragen — er heiße Allen. Am nächsten Tage bei Tische erhielt ich einen Besuch von dem Obristen Perry, der mir einen offenen, von dem Herrn Allen unterzeichneten Brief übergab, wodurch derselbe für sich und im Namen seiner Familie von mir persönliche Genug thunng für den unnöthigen Mißbrauch des Namens seines Ver wandten, des unglücklichen Generals Hull, forderte. Ich antwortete, daß ich bereit wäre dieselbe zu geben, und daß ich wenn er um 8 Uhr sich an der Französischen Börse befinden wolle, ihm meinen Freund Nott zusenden würde, um die nöthigen Vorkehrungen zu dem Rendezvous zu nehmen. Nott war sogleich bereit die Rolle des Sekundanten zu übernehmen und an der Abendbörse den Obristen Perry aufzusuchen.. Man war bald übereingekommen, daß das Duell am nächsten Morgen um 7 Uhr, auf der Route zumBayou") St. Iean statthaben, daß mau Pistolen gebrauchen und sich auf zehn Schritt, gleichzeitig, unter gegebenem Commandoworte, schlagen solle. Nott kehrte nach der Börse zurück, ich aber blieb zu Hause um Briefe zu schreiben und einige nöthige Vorkehrungen zu treffen. Eine Stunde später.kam Nott wieder zu mir und sagte mir: Man scheint den Schritt zu bereuen, den man gethan hat, — Wie denn das? — bemerkte ich. — Nun — fuhr er fort — ich habe an der Börse den Obristen Perry getroffen. Er ging gerade auf mich zu, war sehr freundlich und bedauerte, daß es so weit habe kommen müssen. Er gestand, daß er im Irrthum gewesen sei, man habe ihm im Voraus gesagt, ich sei ein übermüthiger stolzer Europäer, der sich

einbilde, Amerikanern könne man Alles bieten, es sei mehr auf eine kleine Correetion abgesehen, als auf etwas Ernstes, ich würde das Carte! sicherlich ausschlagen, und dann würde ich das Vergnügen haben, meinen Namen an den Gassen-Ecken figuriren zu sehen. Anstatt dessen aber, fuhr er fort, habe er einen höflichen Mann gefunden, der ihn artig empfangen und das Carte! sogleich angenommen, beim Weggehen selbst ein gutes Glas Wein (ämn 'ä Fooä Uaäeir) angeboten habe — es sei doch Schade, daß ein Paar ordentliche Leute, sich, ohne alle persönliche Fehde oder Bekanntschaft, blos eines mißverstandenen Spaßes, der sie eigentlich nichts anginge, mit einander schlagen müßten! Giebt's denn keine Möglichkeit, die Sache friedlich abzumachen? Ich antwortete, — fuhr Nott fort, daß ich jetzt, nach ergangenem Cartel, eine solche Möglichkeit nicht sähe. Darauf hat er mir bemerkt, daß wenn man das Carte! zurückgeben und es mit einer einfachen Erklärung begleiten wolle, daß es gar nicht darauf abgesehen gewesen fei, der Familie Hull eine Beleidigung zuzufügen, so würde er es auf sich nehmen, die Sache damit für abgemacht zu halten. Ietzt kommt's auf Euch an? Seid Ihr bereit das Cartel zurückzugeben? — Keineswegs! — erklärte ich, und setzte hinzu, daß ich die geforderte Erklärung, ohne Anstand zu nehmen, sogleich gegeben haben würde, wenn man sich dabei auf eine andere Weise genommen hätte, daß aber jetzt, da die Herausforderung einmal gegeben und angenommen worden sei, an keine Zurückgabe gedacht werden könne, und daß man daran glauben müsse. Ich bemerkte zugleich an Nott, daß ich schon längst eingesehen hätte, wie an einem Orte wie New-Orleaus, wo sich der Abentheurer und verrufenen Menschen aus der Fremde so viele befänden, zwischen wirklich ehrenhaften Männern und anderen, die, Schurken äe ioto, nur dafür gelten wollten, um sich zu rehabilitiren, es kein anderes Mittel gebe, um den letzteren eine gewisse Gleichstellung bürgerlicher Rangsverhältnisse zu erleichtern, als den persönlichen Muth eines Mannes in Frage zu stellen, daß folglich der Taugenichts, blos weil er geneigt sei sich bei jeder Gelegenheit zu schlagen, höhere Ansprüche zu machen sich bereit halte, als der ehrenwerthe Mann, der Anstand nähme, sein Leben um Nichts und Mieder Nichts in die Schanze zu schlagen. Daher, sagte ich zu Nott, habe ich beschlossen keiner Gelegenheit auszuweichen, die mir em solches Opfer zur Pflicht gegen mich selbst machen und zu meiner Ruhe für die Folge beitragen könnte — die erste ist mir die beste, und diese hier halte ich fest. Nott gab mir vollkommen Recht; er erkannte, daß den Sitten und Gebräuchen eines Ortes, in dem man zu leben bestimmt sei, gegenüber, es kein anderes Mittel gebe, um rnhig zu leben, als sich manchmal vor dem Gesetz ihrer Nothweudigkeit zu beugen, mit einem Protest im Herzen, und ohne ihr zu huldigen.

Am nächsten Morgen trafen wir meinen Gegner, den ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Male in meinem Leben zu -Gesichte bekam, den Obristen Perry und den Doktor Heermann, einen Deutschen, der als Wundarzt in der Amerikanischen Marine angestellt war, am bestimmten Rendezvous. Mein Wundarzt war eiu Franzose Namens Gros, jetzt noch im hohen Alter, Gutsbesitzer bei Tarbes in den Pyrenäen. Beim ersten Schuß fiel der Ladestock der Pistole meines Gegners, von meiner Kugel getroffen, gebrochen zur Erde. Vor dem zweiten ward ich vom Colone! Perry befragt, ob ich etwas zu sagen hätte, ich antwortete natürlich Nein! und würde stehen bleiben, bis man sich zufrieden erklärte. Beide Schüsse kreuzten sich ohne Folgen. Bei dem dritten Schuß, dessen Kugel die rechte Schulter meines Gegners streifte und au seinem Hinterkopfe vorbeifuhr, rieb er sich die Stirne und sprach die Worte aus: „V? 606 l tnt 8eem enouzli!" Die beiden Sekundanten berathschlagten sich und erklärten hierauf, Herr Allen würde ohne Pistole und mit ausgestreckter Hand auf mich zugehen, und wenn ich ihm auf gleiche Weise entgegen kommen und erklären wolle, bei meinem Briefe in dem „^mi 6e I.oix sei keine Beleidigung der Familie Hull beabsichtigt gewesen, so sei die Sache abgemacht. Hiezu gab ich meine Einwilligung, so wie zu einer gleichen Erklärung in dem gedachten Blatte, welche Tags darauf erschien und gedachte Worte enthielt, mit dem Zusatz, der wahre Zweck jenes Briefes sei kein anderer gewesen, als den

Band I. ^4

Herrn Ioseph Saul durch die Peitschenhiebe der Satire ssuuet 6u riöicule) für seine Feigheit zu züchtigen (cliätier). Drei Tage nach dem Duell begegnete ich Herrn Allen. Er kam mit thränendeu Augen auf mich zu, und gestand, indem er mir freundschaftlich die Hand bot, er habe sich gegen mich vergangen, und müsse mich um Verzeihung bitten — er sei gehetzt und das blinde Werkzeug einiger Leute geworden, deren verborgene Absichten er nicht habe errathen können. Ich bat ihn, mir die Namen dieser ehrenwerthen Männer zu nennen, und erfuhr, was ich vorausgesetzt hatte — die Namen Saul und Consorten.

Den Verlauf dieser Duellgeschichte, die für meine Leser nur wenig Interesse besitzt, habe ich mit einer gewissen Umständlichkeit erzählt,, um sie mit der wahren Natur der damaligen gesellschaftlichen Zustände der Stadt New-Orleans bekannt zu machen. Sie war nicht allein ein Piratennest, sondern auch der Sammelplatz aller möglichen Intriganten und Arten von Leuten, denen wenige Communitäten in der Welt offen gestanden hätten. Nott, ein geborener Amerikaner, der einige Zeit in Frankreich gelebt hatte, und nicht ganz ohne Bildung war, und ich, hielten uns so sehr als möglich von der Gesammtheit einer solchen Bevölkerung entfernt, besuchten nur einige wenige der ältesten und respektabelsten Familien, keine Trinkgelage, keine Spielhäuser u. s. w. und wurden gerade dieser Sonderung wegen von der Masse gehaßt, verfolgt und als verdächtige Leute ausgeschrien — mimio2l to tue „bet Interet ol tue countr^ war das große Stichwort, dessen man sich in Rücksicht unserer bediente. Die Existenz eines solchen Rufes blieb uns eine Zeitlang ein Geheimniß.

Eben zu dieser Zeit hörte man Vieles über die Ausrüstung einer großen Expedition von England nach der südlichen Küste der Vereinigten Staaten, Lonisiana insbesondere. Ein FreibeuterCorps, unter einem Englischen Major Namens Nicholas, hatte sich mit den Piraten in Barattaria in Verbindung gefetzt und in deni Golf von Mexieo und an der Mündung des Missisippi waren von Zeit zu Zeit Englische Kreuzer gesehen worden. Die Schifffahrt in den beiden Seen Borgne und Pontchartrain (I^ac Noi-Zne und I.e ponteliatlain) im Rücken von New-Orleans war nie be unruhigt worden, und um von dem Eingang der Bay von Mobile (Uobile Voint) bis in den Hafen von Pensaeola, der den Engländern und ihrer Flagge offen stand, gelangen zu können, erforderte es eine Fahrt von ungefähr sechs Stunden. In Pensaeola ward Louisiana Baumwolle von Englischen Paeeotilleurs mit 22 und 24 Cents per Pfund bezahlt, in New-Orlans war sie um die Hälfte zu haben. Nun ward der Handel zwischen den Umgebungen der Seen und selbst zwischen New-Orleans und Pensaeola mittelst kleiner Fahrzeuge von zehn und funfzehn Tonnen betrieben, die Mehl, Wein, geistige Getränke u. s. w. und einige wenige Manufaktur-Waaren brachten. Die ganze schifffahrende Flottille bestand aus etwa fünf und zwanzig Fahrzeugen. Ich befrachtete eines Morgens die größeren, belud si mit Baumwolle, in alleni ungefähr 250 Ballen, und schickte sie einstweilen nach der Bay von Mobile, um auf mich zu warten. Tags darauf erschien ich in einem sehr kleinen unbeladenen Schooner und legte mich nahe bei dem Fort Mobile, vor dem ein kleines Englisches Geschwader kreuzte, zuletzt aber Anstalten zum Beschießen des Forts machte. Der Angriff erfolgte auch wirklich unter meinen Augen und dauerte von I Uhr Nachmittags bis um 7 Uhr Abends. Das kleine Fort hielt die Kanonade von fünf Kriegsfahrzeugen wacker aus und hatte das Feuer derselben so scharf erwiedert, daß sie ihnen sichtbarlich große Beschädigung zugefügt hatten. Ich brachte nun meine ganze kleine Flotille von der Mitte der Bay bis nahe an das Fort, und wartete in meinem kleinen Clipper auf den Rückzug des Englischen Geschwaders. Als dieser gegen Sonnenuntergang erfolgte, segelte ich demselben auf den Fersen, doch in einiger Entfernung, nach, und sah, daß man geradezu nach Pensaeola steuerte, wo man, dachte ich, sich eher mit dem Ausbessern der erlittenen Schäden als mit dem Kapern kleiner Fahrzeuge beschäftigen würde. Ich ging zurück in die Bay, holte meine Eskadrille heraus, und führte sie am nächsten Morgen, vom Monden-, licht und einem milden Winde während der Nacht begünstigt, bei Sonnenaufgang glücklich in den Hafen von Pensaeola. Hier ver

kaufte ich meine Baumwolle gleich zu 22 Cents per Pfund, kaufte dafür wollene Decken (3pw. blanketw) zu 5'/ und 6 Dollars ein, und ging damit durch die Bay von Mobile und die kleinen Seen zurück nach New-Orleans, wo diese Decken >0 bis II Dollars galten und auf mein Lager gebracht wurden. Denn die eigentliche Verkaufszeit dieses Artikels ist dort im Deeember, beim Anfang der Zuckerernte. Man fand das kleine von mir ausgeführte Kunststück recht hübsch, bewillkommnete mich aber an der Börse mit dem Gruß: ,,^b, ^ou nave been to vi8it ^our lrien68 „tt>e Nnßlin?

Sanl und Consorten, die nimmer ruheten, hatten wieder einen Gimpel, diesmal einen Zahlmeister der Marine, Namens Shields aufgefischt, dem sie den Kopf mit unseren iNott's und meinen) vermeintlichen Intriguen und landesverrätherischen Absichten angefüllt hatten. Dieser halb verrückte Mensch hatte sich wiederholt gegen einen Wundarzt in der Marine, Namens Dr. Morris, der uns manchmal besuchte, so weit vermessen, daß er Beweise in Händen zu haben behauptete, die ihn, Morris überzeugen würden, Nott und ich wären wahre Landesverräther,' feindlich gegen die Amerikanische Regierung gesinnt und unredlich — „unfairl" Peremtorisch aufgefordert mit diesen Beweisen hervorzutreten, zog er sich, Nott betreffend, zurück, weil, sagte er, Nott ein geborener, nicht, wie ich ein adoptirter Amerikaner sei, folglich sein Vaterland über Alles lieben müsse, aber in Rücksicht meiner müsse er bei dem Gesagten stehen bleiben. Die eigentlichen Motive des Unterschiedes, den er zwischen Nott und mir machte, lagen wohl in dem Umstand, daß Nott bekanntlich einer der besten Schützen in der Stadt, dagegen bei mir, meines verkrüppelten Armes wegen, in einem Zweikampf keine große Gefahr zu laufen war. Ein höflicher Brief, den ich ihm schrieb, um ihn zu ersuchen, er möge Ort und Stunde nennen, wo er einem von mir abgesandten Freunde die Beweise meiner feindseligen Gesinnungen und meiner Unredlichkeit vorlegen könne, blieb einige Tage ohne Antwort, — er müsse Staatsgeschäfte halber nach Mobile gehen und es bis zu seiner Rückkunft verschieben, die geforderte Auskunft zu geben. Zurückgekehrt endlich von Mobile vergingen vierzehn Tage, dann bediente er sich der Feder eines Advokaten, um mir einen Brief, voll der erbärmlichsten Ausflüchte zu schreiben, und zu erklären, daß er sich nicht anheischig gemacht habe, die bewußten Beweise irgend Iemanden als nur dem Dr. Morris zu zeigen. Ein zweiter Brief von mir, weniger artig und positiverer Natur, blieb ebenfalls eine Zeitlang ohne Antwort. In diesem Augenblicke erhielten unsere Civil- und militairischen Autoritäten von der Regierung in Washington die Nachricht, daß eine Englische Kriegsflotte, mit einem bedeutenden Truppeneorps am Bord, nach Louisiana bestimmt, nicht allein von England, sondern selbst schon von Iamale abgesegelt sei, und daß man das Erscheinen derselben in unseren Gewässern erwarten und sich darauf vorbereiten müsse. Ietzt kamen einige Zeilen von Mr. Shields zum Vorschein, mit der Erklärung, er müsse in diesem ivichtigen Momente seine ganze Aufmerksamkeit dem Staatsdienste widmen, und demnach unsere Differenzen ruhen lassen, bis der kritische Zeitpunkt vorüber sein würde. Die ganze Geschichte war an sich selbst so erbärmlicher Natur, der Mann, mit dem ich es zu thun hatte, ein so einfältiger Geselle, und mein Ekel so groß geworden, baß ich der Ausführung seiner Mittheilung keine Schwierigkeiten in den Weg zu legen, und zu warten beschloß, in der Hoffnung, daß man mittlerweile zur Vernunft .kommen und sich eines Besseren besinnen würde. Dem Einfluß allein, den diese klägliche Geschichte auf mein zweites Dull ausübte, verdankt diese Erzählung ihre Stelle hier. Sie vervollständigt die Schilderung der damaligen sittlichen Zustände der Stadt NewOrleans, die man heut zu Tage kaum für begreiflich halten dürfte.

Zwölftes Kapitel.

Iackson's Verteidigung der Stadt New-Orleans.

Seine Ankunft daselbst am l Deeember l>4. Gleichzeitige Ankunft der Englischen F otte im Floiidanischen Meerbusen. Wegnahme unserer Kanonenböte durch die Engländer am l4 Deeember. Abmarschiren unseres MilizBataillons nach dem Bavou St. John, am LaeBorgne. Am 22 Deeember erhält man die erste Nachricht der Landung der Engländer auf der Pflanzung (liäliwtwn) des Generals Villeri. Wir werden sogleich dahin beordert, mit allen denen von Jackson befehligten Truppen. Das nächtliche Gefecht vom 23 Deeember. Die Verbrennung unseres Cutters: Carolina, durch eine Englische Batterie, am ersten Weihnachtsfeiertage, 25 Deeember. Die heftige Kanonade am Neujahrstage l8I5 Völlige Niederlage des Englischen Armeeeorps unter dem General Packenham, bei seinem Angriff auf unsere Linien am 8 Januar. Unverhciltnißmäßiger Verlust der Engländer. Vollendung des Rückzugs des Englischen Armeeeorps am l6 Januar,

Der Augenblick war, in der That ein ernster. Dem General Iackson, der die Miliz im Staate Tenessee befehligte, hatte der Präsident der Vereinigten Staaten den Auftrag gegeben, die südliche Küste vor der erwarteten Landung der Engländer zu schützen. Dieser Mann hatte nicht die mindeste militairische Erziehung und Bildung genossen. Einen großen Theil seiner jüngeren Iahre hatte er in den politischen Zweikämpfen und Raufereien seiner Umgebungen zugebracht, war selbst in dem Gerichtshöfe, wo er als Richter saß, gewohnt gewesen, sich mit Pistolen herumzuschießen und von der Kriegsführung verstand er nichts als die Ausdauer, die Hartnäckigkeit, aber auch die Barbarei der Gefechte mit den Indianischen Stämmen und deren kaltblütige Ermordung oder Ausrottung.

Es war am 1 Deeember 1814, als Iackson mit etwas weniger als 1500 Mann vor New-Orleans erschien. Die kleine Macht, in Flach- und Kielböten (llat-buat, Keel-boat) zu Nashville im Staate Tennessee eingeschifft, war aus dem Flüsse Cumberland gekommen, den Mississippi herabgefahren und bestand theils aus freiwilliger, theils aus besoldeter Miliz (6ralte^ Wittib, letztere durch das Loos aus Einwohnern der beiden Staaten Tenessee und Kentucky gebildet. Unter der freiwilligen Miliz befanden sich etwa fünfhundert Mann, welche an deu Indianischen Kriegen unter Iackson Theil genommen, voni General Coffce befehligt, und Coffee's Brigade ((^uN'ee'8 Ni-iß^e) genannt wurdeu. Sie waren die ausgesuchtesten der 1500 Herbeigekommenen, in Compagnien getheilten Scharfschützen (i-illemen), hatten, so wie der ganze Haufen, ihre von ihnen selbst erwählten Hauptleute, Lieutenants und Sergeanten, führten nichts als ihre Kugel büchst und ihr Pulverhorn (ihre Kugeln meistens in ihren Hosentaschen), kannten von militairischer Organisation und Diseiplin auch nicht das Mindeste und verstanden nur das Wichtigste ihres Berufes und ihrer Bestimmung, nämlich sich ruhig ihr Augenmerk auszusuchen, anzuschlagen und ihren Mann zu treffen (tu blinZ Kim 6avn). General Iackson hatte zu militairischeu Adjutanten einen Obristen Haines und einen Major Need, von der Miliz, dann als General-Quartiermeister einen Obristen Butler, aus einem der Regimenter der Amerikanischen Linientruppen. Keiner dieser Herreu, der General am wenigsten, verstand auch nur ein Wort Französisch, welches die Landessprache Louisiaua's war; noch weniger war irgend einer mit dem Geiste, der Stimmung, den Sitten und Gebräuchen der größtentheils Französischen Bevölkerung vertraut. Da erneuerte der vorhin schon genannte, in Louisiana wohnhafte Advokat Eduard Livingston seine Bekanntschaft mit dem General, der sehr woHl einsah, von welchem

unendlichen Nutzen ihm dieser gewandte Mann sein und werden konnte, der seit länger als zehn Iahren schon in so enger Berührung mit der gemischten Bevölkerung Louisiana's gestanden hatte. Auch wußte General Iackson das Schwert besser als die Feder zu handhaben, und schrieb, obgleich einst Advoeat und Richter, seine Muttersprache auf eine höchst unvollkommene Weise und unortographisch: wie konnte er da zur Ablegung seiner Berichte an die Regierung einen besseren Stylisten finden, als den Autor des peinlichen Gesetzbuches von Louisiana, seinen Freund, den als Schriftsteller und Redner so rühmlichst bekannten Eduard Livingston? Grund genug, die Anerbietung seiner Dienste als freiwilliger Adjutant (volunteer i6) und Privatsekretair mit Freuden anzunehmen. Livingston ließ sich Oberst nennen, und außer den seinigen wurden auch die Dienste seines obgenannten Schwagers Davezae und zweier anderer Advokaten, Namens A. L. Dunean und Iohn R. Grymes, und des damaligen Marschalls des Distrikts (viti-iet-lrnl), Namens Duplessis, als freiwillige Adjutanten, in allem ihrer fünf, angenommen, die beiden Advokaten ebenfalls Obriste, der Distrikt-Marschall und Livingston's Schwager, Major betitelt. Von dieser fünfblättrigen Umgebung des Generals war das ausgezeichnetste und wirklich brauchbare Mitglied Livingston selbst, der einzige unerschrockene und Gefahr liebende Mann aber der Advokat Grymes; die drei andern dagegen, wie die Folge erwies, waren von geringem oder gar keinem Nutzen und ganz aus ihrem Fahrwasser, wenn es darauf ankam, sich dem feindlichen Feuer blos zu stellen. Livingston hatte bis dahin unter dem Rufe einer gewissen Feigherzigkeit geschmachtet: und wenn der berühmte Französische Akademiker und Historiograph Mignet in seinem Nekrolog von Eduard Livingston (im louml 6e vöbat) von seinem persönlichen Muthe und seiner Unerschrockenheit im Kampfe spricht, so hatte er dafür keine andere Autorität als Livingston selbst. So wie Iackson einmal gesagt hatte: ^i^ntinZ, not writinz i m^ dui„ne! so hätte Livingston das Diktum umkehren und sagen können: M^Vritinz, not Nßlitinz i m? bu8ine! Der Leser wird übrigens im Verlauf der gegenwärtigen Schilderung erkennen, mit welchem Eifer es sich die freiwilligen Adjutanten des Generals, von denen nur der einzige, noch lebende I. R. Grymes wirkliche Kühnheit bewies, angelegen sein ließen, die Mit- und Nachwelt von ihrer persönlichen Tapferkeit in Kenntniß zu setzen. Die vortrefflichen, vom General Iackson an das Land, an die Einwohner der Stadt, an die Bürger-Miliz erlassenen Proklamationen, sämmtliche von dem General an den Präsidenten in Washington gesandten Berichte über die Ereignisse und Operationen bis zur Wiedereinschiffung der gelandeten Engländer waren aus Livingston's Feder geflossen. Der Bericht am Schlusse des kleinen Feldzuges rührt aus der Feder des Herrn Grymes her.

Am 4 Deeember 1814 erhielt man in New - Orleans die Nachricht, daß das Englische Geschwader, unter den Befehlen Cochrane's und Maleolms, mit einem bedeutenden Truppeneorps an Bord, in den Gewässern des Floridanischen Meerbusens erschienen sei. Sogleich wurde alles lebendig in New-Orleans — Iackson war rastlos. Anderthalb Meilen im Rücken der Stadt fließt der Bach St. Iean (La^ou 8t. ^en) in den kleinen oben genannten See, Lae Borgne genannt. Aus diesem See gelangt man durch einen engen, seichten Paß, der le i-ißolets heißt, in den Golf von Florida. An der Mündung des Bayous steht ein kleines Fort, mitten im Passe ein anderes, beide zusammen mit noch nicht zehn Kanonen bewahrt. Die Einfahrt des gedachten Passes bewachten fünf kleine Kanonierbarken (ßun-boat), von denen eine jede einen vier und zwanzig Pfünder nebst zwei kleinen Karonaden führte, und welche von Offizieren aus der Amerikanischen Marine befehligt wurden.

Am 14 Deeember wurden diese Kanonierbarken von mehreren Englischen, mit Mannschaft und Marinesoldaten besetzten Schaluppen und Böten angegriffen und nach einem ganz kurzen Gefechte überwältigt. Die Engländer hatten nicht ein einziges Stück Geschütz in ihren Schaluppen, hielten das Feuer der Kanonierbarken während ihres Herannahens mit großer Kaltblütigkeit aus, und bemächtigten sich derselben mit nicht geringerer Entschlossenheit durch das Entern (buaröinß). Es war zwei Tage darauf, früh Morgens am 16., daß Iackson die erste Nachricht von der Wegnahme der kleinen Flottille erhielt.

Das einzige, vollkommen bewaffnete, equipirle und wirklich diseiplinirte Corps der Bürger-Miliz, welches dem General zu Gebote stand, war das kleine, erste Bataillon des ersten Regiments derselben, welches etwa aus 550 Mann bestand, und unter seinen Offizieren einige zählte, die unter Napoleon in Aegypten gedient hatten, z. B. den Herrn P. Roche, dermalen Französischer Buchhändler in New-Orleans.

Meine Lage war eine kitzliche geworden. Von den pflichtmäßigen Militärdiensten der Einwohner war ich durch den im vorangegangenen Iahre vorgefallenen Sturz meines Pferdes vollkommen entbunden. Ich hätte mit gutem Gewissen, und nicht wie es mehrere junge Mitbewohner New-Orleans unter nichtigem Borwande zu thun beliebten, die Hand ruhig im Schooße liegend, in der Stadt zurückbleiben können, aber bei den Verdacht der geheimen Vorliebe für England und Englische Interessen, der auf mir ruhte, würde ich gehässigen Bemerkungen, und vahischein, lich Verfolgungen nicht entgangen sein. Auch ohne diesen traurigen Beweggrund hätte ich dem Nusmarfchiren einiger meiner Freunde, dem nahen Abbrennen der Gewehre und dem Donner der Kanonen nicht kaltblütig zuhören können. Ich faßte also schnell meinen Entschluß mich in das genannte kleine Corps und zwar in die Flügel-Eompagnie der sogenannten Carabiniers aufnehmen zu lassen. Das kleine Vatallon wurde noch selbigen Tages (16 Deeember) von Iackson nach dem Bayou St. Iean gesandt, und unter den Befehl des Major I. B. Plauchö gestellt, der aus Louisiana gebürtig, und bis dahin die Carabiuiers kommandirt hatte. Eine zweite Compagnie, die Chasseurs, hqtte an die Stelle ihres bisherigen Capitains Daquin, einen der Redakteure des „^ouleiei-

Ich habe bereits der Seeräuber-Colonie erwähnt, welche in den ersten Iahren der Amerikanischen Besitznahme Louisiana's an den südlichen Ufern dieser Provinz, die von kleineren Inseln umgeben sind, hauste, und deren Hauptsitz die Insel Barattaria war. An der Spitze dieser Banden standen die schon genannten zwei Brüder Lafitte aus Bayonne, von denen sich der ältere Kaiser von Barattaria nennen, und manchmal in dem Blatte seines Freundes Leelere's einzelne Parodien der Napoleonischen Proklamationen hatte erscheinen lassen. Daß Lafitte, sein Bruder, Beluche und andere berüchtigte Piraten sich öffentlich in den Straßen von New-Orleans und gewöhnlich Arm in Arm mit Livingston's Schwager Davezae, und mit Leelere, ihren Busenfreunden, zeigten, ist auch schon berührt worden. Manchmal auf der That ertappt, wurden sie jedesmal von Livingston und seinem listigen Schwager vertheidigt. Die Eingeborenen des Landes Französischen Ursprungs, Creolen von Louisiana genannt, und die in New-Orleans ansäßigen Franzosen und Spanier wußten den Vortheil einer Iury nicht zu schätzen, fanden sie lästig („il vut mieux" — sagten sie — „voir se juße lris") und wenn es darauf ankam, Seeräuber freizusprechen, so war mit seltener Ausnahme der Erfolg gewiß, „de zen 15" — hieß es bei dek meisten Franzosen — „tont Ieui-8 llaire. ?ourquui Mer „leur metier?" Ihr in New - Orleans ansäßiger Helfershelfer und Handels-Gesellschafter hieß Sauvinet (ich habe ihn schon genannt', ebenfalls aus Bayonne, der in der Vorstadt Marigny ein ordentliches Comtoir und einen Buchhalter Namens Laporte hielt, — einen jungen Franzosen, der bei mir in den Jahren 1806 und 180? gearbeitet hatte. Nachdem die Colonie auf der Insel Barattaria durch die Amerikanische Marine zerstört worden, bemächtigten sich der ebenfalls schon genannte Beluche, welcher später als Commodore in die Dienste der jungen Republik Venezuela trat, und ein gewisser Dominique, dieser Seeräubereien als herrenloser Erbschaft. Den letzteren, einen außerordentlich kühnen Mann, hatten die Wachtschiffe der Regierung (Revenue s.uttei) erwischt, und als die Englische Flotte unter den Admirälen Cochrane und Maleolm im Floridanischen Meerbusen erschien, saß er im Gefängniß zu New-Orleans. Unzählige Beweise seiner See.rä'ubereien, selbst gegen Amerikanische Schiffe und der Mitschuld des Beluche, der bei Zeiten entschlüpft war, fanden sich in den Händen der Regierung; der Galgen schien unvermeidlich. Die Untersuchungen hatten zu der Entdeckung geführt, daß der obengenannte Major St. Göme, von unserem Bataillon, Dominique's Asfoeie und Vermittler war. Der Mann war, wie Sauvinet, wohlhabend geworden, und besaß mehrere Häuser in der Stadt. Dominique im Gefängniß und Sauvinet außerhalb desselben, wandten sich an Eduard Livingston und erwählten ihn zu ihrem Rechtsanwalt, Die Summe, welche ihm für ihre Freisprechung geboten ward, konnte natürlich nie genau ermittelt werden; das Stadtgerücht sprach allgemein von 15,000 Spanischen Thalern. Die vielen Beweise gegen die Schuldigen machten die gerichtliche Freisprechung Dominique's unmöglich; aber seine Freilassung und die Verzichtleistung der Autorität auf alle fernere gerichtliche Proeeduren gegen ihn, St. G6me, Beluche und alle anderen als Seeräuber Verdächtigen, erhielt Livingston durch das einfache Mittel, daß er Dominique und Beluche im Namen ihrer Bande veranlaßte, dem General Iackson ihre Dienste gegen die Engländer anzubieten, unter der Bedingung, daß er sich bei dem Präsidenten der Vereinigten Staaten um ihre Begnadigung verwende. Iackson war zu scharfsichtig um Livingston's Absicht nicht zu durchschauen; er hatte in ihm seinen Mann gefunden, den Mann, den keine Skrupel irre machten, dem, wie ihm selbst, ein jedcs Mittel relt war, das zu seinem Zwecke führen konnte. Man brauchte überdies tüchtige Kämpfer und Livingston wußte die Vortheile, die man von der Mitwirkung dieser Leute, von ihrem Einflusse auf die niedrigste Schichte der Französischen Bevölkerung, von ihrer Unerfchrockenheit, von ihrer Geschicklichkeit in der Handhabung des groben Geschützes, zu ziehen hoffen durfte, in so hellen Farben zu schildern, daß der General zuletzt um so lieber seine Einstimmung gab, da, wie ihm bekannt geworden war, der Englische Aventurier Nicholas Unterhandlungen mit ihnen gepflogen hatte. Die Thür des Gefängnisses öffnete sich für Dominique, Beluche stellte sich ein, und beide erhielten in wenigen Tagen das Commando einer Batterie, die. nachher No. 3 genannt ward, und mit der auch ich in unmittelbare Berührung kommen mußte.

Am 23 Deeember Vormittags erhielt General Iackson die erste Nachricht von der Landung der Engländer durch einen Boten des Miliz-Generals VillerS, eines Creolen, zu dessen Zuckerpflanzungen fünf oder sechshundert derselben durch den kleinen, in den Lae Borgne fließenden Kanal Villere gelangt waren. Die Bewachung der Einfahrt des kleinen Kanals, wo jedoch Niemand die Möglichkeit der Landung eines Feindes geahnt hatte, war einer Picketwache von jungen Pflanzern anvertraut worden. Diese Herren, die sich von der Unmöglichkeit einer solchen Landung überzeugt hielten, belustigten sich inzwischen mit der Iagd in den benachbarten Wäldern, so daß die Englischen Böte unbemerkt und ungestört ihre Mannschaften an's Land setzen konnten. Der General Villere entdeckte sie zufällig als er eines Morgens seine Zuckerfelder besuchte. Drei Tage schon hatten die Engländer ihre Mannschaft aus den Böten gelandet, ehe man in New-Orleans das mindeste davon erfuhr. Aber jetzt war auch Iackson's Entschluß. Wir wollen ihnen, — sagte er — einen Vorgeschmack dessen geben, das ihrer wartet! Sie sollen erfahren mit wem sie es zu thun haben! Den Weibern und Kindern, die in den Straßen heulten, ließ er durch Livingston sagen: er sei da und der Feind würde nie in die Stadt kommen, so lange er das Commando habe!

In einigen „üompte venäu" von jener Epoche ist behauptet worden, er habe sogleich verdächtige Bürger einsperren lassen, aber daran ist in dem Augenblick nicht gedacht worden; es war damals weder Zeit noch Veranlassung dazu da. Dem General brannte der Boden unter den Füßen, bis er handgemein mit den Rothröcken reo eot8) so nannte er die Engländer werden konnte. Er wollte sich schlagen, kämpfen. Von Berechnung der Kräfte war gar nicht, von Taktik, von einem Plane, kanm die Rede. Alle seine Willenskräfte hatten nur Eine Richtung — die Rothröcke zu treffen und ihnen den Garaus zu machen. „I vill „ma!i ttiem" — rief er aus — „o Kelp ms Uoi-e8) zu werfen und etwa 1200 Mann von den Scharfschützen aus Tenessee, denen man von allen benachbarten Zuckerpsianzungen Pferde zugeführt hatte. Sie schlossen sich der Beale'schen Compagnie an und verbreiteten sich in die, sämmtliche Plantagen begränzenden Waldungen „t^pi-iöie" genannt, bis das späterhin anmarschierende Mulatten-Corps, welches sich jetzt zu ihrem rechten Flügel bildete, das Ende ihrer langen Reihe erreichte und sich ihnen anschloß. Um drei Uhr Nachmittags erhielten die beiden am Bayou St. Iean stationirten Bataillone den Befehl mit möglichster Eile zur Stadt zu kommen. Um vier Uhr langten sie dort an, wurden unmittelbar vor dem Fort St. Charles, zwischen der Stadt und der Vorstadt Marigny inspieirt, vollkommen mit Pulver und Blei versehen, und erhielten den Auftrag, den berittenen Tenessee-Riftemen sogleich zu folgen. Ueber dem langsamen Defiliren dieser Leute, die Paarweise, mit ihren Carabinen (Kugel, büchstn) in der Hand, und aufrecht auf das Knie gestützt, Schritt für Schritt einander folgten, verfloß mehr als eine Stunde. Endlich ward der Befehl zum Aufbruch gegeben. Unser Major, Plauchö, war sehr bewegt. Er kehrte sich nach mir um und sagte mir in einem fast klagenden Tone: Nöl! 1e ne me en8

„p8 le coulße nurrit bien etre pour la äerniere toi8l" Dies geschah. Da erscholl ein zweites Commando: „selßent Noene — Z>vutre po8te!" Wir hatten erst vor wenigen Minuten unseren Echelonsmarsch

') Wenn ich am antern Ufer des Allantischen Oeeans von Meilen rede, so sind das immer Englische Meile,!.

vollendet und Posto gefaßt, als die Kanonen krachten, das Antwortfeuer folgte schnell, und erst das Abblitzen der englischen Gewehre zeigte uns die rothen Röcke der Engländer, welche auf einer kleinen Erhöhung des Terrains, ungefähr einen Flintenschuß weit entfernt, vor uns standen. Dieser Umstand entging mir eben so wenig, als das Feuern der Engländer selbst, welche nach alter Manier drei Mann hoch standen, das erste Glied mit gebogenem Knie, über dessen Köpfe die beiden anderen hinwegfeuerten. Diese Art zu feuern, verbunden mit der Dunkelheit des Abends, machten es mir erklärlich, wie die feindlichen Kugeln, die wir pfeifen hörten, größtentheils über unsere Köpfe hinwegflogen und von unserem Bataillon nur sieben Mann verwundeten, von denen fünf zu unserer eigenen Compagnie gehörten. Nach einigen zwanzig Minuten ward der Befehl gegeben, mit dem Feuern einzuhalten. Auch englischerseits fielen nur wenige sich entfernende Schüsse. Wir sahen etwa sechszig gefangene Engländer von den Tenessee Scharfschützen unseres linken Flügels nach der Heerstraße abführen, und erfuhren zu gleicher Zeit, daß ungefähr die Hälfte unserer eigenen Scharfschützen aus der Stadt, den Engländern in die Hände gefallen war. Ihr Hauptmann Beale, ein' großer Renommist, der Bundesgenosse und Tafelfreund meines elenden Feindes Saul, war ganz verschwunden, man hielt ihn für todt; denn daß er sich verstecken und sein Häuflein im Stich lassen sollte, wie sich das nachher erwies, glaubte damals kein Mensch; wirklich erschossen aber war von diesen Freiwilligen Niemand als der Kaufmann Parmlee.

Die Nacht war sehr kalt. Ermüdet von dem langen Marsche, auf offenem Felde stehend, wünschte man allgemein Feuer machen zu dürfen, und endlich, auf besonderes Ansuchen unseres Majors, ward die Erlaubniß gegeben. Binnen zwanzig Minuten erblickten wir eine unzählige Menge Wachtfeuer, die sich von den Ufern des Missisippi in Halbmondform bis an die Waldungen, ganz im Rücken der von den Engländern besetzten Zuckerpfianzungen Villere, Laeoste u. a. m. erstreckten und bei ihnen, so wie bei uns selbst, die Vermuthung rechtfertigen mußten, General Iackson müsse doch wohl niehr Truppen unter seinem Kommando, und herbeigeführt haben, als wir alle für möglich gehalten hatten. Kurz vor Tagesanbruch kam der Befehl zu einem allgemeinen Rückzuge, den unser Bataillon decken sollte, und der auch sofort in derselben Ordnung angetreten wurde, in der wir unsere Stellung auf dem Felde eingenommen hatten. Humphries' Kanonen voran, die Linientruppen, das Mulatten-Corps hinterher, dann die berittenen Scharfschützen, unser Bataillon zuletzt. Um drei Uhr Morgens ward Halt gemacht, und als die Sonne aufging, befanden wir uns anderthalb Meilen von dem kleinen Schlachtfelde entfernt, auf der Pflanzung des Herrn E. Maearty, wo wir hinter dem kleinen Canal, der von der Heerstraße ab bis an die Waldungen ((^pliöi-o8) führt, welche die Ufer des Lae Borgne begrenzen, in derselben Ordnung wie den Abend zuvor unsere Stellung einnahmen. General Iackson bezog die Wohnung des Pflanzers und machte sie zu feinem Hauptquartier. Etwa 150 Schritte vor demselben am Canale stand unsere Compagnie. (5s ward sogleich zu den Verschanzungeu Anstalt getroffen, d. h. Erde sollte längst dem Canale aufgeworfen werden, eine Art von Parapet (Brustwerk), uni die kleine Armee zu decken. Erst jetzt erfuhr ich von meinen Freunden, welche die Person des Generals umgaben, was in der Nacht vorgegangen war. Es war Iackson's ernste Absicht gewesen, den kleinen, durch die Nacht unterbrochenen Kampf sogleich nach Tagesanbruch zu erneuern und die Engländer anzugreifen. Aber durch Ueberläufer erfuhr man, daß der kommandirende Englische General-Major Keane, der die gelandeten 1200 Mann befehligte, eine Verstärkung von 3500 Mann erhalten hatte. Als nun Jackson dennoch darauf bestand mit seiner Handvoll ungeübter Miliz den Engländern Stand zu halten, gab ihm sein Adjutant Liviugston den wohlgemeinten Rath, er möchte doch darüber den obbeuannten Major St. Göme befragen. Dieser hatte viel mit dem General Moreau verkehrt, als letzterer vor einigen Jahren Louisiana besucht, und die Lage von New-Orleans mit dem kritischen Auge eines Taktikers, aus dem Gesichtspunkt der Vertheidigung gegen feindlichen Ueberfall stutirt hatte, und

schien somit vorzüglich geeignet dem General Iackson mit gutem Nathe an die Hand gehen zu können. Dies geschah. St. Göme erwarb sich das große Verdienst dem General Iackson begreiflich zu machen, daß Keane mit seinen 6000 Mann, ihn und seine Handvoll ungeübter Leute, die von Soldaten nicht viel mehr als den bloßen Namen trugen, auf offenem Felde umzingeln, erdrücken und fangen würde, und bezeichnete ihm den sogenannten Kanal Ma,c Carty, hinter welchem wir Posto gefaßt hatten, als den Standpunkt, den Moreau selbst als den zweckmäßigsten zur Verteidigung der Stadt, besonders für ungeübte Truppen bezeichnet hatte. Diesem Rathe ergab sich Jackson; und so hoch man auch das Verdienst seiner grenzenlosen Thätigkeit, Ausdauer und seiner Unerschrockenheit anschlagen mag, so gebührt ihm doch bei dieser Gelegenheit das viel größere Lob einer Selbstbeherrschung, deren er nur selten in seinem Leben fähig gewesen ist, und eines gewissen Scharfsinnes in allen Fällen, wo, wie hier, seine Leidenschaften vor der Einrede einer kalten berechnenden Vernunft schweigen mußten. Er fühlte, daß sein Ruf auf dem Stiele stand, ein Nuf, den er erst fest zu begründen hatte und nicht verscherzen durfte, ohne, wie der unglückliche General Hull an der Grenze Canada's zu Anfang dieses Krieges, einer vollkommenen Nichtigkeit heimzufallen, die sich mit seinem unruhigen Charakter schlecht vertragen hätte. Welche Verbindlichkeit aber das ganze Land, der Staat Louisiana und die Einwohner der Stadt insbesondere, dem Verfasser ihres Straf-Codex, Eduard Livingston, für diesen klugen Rath schuldig waren, werden meine Leser zweifelsohne zu erkennen wissen, und die Nachwelt nicht ohne Ungerechtigkeit vergessen können. Ich habe schon früher bemerkt, daß dieser als Staatsmann und Iurist ausgezeichnete Mann die Eigenschaft der Tapferkeit nicht besaß, und es erregte eben daher das Erstaunen Aller, daß er Abends am Wsten und in der Nacht, die diesem Abend folgte, zu Pferde unter den schwirrenden Flinteickugeln der Engländer nicht ganz unthätig erschien. Es war das erste, aber

das letzte Mal, daß er so sich bloßstellte.

Am ersten Weihnachtstage, den 25 Deeember ,1814), Morgens um 7 Uhi, bemerkte man aus unserem Lager, daß von den Engländern auf der Heerstraße am Ufer, gegenüber dem kleinen Regierungschooner Carolina, der sie Abends am 23 Deeember beschossen hatte, eine kleine Batterie Vierundzwanzigpfünder errichtet worden war. Dies war, wie die Cnglischen Berichte uns in der Folge belehrt haben, unter der Leitung des zweiten Befehlshabers der Flotte, Adnn'ral Maleolm, geschehen. Er war selbst in der Batterie und richtete ohne Zeitverlust ein so heftiges, wohl dirigirtes Feuer auf den Schooner, daß wir ihn nach etwa 20 Minuten Beschießung, in die Luft fliegen sahen. Die Engländer machten auf der Heerstraße während dieser Zeit eine ganz kleine militairische Demonstration, rückten aber nicht vor. Am Bord des Schooners befand sich der Befehlshaber der ganzen Station, mein genauer Freund, der jetzt verstorbene Capitain Dan. T. Patterson, der ihn kurz vor dem Augenblicke verließ, wo die Flamme die Pulverkammer erreichte. Von dort begab er sich sogleich an Bord der kleinen mit 16 Kanonen bewaffneten Corvette Louisiana, die an dem rechten Ufer des Stromes auf eine Untiefe gerathen war, aber die Heerstraße mit ihrem Feuer bestreichen konnte, da der Missisippi hier kaum eine halbe Meile breit war. In der Stadt hielt gerade damals die gesetzgebende Versamm, lung ihre Sitzungen. Der General Iackson hatte öffentlich erklärt, daß er dem russischen Beispiele hinsichtlich Moskau's folgen und selbst die Stadt in Feuer aufgehen lassen würde, wenn er fände, daß er sie nicht gegen den Feind vertheidigen könnte: denn der Engländer solle keinen Nutzeu von seiner Eroberung ziehen. Ueber diese Drohung hatten sich mehrere Mitglieder der Versaüimlung im Vorsaal des Rathhauses besprochen, zu einer förmlichen Deli, beration über die Frage, ob es nicht besser sei, die Stadt der Uebermacht der Engländer sofort zu übergeben, als sie ihrem Ruin bloszustellen, war es gar nicht gekommen. Aber Iackson hatte erfahren was vorging und beauftragte den Gouverneur Wm. C. Claiborne, falls eine Berathung Statt fände, die für eine solche Uebergabe stimmenden Mitglieder festnehmen zu lassen. Der Gouverneur war Iackson's Freund nicht — er fürchtete seine Superiotä't

und folgte seinen Befehlen nur, weil kein Widerstand möglich war. Als Iackson, der von keinem Aufschub etwas wissen wollte, dem Gouverneur jetzt diktatorisch befahl, keine Ausnahme zu machen und die ganze Versammlung auseinander zu treiben, gehorchte Claiborne, ein schwacher, intriguirender und herzloser Mann, dem seine Popularität über alles am Herzen lag, und ließ, mit sichtbarem Widerwillen, als ob er sagen wollte: .meine Schuld ist's nicht, die Thore des Lokals der Versammlung schließen.

Eine Aufforderung erging an Iedermann, alle Vorräthe un nöthiger Waffen in das Arsenal abzuliefern, so wie an alle waffenfähige Männer von achtzehn bis funfzig Iahren, sich zum Militärdienste zu stellen. Man machte durchaus keinen Unterschied zwischen Bewohnern der Stadt und Fremdlingen, welche eben den Fluß herabgckommen waren und sich in den verschiedenen Wirthshäusern der Stadt einlogirt hatten. Sie wurden bewaffnet und zum zweiten Regiment der Louisiana Miliz gezählt, waren aber nicht diseiplinirt, unter ihnen ein in New-Orleans ansiißiger Schottländer, ein Kaufmann, Namens Andrew Milne (aus dem Hause H. Munro und Compagnie, der als Britischer Unterthan in der Stadt zurückgeblieben war, und sich gezwungen sah, die Waffen gegen seine eigenen Landsleute, Unterthanen derselben Regierung, zu ergreifen.

Am Morgen nach unserem Rückzuge von dem Terrain der Plantage Viller6, wo wir Abends zuvor die Engländer angegriffen hatten, wurden, wie schon erzählt, Versuche gemacht, längst dem Kanal Maearty ein Brustwerk aufzuführen. Der Boden der ganzen Umgebung besteht aus seichtem Marschlande. Sobald man drei Fuß tief in die Erde gräbt, stößt man auf Schlamm und Wasser. Als man die Verschanzungen des Lagers und die fünf oder sechs Redouten zu bauen beabsichtigte, welche längs des Ccmals Maearty errichtet werden sollten, machte die lockere Erde und der Schlamm jeden Versuch dieser Art scheitern. Ein französischer Ingenieur gab, dann dem General Iackson die Idee, die Aushöhlungen der Redouten mit Baumwollenballen, drei oder vierfach übereinander gelegt, aufzufüllen, die hölzernen Plattformeu, welche die schweren, aus dem Arsenal geholten Kanonen tragen tollten, auf die Baumwolle zu legeu und zu befestigen, nd die auf beiden Seiten der Red outen eröffneten Schießscharten mit fechs oder acht, durch eiserne Ringe zusammengehefteten Ballen dem Terrain des Brustwerks anzuschließen, und mit der leimartigen Crde zu bedecken. Nach dem Rückzug der Engländer ergab es sich, daß auch sie einen ähnlichen Plan verfolgt, und — da sie keine Baumwolle fanden — zum Behuf ihrer Verschanzungen, den in Fässern aus den Pflanzungen vorgefundenen Zucker gebraucht hatten. Iackson, der den Plan adoptirt hatte, wollte keine Zeit verlieren. Man bemerkte ihm, daß er zwar in der Stadt Baumwolle in Menge zu 6 oder 7 Cents das Pfund haben, daß aber über ihre Herbeischaffung ein Tag vergehen könne, und bezeichnete ihm ein unfern des Lagers, im Rücken desselben liegendes, nach Havana bestimmtes Barkschiff (es hieß, wenn mich nach 38 Iahren mein Gedächtniß nicht trügt, Pallas), welches vor der Ankunft des Englischen Armeekorps mit Baumwolle beladen, im Strome lag. Die Ladung desselben bestand aus 247 Ballen, die ich kurz vor der Invasion selbst verschifft hatte, und einigen 60 Ballen, welche einem in New-Orleans ansäßigen Spanier, Namens Fernando Alzar, gehörten. Erst als die Baumwolle im Lager ankam und die ersten Ballen in die Aushöhlung der Redoute, welche ich mit meiner Compagnie bewachte, gelegt wurden, erkannte ich mein Cigenthum an den Marken. Der Adjutant Livingston, der mein gewöhnlicher Rechtsfreund in New-Orleans war, nahm an demselben Abend die Arbeiten an der Batterie No. 3 in Augenschein, eben als man einige Ballen Baumwolle einlegte. Ich war etwas unwillig, daß man statt wohlfeiler Baumwolle, die man in den Vorstädten der Stadt zu 6 und 7 Cents hätte haben können, aus einem bereits beladenen, segclfertigen Schiffe die beste Sorte, die 10 bis 1l Cents gekostet hatte, herausgeholt habe, und bemerkte dies an Livingston. Cr, der nie um eine Replique verlegen war, erwiderte: Nun, da es Cure Baumwolle ist, Nolte, so wird Euch die Mühe auch nicht verdrießen sie zu vertheidigeu. Tiefe von mir selbst mitgetheilte Antwort, hat zu der Erfindung der Anekdote die Veranlassung gegeben, daß Jackson selbst dem Kaufmann, der sich über die Wegnahme seiner Baumwolle beschwert hätte, durch einen Sergeanten eine Flinte hätte reichen lassen, mit der Bemerkung: Keinem Menschen steht es so wohl an diese Säcke zu verteidigen als ihren Eigenthümer; ich hoffe, Sie iuerden sich nicht von ihnen entfernen!

Die Verschanzungslinie von dem Ufer bis an die Cypriöre, welche sich von dem linken Flügel unseres Lagers vorwärts bis in den Rücken des englischen Lagers ausdehnte, beherbergte ungefähr 15M Mann. Der ganze linke Flügel um die Cypritzre war mit den ausgesuchtesten Scharfschützen Iackson's aus Tenessee besetzt. In der Cypriöre hatten sich diese in das dickste Buschwerk geworfen und überall kleine Löcher zum Durchblicken gemacht, in denen ihre Kugelbüchsen zum Anschlagen fertig ruhten, um jeden Nothrock, der sich in ihrer Schußlinie zeigte, niederzustrecken. Für diese Schützen gab es keinen besseren Zeitvertreib, als ihre Fertigkeit an den ausgestellten Schildwachen, .Abends bei Sonnenuntergang und früh Morgens beim Anbrechen des Tageslichtes, zu üben. Selbst in der Nacht mußten diese manchmal wieder besetzt werden. Wie oft fand man nicht beim Aufgang der Sonne eben so viele Leichname als man Abends zuvor Schildwachen ausgestellt hatte!

Im Rücken der ersten Verschanzungen Iackson's wurden einzelne Versuche zu einer zweiten Linie gemacht, jedoch nicht ausgeführt. Dort standen die unbewaffneten Kentucky Freiwilligen, die unter dem General Adair den Fluß herunter gekommen waren, und, wie schon erwähnt, das zweite undiseipliniite Regiment der Louisiana Miliz. Die Communiean'on zwischen den beiden Linien war keineswegs untersagt, so viel auch darüber gefabelt worden ist, daß die zweite in vollkommener Unwissenheit dessen, das in der ersten vorging, zu bleiben bestimmt war. Im Gegentheil, man konnte fast zu jeder Zeit von dem Befehlshaber des Corps, zu dem mau gehörte, die Erlaubnis bekommen, seine Bekannteu in der zweiten Vertheidigungslinie, manchmal selbst in der Stadt, auf kurze Frist zu besuchen. Daß Iackson sein Hauptquartier in der Wohnung Mae Carty's aufgeschlagen hatte, konnte den Engländern nicht unbekannt bleiben, aber die darauf gerichteten Schüsse verursachten geringen Schaden. Das Haus stand noch im Iahre 1838, wo ich es selbst wieder besuchte, und in der Mauer die darin steckenden und von dem Eigenthümer desselben im Iahre 1822 mit einer Vergoldung überzogenen Kanonenkugeln vorfand.

Beim Aufgang der Sonne am Neujahrstage 1815 bedeckte ein dicker nasser Nebel die beiden feindlichen Lager. Während der Nacht hatten wir nur ein dumpfes Hämmern im Englischen Lager vernommen. Als der Nebel sich gegen 8 Uhr verzog, begann Englischer Seits eine furchtbare Kanonade. Sie hatten schwere Kanonen von ihrer Flotte gelandet und vier große Batterien mit Vierundzwanzig- und Sechsunddreißigpfündern errichtet. Die größte der Englischen Batterien hatte ihr Feuer auf die Batterie der beiden hier stehenden Seeräuber Domiw'que und Beluche gerichtet, welche unsere Compagnie in zwei Hälften theilte, und durch sie von Zeit zu Zeit mit Ammunition versehen ward. In einem Augenblick, wo Dominique die große Englische Batterie durch sein Fernglas beschaute, streifte eine kleine Kanonenkugel dicht an seinen linken Arm, der das Fernglas hielt, vorbei, daß er sich schüttelte, seinen Arm verbinden ließ und sich zu mir wandte mit den Worten: ^ ^^r< vi8 leur p^er e!" Er nahm dann das Fernglas wieder auf, beschaute die Englische Batterie noch einmal und gab dann einem der Vierundzwanzigpfünder seine Richtung. Bald darauf flog die Laffete einer Englischen Kanone aus, und sechs oder sieben Mann stürzten nieder. Unsere Compagnie verlor an diesem Tage nur einen Mann, den kleinsten in derselben, einen Französischen Hutmacher, Namens Laborde. Wer an Prädestination glaube, wird hier ein treffendes Beispiel von der Macht des Schicksals finden, wenn er erfährt, daß vor dem kleinen Laborde der junge Notarius Philipp Pedeselaur aus der Stadt stand, den die Kanonenkugel unfehlbar getroffen haben würde, wenn er nicht Laborde's Haupt dadurch entblößt hätte, daß er sich zufällig in dem Augenblick nach meinem Nachbaren St. Avit hinüber gebeugt hätte, um seine Cigarre an der seinigen anzuzünden. Als dieser sich umkehrte, sah er vor sich Laborde mit eingeschlagenem Gehirn leblos auf dem Boden liegen. Das Abblitzen einer Kanone erreicht den Blick viel schneller, als der Knall das Ohr, und wenn die Kugel nicht schneller fliegt als der Knall, so müßte man in manchen Fällen derselben ausweichen können. Nun habe ich beides gesehen — einige Offieiere, und unter ihnen den unerschrockenen General Iackson selbst, einer kommenden Congreve-Rakete, von denen die Engländer an diesem Morgen unaufhörlich ganze Massen schleuderten, mehr oder weniger ausweichen gesehen, wenn sie glaubten, daß sie sie vermeiden konnten, andere, unter denen ich meinem obgenannten Freunde St. Avit die erste Stelle anweisen muß, unbekümmert dastehen, als ob das, was um sie herum vorfiel, sie gar nicht anginge.

An diesem prüfenden Tage, wo unsere ganze Linie, mit Ausnahme der Batterien, das Zusehen hatte, und von 8 Uhr Morgens bis gegen 3 Uhr Nachmittags dem Feuer der feindlichen Batterien bloßgestellt war, ward mein vortrefflicher Freund, der Major C arm ick, unter dessen Befehlen das Bataillon der New-Orleans Freiwilligen gestellt war, unfern der Piraten-Batterie, durch das Zerplatzen einer Congreve-Rakete an der Stirn und beiden Armen getroffen und stürzte von seinem Pferde. Ich sah ihn zufällig und erbat mir sogleich die Erlaubniß, ihn bis zu der nahe gelegenen Ambulanee begleiten zu dürfen. Als ich bei dieser Gelegenheit die kleine Gartenmauer im Rücken des Iackson'schen Hauptquartiers erreichte, sah ich zu meinem nicht geringen Erstaunen zwei von des Generals freiwilligen Adjutanten, den Advokaten Dunean und den Distriktmarschall Düplessis, flach auf der Erde liegen, da sie dort Schutz gegen das Feuer der Englischen Batterien gefunden. Von Livingston sah man nichts — die Nothwendigkeit, Proklamationen abzufassen und zu lesen, hatte aufgehört. Der General, der während dieser fünfstündigen Kanonade unaufhörlich von einen Flügel zum andern ritt, war von seinen gewöhnlichen militairischen Adjutanten, Reed nnd Butler, und den beiden Advokaten Grymes und Davebegleitet. Unter den Scharfschützen von Tenessce waren an diesem Tage nur vier Manu in> Gehölz geblieben.

Die erste Woche des neuen Iahres verging mit Verstärkungen unserer Verschanzungen, besonders war man darauf bedacht, gehörige Quantitäten von Ammunition in Bereitschaft zu halten. Den Munitious-Vorrath in der Stadt hatte Jackson unter der Aufsicht des Gouverneurs Claiborne gestellt, der so eingeschüchtert war, daß er kaum seine Stimme zu erheben wagte. Am I Iannar hatte es au Munition bei den beiden Batterien No. 1 und uud No. 2 gefehlt. Sogleich ließ Iackson im höchsten Zorne den Gouverneur Claiborne, der außerhalb der Schußweite bei der zweiten Vertheidigungslinie blieb, zu sich entbieten und sagte ihm: „L^ tke .^Imißlih s os tnoe lielä piece8!" (Benn allmächtigen Gott! Löenn Ihr nur nicht aus der Stelle Kugeln und Pulver zuschickt, so werde ich Euch den Kopf abhacken und eine jener Kanonen damit ladeu lassen.)

Am 8 Ianuar faud das entscheidende Treffen statt, welches die Engländer veranlaßte jeden weiteren Versuch zur Eroberung der Stadt aufzugeben und sich zu entfernen. Ich muß hier den Leser daran erinnern, daß am Abend des 23 Deeembers die Hälfte des Freischützenkorps von New-Orleans, ungefähr 30 Mann an der Zahl, hierunter die Kausieute Story, Robert Montgomery und der Advokat Porter zu Gefangenen gemacht worden waren. Diese waren noch selbigen Abends von dem General-Major Keane über die Stärke des Iackson'schen Coips befragt, und dann nach der Flotte vor der Delphinen-Insel auf das Admiralschiff gebracht worden, wo sie von dem General en Chöf Packenham, Wellington's Schwager und eine Zeitlang Chöf seines Stabes in dem Kriege in der Spanischen.Halbinsel,' in Gegenwart des Admirals Cochrane ein frisches Examen zu bestehen hatten. Sie kounten insgesammt nur eine Antwort geben, daß Iackson nämlich einige 30,000 Mann unter sich habe, 12,000 in Mobile, die übrigen in der unmittelbaren Nachbarsehaft der Stadt; denn in

Funfzig Jahre in beiden Hemisphären

diesem Tone hatte er vor der Ankunft der Engländer sich gegen einen Ieden, der ihn anhören oder glauben wollte, ausgesprochen, manchmal mit einem mehr oder weniger derben Fluche, „l'll Nuß „tuem — 8o l>elp me Loa!" (Ich werde sie peitschen — so mir Gott hilft!) Alle gefangenen Scharfschützen, meistens Leute von einiger Erziehung, wurden einzeln befragt, alle stimmten überein. War es ein Wunder, daß die vom General Keane in der Nacht des 23 Deeember wahrgenommenen unzähligen Wachtfeuer, die sich auf eine so große Ausdehnung halbmondartig bis in den Rücken des Englischen Lagers erstreckten, in den Augen der Engländer eine Bestätigung dieser Aussagen zu sein schienen? Daß diese Wachtfeuer so ziemlich von der ganzen Mannschaft umgeben waren, konnten sie sich unmöglich vorstellen. So ward, was einer gewissen Sorglosigkeit seinen Ursprung verdankte, eine wirksame Kriegslist; die Engländer zweifelten keinen Augenblick an der Wahrheit der übereinstimmenden Aussagen aller gefangenen Scharfschützen aus der Stadt selbst und glaubten daher nicht weniger als 15,000 Mann vor sich zu haben, dagegen sie es nur mit dem zehnten Theile dieser Mannschaft zu thun hatten. Ferner wußten sie aus dem Munde einiger wenigen Ueberläufer von unseren Linientruppen, daß diese und was Iackson selbst von diseipliuirten Truppen besaß, den rechten Flügel der kleinen Armee bildeten, der linke dagegen nur aus Land-Miliz und ungeübten Landleuten bestand. Wie es sich nachher aus dem Berichte des Englischen General-Majors Lambert erwiesen hat, beschloß daher Packenham, den Angriff in drei Colonneu zu machen, von denen die kleinste, vom Major Rennie befehligt und unr 800 Mann stark, eine bloße Demonstration gegen die auf der Heerstraße dem linken Flügel der Englischen Armee gegenüber, stehende Redoute machen sollte. Die Colonne des Centrums, nuter dem General Gibbs, mochte etwa 4000 Mann und der rechte Flügel 6000 Mann zählen, welche, wie man erwartete, mit Leichtigkeit über die von ungeübter Miliz besetzten Verschanznngen hinwegsteigeu, in das Amerikanische Lager eindringen, Iackson im Rücken augreifen und umzingeln würden. Ein Tausend Mann sollten zu derselben Zeit unter dem Obristen Thompson in Böten und Schaluppen aus dem Canal Villere quer über den Missisippi fahren, die Amerikaner aus ihren kleinen Verschanzungen auf dem rechten Ufer treiben, und somit auch auf jener Seite in den Rücken des Amerikanischen Lagers auf dem linken fallen. Ein Paar im Englischen Lager aufgehende Raketen sollten das Signal zum Abmarsch der Colonnen geben und der Angriff auf beiden Ufern gleichzeitig stattfinden, sobald dieses Signal von dem Obersten Thomson auf dem rechten Ufer beantwortet worden. Am 6 Ianuar war man im Englischen Hauptquartier, welches der Befehlshaber Packenham nach der Wohnung des Pflanzers Viller6 verlegt hatte, über diesen Plan übereingekommen, und an demselben Tage, dem der heiligen drei Könige, speis'ten der Stab und alle Generäle dort zusammen. Unter ihnen befand sich als Gast der Amerikanische Pflanzer Del aronde, General-Major der Amerikanischen Bürger-Miliz seines Kirchspiels, den die Engländer auf seiner benachbarten Pflanzung zur Zeit ihrer Landung angetroffen hatten. Er besuchte sie täglich in ihrem Lager und wurde von ihnen für einen Feind der Amerikanischen Regierung gehalten. Man sprach offen und ohne Rückhalt über den bevorstehenden Angriff und brachte bei dieser Gelegenheit auch den berüchtigten Toast: Looh au6 Leuh" (Beute und Schönheit) aus, da man erfahren hatte, daß die Louisianerinnen sich durch körperliche Schönheit auszeichneten. Delaronde kehrte in der Nacht nach seiner Pflanzung zurück, begab sich aber vor Tagesanbruch, am 7., in einem Indianischen Nachen (cnoe) nach dem rechten Ufer des Missisippi, ging von dort, größtentheils zu Fuß, bis zu den Amerikanischen Verschanzungen, gelangte von diesen bis an das linke Ufer,, und landete um I Uhr Nachmittags in Iackson's Lager, dem er sogleich Alles mitthcilte, was er gesehen und gehört hatte. Iackson, fest entschlossen, sich auf das Hartnäckigste zu vertheidigen, traf seine Maßregln mit großer Energie. Die Miliz, welche an der zweiten Vertheidigungslinie stand, wurde bis auf wenige hundert Schritte hinter die erste gestellt. Nur wenige dieser Leute waren bewaffnet. Mein Freund, der Commodore Patterson, der dem Kriegsrath bei Iackson beigewohnt hatte und an Bord der Corvette Louisiana zurückkehrte, kani um 4 Uhr Nachmittags zu mir, rief mich von jmeinem Posten bei Seite, schüttelte meine Hand und sagte mir beim Weggehen: „I epect ,,^ou vill 8ee ome lun betveen tni8 anll to morro^vl" (Ich meine, Ihr werdet heute und morgen allerlei Spaß zu sehen bekommen.) Seit der Kanonade vom I Ianuar ward der Dienst bei Nacht in den Verschanzungen, eine Nacht um die andere, von der Hälfte einer jeden Compagnie geleistet; die eine Hälfte nämlich hielt Wache, die andere ruhte in den Zelten. Abends um 6 Uhr erschien Iackson's General-Befthl, daß die ganze Mannschaft mit hinlänglichen Patronen versehen werden und den Dienst auf den Verschanzungen wahrnehmen sollte. Kurz vor Sonnenuntergang besuchte er selbst die ganze Linie, nahm diesem oder jenem das Gewehr ab, um zu untersuchen, ob es geladen war, und sprach die nachher bekannt gewordenenen Worte: „Vou nees ynot lire unle88 ^ou 8ee tue vliite in ^our ennem^' e^e, ncl nil ^ou vnt to leep, leep upon ^uur rm8." (Ihr braucht nicht zu feuern, bis ihr nicht das Weiße in des Feindes Auge erblickt, und wenn Ihr schlafen wollt, schlaft mit den Waffen in der Hand.) Welches Trauerspiel uns am, nächsten Morgen erwartete, ahnten vielleicht nur Wenige — unter diesen befand sich der Verfasser, in Folge des ihm vom Commodore Patterson gegebenen Winkes. Kurz vor Tagesanbruch gingen im Englischen Lager zwei Raketen auf, deren Bedeutung Niemand kannte, die ich aber errieth oder vielmehr ahnte. Als sich der Nebel zu verziehen anfing, sahen wir das Englische Heer vor uns, im langsamen Marsch begriffen, und in einer^Entfernung von etwa hundert Schritten, in drei Colonnen abgetheilt. Die ersten Compagnien der Mitteleolonne trugen Sturmleitern und Faschinen, die Gewehre u 8utoil auf dem Rücken. Auf der Heerstraße rechts dem Ufer entlang, erreichte die kleine Division unter dem Major Rennte bald die Redoute, die er selbst zuerst erstieg, mit dem Säbel hoch in der Luft, wo er aber auch in demselben Augenblick, als er die Worte ausrief: „^ome my bo^! tke 6^ i ourl" und sich nach seinen Kameraden umwandte, von drei Kugeln zugleich getroffen niederstürzte und deu Tod fand. Es mochte höchstens halb acht Uhr Morgens sein. Ein heftiges, ununterbrochenes Feuer von unserer ganzen Vertheidigungslinie hatte angefangen, und da eine vollkommene Windstille herrschte, so hüllte bald darauf der dickste Pulverdampf Angreifende und Vertheidigcr in dicke Wolken. Kaum sahen wir noch die Redoute rechts von den Engländern ersteigen. Auf dem linken Flügel hatte Iackson die besten der einige Tage vorher angekommenen Kentucky Scharfschützen unter dem General Ad air — denselben, den ich im Iahre 1807 in der Stadt durch den General Wilkinson als Burr's Mitverschworenen hatte arretiren gesehen — seinen ausgewählten Tenessee Schützen beigesellt; sie standen fast fünf Mann hoch neben einander, und damit keine Zeit verloren ging, hatte ein Theil derselben den Befehl erhalten, knieend die abgeschossenen Kugelbüchsen wieder zu laden und den stehenden zu reichen. Außer ihren Kugeln trugen diese Büchsen noch drei bis vier kleinere (bueliliot). Das heftigste Feuer fand natürlich hier statt. Die Cypriires waren, wie schon früher bemerkt, mit Tenessee Scharfschützen wie übersäet, das dichteste, fast undurchdringliche Strauch- und Buschwerk bedeckte sie, aber ihr Auge war frei und ihre Büchsen trugen Tod und Verderben in die Englischen Pelotons. Diese sahen keinen Feind vor sich, empfanden aber die tödtliche Wirkung seiner größtentheils auf ihre Offiziere gerichteten Waffen. Die ganze rechte Seite der Englischen Colonne mähte das Schießen der verborgenen Scharfschützen, und ihre Fronte war deni ununterbrochenen Feuer der beiden Batterien unseres linken Flügels bloßgestellt. Von Zeit zu Zeit, wenn sich der Rauch verzog, waren mir und meiner Coinpagnie einzelne Blicke auf das Schlachtfeld erlaubt, und da sahen wir die ganze Mittel-Colonne der Engländer, im Fliehen begriffen, Faschinen und Gewehre wegwerfend und einen Stabs-Offizier, auf eiuem schwarzen Rosse heransprengen, den Hut abnehmen nnd im höchsten Unwillen drohend gegen die fliehende Colonne schwenken. Plötzlich stürzte er, von mehreren Kugeln zugleich getroffen, rücklings vom Pferde herab — einige herbeispringende Soldaten hüllten ihn eiligst in wollene Decken und trugen ihn fort. Wie wir Abends erfuhren, war dieser Stabs-Offizier der kommaudireude General Packenham selbst gewesen. Laut den Englischen Berichten gehörten die weichenden Bataillone zu dem vier und vierzigsten, einem Irländischeil Regimente, deren mitfliehender Obriste M. Mullin nachher in Havana vor ein Kriegsgericht gestellt und eassirt ward. Auf dem rechten Flügel hatte, wie ich schon bemerkt habe, der Major Rennie, innerhalb der erstiegenen Nedmtte, mit ungefähr achtzig der Seinigen den Tod gefunden. Nach einer Stunde wurde mit dem Feuern eingehalten - das Schlachtfeld (ein Schlachtfeld im eigentlichen Wortverstande, denn es handelte sich mehr von einer Metzelei oder einem wirklichen Schlachten als von einem regelmäßigen Kampfe) war mit todten und verwundet liegenden Engländern übersäet. In der Ferne sah man die Englischen Trupppen sich hinter Büschen und in Hohlgräben verstecken — in einigen derselben lagen sie dicht neben einander auf dem Bauche und verriethen sich nur durch die lange weiße Linie ihrer Ueberzüge auf den Tornistern. Gegen zwei Uhr steckten sie die weiße Fahne auf und schickten Parlamentärs, mit dem Auftrage um einen kurzen Waffenstillstand zur Vegrabung der beiderseitigen Todten nachzusuchen. Iackson sandte ihnen den Lieutenant Crawlev aus der Amerikanischen Marine, mit den stolzen Worten entgegen, er habe keine Todten zu begraben, wolle aber den Engländern gestatten den nächsten Vormittag die Ihrigen von der Wahlstatt zu holen. Durch Crawley's Rückkunft aus dem Englischen Lager erfuhr mau, daß die beiden ersten Befehlshaber, Packenham und Gibbs, gefallen waren, der dritte, der General-Major Keane, schwer verwundet, der General-Major Lambert jetzt Haupt-Commandeur der ganzeu Expedition sei. Die Engländer ließen ungefähr 700 Todte auf der Wahlstatt und hatten eben so viele Verwundete, von denen uns einige achtzig in die Hände fielen. Sechshundert der Ihrigen hatten vor ihren unsichtbaren Feinden die Waffen gestreckt. Ich stand eine Zeitlang dabei, als man die Todten zu erkennen suchte — man fand den Leichnam eines Majors Whitacker, dessen Loos mehreren Soldaten Thränen entlockte. ^K, noor !Ua^or „>VnitoKerl" — war der Ausruf — „ne >8 ßone tue vortn^ „sello^v!" Der Verlust auf Amerikanischer Seite bestand aus nur 9 Todten und 19 Verwundeten, eine so unglaublich kleine Zahl, daß sie unfehlbar Zweifel bei der Nachwelt erregen muß, und von mir selbst bezweifelt werden würde, wenn ich mich von der Wahrheit dieser Angabe nicht eben so gut wie jeder andere Augenzeuge dieses merkwürdigen Tages es thun konnte, überzeugt hätte. Das kleine Amerikanische Heer war wenig exponirt und größtentheils hinter dickem Buschwerke, oder von unten herauf bis zu der Brust, durch das Parapet der Verschanzungen beschützt.

Es liegt in dem Charakter des Nord-Amerikaners, der zum Kampfe berufen wird, etwas ganz Eigenthümliches, das man in gleichem Grade wohl bei keiner anderen Nation trifft. Zu Napoleon'sZeit fochten die Franzosen: pour l ßloire lle la ßranäe „Nation!" Wofür sie jetzt fechten werden, das ist zweifelhaft, wofern es nicht: pour l ßloire 6e no arme!" wäre; der Engländer ficht manchmal: „lor m^ Kiuz anä eounti-z'" oder wohl „kor Loa anä m^ counti-^!" Aber der Amerikaner ficht unbedingt: ylor tlie ßoo6 ol m? eountl^l und ist dabei von einem Geiste durchdrungen, den ich nie so richtig habe schildern hören, als nach dem Friedensschlusse zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten, von einem englischen Soldaten, dem Marquis von Tweedale, der in dem eben beendigten Kriege (1815) an der Grenze von Canada zum Gefangenen gemacht worden und nach New-York gekommen war, um von dort in seine Heimath zurückzukehren, „l Kope" „ sa^e er, als er das Land verließ — „it yvill never lll to m^ lol, ßain to Lßnt .^menon, ever^ one „ol tliem I^^8 lißlit ni8 ovn inäiviclual battle nä i3 tlie mo3t „6nßeruu8 enem^l^

Der Versuch der Engländer auf das rechte Ufer hatte ganz andere Resultate. Da bei dem kalten Wetter das plötzliche Fallen des Missisippi in der Nacht das Ausfahren der Schaluppen des Obristen Thomson von dem Canal Villers verspätet hatte, so gelangte er an das rechte Ufer erst in dem Augenblicke, als das Treffen auf dem linken sich zu Ende neigte. Vor den halb vollendeten Verschanzungen lagen dort tausend Mann unbewaffneter Kentuckier und einige hundert Mann aus dem ersten Regimente der undiseiplinirten Stadt-Miliz von New-Orleans, unter ihrem Obristen, einem Gewürzkrämer Namens Dejean, der die Fahne des Regimentes mit sich gebracht und in seinem Zelte aufbewahrt hatte. Als Thompson mit seinen Iägern anmarschirte und diese ihre Hörner ertönen ließen, da nahmen die Kentuckier das Reißaus, die Ncw-Orleans Miliz sammt ihrem Obristen folgte ihnen, und dieser vergaß darüber in seiner Eile die Fahne seines Regimentes, welche den Engländern in die Hände fiel und unter den ruhmreichen Trophäen des Wellington'schen Krieges auf der Spanischen Halbinsel, in der Capelle zu Whitehall den Fremden gezeigt wird. Darunter stehen die Worte: ,,'lilen t tbe Lattle ns^en-OiIe8, „8. /nu!-^ 1815,^ Thompson, der sich mit eigenen Augen überzeugte, was auf dem linken Flügel vorging, zog sich bald in das Englische Hauptlager zurück. Iackson hatte sich während des Gefechts mit seinen militairischen Adjutanten und mit den beiden freiwilligen Adjutanten Orymes und Davezae, in der Nachbarschaft des linken Flügels seiner Verteidigungslinie aufgehalten. Die übrigen waren unsichtbar geworden.

Livingston hatte sich am 7. nach gehaltenem Kriegsrath im Hauptquartier, wo Delaronde seine Mittheilung gemacht hatte, kurz vor Sonnenuntergang unter dem Vorwand einer heftigen Colik in die Stadt begeben, — ich selbst, der die Piquet-Wache auf der Heerstraße als Sergeant kommandirte, hatte die Ehre, ihm die Barriere öffnen zu lassen. Dort blieb er, bis er am nächsten Tag, am 8. in der Mittagsstunde in seinem Schlafrock auf dem Balkon seines Hauses, den Ausgang der Dinge abwartend, Iackson's Erfolg erfuhr — eine Stunde später erschien er im Lager, die Colik hatte mit den Engländern ihren Rückzug angetreten. Sein Gefährte, der Advokat Dunean, der sich vor Tagesanbruch am 8. in die Stadt verfügt hatte, um — wie es hieß — Verstärkungen zu holen, durchritt während der ganzen Dauer des Gefechts alle Straßen der Stadt im Galopp, mit dem Geschrei: Heraus! heraus! der Feind ist da! zu Felde, zu Felde! Alle thätigen und rüstigen Leute waren aber schon im Felde; eine Compagnie sogenannter Veteranen (denn es befanden sich auch mehrere junge, höchstens dreißigjährige Leute darunter) war zur Bewachung der Banken und des Arsenals zurückgeblieben. Mein heldenmüthiger Antagonist, der mehrgenannte Cassirer Saul, hatte, wie es hieß, die allergrößeste Mühe gehabt, seine Kampflust zu bändigen, und nur mit Widerwillen dem ihm von seinem Freunde Dunean erwirkten Befehl des Generals gehorcht, der es ihm zur

'Banl I. 16

Pflicht machte, in der Stadt zurück zu bleiben, um

allein die Bank zu beschützen. Ich würde alle diese auffallenden Beweise notorischer Feigherzigkeit kaum berichtet haben, hätte nicht Livingston's eigene, beredte Feder dem General in seinem allge meinen Berichte an den Präsidenten über die Vorgänge des kleinen Feldzuzes, einen Dank an seinen Stab, an seine militairi, schen und freiwilligen Adjutanten in den Mund gelegt, unddie Worte einfließen lassen: ^lie Lonei-l tkank tliem lor tneir „äeliberate Zn6 eool braver^ — (der General dankt ihnen für ihre besondere kaltblütige Vravom). Als ich diesen Paragraph zum ersten Male erblickte, war es mir unmöglich den Gedanken zu unterdrücken, was das wohl für ein Gesicht gewesen sein möge, mit welchem Livingston und Dunean einander angeblickt haben, als sie ihn zusammen gelesen hatten — zwei Kinder eines Geistes, zwei falsche Spieler, die sich bei demselben Kartenspiel erkennen!

Während voller acht Tage erfuhr man in unserem Lager gar nichts von den ferneren Bewegungen des Englischen Heeres. Eine Reeognoseirung von einigen dreißig Dragonern, an deren Spitze sich der Advokat Grymes, als des Generals freiwilliger Adjutant gestellt hatte, und welche sich auf Iackson's Befehl dem Englischen Lager nahte, brachte nichts als die Kunde zurück, daß man hie und da Redouten errichtete und daß die einzelnen noch stehenden Zuckerfelder Englische Scharfschützen dem Auge entzögen.

Dem General Iackson war das Gelüst nicht vergangen, sich noch einmal mit den Engländern zu messen, doch bewies er Einficht genug, um dem besonnenen, patriotischen Nath Livingston's zu folgen. Was wollt Ihr mehr? — sagte ihm dieser — Euer Zweck ist erreicht, die Stadt gerettet, das Englische Corps unfähig gemacht den Versuch zu wiederholen. Gegen Truppen wie diese, von deren Unerschrockenheit im größten Blutbade Ihr Augenzeuge gewesen seid, würdet Ihr mit Eurer Handvoll Men schen, unter denen Ihr die besten Bürger der Stadt zählt, Euch der Gefahr aussetzen, ein Paar derbe Schlappen zu bekommen, die Euren Ruhm nur schmälern und manche Familien vielleicht ihrer Häupter berauben würden. Der General folgte diesem Rathe, den er in seinem nachherigen, von Livingston geschriebenen Bericht als einen von ihm selbst ausgegangenen Entschluß darstellte. Am 16 Iannar empfing er einen Englischen Botschafter vom Generalmajor Lambert, der ihm den Rückzug und die Wiedereinschisfung des Englischen Aimeeeorps anzeigte und seiner Fürsorge 84 schwer verwundete und amputirte Soldaten und Offiziere, deren Transport man nicht hatte wagen können und die er unter der Aufsicht des Stabschirurgus Wasdell zurücklassen mußte, besonders anempfahl. Unter den Offizieren befand sich ein Irländ, dem am Abend vor dem Rückzuge eine von unserem Lager hinübergeworfene Granate beide Beine abgeschlagen hatte, und der bei der Amputation sich ein Glückskind nannte; denn — sagte er — die Pension, die ihm das Armee-Reglement für ein verlornes Glied sichert, sei nicht genug, um davon leben zu können, aber die Pension für den Verlust von zweien setze ihn in den Stand, künftig ganz gemächlich leben zu können. „I Kall nov live likn „ plince", sagte er mir, als ich ihn im Hospital besuchte. Von diesen zurückgelassenen 84 amputirten Englischen Soldaten starb auch nicht ein einziger, dagegen in unserem HoHpital in der Stadt, von 81 größtentheils Englischen Gefangenen, an welchen Amputationen stattgefunden hatten, nicht einer am Leben gebliehen ist. Dem Schwager unseres ersten Distriet-Richters Lewis, einem gewissen Lawson, der zu unserem freiwilligen Schützeneorps gehörte, mußte der rechte Arm amputirt werden. In Folge der Amputation starb er. Als dem Amerikanischen Feldchirurgis Campbell, der die Amputation unternommen hatte, sein Tod berichtet ward, machte er sehr kaltblütig die Bemerkung: „L6 „luclll t toull mors tnn oräinar^ pain ^itk mm! ^VKit tnoe ,,Lritik pnonel8, ^ou llnov, it v8 oe ol plin 8aüin^ — „ rißdt cut oll." (Das ist wahrhaftes Unglück! Ich. habe mir seinetwegen mehr als gewöhnliche Mühe gegeben, dagegen es bei den Britischen Kriegsgefangenen auf ein Alltagsgeschaft hinauslief — ein einfaches Abschneiden). Allerdings konnte man die in den Wellington'fchen Feldzügen geübten Englischen Wundzärzte nicht mit den improvisirten Amerikanischen Feldchirurgen vergleichen, welche größtentheils aus unstudirten Ladendienern einiger Verkäufer chemischer und anderer Apparate bestanden.

Dreizehntes Kapitel

Rückkehi unseres kleinen Heeres in die Stadt.

Die elste Nachricht von dem zu Gent am 24 Deeember 813 geschlossene Flieten. Das Kriegsgesetz in New'Orleans. Gewaltsame Maßregeln Iackson's. Eigenmächtigkeit desselben in seinem Verfahren gegen mich. Charakteristische Züge. Ursachen seines Hasses gegen die National-Bank, Friedensfest in der Stadt. Geschenk an Iackson's Gemahlin. Ausrüstung des Schiffes Horatio. Erneuerung der Fehde mit Herrn Shields. Wirkung des von mir herausgegebenen Briefwechsels mit ihm. Neues und unglückliches Duell mit dem Sohne Saul's. Ankunft Pariser Nachrichten, die Napoleon's Einzug in Paris melden. Vorsichtsmaßregeln in Betreff der Ladung des Schiffes Horatio, an dessen Bord ich endlich in See steche.

Am 19 Ianuar führte Iackson unser kleines Heer zurück nach der Stadt. Ein Tedeum wurde in der Kathedralkirche gesungen, an dessen Thüre der erste katholische Geistliche den General empfing und Madame Livingston, mit studirtem Enthusiasmus, sich das Vergnügen machte, ihm einen Lorbeerkranz auf das Haupt zu setzen, den aber der einfache, an dergleichen Ehrenbezeigungen nicht eben gewohnte Würgengel der Indianischen Horden, etwas unwillig sogleich wieder ablegte.

Dem Rückzug der Engländer hatten sich viele Negersklaven von den Zuckerpsianzungen der Herren E. Maearty, Villere, Delaronde, Laeoste und Anderer angeschlossen und waren an Bord ihrer Flotte aufgenommen worden. Iackson sandte seinen Adjutönten Livingston und den Kaufmann R. D. Shepherd an den Admiral Cochrane und ließ die flüchtig gewordenen Sklaven zurückfordern. Diese beiden Abgesandten kehrten früh Morgens am 21 Ianuar von der Flotte zurück und brachten dem General Iackson die offieielle Nachricht von dem am 24 Deeember 1814 zwischen den vereinten Englischen und Amerikanischen Gesandten, zu Gent, abgeschlossenen Friedenstraetat. Den Englischen Befehlshabern Cochrane und Packenham war diese Nachricht durch eine schnell segelnde Fregatte in 23 Tagen mit dem Befehle ihrer Regierung zugekommen, sogleich alle Feindseligkeiten einzustellen. Sie war, wie man bemerken wird, offieiell Englischer Seits, aber Iackson weigerte sich, sie als solche anzuerkennen, bis er die ofsieielle Bestätigung von seiner eigenen Regierung in Washington erhalten. Um so weniger durfte er aber daran zweifeln, da Cochrane, welcher Livingston mit den erhaltenen Instruktionen bekannt machte, ein recht guter Freund desselben war. Sie hatten sich früher in New-Uork kennen gelernt, und Cochrane hatte sogar in der so zahlreichen Livingston'scheu Familie seine Frau gefunden. Aber die willkuhrliche, jetzt vollkommen unnöthig gewordene Autorität des Kriegsgesetzes, deren man sich jedoch, so lange das Englische Heer auf dem Boden Louisiana's stand, auch nicht ein einziges Mal bedient hatte, behagte ihm zu gut, als daß er sich hätte entschließen können, ihr sobald wieder zu entsagen.

Livingston und Shepherd hatten die offieielle Anzeige Lord Bathurst's'(Sekretair der Auswärtigen Angelegenheiten) an den Lord-Mayor von London, welche die Unterzeichnung derFriedensPräliminarien zu Gent berichtete, von der Flotte mitgebracht und dem Redakteur der I^oui8iana 6^stte Cotten, mitgetheilt. Dieser ließ sogleich in kleinen Zetteln ^Kn6 bill) oder Beilagen zu der Zeitung Folgendes drucken und eireuliren: Ein Chartelschiff von dem Admiral Cochrane, Befehlshaber der Englischen Flotte, an den General Iackson, hat so eben die offieielle Anzeige des zu Gent erfolgten Friedensschlusses zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien und das Ansuchen iini einen Waffenstillstand gebracht.

Selbigen Tages erhielt der Redakteur folgenden Befehl vom Hauptquartier:

Siebenter Militairischer Distrikt.

New-Orleans, 21 Februar 1815.

Mein Herr!

Man erwartet, daß Sie durch den Druck eines außerordent ,.lichen Handzettels der Einlage eine unmittelbare Publizität ver schaffen, da Sie das haben drucken lassen, dem dies entgegen zu wirken bestimmt ist. Auch ist dies in Ihr nächstes Blatt aufzunehmen.

Iohn Reed. Aide de Camp. Herrn Cotten, Redakteur der I^oullu Un?ette.')

Hauptquartier des 7. mllitairischen Distrikts.

New-Orleans, 21 Februar 1815.

Mein Herr! Da der kommandirende Befehlshaber Kenntniß von einer

') Als Beweis der drolligen Stylifirung im Hauptquartier erfolgt hier das Original:

, >'esNlle!!8, l?eb. Ll, 1815.

It I petecl tkt ^u ill ßive imwe>lite pudüoit^ tu tl>e lne!oecI, b^ orlntinz it in !>nä Kill, ^ou nve prinle tili i meant t oountesllet; nä lo K^ inertinx it in ^uus noit I>per,

^K

Mitth<:ilung erhalten hat, welche heute aus Ihrer Presse gekommen ist und Folgendes anzeigt:

(hier folgt die eben gegebene Anzeige) so verlangt er, daß Sie Sich beeilen mögen, jeden unrichtigen Eindruck zu verwischen, den eine so unerlaubte und so unrichtige Anzeige gemacht haben dürfte. Kein direktes oder wirkliches Ersuchen um Waffenstillstand ist abseiten der Befehlshaber der Britischen See- und Landmacht an ihn ergangen.

Der Brief von Bathurst an den Lord Mayor, welcher die einzige offizielle, bisher mitgetheilte Nachricht enthält, rechtfertigt keineswegs die Voraussetzung, daß es auf einen solchen Waffenstillstand abgesehen ist, bis nicht der von den Friedens-Commifsarien bezeichnete Traktat von dem Prinz-Regenten und dem Präsidenten der Vereinigten Staaten ratifieirt worden ist.

Hier geht der Brief auf allgemeine Raisonnements ein und schließt dann mit den Worten:

Es wird demzufolge erwartet, daß in der Zukunft keine Art von Veröffentlichung, welche ihrer Natur nach der besagten und getadelten gleicht, stattfinden werde, bis nicht der Redakteur sich vorher von ihrer Richtigkeit überzeugt und von der rechten Behörde die Erlaubniß zu ihrer Aufnahme in sein Blatt erhalten habe.

Iohn Reed, Aide de Camp.

Herrn Cotten, Redakteur der I^uiiana Laxette.

Bei Uebergabe dieses Briefes an den Redakteur ward ihm auf offizielle Weise angezeigt, daß New-Orleans nur als ein Feldlager existire und der Befehlshaber über Alles gebiete.

Man sieht, daß an das augenblickliche Niederlegen seines Commandos — wovon einzelne schlecht berichtete Chronikenschreiber geredet haben, abseilen des Generals gar nicht gedacht ward. Im Gegentheil, jetzt erst behauptete Iackson, daß die Stadt NewOrleans mit ihrer ganzen Umgebung, von der zwei Englische Meilen entfernten Grenzlinie oberhalb bis zu der siebentehalb Meilen unter derselben befindlichen Lagerstätte am Fluß zu dem Herzen seines Lagers gehöre, und daß Niemand irgend eine Art von Autorität darin ausüben dürfe — der Alleiubefehlende sei er. Der jetzt verstorbene Gouverneur Louisiana's, Wm. C. Claiborue, dem es allein zukam sich diesem Machtgriff zu widersetzen, war so eingeschüchtert, daß er seine Stimme nicht zu erheben wagte und die Pflicht, der Civil-Autorität ihren gebührenden Rang wieder zu verschaffen, feigherzig unterließ.

Als Iackson unsere kleine Armee am 19 Ianuar wieder in die Stadt zurückführte, ließ er in der Verschanzungslinie eine Handvoll Menschen zur Bewachung derselben zurück. Er selbst hatte sie aus denjenigen Miliz-Soldaten gewählt, die er gewaltsam und zum Theil aus den Wirthshäusern, wo sie als reisende Fremde hausirten, erhoben hatte, zur Strafe — sagte er — dafür, daß sie sich gegen den Militairdienst so spröde gezeigt hätten. Unter ihnen befanden sich meistens die des Amerikanischen Bürgerrechts nicht theilhaftigen Franzosen, die nun ihren gewöhnlichen Geschäften entzogen, während Frau und Kinder ihres Familienhauptes beraubt wurden. Diese wendeten sich schriftlich an ihren Consul Tousard, welcher dem General Iackson seine Aufwartung und die Mittheilung machte, daß er von dem Minister in Washington den bestimmten Auftrag erhalten habe. Französischen Unterthanen seinen Schutz zu gewähren. Der Consul fragte ferner an, ob er die in den Verschanzunqen zurückgelassenen Franzosen auffordern könne, sich bei ihm um Entlassung aus dem Militärdienste zu melden. Der General sagte ja, und Colone! Tousard ließ seine Aufforderung in die Zeitungen drucken. Es meldeten sich ihrer vierzig. Ietzt ließ Iackson den Colone! Tousard nebst den vierzig Franzosen verhaften und verwies sie durch seinen Befehl vom 5 März — 49 Tage nachdem man die Frie densnachricht erhalten hatte — nicht allein außerhalb des Lagerbezirks, sondern nach irgend einer beliebigen, im Innern des Landes, aber nicht näher als Baton Rouge belegenen Pflanzung.

Der Deputirte Louaillier, ein geborener Franzose, aber naturalisirt, und Mitglied der gesetzgebenden Versammlung, ließ hierauf einen sehr anständigen Brief in den Zeitungen erscheinen, in welchem er über dieses gewaltsame Verfahren des Generals seine Bemerkungen machte und geradezu erklärte, daß die dem Colone! Tousard gegebene Erlaubniß und Versicherung mit dieser willkürlichen Maßregel in offenbarem Widerspruch ständen, denn, — sagte er — wenn der General die Entlassung der Franzosen nicht zu billigen geneigt gewesen wäre, zu welchem Zwecke bevollmächtigte er den Französischen Consul eine Aufforderung an seine Landsleute ergehen zu lassen, denselben zu erlauben sich bei ihm anzumelden, zu welchem Behuf unterzeichnete er selbst Ihre Entlassungs-Certifieate? Dies Argument behagte dem General nicht; er ließ Louaillier sogleich verhaften und in die Kaserne führen, damit er als Aufwiegler in Lager des Generals (lor exeitinZ mutin^ in tne ttenerl 6amp) Vor ein Kriegsgericht gestellt werde. Der Distrikt-Richter der Vereinigten Staaten (1u6ßs ol tne ll. 8. vi8trict dourt), der oben genannte Dom. A. Hall, ein unerschrockener Mann, erließ sogleich einen „>Vrjt ol Ut>e8 Colon an den General, um ihm die Person des Louaillier auszuliefern. Diese Pflicht oblag ihm als erstem Richter des höchsten Gerichtshofes im Staat. Der General ließ aber deu Richter Hall ebenfalls in Haft nehmen, schickte ihn außerhalb des Lagers auf das Land und bedeutete ihm, er müsse wissen, daß seine Autorität zu Ende sei. Alles dies geschah, wie schon bemerkt worden, sechs Wochen nachdem man schon die Nachricht von dem Friedensschlusse in Gent, den Niemand in der Stadt im mindesten bezweifelte, erhalten hatte, nur um den Kitzel einer despotischen Gewalt zu befriedigen, und ohne daß ein Mann wie Livingstou, der den Codex der Vereinigten Staaten besser wie irgend Iemand im Lande verstand, auch nur die mindeste Einrede gemacht hätte.

Der Schluß der von Iackson erlassenen Proklamation vom 5 März 1815 enthielt folgende Worte: Es wird allen und jeden .Offizieren und Soldaten hiedurch auf die gemessenste Weise anbefohlen, die früheste Nachricht von allem Aufwiegeln oder beabsichtigtem Aufwiegeln, von Verführung oder von Versuchen zum Aufwiegeln und zur Verführung zu geben, alle die darin implieirten Soldaten unmittelbar zu verhaften und in Gewahrsam zu bringen, damit sie vor Gericht gestellt werden u. s. w.

Dieser Befehl betraf offenbar nur Offiziere und Soldaten. Aber als Beweis, wie unterwürfig sich die Satelliten des Generals seinem Willen zeigten, diene noch eine Anekdote aus jener Epoche. Mein Handlungsgesellschafter Hollander unterhielt sich an der Thür des Bank-Caffeehauses mit seiner Umgebung über den Brief Louaillier's und billigte seine Tendenz und des Schreibers Freimüthigkeit. Warum — sagte er — hat der General dem ColoneI Tousard die Anzeige in den Zeitungen zu machen erlaubt, wenn er nicht die Absicht hatte, die Franzosen vom Militairdienst zu entlassen? — Ach!" — erwiederte ein Dabeistehender — er hat dies nur in der Absicht gethan, um die Namen aller derjenigen zu kennen, die sich bei dem Consul melden würden, um sie desto leichter bestrafen zu können. — „IKat „v 6irt? lrick! (das war ein schmutziger Kunstgriff) bemerkte Hollander. Diese Antwort ward dem General hinterbracht und sogleich gab er den Befehl, Hollander zu verhaften und vor ein Kriegsgericht zu stellen, weil er nicht allein den Aufwiegler im Lager gemacht, sondern verächtlich von einem eommandirenden Ch^f gesprochen habe (exeiteä inZubuillination n6 mutin^ in tke emp n6 tallieä 6irepectlull^ ol Ki upenor ullieer). Als am nächsten Tage Hollander und ich gerade unser Mittagsmahl einnahmen, ward mein Haus von hundert Mann umringt, und der oft genannte Davezae stolzirte mit seinem schielenden Blick und mit goldenen Epaulets herein, um Hollander in die Kaserne abzuführen. Ich wandte mich sogleich an den Adjutanten Livingston, um die Freilassung meines Freundes zu erhalten, und dieser vermochte den General, dieselbe unter der Bedingung zu gestatten, daß ich mit der Summe von 2000 Dollars Bürgschaft leistete, daß sich Hollander der Vorladung vor das Kriegsgericht freiwillig stellen würde. Livingston selbst verfaßte das schriftliche Instrument dieser Bürgschaft, ob er gleich eben so gut wie jeder andere erfahrene Rechtsgelehrte in den Vereinigten Staaten wußte, daß die Gesetze die Einforderung der Summe von dem Aussteller nimmer gestattet haben würden. Ein paar Tage darauf ward der Kriegsrath zusammen gerufen, Hollander fand sich ein, der Kläger war Davezae im Namen des Generals, aber die schon am folgenden Tage, am 13 März, eingetroffene Ratifieation des zu Gent abgeschlossenen Friedenstraetates machte der ganzen Komödie ein Ende. Iackson erließ eine Proklamation, begnadigte den Richter Hall, Louaillier und Hollander, so wie alle andere, die sich gegen seine Autorität vergangen hatten, und legte darauf seine Stelle nieder. Er hatte also nicht weniger als funfzig Tage lang, ohne die geringste Nothweudigkeit noch praktischen Nutzen für irgend Iemand, das Gesetz willkürlich mit Füßen getreten und sein Machtgcbot geltend gemacht.

Kaum hatte dieses sein Ende erreicht, so vereinigten sich einige sechzig Bürger, um den Richter Dom A. Hall aus seinem Exil abzuholen, und von einer öffentlicheu Cavaleade begleitet, wieder in seinen Gerichtshof einzuführen. Von den sämmtlichen Advoeaten der Stadt, Livingston, Dunean, Hennius und anderen, gesellte sich nnr der einzige Advokat Grymes zu derselben und stellte sich selbst an ihre Spitze, ob er gleich des Generals Adjutant gewesen, und obschon Hall, wie man erfahren, nach der Wiedereröffnung seines Gerichtshofes sofort den General Iackson wegen Verletzung der Civil-Autorität und Mangel an Respeet vor dem „'Wlit ol Lbe8 Lorpu" auf den nächsten Tag vor sich zu laden beschlossen hatte. Dies geschah auch unmittelbar, wie angekündigt. Iackson erschien und wurde zu einer Geldbuße von Id^N Dollars verurtheilt, die er sogleich in einer Banknote bezahlte. Hierauf beugte er sich vor dem Richter und verließ den Gerichtshof. An der Schwelle erwartete ihn der allezeit dienstfertige Davezae mit seinen Freunden Dominique, Beluche und der ganzen Bande befreiter Piraten, einige funfzig an der Zahl. Diese hoben den General auf ihre Schultern und trugen ihn im Triumph vor das Börsen-Kaffehaus. Angesehene Amerikanische Bürger schämten sich, einer solchen Prozession sich anzuschließen, dem General selbst schien unheimlich zu Muthe zu sein, und die Ehre ihm eben so wenig zu schmecken, als Madame Livingston's Lorbeerkrone an der Kirchenthüre. Auf Veranlassung des Advo, katen Dunean trug sein Neffe Nicholson, ein Untergeordneter in Hall's Gerichtshof, am folgenden Tage eine Subseriptionsliste in der Stadt herum, um die Summe der vom General bezahlten Geldbuße aufzutreiben; und um die Subseription als den Ausdruck des einstimmigen Beifalls der Stadt für die vom General so willkürlich ergriffenen Maßregeln erscheine zu lassen, sollte es Niemand erlaubt sein, mehr als einen Thaler dazu herzugeben. Also waren 1() Unterschriften erforderlich; man sammelte ihrer aber nur 160 und nicht mehr. Mein Hauptmann Roche, der die Carabiniers im Orleans'schen Bataillon eommandirt hatte — die Compagnie, zu der ich gehörte — wurde um seinen Thaler von dem jungen Nicholson angegangen. „8i 1e densinl" — erwiederte dieser Ehrenmann — „ beoin 6'i-ßent, je lui pre„teri8 volontier elon me moven, mi8 je ne llonner! p8 „un ecu pour une pareille com66ie!" Nicholson versicherte ihm, daß es ihm nicht um seinen Thaler, sondern nur um seine Unterschrift zu thun wäre.

Eine gewisse Eigenmächtigkeit des Willens lag ganz in dem Charakter Iackson's, und das Diktatorische war ihm zur zweiten Natur geworden, ihn einer beabsichtigten oder begangenen Ungerechtigkeit zu überzeugen eine Unmöglichkeit. Die beiden folgenden, mich selbst betreffenden Beispiele, werden den Beweis liefern.

Abmarschirt von der Stadt am Itt Deeember hatte ich, mit der Ausnahme eines einzigen Morgens, mich nicht vom Lager entfernt. An diesem Tage erfuhr ich aber von meiner Haushälterin, daß während meiner Abwesenheit ein militairisches Commando sich vor meinem Hause gezeigt, und der Offizier ihr peremtorisch die Schlüssel zum Waarenlager abgefordert habe. Hierauf habe man die ganze Quantität wollener Decken, die ich von Pensaeola gebracht hatte, herausgeholt, weggenommen und ihr dafür den Schein, den sie mir in dem Augenblick einhändigte, gelassen. Dieser Schein war von einem Quidam, einem mir unbekannten Namen aus der Division der Tenessee Scharfschützen unterzeichnet. Es war zur Bedeckung dieser Scharfschützen, daß man sich dieser Wollenwaare bemächtigt hatte. Unmittelbar nach dem Abzug des Englischen Corps hatte Iackson eine Commission ernannt, die aus einigen seiner Quartiermeister und zwei Kaufleuten bestand, deren man sich Behufs der Brot und Fleischlieferungen für die Armee bedient hatte, und bei der jetzt sich alle diejenigen melden sollten, die Forderungen wegen ihres weggenommenen, zur Vertheidigung von Stadt und Land benutzten oder beschädigten Eigenthums, zu machen hatten. Meine Forderung war doppelter Art, einmal für die aus meinem Lager genommenen 750 wollenen Decken, zweitens für die aus der Brigantine Pallas gelandeten 245 Ballen Baumwolle. Für die ersteren ward mir der gangbare Preis an dem Tage, an dem man die Nachricht der Landung Englischer Truppen erhalten hatte, nämlich I I Dollars per Paar zuerkannt. Alle Abmachungen bedurften der Ratifieation des Generals und seiner Unterschrift — er gab diesmal beide, aber mit der Bemerkung, daß da der Gegenstand behufs der Bekleidung der Tenesssee Truppen verwandt worden sei, so solle meine Forderung in Tenessee Banknoten bezahlt werden, die ungefähr 10 Proeent schlechter als New-Orleans Papiergeld standen. Ich schloß ab. — In Betreff der zweiten Forderung für die 245 Ballen, welche zu den Batterien gebraucht worden waren, produeirte ich eine Faktur die aus meinen Büchern gezogen war. Sie waren vor zwei Iahren von dem reichsten Baumwollen-Pflanzer Poydras zu 10 Cents gekauft worden. Dieser Preis, mit Zuschlag zweijähriger Zinsen zu 5 Proeent pr. Annum und Lagermiethe, ward in der Faktur berechnet. Der Preis der Baumwolle hatte in der ganzen Zeit nie niedriger als 10 bis II Cents gestanden, und am Tage vor dem Empfang der Nachricht von der Wegnahme unserer Kanonenböte hatte ich ein Paar kleine Partheien zu ll'/i und 12 Cents gekauft. An dem Tage unseres Abmarsches aus der Stadt, eben als ich mich in meine Uniform geworfen und mein Gewehr ergriffen hatte, lief ein Makler hinter mir her, um mir eine Parthei anzubieten, welche selbigen Tages verkauft werden mußte, da der Eigenthümer befürchtete, sie würde den Engländern in die Hände fallen. ^Bieten sie etwas, Herr Nolte!" — sagte mir der Makler. Ich hatte kaum das Herz, funfzig Proeent weniger, nämlich 6 Cents zu bieten und bot demnach 7 Cents, mehr um mir den lästigen Makler vom Halse zu schaffen, als in irgend einer spekulativen Absicht. Nach zehn Minuten kam er zurück, mit seiner Schluß note in der Hand, und sagte mir: Die Baumwolle ist Ihre, Herr Nolte! Zur Auslieferung derselben war keine Zeit da — wir mußten abmarschiren. Das kleine Geschäft ward in Iackson's Hauptquartier besprochen und als Beweis meines Vertrauens in den Erfolg der beabsichtigten Verteidigung erzählt. Dem General ward von seiner Commission meine Faktur vorgelegt, und er entschied, daß sie unbillig sei — ich musse nach dem Preise bezahlt werden, den der Artikel am Tage des Abmarsches in der Stagt gegolten habe. Ich legte meinen schriftlichen Protest dagegen ein, aber der General nahm keine Notiz davon. Demnach entschloß ich mich ihn aufzusuchen, in der Hoffnung, den Sinn der mir gebührenden Gerechtigkeit bei ihm zu erwecken. Ich fand wohl Gehör, aber nicht Eingang bei ihm. Seid Ihr nicht glücklich — fragte er mich — durch meine Verteidigung den Rest Eurer Baumwolle gerettet zu haben? — Allerdings, General! — antwortete ich — so glücklich wie jeder Andere in der Stadt, dessen Baumwolle durch eben diese Verteidigung gerettet worden ist. Aber zwischen mir und den Andern herrscht der Unterschied, daß Alles dies ihnen nichts kostet, und daß ich allein den daraus entstehenden Verlust zu tragen habe. — Verlust? — rief der General, schon etwas gereizt — Verlust? Ihr habt ja Alles gerettet! Ich sah, daß' ich bei einem so halsstarrigen Mann mit dem Argumentiren nicht weit kommen würde und bemerkte ihm, daß ich nur Ersatz für meine Baumwolle und nichts mehr haben wolle, und daß der beste Ersatz der

sein würde, mir in Quantität so viel als man mir genommen habe, und in gleicher Qualität wiederzugeben, er möge einen Kaufmann ernennen, ein Gleiches würde ich auf meiner Seite thun, die beiden Herren würden über Quantität und Qualität sich verstehen, die Baumwolle kaufen und mir abliefern, und was sie gekostet würde er bezahlen. „Ko, no, 8ill" — erwiederte er — ,,I lilce traißnt lor^varä bu8me8 n6 tliat i too oompIicte6, ,,^ou mu8t tke 6 <^enw lor ^our eottan — I nave notninß more „to 7!" Ich wollte fortfahren ihm das ganze Verhältnis; klar zu machen, ward aber mit der Bemerkung abgespeist: „6ame „8ir, come! Ill,e ßl8 ol V^ni8ll^ n6 ^ter, ^ou mut l>e 6m „n'6 clr^ alter lI ^our rßuiuß!" Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zu sagen: „Well, Lenerl, I äicl not expeet uck „an in^utiee t vour lianä8! Koocl murninß 8ir!" und wegzugehen. Drei Tage darauf erhielten wir die Nachricht des Friedensschlusses zu Gent, und ein augenblickliches Steigen der Baumwolle war die Folge davon — sie stieg bis zu l6 Cents, zu welchem Preise ich mehrere Parthien kaufte. Der zur Regelung der Forderungen für Schäden und Verlüste ernannte Ausschuß war in Verlegenheit, man begriff, daß man unmöglich mich mit 6 Cents abspeisen könne. Endlich ward mir durch den Herrn W. W. Montgomery, einen der Mitglieder des Ausschusses, die Frage vorgelegt, ob ich jetzt zufrieden sein würde, wenn man mir meine Forderung in toto bezahlte? Ich entschloß mich sogleich den Vorschlag anzunehmen, weil ich sonst in Washington beim Congreß hätte klagen müssen, und die Sache sich vielleicht mehrere Iahre in die Länge gezogen haben würde.

Die Zeit war gekommen, wo ich um meinen Abschied vom Bataillon ansuchen konnte. Ich erhielt ihn auch sogleich, und bald darauf das hierunten, in einer Note gedruckte Attest meiner kommandirenden Offiziere.

Bataillon der nniformirten Eompagnien der NewOrleans Miliz.

Compagnie der Grenadiere. Del unlerzelchnete, kommandirende Capitain der Grenadiere des

Es sei mir bei dieser Gelegenheit gestattet, noch einige Bemerkungen über den Charakter Iackson's, dieses mehr glücklichen als ausgezeichneten Mannes, einzuflechten, da ich zur Beurtheilung desselben in persönlicher Nähe, der Gelegenheiten so manche gehabt, daß ich auch später in einzelnen Zügen aus meiner früheren Beobachtung, den Schlüssel zu den vielen seltsamen Erscheinungen in dem öffentlichen Leben des Generals, besonders als Präsident, ohne Schwierigkeit habe finden können. Der große Menschenkenner Chamfort, der in der allgemeinen Richtigkeit seiner Bemerkungen den philosophischen de la Rochefoueauld so weit hinter sich zurückläßt, stellt die folgende Maxime auf: „vaii8 le ,,ßi-n6e8 cbo8e8 le8 nomme8 8<3 montrent, oomme il leur eon,,vient lle 8e muntrer, 6lM8 Ie8 petite8, il8 8e montrent, eomme „il 80l!l. So richtig sich auch diese Maxime im Allgemeinen bewährt hat, so hat sie in Iackson's elgrnthümlicheni Handeln und Verfahren eine Ausnahme und nur in einem einzigen Falle einigermaßen ihre Bestätigung gefunden — ich sage einigermaßen, denn die Sache, um die es sich diesmal handelte, war keine Kleinigkeit in seinem Auge ^ sie betraf nichts weniger als seine Erhebung zum Präsidentenstuhle, war folglich „une ßrznäe enoe". Bei dieser Gelegenheit mußte es zu seinem Zwecke führen, die Rolle eines ruhigen, friedliebenden, anspruchslosen Mannes anzunehmen, bei jeder anderen fügte er sich nur mit dem größten Widerstreben in eine seinem Willen auferlegte Notwendigkeit. Wo er diese vermöge seiner Sagaeität erkannte, wußte er zwar seine ungestüme Kraft zu bändigen, ja selbst bis zum äußersten Grade nachgiebig zu sein. Kaum aber war diese Notwendigkeit vorüber, so trat sein despotischer Charakter in der ihm eigenthümlichen Unbändigkeit wieder hervor, ohne sich irgend einen Zwang anzuthun. Ich bin in diesen Blättern mehrmals Zügen seiner Enthaltsamkeit nnd klugen Selbstbeherrschung begegnet. Aber die diktatorische Gewalt, mit welcher er nach dem Rückzuge des Feindes, mit welcher er selbst nach empfangener Nachricht von dem zu Gent abgeschlossenen Friedenstraktate alle eonstitutionellen Rechte der Einwohner von New-Orleans, ohne Notwendigkeit und ohne Nutzen für die gute Sache, unter die Füße trat, Einzelne einkerkerte, die ganze Bevölkerung der Stadt der strengen Ausubung militairischer Gesetze unterwarf, war etwas mehr als bloßer Muthwille. Da er die Bevölkerung der Stadt nur durch die gefärbten Gläser jener Parteigänger sah, die, wie Livingston, die ihnen gebotene Gelegenheit zum Sturze ihrer Gegner nicht unbenutzt vorübergehen lassen wollten, so möge er auch hier entschuldigt sein. Aber sein barbarisches Verfahren in dem Unterwerfungskrieg gegen die Seminolen, diese unabhängigen Indianer, die keine Rebellen waren, und mit denen die beiden Engländer Arbuthnot und Armbrister aus Nassau (auf den BahamaInseln) einen erbärmlichen und mit feindlichen Absichten gegen die Amerikaner keineswegs verknüpften Handel in allerlei Artikeln,

obgenannten Bataillons bezeugt, daß Herr Vineent Nolte, Gienadier der besagten Compagnie, als solcher den Felbzug gegen die Engländer mitgemacht, daß er während desselben seinen Dienst ohne Unterbrechung seit deni 16 Deeember I8l4 bis zu diesem Tage geleistet ha, daß er Theilnehmer an den Affairen vom 23 und 28 Deeember I8l4, ! und 8 Januar I8l5 gewesen ist, und daß er sich in allen als ein tapferer und loyaler Soldat, zur Zufriedenheit seiner Oberen und seiner Kameraden, benagen hat. In Beglaubigung dessen habe ich dieses mit meinem Namen unterzeichnet, um ihm überall zu dienen, wo er dessen bedürfen möchte.

New-Orleans, 4 April I8l5,

(unterz.) Peter Roche.

Der unterzeichnete Commandeur des Bataillons der uniformirten Miliz von New-Orleans, bezeugt die Authentieität der Unterschrift des Hauptmanns Roche, indem er hinzufügt, daß es zu seiner persönlichen Kenntniß gelangt ist, wie der besagte Vineent Nolte seine Pflicht mit Eifer erfüllt hat.

New-Orleans, 4 April !8l5.

(unterz.) I. B. PI auch 6, Major. Gebilligt: Andreas Jackson,

General-Major und Commandant en Chif,

Vanl >, 17

worunter auch Pulver, Blei und Iagdflinten oder Kugelbüchsen rille) trieben, beweist zur Genüge, wie sehr er sich bei jeder Gelegenheit über das Gesetz erhaben glaubte. Im völligen Frieden mit England ließ er diese beiden Leute richten, mit dem Auftrag, sie zum Strange zu verurtheilen. Die Commisfion wollte nicht daran — sie erklärte sich für incompetent. Iackson ernannte daher eine andere, welcher er als kommandirender General befahl, ihre Pflicht zu thun und die Aufwiegler zu hängen. Die Commission fällte ihr Urtheil, wie der General es gewünscht hatte, empfahl aber beide der Gnade des Generals, der von ihrer Unschädlichkeit vollkommen überzeugt sein mußte — sie waren Trödler oder Paeeotilleurs. Auf jeden Fall wünschte man die Bestätigung des Urtheils dem Präsidenten der Vereinigten Staaten zu überlassen, wie dies die Pflicht der höheren Beamten dort erheischte, und üblich war. Aber Iackson wollte von keiner Einrede etwas wissen — sie sollten sterben, unmittelbar, ohne Zeitverlust; und so ward denn der Eine dem Strang überliefert, der andere erschossen.

Die Zerstörung der National-Bank, der ersten, die diesen Namen trug, — denn von ihrer Nachfolgerin, der PensylvaniaBank der Vereinigten Staaten ist hier nicht die Rede — und die nachherige gewaltsame Zurücknahme der Regierungs DepositenGelder aus derselben, gehörten zu den verwerflichsten, von dein gehäßigsten Geiste diktirten Maßregeln Iackson's und bahnten der nachherigeu Zerrüttung des ganzen Bank- und Finanzsystenis in den Vereinigten Staaten den Weg. Es hat nicht an Leuten gefehlt, welche in der plausibelsten Sprache allen diesen Gewaltschritten das Wort redeten und ihre Federn zur Vertheidigung derselben hergaben. Der Vorwand war die Geldmacht bei den Wahlen zu brechen und dem Einflusse des Auslandes, welches durch sie auf innere Verhältnisse wirken dürfte, ein Ende zu machen. Aber der wahre Beweggrund, die ursprüngliche Quelle der Verfolgung der Bank der Vereinigten Staaten, lag in dem persönlichen Hass des Generals gegen ihren Präsidenten, Nikolaus Viddle, der späterhin eine so unglückliche Celebrität erhielt und auf den ich bei einer andern Gelegenheit zurückkommen werde Alle Folgeschritte waren nur die Resultate des ersten, festen Entschlusses Iackson's die Bank selbst und Biddle's ssinfluß um jeden Preis zu brechen, und zu diesem hartnäckigen, mit so vieler Ausdauer verfolgten Entschluß, gab der folgende einfache Vorfall die Veranlassung. Das in Washington herausgegebene Zeitungsblatt: „Hie 6lobe" nahm unter allen denen, die in dem Interesse des Generals erschienen, seine Politik erhoben und seinen Irrthümern selbst eine gute Seite abzugewinuen verstanden, den ersten Rang ein. Niemand wußte dem Iackson'schen Cabinet und seinen Maßregeln salbungsvoller das Wort zu reden, als der Redakteur eben dieses Blattes. Er war bei jeder Gelegenheit die Lobposaune des Generals in eben dem Grade, wie es heut zu Tage für den Prinz-Präsidenten Louis Napoleon der Herr Gramer de Cassagnae geworden war. Als er nach einigen Iahren nicht länger seine Rechnung dabei fand, entschloß er sich nach New-York zu wandern und das Blatt dort erscheinen zu lassen. Gar bald spielte er nun in eine andere politische Farbe über, und ward allmälig ein eben so scharfer ls lästiger Beurtheiler und Tadler des Generals. Mit Iackson's geheimsten Empfindungen, Trieben und Absichten genau bekannt, ward es dem Herausgeber ein Leichtes, durch Artikel, die sich nicht einmal beantworten ließen, die Galle des Generals im höchsten Grade zu reizen. Iackson wüthete lange umsonst, bis ihm ein Zufall auf die Spur dieser Sinnesänderung verhalf. Die Bank der Vereinigten Staaten zu Philadelphia war damals noch eine Rcgierungs-Bank, nicht wie Biddle's spätere, die schon genannte Privatbank des Staates Pensylvanien. Ein Viertheil ihres Kaptials gehörte der Regierung an, und ein Viertheil der Direktoren wurde von ihr ernannt, die übrigen durch die Wahl der Aktionäre bestimmt. Außer dieser theilweisen Einsicht in die Verwaltung derselben ward zuweilen eine besondere Commission aus dem Finanz-Ministerium zu Washington (tks I>e8ui^) nach Philadelphia gesandt, um gewisse Rechnungen zu untersuchen. Diese machte die Entdeckung, daß unter den diskontirten Wechseln ihres Portefeuilles sich auch

ein Aeeept des Herausgebers des „(ülube" für einige zwauzigtausend Thaler befand, und daß dieses durch das Indossement Viddle's in die Bank gebracht, und von Zeit zu Zeit durch ein frisches Aeeept erneuert ward. Da der Herausgeber des besagten Zeitungsblattes sich nicht in Umständen befand, die einen solchen Credit gerechtfertigt hätten, so war es klar, daß nur Biddle's Unterschrift dem Aeeept einen gewissen Werth gegeben hatte. Dieser Umstand, den Iackson alsobald erfuhr, war für ihn ein Lichtstrahl. Von diesem Augenblicke an beschloß er den Untergang der Bank, und bot Alles auf, die Erneuerung der IneorporationsAkte derselben zu verhindern. Zweimal hatte diese die Einwilligung bei den Kammern, das heißt der Repräsentantenkammer und der des Senats erhalten, zweimal gab Iackson sein Veto. Um die Vollziehung des Gesetzes dennoch zu erzwingen, erforderte es zwei Drittheile der Gesammtzahl der beiden Kammern. Da aber Iackson's Einfluß immer mehr zugenommen hatte, so wurde das Zustandekommen dieser Majorität, so wenig auch daran fehlen mochte, stets gehindert. Somit fiel die Bank und mit ihr auch der Damm zwischen der schlechten und der guten Papiereireulation der Vereinigten Staaten, wie ich das bei einer andern Gelegenheit dargethan habe. *) Biddle's Absichten lagen damals nicht am Tage und sein Beweggrund bei der Unterstützung, die er dem Herausgeber des „6Iobe" werden ließ, hatte wohl einen Nebenzweck, der aber dem Interesse des Staates nicht entgegen war und gewiß nicht die unversöhnliche Rache des Generals in in einem Grade hervorrufen konnte, wodurch das ganze Geldsystem und der Credit des Landes — wie die Folge erwiesen hat — auf's Spiel gesetzt wurden und in einem allgemeinen Schiffbruch endigten. . l,i . !.i Das Schauspiel, welches die Stadt New-Orleans darbot, als einmal alle Zweifel über den Abschluß des Friedens zu Gent

") In meiner im Iahie l845 zu Triest herausssegebene Schrift: „Stellung und Aussichten des Welthandels".

aufhören mußten, war ein seltsamer. An der Spitze ein Parthei die sich zu bilden anfing, um Iackson zu dem Präsidentenstuhl der Vereinigten Staaten zu verhelfen, stand natürlich Livingston. Dieser hatte zuerst den Wunsch ausgesprochen ihn dort zn seheu, und von der Erfüllung desselben erwartete er die Wiederherstellung seines höchst zweifelhaften Rufes und seiner unbezweifelt schlechten und zerrütteten Vermögensumstände. Ihm schloß sich der Advokat A. L. Dunean an, ein Mann, dem alo Rechtsgelehrter und als Redner alles Talent gebrach, der aber die Seele aller unter der Amerikanischen Bevölkerung ausgeheckteu Intriguen und der Repräsentant derselben war. Dann folgten alle diejenigen, die früher oder später durch Iackson Beförderung erwarteten und die Anwartschaft auf gewisse lukrative Stellen zu besitzen glaubten (wie z. B. der Distrikt-Marschall Düplessis, das Amt des Direktors des Zollhauses, der Redakteur der „Nev0rleN8 K-ette", P. K. Wagner, die Stelle des MarineInspektors (— lmval ullioer —) und endlich einige wenige Creoleu. Der Einfluß, den der Gouverneur Claiborne unter den letzteren gehabt hatte, war sichtbarlich in Abnahme — er haßte Jackson, wie er jede Rivalität gehaßt hatte, wagte es aber diesmal nicht, seine Antipathie durchblicken zu lassen, und mit geheimem Widerwillen fügte er sich in allerlei Demonstrationen des Wohlgefallens und der Ehrenbezeugungen, die man dem siegreichen General bestimmte. Die hervorragendsten unter den Bewohnern der Stadt hatten sich vereinigt, um dem General einen großen Ball auf der Französischen Börse zu geben, die der nöthigen Vorkehrungen wegen drei Tage lang geschlossen werden mußte. Scbon hier fing man an allerlei Intriguen um der Ehre willen spielen zu lassen, in den Ausschuß zu kommen, dem die Sache anvertraut ward. So wollte z. B. der Kassirer Saul sich hineindrängen. Andere vermeinten, nur Eingeborene könnten dazu gehören. Endlich erklärten die zwei zuerst erwählten Commissarien, der Major D. Carmick und der Commodore Patterson, beide meine genauen Freunde, sie könnten nicht ohne mich zu Rechte kommen, und diesem Umstande, vereinigt mit der Gewiß heit, daß damals wohl kein Anderer in New-Drleans sein mochte, der so viele Beispiele großartiger Festlichkeiten vor Augen gehabt haben dürfte, als meine Wenigkeit, hatte ich wahrscheinlich die Ehre meiner Wahl zum Mitgliede des Ausschusses zu verdankeu. Der obere Theil der Börse war zum Tanz eingerichtet worden, der untere zum Souper, mit Blumen, farbigen Lampen, und Transpatenten-Inschriften. Vor dem Souper wollte Iackson, ohne Begleitung, die Einrichtung in Augenschein nehmen, und ich hatte ihn dahin zu führen. Auf einem dieser Transparenten, zwischen den Arkaden waren die Worte zu lesen: „1ack8on i>cl Victor^, tne^ re but one." Der General beguckte sie, kehrte sich auf eine treuherzigere Weise, als ich erwarten konnte, nach mir um und sagte mir: „^VK^ cli6 7o11 not 57- Hickory nl l „V ietorv — tlie^ re but one?" Der Leser muß wissen, daß dem General in seinen Indianerkriegen der Beiname 0I6 lücliui-?" gegeben war, weil Hickory eine den Amerikanischen Waldungen eigenthümliche Art von eisenhartem, unbiegsamem Holz bedeutet. Nach dem Souper gab uns der Sieger das ergötzende Schauspiel eines „0 c!e äeux" zwischen ihm und seiner Ehehälfte, ehemals eine Irländische Auswanderin niedrigen Schlages, die er einem Pflanzer in Georgien geraubt hatte, und die bei der Fülle ihrer Corpulenz das bekannte Französische Bonmot bewährte: „yu'eile lmoit voir ^U8u.u'ou peut Her ! peu Kumaine." Diese beiden Figuren, der General, ein langer, hagerer Mann, mit skelettartigen Gliedmaßen, und die Frau Generalin, ein kurzes, dickes Exemplar weiblicher Gestalt, nach der wilden Melodie: „tn'Opouin up tue ßumtree!" wie halb betrunkene Indianer einander gegenüber, Versuche des Springens machen zu sehen, war wirklich eine jener Merkwürdigkeiten, die mir kein Europäisches Opern-Ballet je hätte zeigen können. Einige sogenannte Damen der Stadt, welche aber selbst die Amerikanische Bevölkerung, viel weniger die Französische dafür erkennen wollte, hatten den Vorschlag gemacht, der Frau Generalin einen kostbaren Schmuck zu schenken, der 4000 Thaler kosten sollte, und die Auslage durch eine Privatsubskription zu erschwingen. An der Spitze der Liste stand die Frau des Präsidenten der Bank von NewOrleans, des Herrn Benjamin Morgan's, welche ebenfalls eine Irländische Auswanderin (reäemptianer) gewesen und von dem Range seiner Köchin zu d.r legitimen Theilnahme seines Bettes gestiegen war. Sie exemplifieirte ganz Byron's Worte:

„Lom in tne ßarret, in tne liitoken breä, .4n(l, lur ome ßrLjuu8 ervice unexpre8'll, kramotecl tnence to Kare Ker mater'8 be6/^

Diese Dame hatte sich an die Spitze der Subskriptionsliste gestellt und 500 Thaler gezeichnet. ändere folgten und man hatte nicht ohne Mühe etwa 1600 Thaler zusammengebracht, als der Schmuck gekauft und geschenkt ward. Nun aber haperte es mit den übrigen 2400 Dollars und die Geberinnen fanden sich in nicht geringe Schwierigkeiten verwickelt, deren Ende man jedoch zu verschweigen die Kunst gehabt hat,;

Einige der in New-Orleans seßhaften Franzosen hatten schon lange auf den Augenblick geharrt, mit den Früchten ihres Erwerbs nach Frankreich zurückkehren zu können. Der ausgebrochene Krieg hatte sie aber daran gehindert. Unter ihnen befand sich ein Provencale, Namens Fournier, der einst unter Napoleon in Aegypten gedient und sich als Poreellan-, Fayeneeund Maswaarenhändler in New-Orleans niedergelassen und ein hübsches Vermögen erworben hatte. Er hatte sein Waarenlager verkauft, sein Kapital schon seit einiger Zeit nach Frankreich gesandt, und wollte ihm folgen, die Engländer hatten aber kaum sich blicken lassen, als er sogleich in unsere Compagnie eintrat, und mir sagte: ,,^n! ^e eri dien aie cle leur tirer sncore une „toi mon coup 6e lu8il—oe mätin ll'^nßlai!" Seine Französische Kokarde trug er nicht auf, sondern in seiner Bärenmütze. Zwei andere Franzosen, em Zahnarzt, Namens Robelot, und ein kleiner erbärmlicher Advokat, Namens Paillette, die sich ebenfalls kleine Vermögen, aber nicht durch ihre Praxis, sondern durch ihr langjähriges Wuchergeschäft erworben hatteu, verbargen sich während der Englischen Invasion, kamen aber nach Einstellung der Feindseligkeiten sogleich wieder zum Vorschein, um sich nach Frankreich mit dem Produkte ihrer ehrenvollen Industrie zu begeben. Dieses, da Wechsel nicht zu haben waren, hatten sie in Baumwolle angelegt, die ihnen etwa 12 Cents per Pfund gekostet haben mochte. Es mangelte in Folge des dreijährigen Krieges an Schiffen im Hafen, und obgleich es zu erwarten war, daß vom Norden aus ganze Flotten von Kauffahrteischiffen nach New-Orleans strömen und Frachten dort billig werden würden, so hatten die beiden Herren dennoch eine solche Eile fortzukommen, daß sie ein Paar brauchbare, aber alte Schiffe zn 7'/ und 8 Cents per Pfund für die Reist nach Havre befrachteten. Für die Ladung des Schiffes Oliver Elsworth, die aus 800 Ballen Baumwolle bestand und 38,000 Dollars gekostet hatte, ward in Havre die unverhältnißmäßig hohe Fracht von 26,880 Dollars bezahlt, also drei Mal so viel als das ganze Schiff werth sein mochte. Im Verlauf des zweiten Kriegsjahres war der 900 Tonnen große, ganz neue, kupferbeschlagene Englische Westindienfahrer Lord Nelson von dem Amerikanischen Kaper Saratoga genommen und in New-Orleans eingebracht worden. Dies Schiff, welches mit allem Zubehör wohl sechszehn bis achtzehntausend Pfund-Sterling gekostet haben mochte, ward in New-Orleans in öffentlicher Auktion verkauft und von mir, in Gesellschaft mit einem Hause in New-York, für 18,000 Dollars erstanden, hierauf vollkommen equipirt und ausgerüstet, nach Nantes angelegt und größtentheils von mir und anderen mit Baumwolle und Hirschfellen beladen. Die Gallione des Tchiffes zeigte die Figur Lord Nelson's, aber diesen Namen konnten wir demselben unter Amerikanischer Flagge nicht lassen, und wir tauften es demnach Horatio, welcher Lord Nelson's Vorname war. Der Tiefgang des Schiffes war etwa 20 Fuß und da die Wassertiefe an der Mündung des Missisippi kaum 16 Fuß erreichte, so schickte ich dasselbe hinaus, jenseits der Balize (so heißt das Wachthaus an der Mündung des Stromes, ließ es dort Anker werfen, und ihm einen großen Theil seiner Ladung nachsenden.

Ich muß jetzt den Leser daran erinnern, daß ich während der Vorbereitungen der Regierung zum Empfang der Englischen Expedition gerade im Augenblick ihres Erscheinens in unserer Nachbarschaft, eine Note vom Herrn Shields empfangen hatte, worin er eine Art von Waffenstillstand zwischen uns vorschlug, bis die Gefahr, die Louisiana und zumal New-Orleans bedrohte, vorüber wäre. Diese Note, vom 14 Deeember, sollte vorläufig als Antwort dienen auf die meinige, vom 26 November, die er folglich seit achtzehu Tagen in Händen gehabt, und worin ich ihm erklärt hatte, daß sein ganzes Betragen gegen mich sich so verächtlich gestaltete, daß ich ihn der ernsthaften Beachtung eines Mannes von Ehre für unwürdig erklären müsse, („vuvortk^ tiie nutice ul „6entlsmm.") Sie ward meinem Freunde Nott von dem MarineZahlmeister I. K. Smith eingehändigt, unter seiner Garantie, daß sobald eine der beiden Partheien es für gerathen halten follte, die zwischen uns bestehenden Differenzen wieder aufzunehmen, vorläufige Notiz davon gegeben und die Sache auf eine ehrenhafte Weise zu Ende geführt werdeu solle. Herr Smith bemerkte bei dieser Gelegenheit, daß ein Mann nicht thörichter handeln könne, als die Fehde eines anderen fortzuführen und sich für Dinge zu schlagen, die ihn nichts angingen.

Ich war mit den Vorbereitungen zu meiner Abreise nach Europa beschäftigt, die ich in den Zeitungen anzeigte, mit dem Zusatz, daß während meiner Abwesenheit meinem jetzigen Assoeiü Hollander die Leitung der Geschäfte iu Händen verbleiben würde. Am 12 April, dem Tage, an welchem diese öffentliche Anzeige in den Blättern erschienen war, erhielt ich einen Brief von Herrn Shields, mit der Erklärung, daß seine Langmuth ihr Ende erreicht habe und daß er mir auf eine offizielle Weise kund zu thun beliebe, er werde von mir körperliche Satisfaetion, das heißt mit dem Stocke in der Hand, für die ihm zugefügte Beleidigung zu erhalten suchen. Meine Antwort auf diesen Brief beschränkte sich ans die Anzeige, daß ich dem Publikum unsere Cvrrespondeuz unmittelbar r Augen legen und dasselbe iu den Stand setzen würde zwischen uns beiden zu richten, da er mir aber meinen Brief nneröffnet zurücksandte, so ließ ich ihn auch in die Zeitungen rücken. Che aber der ganze Briefwechsel demselben in die Hände gekommen war, hatte Herr Shields für gut gefunden überall anschlagen zu lassen, daß zu einem solchen Schritte sich nur Iemand entschließen könne, der ein Lügner und ein feiger Schurke sei. Meine Antwort, die denselben Weg nahm, bestand aus folgenden Worten: „Da Herr Thomas Shields es für gut gefunden hat meinen Namen in Verbindung mit einigen Cpithcten zu ver"öffentlichen, die er seinem eigenen Charakter abgeborgt hat, so erkläre ich allen Denen gegenüber, die ihm Glauben beizumessen geneigt sind, daß er ein Mann von Muth und großem Chrgefühl sei. Diejenigen aber, bei denen es üblich ist ihrUrtheil nur dann zu fällen, wenn sie über das Für und Dawider einer Frage gehörig unterrichtet haben, verweise ich auf meinen Briefwechsel mit ihm, der in wenigeu Tagen erscheinen wird. New-Orleans, 15 April 1815.

Vineent Nolte.

Ciu Freund, der den Dr.ohungsBrief des Herrn Shields vom 12 April bei mir gelesen hatte, war aus eigenem Antrieb zu dem Friedensrichter Prsval hingegangen und hatte ihn davon benachrichtigt, und dieser es für angemessen gehalten, Shields sogleich unter Caution von viertausend Dollars zu verpflichten, die öffentliche Ruhe nicht zu stören und sich gegen Iedermann, insbesondere gegen mich, friedfertig zu verhalten.

Dieser Briefwechsel, den ich, dem Titelblatt gemäß, insbesoudere allen unbestochenen Fremden und überhaupt neuen Bewuchern des Landes zur Durchsicht empfohlen hatte, machte eine gewaltige Sensation in der Stadt. Das ganze verächtliche, Männern von Ehre so unwürdige Intriguenspiel der Herren Saul und Consorten, Behufs der Befriedigung ihrer niedrigen Rachegelüste, ihre Methode, vergiftete Pfeile zu schmieden und im Geheimen auf mich zu richten, und ihr System, arglose Menschen, wie meimen Antagonisten Allen, oder Halbverrückte, wie den Herrn Shields, unter der Hand zu bearbeiten, und wie gehetzte Hunde auf mich loszulassen — alles dies stellte sich für jeden Unbefangenen auf eine so einleuchtende und überzeugende Weise heraus, daß auch der beschränkteste Verstand auf die Spur der Natur gelangen mußte, aus welcher das Wesen dieser erbärmlichen Großsprecher bestand, die sich an der Börse, sowie an allen Gassenecken als Sittenrichter und Autorität über alle Vorgänge geltend zu machen suchten. Herr Shields, schon zur Hälfte verrückt, verlor jetzt die andere Hälfte seines mangelhaften Gehirns, klopfte an jede Thür, wandte sich an Iedermann, um zu erfahren, wie man meine Broschüre beantworten könne — es half nichts, daß man ihm bemerkte, er habe mich schon im Voraus für eineu Lügner erklärt, kein Mensch würde mir Glauben beimessen, seine Ehre bleibe unangetastet u. s. w. Soviel Einsicht schien ihm jedoch noch verblieben zu sein, daß er wohl begriff, vernünftigen Leuten gegenüber müsse er wie gebrandmarkt dastehen. Er suche, erklärte er eines Tages, Iemanden, der meine Broschüre wiederlegen könne. Der Advokat Grymes, der sich nur allzuhäufig in schlechten finanziellen Verhältnissen, und dem es gewöhnlich an Geld mangelte, sagte ihm: Nun, Shields, wenn Ihr mir eintausend Dollars geben wollt, so bin ich bereit Nolte's Broschüre in Eurem Namen zu beantworten. — Topp! — war Shield's Antwort — der Handel ist geschlossen! Und wirklich erschien vierzehn Tage später ein ganz kleines Büchelchen von einem Bogen, das nichts weiter bewies als die Unmöglichkeit, aus den sinnlosen Schritten und Worten eines Unsinnigen, ein gescheutes Resultat herauszubuchstabiren.

Tiefer als auf Shields aber hatte meine Broschüre auf Saul und seine Clique gewirkt. Dieser Mann fand sich so entlarvt, seine Rodomontaden, seine, unter seinen Umgebungen zum Sprichwort gewordenen Redensarten waren so buchstäblich geschildert, sein Mangel an Bescheidenheit wie an gesunder Logik, die Unwürdigkeit seiner Kabalen und geheimen Schliche so nackt an's Tageslicht gestellt, daß er sich vor innerem Zorn kaum halten konnte. Ich war den lieben langen Tag der Gegenstand seiner Galle, fein Alp bei Nacht. Zugleich erfuhr ich, daß er jeden Nachmittag seinen ältesten Sohn, einen dummen und zugleich aberwitzigen Bengel, das Pistolenschießen lehrte — >nan könne nicht wissen, wozu dies gut sei, ließ sich oft von seinen Lippen hören, und dem lieben Sohn ward gesagt, er würde Wohl bestimmt sein eines Tages seines Vaters Rächer zu werden. Eines Abends unterhielt ich mich an deiLevee (dem Hafendeich, wo man Waaren ladet und löscht) mit zwei Bekannten, als ich mich plötzlich von hinten angespien fand. Ich kehrte mich schnell und erstaunt um mit den Worten: „xvnt i ttit?" Da sah ich, sich eben so schnell, halb sinnlos und bleich wie eine Leiche von mir entfernend — den ältesten Sohn meines Verfolgers Saul. „Von ooulä not „netter prove voui-8ell — tne ti-ue 8on ol ^our latner, but b^ „UneliinF me Vom l>eniii6", rief ich ihm nach. Gewaltig aufgeregt, wußte ich nicht sogleich, was ich zu thun hatte. Ich war um guten Rath einige Minuten lang verlegen. Daß der Bengel abgerichtet und gehetzt war, lag am Tage. Wie sollte ich aber sogleich an den rechten Mann gelangen und von ihm Genugthunng erhalten, da er schon vorher meine Herausforderung abgewiesen hatte? Etwas mußte geschehen. Ich sah endlich kein anderes Mittel, als den Beugel, der mich so gröblich angefallen hatte, auf den nächsten Morgen zu fordern, und da ich wohl begriff, daß es auf eine oder die andere Weise darauf abgesehen war, mich aus dem Wege zu schaffen, so war ich entschlossen, mein Leben so theuer wie möglich zu verkaufen. Die Inflexibilität meines rechten Armes durch den Bruch des Ellenbogens gaben meinem Gegner bei einem Zweikampf in einiger Entfernung allzugroße und sichere Vortheile. Ich wünschte ihn daher bis auf fünf Schritte zu bringen und aus der Sache ein Entweder — Oder! zu machen. Meine beiden Freunde, der schon genannte Major Carmick vom Marine-Corps und Herr St. Avit übernahmen die Rollen meiner Sekundanten und den Auftrag, die Entfernung, in der wir uns schießen sollten, meinem Wunsche gemäß, auf fünf Schritte zu bestimmen. Das Carte! ward angenommen, aber man protestirte gegen die Entfernung und wollte sich nicht näher als auf zehn Schritte schlagen. Endlich nach langem Hin- und Herstreiten, verstand man sich mir sieben Schritte zu geben. Beim ersten Looseu über die Wahl des Terrains war das Glück gegen mich, sie fiel dem Sekundanten meines Gegners, dem schon genannten Beale, zu. Das zweite Loos fiel nicht glücklicher für mich aus, denn auch diesmal begünstigte es ihn und gab ihm das Commaudowort. Auf sieben Schritte einander gegenüber gestellt, sollte eins, zwei, drei gezählt und dann gefeuert werden. Meine beiden Sekundanten, besonders mein unvergeßlicher Freund, der Major Carmick, einer der edelsten Menschen, die ich je gekannt habe, waren so ergriffen von der peinlichen Lage, in der sie mich sahen, mich jetzt, gerade am Schlusse eines dreijährigen Krieges, auf dem Punkte nach Europa zurückzukehren, meine Freunde wieder zu sehen und endlich von meinem Etablissement die Vortheile zu ernten, die vor viertehalb Iahren der Gegenstand meiner Hoffnungen und Erwartungen gewesen waren, mit einem gehetzten Burschen so gut als wie auf Leben und Tod schlagen zu sehen, daß sie gewissermaßen der nöthigen Selbstbeherrschung nicht ganz mächtig blieben. Als ich Posto gefaßt hatte und der Major Carmick mir mein Pistol in sichtbarer Gemüthsbewegung reichte, fragte ich ihn, ob das Pistol gestochen sei oder nicht — er konnte mit Bestimmtheit weder ja noch nein sagen. Nun — sagte ich - so müssen wir uns beide davon überzeugen. Spannt den Stecher ab und zieht ihn wieder auf — ein, — zwei, — jetzt laßt mich den Tick des Stechers hören! Das geschah, und ich ergriff nun das Pistol wieder. Mein gekrümmter Ellenbogen machte es mir unmöglich, den Arm, wie geboten, in gerader Linie, längs deui Schenkel auszustrecken und die Mündung des Laufs zur Erde gerichtet zu halten — ich zeigte, an meiner Stelle, die einzige Art die Pistole zu halten, die mir die Krümmung meines Armes erlaubte. Sogleich behauptete der Sekundant meines Gegners, Beale, dies sei ein großer Vortheil für mich und mein Gegner müsse ein Gleiches thun. Ein Ieder begreift, daß der Unterschied zwischen einem flexiblen Ellenbogen nnd einem steifen ein bedeutender und ganz zum Nachtheil des letzteren ist. Herr Beale ging auf meinen Gegner zu, ergriff seine Hand mit dem Pistol, erhob seinen Arm, gab ihm die nöthige Richtung und sagte ihm: Bleibt so, bis Ihr das Commandowort hört! Meine Sekundanten sahen das ganze Manöver, das mir nicht entgehen konnte, aber ohne es zu begreifen, und machten folglich keine Einwendung. Mir selbst kam es nicht zu, darüber zu argumentiren, und wir erklärten uns beiderseitig fertig. Das Commandowort ward gegeben. Unmittelbar nach dem Worte: drei! fühlte ich mich oben am Schenkel des linken Beins getroffen, eben als ich die Schwenkung mit der rechten Hand unternahm, um meinem Pistol die gehörige Richtung zu geben und es abzufeuern. Mein Schuß blieb ohne Wirkung. Der plötzliche große Blutverlust brachte mein linkes Bein zum Weichen — Ich fiel. ' Man mußte mich in eine Kutsche packen und zu Hause führen. Mein Wundarzt suchte die Kugel, aber vergebens, sie hatte sich in das weiche Fleisch des Schenkels eingebettet, wo sie mir nie Schmerzen gegeben hat und wo sie noch ruht. Knochen und Sehnen waren unverletzt geblieben. Volle vierzehn Tage mußte ich das Bett hüten. Unterdessen hatte man fortgefahren das Schiff Horatio außerhalb der Barre des Stromes zu beladen. Da erreichte uns die Nachricht von der eben erfolgten Landung Napoleons in Cannes, aber ohne alle Details. Der Iubel in der Stadt war unbeschreiblich. Der Französische Consul, Colone! Tousard, der vor einem Iahre, gleich nach Empfang der ersten Nachricht von der Wiederherstellung der Bourbons die weiße Kokarde aufgesteckt hatte, nnd von der ganzen Bevölkerung beschimpft und gehudelt worden war, schätzte sich jetzt glücklich, einmal wieder mit der trikolor Kokarde auftreten zu können. Ich befand mich wieder in dem Zustande, daß man mich transportiren konnte. Man legte mich in eine Hängematte, mein Kapitain holte mich in einem gemächlichen Bote ab und brachte mich in Begleitung eines von mir für die Reise angenommenen, jungen Französischen Wundarztes den Fluß hinunter, bis an Bord des Hvratio's, den ich Abends um 11 Uhr, bei Mondschein, erreichte. Das Schiff war fegelfertig, die Passagiere, nämlich der ehemalige wohlbekannte Amerikanische Gencral-Consul in Paris, Fulwar Skipwith, mit seimn beiden Töchtern, der Hauptmann Roche, dessen ich schon mehrfach erwähnt habe, und ein ehemaliger Französischer Schullehrer, Namens Habine, ein Bearneser, der eines reichen Pflanzers Wittwe geheirathet hatte, die er jetzt nach einer Ehescheidung zurückließ, befanden sich alle schon am Bord. Am nächsten Morgen kam ein Schiff, nach einer außerordentlich kurzen Reise von Havre an und brachte uns Pariser Nachrichten bis zum 24. März. Wir erfuhren also Napoleon's Triumphzug durch Frankreich, die Flucht der Bourbons, und seinen Einmarsch in Paris. Die mitgebrachten Zeitungen belehrten mich über das, was seit Napoleon's Landung in Cannes vorgegangen war. Ich sah deutlich, daß diese Rückkehr und ihr Erfolg, dem militairischen Einfluß zu verdanken war, und entschloß mich sogleich den Capitain Baily nach der Stadt mit dem folgenden Briefe an meinen Assoeie zurückzusenden:

Außerhalb der Balife, am Bord des Horatio, den 22 April 1815.

Lieber Hollander! Die Zeitungen, die Ihnen Capitain Baily bringt, werden Sie mit den neuesten Vorgängen in Frankreich bekannt machen. Napoleon gebietet wieder, wenn nicht in ganz Frankreich, doch in den Tuilerien — auf wie lange, das mag der Himmel wissen! Ich zweifle sehr, daß er sich lange wird halten können. Seine ganze Kraft liegt, wie es mir scheint, ausschließlich in der Soldateska. Eins aber scheint mir gewiß zu sein — der große Geldmangel, in dem er sich unmittelbar nach seiner Rückkehr befinden wird. Wir wissen ja schon aus Erfahrung, daß ihm, um sich zu helfen, alle Mittel recht sind, und da ich es nicht allein für möglich, sondern selbst für wahrscheinlich halte, daß er vorläufig die Hand auf Alles, aus der Fremde kommende Eigenthum, unter dem Vorwande legen wird, es sei Britisch, so entschließe ich mich Ihnen den Kapitain Baily zu senden, um Ursprungs-Certifieate von der ganzen Ladung zu holen — Sie wissen, was ich meine — „6ertiliot8 ä'Olßine", welche den Ursprung der Waare (— Amerikanisches Produkt —) und das Eigenthum derselben (— Amerikanischen Bürgern zugehörend —) bezeugen. Diese Certifikate müssen von unserem Hause und andern Abladern, vor dem Französischen Consul beeidigt und von ihm als wahrhaft attestirt werden. Fertigen Sie Baily nur schnell ab, so daß wir den günstigen Wind benutzen und in See stechen können. Ich glaube es mir an den fünf Fingern abrechnen zu können, daß bei unserer Ankunft an der Französischen Küste, wir die ganze Komödie ausgespielt finden werden — denn bei mir wächst der Glaube, daß Napoleon sich nicht wird halten können, mit jedem Tage. Der Nimbus, der ihn umgab, ist dahin und kann nicht wieder heraufbeschworen werden. Gott sei mit Ihnen!

Vineent Nolte.

Am vierten Tage kam Kapitain Baily mit den Certifieateu zurück, und wir gingen sogleich, von einem herrlichen Winde begünstigt, aus dem gelben Gewässer des Missisippi in die blauen Fluthen des Mexikanischen Golfes über.

Die getreue Schilderung der sittlichen Zustände unter der Bevölkerung von New-Orleans, in der ich zu leben bestimmt war, haben mir die Pflicht der umständlichen Beschreibung dieser sonst uninteressanten Duellgeschichten auferlegt. Ich übergebe sie nun der Vergessenheit als eine der traurigen und zugleich unfruchtbaren Erfahrungen, die ich gemacht habe, kann aber nicht umhin, beini Schlusse dieses Abschnittes zu erwähnen, daß mein erster Antagonist, der Regiments-Zahlmeister Allen, sich achtzehn Monate nach unserem Duell, einer Cassen-Veruntreunng von 4000 Dollars wegen erschoß, daß mein zweiter Antagonist, der junge Saul, als Unterkassirer in seines Vaters Bank angestellt, einer ähnlichen Veruntreunng wegen, die sich aber auf die doppelte Summe belief, bald darauf ein Gleiches that, und daß der halb unsinnige Shields, nach der Entdeckung eines bedeutenden Defieits in seiner MarineCassen-Verwaltung, welche er seiner verschwenderischen Haushaltung und den seiner Clique gegebenen Pracht-Diners zu verdanken hatte, das volle Maß seiner Tollheit, und in einem Irrenhause auch sein Ende erreichte.

Band I. ^

Vierzehntes Kapitel

Reise nach Frankreich. Waterloo. Paris in den

Händen der Alliirten 1815.

Notwendiges Einlaufen in Havana, auf dem Wege nach Nantes. Elste Nach licht von der Schlacht bei Wa teil oo auf hohe See. Zweifel und Wuth meinel Französischen Reisegefährten. Bestätigung durch den kootsen von Belle'Isle. Ankunft in Paimboeuf. Die weiße Flagge der Bourbons auf den Forts; zweite Bestätigung des Sturzes Napoleon's, Besuch meines ehemaligen Comtoirs in Nantes. Unveränderte Stellung der Venns Callpppges. Abreise nach Paris. Preußische Vorposten in Vlois. Major iteller, dem bei Charleroi Napoleon's Hut und Degen in die Hände gefallen war. Die Brücke dei Tours und die Grenadiere der alten Garbe am linken Ufel. Palis. Beschreibung der Situation. Anekbote vom Herzog von Wellington. Der Tod des'Marschalls Ney. Revue der Russischen Garden auf den Boulevards, von der Barriere du Trsne bis an die Barriere de l'Etoile. Die von NewOileans zurückgekehrten Englischen Offiziere in Paris. Die Englische und die Französische Küche. Der Amerikanische General Seott in Paris. — Zweck meiner Reise nach Europa. Oxvrard einmal wieder Napoleon's General-Fournisseui während der hundert Tage. Seine Beschreibung der Schlacht bei Waterloo. Zweite Rückkehr der Bourbons. Finanzzustände. Stattgefundene Ummodelung des Hope'schen Hauses in Amsterdam 1814 und Eintritt des Herrn Ierüme Sillem in dasselbe. Finanzielle Verlegenheiten der Bourbons. Ouvrard's Erfolg in der Combination der ersten, durch die Baring's in London und die Hope's in Amsterdam ermöglichten Anleihe. Mächtige Hülfe des Herzogs von Wellington. Ouvrard, der Schöpfe^ dieses Geldgeschäfts für alle Betheiligte, geht leer aus.

Der günstige Wind, der uns aus dem Missisippi in den Mexikanischen Meerbusen geführt hatte, blieb uns auch nach unserem Auslaufen getreu, sowie wir selbst einige Stunden lang dem

gelben schmutzigen Wasser getreu blieben, das aus dem Missisippi mit großer Macht rollend die krystallreinen blauen Fluten des Meerbusens scharf durchschneidet und die Scheidelinie einige dreißig Meilen entlang genau beobachtet. Dies ist bekanntlich ein Phänomen, das sich bei der Mündung des Rio Ianeiro, sowie länger und breiter noch am Ausfluß des Plata-Stromes wiederholt. Die Tiefe des Missisippistromes an dieser Scheidelinie ward im Iahr 1845 ermittelt und betrug 7800 Fuß.

Bald nach unserer Abfahrt überzeugte uns das ungewöhnliche Schwanken unseres Schiffes, daß es für eine Ladung von 2000 Ballen Baumwolle nicht hinlänglichen Ballast am Bord hatte, und Cavitain Bailv faßte daher den sehr weisen Entschluß, in Havana einzulaufen, um ihn dort zu suchen. Eine Rückkehr nach der Mündung des Missisippi hätte einen unberechenbaren Zeitverlust, außerordentliche Kosten und möglicher Weise den Verlust einer Conjonetur zur Folge gehabt. Am vierten Tage nach unserer Abreise erreichten wir das, den Eingang des Hafens von Havana so herrlich beherrschende Fort: El Morro, von dem ich fünf Iahre zuvor, zur Zeit meines Schiffbruches, mich verabschiedet hatte, und bald darauf auch unseren Wunsch in Hinsicht des Ballastes. Die Regierung in Cuba hatte den öffentlichen Verkauf einer gewissen Quantiät alter, unbrauchbar gewordener, eisener Kanonenkugeln angezeigt, und einhundert und funfzig, gerade unter der großen Luke des Schiffes, aus dem Raume genommene und auf das Verdeck gebrachte Ballen Baumwolle, ließen eine große Oeffnung zum Einnehmen dieses kommoden und bald an Bord gebrachten Ballastes. Es ward daher so viel davon gekauft, als zu diesem Behuf nöthig war, und in wenigen Tagen war der Horatio wieder segelfertig. Die Gunst des Windes verließ uns auch jetzt nicht, als wir abermals in See stachen, und führte uns binnen acht und zwanzig Tagen in das Fahrwasser der Englischen Küste, unweit der Seilly-Inseln. Hier erblickten wir in der Ferne ein großes Schiff, das uns mit halbgefüllten Segeln entgegen kam, und das von unserem, in New-York zu Hause gehörigen Capitain Baily bald als das monatliche Packetschiff von London nach New-York erkannt wurde. Der Capitain gab willig meiner Bitte Gehör, den Versuch zu machen dasselbe zu sprechen — die beiden Schiffe näherten sich, und wir vernahmen aus dem Sprachrohr des Packetschiffes deutlich die Worte: „ücv 6o ^ou „6n, capwln 8ü7? welche von dessen Befehlshaber, einem Bekannten des Capitains, ausgesprochen wurden. Mittelst Abbacken und Füllen der Segel und Gebrauch der Sprachröhre konnte die Conversation einige Minuten lang fortgeführt werden, und nach gegenseitiger Beantwortung einiger seemännischen Fragen, hörte ich aus dem Munde eines der Passagiere, der dem Capitain das Sprachrohr abgenommen hatte, die Worte: „Uow 6o ^ou äo, ^M. wolte?" Diese kamen von dem jetzt, nach Beendigung des Krieges, nach New-York zurückkehrenden Englischen Consul Barelay, der mich auf dem Verdeck erkannt hatte. Nun ließ ich durch Capitain Baily fragen: ^Vnat nen lrom l>ance?" Die Antwort war: ,,1'Ke vuke ol >VeIIin8ton ^^K tne LritwK „."Vrin? re in ?N8. Hierauf folgte die Frage: „>Vnyre i „Lonaprte?" und die letzte Antwort, die wir vernahmen, brachte die Worte: Ue j Neä — nob6^ llno^v8 >vditner." Endlich trennten sich die beiden Schiffe, jedes seinen Cours steuernd. Ietzt hätte man die Gesichter meiner beiden Franzosen sehen sollen! Ungläubigkeit, Wuth und Erbitterung malten sich nach einander darauf ab. Ich bemerkte, daß ich diesmal richtig prophezeit hatte — die ganze Komödie würde, hatte ich bei unserer Abfahrt gesagt, wahrscheinlich ausgespielt sein, wenn wir die Französische Küste erreichen würden. Mein ehemaliger Hauptmann Roche fragte mit mitleidigem Achselzucken: ^Nt vou8 oro^sx tout eela! ds ont 6e ^cise nouvelle ^nßll8e8, läbnHiise K I^on^re pour le im„bseile. Vou8 veri-ex! Und nun bewiesen sich die beiden Franzosen einander, so klar wie möglich, daß diese Nachrichten nicht wahr sein könnten.

In New-Orleans, wie ich in der Folge erfuhr, wo der vom Herzog von Wellington (den man dort nur allzugern viwin-ton zu nennen Pflegte) verfaßte Bericht von der Schlacht vom 18. Iuni ohne weitere Umstände bekannt geworden, war man noch weiter gegangen. Herr Thierry, der talentvolle, aber höchst bonapartistisch gesinnte Redakteur des Französischen Blattes: „duurliel 6e l „I.oui8lZne", hatte es unternommen, diesen Bericht zu analysireu nnd durch eine Reihe logischer Schlüsse daraus zu beweisen, daß er die vollkommenste Niederlage des Britischen Heeres maskire, und daß Napoleon einen seiner glänzendsten Siege erfochten habe, daß folglich jeder rechtlich gesinnte Franzose aufgefordert werden müsse, denselben ohne Zeitverlust zu feiern. Dazu wurden denn auch unmittelbare Anstalten getroffen. Des Abends trug mau Napoleon's Büste, mit Lorbeerkränzen geschmückt, in einer großen, von hundert Fackeln beleuchteten Prozession umher, und mehrere Musikbanden wurden in Anspruch genommen, um nationale Französische Hymnen und Lieder zu spielen und zu singen. Eine un beschreibliche Consternation soll, wie man mir späterhin erzählt hat, stattgefunden haben, sobald diese Enthusiasten die Nachricht von der wirklichen Sachlage erhielten; doch eüien Begriff dieser Gemüthsbewegung gaben mir jetzt schon meine Französischen Reisegefährten, als wir am nächsten Tage die Höhe von Belle-Isle erreichten und einen Französischen Lootsen aus der Loire an Bord nahmen. Dieser ward sogleich von den Herren umringt, gepackt, bestürmt und mußte auf die Frage, ob es möglich sei, daß das dumme, von England kommende Geschwätz von einer Niederlage Napoleon's, wahr sein könne, die traurige Antwort geben: „Usln! „ee n'et czue trop vru! 8on ßranä couraße I' tpli>l^ —,Ma>3, nnü et-il äono?" ward gefragt — „On I'ißnore: 0n llit qu'il 'et i-etußis KooKeloit, pour e renclre en .4m6rique!" Dies war der Anfang einer sehr belebten Unterhaltung zwischen dem Lootsen und meinen Franzosen, die ihm kaum Zeit lassen wollten, die erforderlichen Schiffsmanöver zu befehlen, bis ihm ein Paar: „vmn l tiiee lrencnmsnl" aus dem Munde des Capitains Vailn Luft machten. An dem Ufer der Loire erblickten wir überall die weiße Flagge der Bourbons, und kamen endlich unweit Paimboeuf zum Anker.

Mein erster Besuch in Nantes war natürlich meinen ehemaligen Prineipalen bestimmt, die mich um desto willkommener empfingen

als ich ihnen einen großen Theil der mitgebrachten Ladung zum Verkauf übergab. Nicht ohne ein gewisses Interesse besuchte ich wieder das Comtoir, wo ich vor zehn Iahren Zeit und Federn abgenutzt hatte, um Handels-Berichte zu schreiben. Der Hang für Schmetterlinge, Muscheln, gedörrte Fische und Kröten war Herrn Labouchere nicht vergangen, denn diese waren in mehreren Schachteln an der Mauer zu sehen. Besonders aber ergötzte mich meine alte Favoritin, die Gvpsstatue der Venus Callipyges — „Venu „ux belle te^e" — wie die Franzosen sie nennen, die immer noch an ihrer alten Stelle, auf einem Schranke nämlich, stand. Herr Labouchere hatte Alles, was davon zu sehen war, nicht minder hochgeschätzt, als ich es von jeher gethan hatte, aber sein Kunstsinn mußte sich unter einem gewissen Zartgefühl beugen das ihm die artistischen Schönheiten der Statue mehr errathen zu lassen, als den Blicken der Uneingeweihten so geradezu preiszugeben gebot, woher er denn auch die Kehrseite, nämlich die, wo Venus das große Tuch ausspreizt, gegen allen Gebrauch, nach vorne hinzuwenden gewohnt war. Als ich vor zehn Iahren des Morgens in das Comtoir einzutreten pflegte, ermangelte ich nie die Statue umzudrehen, um Niemand des Anblicks Dessen zu berauben, dem sie ihre Benennung verdankte. Im Laufe des Tages aber, wenn es bemerkt worden war, hatte man ihr sorgfältig die alte Richtung gegeben, und gerade diese zeigte sie mir auch jetzt, wie ehemals — Kunstsinn und Zartgefühl hatten von ihren beiderseitigen Rechten nichts einräumen wollen und keine Verminderung erlitten. Der Kopf der Venus sah sich jetzt, wie vordem, nach einem Kasten mit Schmetterlingen um, der hinter ihrem Rücken aufgehängt war.

Länger als es meine Geschäfte nothwendig erheischten, vermochte ich in diesem so interessanten und so wichtigen Zeitpunkt der Weltgeschichte in Nantes nicht zu verbleiben. Ich brannte vor Begier in Paris einzutreffen, wo um das Schicksal der Europäischen Staaten jetzt zum zweiten Male gewürfelt werden sollte, und machte mich demnach sehr bald auf den Weg dahin. In Blois, das ich Abends um 10 Uhr erreichte, erblickte ich zuerst einen Theil der siegestrunkenen Preußischen Armee, deren Vorposten sich bis dorthin erstreckten. Das Wirthshaus, wo ich nur ei Abendessen einzunehmen gedachte, war von Preußischen Offizieren überfüllt, die das Wort Belle-Allianee so wiederholt und so oft in den Mund nahmen, daß meine Neugier, gehörige Details von der gewonnenen Schlacht zu haben, immer höher stieg und im höchsten Grade gereizt ward. Wenn ich einzelne Offizien befragte, so war die Antwort stets: Mein Gott! Das wissen Sie nicht? Ich erklärte, daß ich in Amerika lebte und jetzt geradezu von dort herkäme. Ia so! — hieß es— Das laß ich gelten! Nun — sagten sie mir — wir wollen Sie zu unserem Major führen, der wird Ihnen Alles haarklein erzählen, — er selbst hat Napoleon's Hut und Degen aus seinem Wagen in Charleroi genommen und dem Fürsten Blücher überliefert — es ist ein gefälliger, lieber Mann — der Major Keller — er wird Sie gut empfangen! Kommen Sie! Er logirt hier im Wirthshause. Ich gab mich bereitwillig her, .die Offiziere führten mich zu ihrem Major und stellten mich mit den Worten vor: Hier, Herr Major, ist ein Mann, der kommt aus den Wäldern von Amerika und weiß nichts — den Teufel nichts von der großen Schlacht bei Belle-Allianee, von der doch Iedermann spricht! Seie n Sie so gut, ihm das einzublasen, wie wir dem Napoleon das Garaus gemacht haben!" Der Herr Major war wirklich überaus artig, er bot mir einen Stuhl an, und ich bat sogleich um Erlaubniß, eine Flasche Champagner holen zu lassen, um auf sein und auf das Wohl der Preußischen Armee einige Gläser zu leeren. Die Zunge war jetzt gelöst, und in einer kleinen Stunde erfuhr ich so viel von der Schlacht, als er selbst davon wußte. Ich nahm hierauf Abschied von ihm, setzte meinen Weg nach Paris fort und erreichte am folgenden Morgen die Brücke von Tours, wo ich die diesseitige Einfahrt von Preußischen Grenadieren, die jenseitige aber von Ueberbleibseln der alten Französischen Garde mit ihren Bärenmützen bewacht erblickte. Es war das Corps, das Marschall Davoust in Folge der Capitulation vom 3. Iuli 1815 dahin geführt und längs dem linken Ufer der Loire gelagert hatte. In Paris, dessen Gouverneur jetzt der Preußische General Müffling war, stieg ich, wie ich stets früher gethan hatte, in das Hotel de l'Empire, an der Ecke der Rue d'Artois und der Rue de Provenee ab, welches später das Eigenthum des Banquiers Laffitte ward. Die Russische Ambassade, das sogenannte Hotel Thellusson, lag demselben zur Linken — es wurde in jenem Augenblicke von dem General Pozzo di Vorgo bewohnt, der als Mitglied des Generalstabes des Herzogs von Wellington der Schlacht von Waterloo beigewohnt hatte und dort verwundet worden war. Paris beherbergte damals den Kaiser Alexander, den Kaiser Franz II. von Oesterreich, den König Friedrich Wilhelm lll. von Preußen, den Herzog von Wellington, den Fürsten Blücher, den General-Feldmarschall Fürsten von Schwarzenberg, den Hettmannn der Kosaken Platoff, zahllose Russische, Deutsche und andere Fürsten, die ausgezeichnetsten Englischeu, Russischen, Oesterreichischen und Preußischen Generäle und Diplomaten. Das Resultat der Schlacht von Waterloo hatte diese Sommitäten aller Nationen nach Paris gebracht und dasselbe zum großen Brennpunkte allgemeiner Aufmerksamkeit gemacht. Es wimmelte von Truppen und Uniformen aller Art, dermaßen, daß man nirgends hinblicken oder hintreten konnte, ohne daß sie das Ange vorzugsweise in Anspruch nahmen. Unter diesen Massen spukten einzeln, wie Gespenster, in langen blauen, bis unter das Kinn zusammengeknöpften Ueberröcken und in bespornten Stiefeln, den Hut tief auf die Stirn gedrückt, mit starren, finstern Blicken, die Offiziere der aufgelösten Französischen Armee umher. Selbst das Band der Ehrenlegion war von den Knopflöchern verschwunden, aber sobald eine rothe (Englische) Uniform sich näherte, so erkannte man sie sogleich an den aufblitzenden Augen und gereizten Zügen — gab es in den Volksmassen zufällige, fast unausweichbare Ellenbogenstöße, oder fiel gar eine Berührung der Füße vor, so brach das zornige: „5e ui I>i<9ai8, Uonieur!" oder auch: „5e 8ui8 ollicier 0nyai8!" mit großer Erbitterung hervor, und blieb dann das: „?r6on, Uonieur!" aus, so wurden kleine oder größere Händel die fast unvermeidliche Folge dieser Zufälle. Die Französische Polizei hatte die schwere Aufgabe zu lösen, diese ehrenvollen, einst mit Lorbeeren überhäuften Reste Französischer Tapferkeit so viel als möglich aus Paris entfernt zu halten, es gelang ihr jedoch nur in geringem Maße. Trotz dieser höchst gereizten und nur gewaltsam unterdrückten Stimmung des Französischen Militairs gab es Niemand in ganz Paris, der unerschrockener unter ihr auftrat, als der Herzog von Wellington, der sich überall zeigte und gewöhnlich, in einem einfachen blauen Oberrock, mit der Englischen rothen Schärpe um den Leib, und dem, mit einer einfachen weiß und rothen Feder geschmückteu Militairhut auf dem Kopfe, nur von einem einzigen Sergeanten zu Pferde gefolgt, sorgenlos herumritt. So sah ich ihn eines Morgens in den Hof des Hotels de I'Empire hereinreiten und nach dem berühmten Londoner Banquier Angerstein, der auch dort abgestiegen war, sich erkundigen. Von der notorischen Kaltblütigkeit dieses Helden des Tages, der sich in der Schlacht von Waterloo mehrmals so entschlossen in die Mitte des Quarree's geworfen hatte, als die Französischen Cürassiere darauf einstürmten, fehlte es nicht an häufigen Anekdoten. Der schon genannte Russische Graf Pozzo di Borgo pflegte zu erzählen, daß der Herzog, als er eben beim Anfang der Schlacht von Waterloo einen Angriff auf die Französische Linie mit ein Paar Regimentern Nassauischcr Cavallerie versuchen wollte, gleich bei dem ersteu Kanoneufeuer plötzlich von ihnen verlassen ward, allein mit seinem Stabe auf dem Schlachtfelde zurückbleibend, sich laut lachend nach ihm'mit den Worten umgekehrt habe: „Ou'en 6ite8 von? <ü'et poultnt ,,vee 6e parei! mHtin yu'il me lut ßaßner uns batale!" Zu dieser Anekdote war Herr Alexander Baring, der sie selbst aus dem Munde Pozzo di Borgo's gehört hatte, meine Autorität. und ein Bekannter, ein Schweizer, Namens Saladin, sehr bewegt hereinstürzte und die Worte aussprach: „Voil5 l lienäarlnerie „clui revient! 1uut et lini! ^le l'i vu!" Dies gab mir die erste Nachricht von der Erschießung Ney's, der er durch Zufall eine kleine Stunde vorher beigewohnt hatte. Neues konnte es weder für mich, noch für diejenigen sein, die Ney's Charakter gekannt und beurtheilt hatten, daß, wie mir Saladin erzählte, die größte Seelenruhe sich in seinen Zügen gespiegelt hätte, nur der Vergleich fiel mir auf, den mein Berichterstatter machte. „II etait caline" — sagte er — „comme 8'il venzit ll'avlei- un verre „6'eu! Fünf Kugeln waren in des Marschalls Herz, drei in seinen Hopf gedrungen — nicht die leiseste Zuckung in dem Körper verblieben. Ich stand erschüttert von meinem Frühstück auf und bedurfte einiger Zeit, um meinen Unmuth über die barbarische Gerechtigkeit los zu werden, welche das zurückgekehrte Regiment der Bourbons für nöthig erachtet hatte. Ganz Paris erfuhr, daß in dem Augenblick, wo des Marschalls Gemahlin, die Prinzessin de la Moskowa, zu den Füßen Ludwig des Achtzehnten lag, um das Leben ihres Gemahls zu erflehen, die Worte eines eintretenden Adjutanten: „I.e Uareolial es88ö 6e vivre!" dem Gehör und der Verlegenheit des Königs ein Ende machten, der von keiner Gnade etwas wissen wollte.

Eine seltene Spannung in Paris erzeugte der gerade damals in der Pairskammer anhängige Prozeß des Marschalls 3t ey — die Sympathie für diesen großen Krieger war allgemein. Ich saß am Fenster des Caf6 Hardy, an der Ecke der Rue d'Artois und des Boulevards des Italiens, um mein Frühstück einzunehmen, als ein starkes Piket Französischer Gensd'armen vorbeiritt,

Von dem bis dahin sicherlich ungesehenen und mannigfaltigen Schauspiel, welches Paris in diesem Augenblick dem Auge darbot, möchte wohl nur Derjenige einen richtigen Begriff geben können, der es gesehen hat. Man denke sich, wenn man kann, die volkreichste Stadt des Europäischen Continents, den HauptModesitz desselben, im Besitz zweier ausgezeichneten, siegestrunkenen Armeen des Auslandes, der Englischen und der Preußischen, umgeben von den zahlreichen Heeren des Russischen Autokraten und des Deutschen Kaisers, Oesterreicher und Kosaken, Baschkiren und Engländer, Preußen und Honveds in buntem Gemisch, die öffentlichen Promenaden und Belustigungsorte, Restaurants und Schauspielhäuser von der Elite dieser Söhne des Mars überfüllt, zwischendurch die stets elegante, aber mehr oder minder respektable Pariser Frauenwelt, von den sogenannten Lionnes bis zu den Lo retten, — (zwei Benennungen, die damals noch nicht, wie jetzt, an der Tagesordnung waren, obgleich die Trägerinnen derselben zu jeder Zeit in großer Zahl existirten) — diesen bunten Wirrwarr mit der ihnen eigenthümlichen Grazie und Leichtfertigkeit in allen Richtungen durchkreuzend, den Pariser Pöbel und seine „ßmin" in trauter Brüderschaft mit den fremden Kriegern, diesen „^Iexanäre 5 qualre 8ou8 pr ^oui", wie Voltaire die gemeinen Soldaten zn nennen pflegte, und man wird vielleicht diesen Begriff einigermaßen erhaschen können. Dies bunte Gewühl dauerte Tag und Nacht ohne Unterbrechung fort, denn die kurzen Nächte des Monats Iuli verschwanden in dem Heißhunger der Fremden nach Vergnügungen und in dem Ueberfluß der Mittel zu seiner Befriedigung, welche ihre meistens vollen Börsen und das Pariser Leben darboten. Man durchlebte vier und zwanzig Stunden wie in einem ununterbrochenen Traum, und man erwachte nach einem kurzen Schlaf, um wieder einen neuen Traum zu beginnen, der uns mit offenen Augen in seine Schöpfungen einweihte. , ,

Es war bemerkenswerth, wie fremde Diplomaten und Offiziere, die ihr Mittagsmahl in den Restaurants der Hauptstadt einzunehmen hatten, ihre Auswahl trafen. So gaben z. B. Diplomaten und Alles, was den Ambassaden anhing, die Russischen Offiziere höheren Ranges, den eleganten Salons des Restaurateurs Beauvilliers' den Vorzug, der berühmte Name Very's zog alle Englischen und Preußischen Feinschmecker dahin, und in dem langen unteren Saal desselben, wo einer Seits die Englischen, anderer Seits die Preußischen Offiziere Platz zu nehmen pflegten, konnte man sich nicht von dem einen Ende des Saals nach dem andern bewegen, ohne über die hinter dem Rücken der Sitzenden sich wie ein Römisches x kreuzenden Cavallerie - Säbel hinwegfpringen zu müssen. Die Uniform entschied bei Very gewöhnlich die Wahl der ersten Gerichte, und die Aufwärte r (zreon8) waren nur selten im Irrthume, sobald sich bei dem Eintreten einer rothen Uniform (einer Englischen) in den Saal, ihren Mund ans ein: bikteck ux pomme 6e teri-e?" und bei einer Preußischen auf irgend eine polare" (Suppe, vorbereiteten. Die Englischen Offiziere waren etwas schwer von Begriff, wenn die Aufwärter sich nach den Portionen erkundigten, die sie bestellen mußten, wie z. B. in dem Fall, wo eine einfache Portion Rindfleisch und eine doppelte Portion grüner Erbsen gefordert werden sollten. Der Engländer bestellte dann: „un doeul pour un, un Mit poi „pour äeux und begriff nur selten, daß man beides haben könne, ohne den Zusatz „un" anzuwenden.

Eine Gelegenheit, in einem einzigen Glanzpunkte Alles vereint zu sehen, was Paris damals von fürstlichen Personen, von militairischen und diplomatischen Notabilitäten aufzuweisen hatte, gab mir eines Tages die Revue der Russischen Garden auf deu Boulevards, welche die ganze Länge derselben, von der Barriere 6e I'etoile einnahmen. Ich hatte mich auf den Boulevard des Italiens dicht hinter einem Russischeu Obersten postirt, der- an der Spitze seines Regimentes stand und ein Gespräch mit ihm angebunden. Auf einmal verbreiteten sich hinter der Fronte eine Menge Schildwachen, welche die Zuschauer einige Schritte zurückwiesen. Ich bezeugte dem Obersten mein Bedauern über diese Maßregel, da sie mich, beim Vorbeireiten des jeden Augenblick erwarteten Stabs, der die drei Monarchen von Rußland, Oesterreich und Preußen begleitete, wahrscheinlich von dem Gesichtspunkte entfernen dürfte, ivo ich diese Herren der Welt näher betrachten könnte. Der Obriste, ein überaus artiger Mann mit einem kleinen Buckel, den ich bis dahin noch bei keinem Militair gesehen, sagte mir sehr höflicher Weise: „Uli dien Uon8ieur, tenex vvu „lZ>, K eots 6e moi, et pei8onne ne vou toucliel." Das geschah auch buchstäblich wie er gesagt hatte. Auf einmal kamen die drei Monarchen schnell herangeritteu, der Kaiser Alexander in der Mitte, seine Augen nach den Damen in den Ballons und an den Fenstern gerichtet, zu seiner Rechten Kaiser Franz II., mit ernstem, gerade vor sich hinwegseheildem Gesichte, zu seiner Linken König Friedrich Wilhelm III., der die Hauben unter dem Volke mehr als die Damen an den Fenstern zu eraminiren schien, Der Stab mochte, wie mein artiger Obriste ihn zu schätzen versuchte, aus mehr als tausend Militairpersonen aus allen Ländern und von allen Uniformen bestehen. Ein günstiger Zufall wollte es, daß die Monarchen und der ganze Zug auf einmal gerade vor dem Regimente zu meiner Rechten zum Stillstand kamen, und da erkannte ich theils selbst, theils wurden mir von meinem gefälligen Obristen die folgenden Personen bezeichnet: die Russischen Großfürsten Conssautin, Nikolaus und Michael, die Oesterreichischen Erzherzöge Karl und Iohann, mehrere Preußische Prinzen, der Herzog von Wellington, der Oesterreichische Feldmarschall Fürst Schwarzenberg, Feldmarschall Blücher, General Gneisenem, General Müffling, der Kosaken-Hettmann Platoff, eine Menge Englischer, Oesterreichischer und Preußischer Generäle, Lord Castleragh, Lord Stuart, der Fürst Metternich und andere, deren Namen und Physiognomien mir entschlüpft sind. Als ich nach dem Schlusse der Revue nach Hause kam, stieß ich auf meinen ehemaligen Hauptmann und Reisegefährten Roche, fast in Thränen: n^b mon vieul" — sagte er mir ganz bewegt — „je ne le „cro^Hi p8 8> belle8 ee8 troupe, ce8 8oi6i8ant l)lbre8 et Oo8que8 — comme ü8 en ont menti no8 bu!Istin8 — il8 ätnient „pourtant 6e I'svanßile pour non! <ü'et dien le o8 6e clire ^beu mentir qui vient cle loinl"

Die Division des Englischen General-Majors Lambert, die wir vor New-Orleans bekämpft hatten, war zeitig genug nach Europa zurückgeführt worden, um an der Schlacht bei Waterloo, so wie bei Besetzung der Umgebung der Stadt Paris Theil nehmen zu können. Eines Tages fand ich mich auf dem Boulevard plötzlich von einigen Englischen Offizieren umringt, die mich mit einem frendigen: „Nov 6o 7o 6o, Ui-. Mite? begrüßten. Es war der Major Mitchell, der Lieutenant Dobree und andere, die uns in New-Orleans in die Hände gefallen waren, und die sich sehr dankbar für die freundschaftliche Aufnahme bezeigten, die sie während ihres dortigen Aufenthalts, in dem kurzen Zeitraum zwischen ihrer Gefangennehmung und der Ratification des Friedensschlusses zu Gent, in meinem Hause gefunden hatten. Die Herren, als Beweis ihrer Erkenntlichkeit, luden mich zu einem Diner ein, das sie mir bei dem Restaurateur Very zu geben gedachten, dem sie ausdrücklich die Routine eines Englischen Diners vorgeschrieben hatten, eine mir eben nicht überaus willkommene Seltenheit aus der Küche eines der „lm8 ui8inier 6e ?ari8", dessen Erfindungsgeist dadurch aller Spielraum benommen wurde. Diese Sucht, Englische Gewohnheiten und Gebräuche als Regel und den Maßstab des Vortrefflichen in Allem anzusehen, das der Continent gemeinschaftlich mit England besitzt, verläßt den Engländer selten. Giebt es irgend eine Nation, die zu einem solchen Privilegium berechtigt sein kann, so ist es allerdings die Englische, dieses kann aber nicht in allen Fällen gelten und es hat auch seiue Gränzen. Erst in neuerer Zeit hat die Billigkeit der Anerkennung der Vortrefflichkeiten des Auslandes unter der großen Masse der Engländer den Boden gewinnen können, den man ihr heut zu Tage einräumt, obgleich der Glaube an seine Superiorität den Engländer nie verläßt. Das Diner meiner gastfreien Englischen Krieger lief so gut ab, als es unter den gegebenen Bedingungen möglich war, denn sie selbst fanden den großen Fisch nicht so frisch und den Ochsenbraten nicht so zart und wohlschmeckend als in England, das: „

Unter der zahllosen Masse von Fremden, die Paris angezogen hatte, befand sich auch der Amerikanische General Seott, eben der, der kürzlich einer der Candidaten für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten war. Er hatte sich während des dreijährigen Krieges mit England durch-allerlei Operationen an der Canadischen Grenze ausgezeichnet, ein Paar Forts genommen u. s. w. und ward von seinen Landsleuten als ein Stern der ersten Größe angesehen. Diesem Umstande verdankte er seine Mission nach Europa, wohin die Regierung ihn gesandt hatte, um seine militarischen Kenntnisse zu erweitern und das Wesen der Kriegskunst von Grund aus zu studiren. Er trat in Paris mit dem Glauben auf, die Huldigungen der großen Heerführer des Continents und ihre Beifallsbezeugungen würden ihm überall entgegenkommen. Hierin aber hatte er, zu seinem sichtbaren Verdruß, sich versehen. In den großen militairischen Versammlungen der Hauptstadt, wo in einem Cirkel der Herzog von Wellington, die Fürsten Blücher und Schwarzenverg, der Russische Feldmarschall Kutusoff, die Generäle Woronzow, Rostopschin, Tschitschagoff und alle diese Notabilitäten, mit militairischen Ehrenzeichen, Sternen und Orden wie besäet standen, konnte der lange magere Mann, in einfachem blauen Rocke, ohne Stickerei irgend einer Art, nur mit einem Paar mäßigen Epauletten versehen, keine besondere Aufmerksamkeit erregen noch erwarten. Aber Seott konnte den plötzlichen Contrast zwischen der Rolle, die er noch vor Kurzem in seinem Vaterlande überall gespielt, wo er sich gezeigt hatte, und seiner jetzigen nicht verschmerzen, und brach manchmal in recht bitteren, mir etwas lächerlichen Unmuth aus. Daß er sich fühlte und verstand, war übrigens gewiß, denn anders als an der Canadischen Grenze hat er in neuerer Zeit in dem Mexikanischen Kriege der Iahre 1846 und 1847 seine nicht unbedeutende militairische Capaeität und strategischen Kenntnisse an den Tag gelegt und die allgemeine Aufmerksamkeit gefesselt.

Ueber den Zweck meiner Rückkehr nach Europa habe ich mich schon geäußert. Er stammte hauptsächlich aus dem Wunsche her, frühere Geschäftsverbindungen, die seit dem Iahre 1812 der unerwartete Krieg mit England unterbrochen hatte, wieder anzuknüpfen, und auf einer sicheren Grundlage einen regelmäßigen Verkehr mit den, für New-Orleans wichtigsten Europäischen Plätzen einzuleiten. In den Französischen Häfen war man noch nicht recht zur Besinnung gekommen; man tappte nach einem so langen, nothgedrungenen Schweigen des Unternehmungsgeistes noch im Dunkeln. Nur die Schiff.srheder fingen au sich zu rühren. Nach einem kurzen Besuch, den ich meinen Londoner Freunden, zumal den Barings machte, bei welcher Gelegenheit einige Zeilen des Herrn Alexander Baring aus Genf mich belehrten, daß er mich wahrscheinlich bald in Paris treffen würde, kehrte ich dahin zurück und beschloß mittlerweile das südliche Frankreich, besonders Marseille, sodann Bayonne und Bordeaux zu besuchen, und hierauf wieder in Paris einzutreffen. Von Marseille aus schickte ich die erste Ladung dortiger Ausfuhrartikel, die seit dem Frieden ausging, nach New-Orleans ab. Ich nahm meinen Rückweg über Nismes, Montpellier, Narbonne und die Pyrenäen, besuchte meinen Freund A. P. Lestapis in Pau, ging dann nach Bayonne und Bordeaux und traf endlich im März mit meinem Gönner, Herrn Alexander Baring, in Paris zusammen. In Folge neuer Verabredungen ward der meinem Hause zugestandene Blaneo - Credit von zehntausend Pfund bestätigt und demselben außerdem die Vollmacht verliehen, die Londoner Firma in irgend einem sicheren Lokal-Geschäft bis zu dem Belauf einer doppelten Summe zu interessiren.

Es war eben zu der Zeit, als die Erschöpfungen der Französischen Staatskassen und die täglich inachsenden Bedürfnisse der Regierung, bei ihrem völligen Mangel an Credit, die größten Verlegenheiten erzeugt hatten, wo man, um mich eines gewöhnlichen Ausdrucks zu bedienen — sich wirklich nicht mehr zu helftn wußte, daß die Stunde geschlagen, wo auch Ouvrard wieder auftreten und seinen unleugbaren großen finanziellen Capaeitäten abermals ein angemessenes Feld anweisen konnte. Ueber die Finanzlage seines Vaterlandes hatte er bereits mit den beiden Chöfs der ihm befreundeten Häuser Hope und Baring einen intimen Briefwechsel gepflogen. Er hatte während des kurzen Interregnums der Bourbons, zwischen dem Monat April des Iahres 18 l4 und dem Monat März 1815, in welchem Napoleon Frankreich und ganz Europa durch seine plötzliche Rückkehr von Elba in Erstaunen setzte, das, was ihm von seinem früheren Einfluß bei den Herren Hope und Compagnie noch übrig geblieben war, benutzt, um dem neuen Generalfournisseur Auguste Doumere die nöthigen Capitalien zur Betreibung seines Geschäfts und Erfüllung seiner Verbindlichkeiten zu verschaffen, aber eben diese Rückkehr hatte eine leicht vorauszusehende Verwickelung in den Gang eines Geschäfts gebracht, daß unter dem Namen Doumere geführt ward, aber eigentlich sein eigenes war. Unter diesen.Umständen hatte er sich weder der Liquidation seiner alten, noch der unter fremdem Namen geführten neuen Geschäfte entziehen können, durfte mithin Paris nicht verlassen, und mußte der Botmäßigkeit und der Nillkuhr seines immer noch gewaltigen alten Feindes unterworfen bleiben. Mittlerweile hatte dieser in Elba Zeit zum Nachdenken gehabt und, wenn auch nicht die Ueberzeugung gewonnen, wie sehr er diesen Mann, in Rücksicht dessen er bisher so unbarmherzig und ohne alle Schonung zu Werke gegangen war, Unrecht gethan, doch vollkommen den Werth begriffen, den er jetzt auf seine finanziellen Talente zu setzen habe. Vier und zwanzig Stunden in den Tuillerien waren kaum vergnugen, als Napoleon, ungeachtet er in der Schatzkammer funfzig Millionen Franken vorgefunden hatte, dennoch Ouvrard zu sich zu berufen für gut fand. Den Vorwand zu diesem Schritt gab der demselben zu machende Vorschlag, sein Bevollmächtigter bei dem Wiener Congresse zu werden und von Talleyrand und Metternich eine günstige Sinnesänderung in Betreff der auf ihn bezüglichen Beschlüsse des Congresses zu ermitteln. Ouvrard versagte sich der Annahme dieses Projektes, und nun kam der eigentliche Zweck der Herberufung zum Vorschein — das große Geldbedürfniß des Augenblicks, Könnt Ihr mir Geld geben? war Napoleon's Frage; die Antwort: Wie viel bedürfen Ew. Majestät? — Für's erste — sagte Napoleon — funfzig Millionen Franken. — Diese — fuhr Ouvrard fort — kann ich innerhalb zwanzig "Tagen herschaffen, gegen fünf Millionen Renten (der Börsenpreis war 53 Franken), die mir zu 5V Franken gegeben werden sollen, doch unter der Bedingung, daß an Doumere, dessen Gläubiger ich bin, die funfzehn Millionen Franken bezahlt werden, die ihm der Staatsschatz schuldig bleibt. Der Handel ward sogleich geschlossen, und der Vertrag auf der Stelle einem Seeretair von Napoleon selbst in die Feder diktirt und unterzeichnet; denn Ouvrard wollte nicht durch die Hände der Minister gehen, die einst so manche Dekrete des Kaisers zu seinem Verderben unterzeichnet hatten. Napoleon, der sich von dem Zustand des öffentlichen Credits an der Pariser Börse vollkommen überzeugt hatte, bezweifelte selbst den Erfolg dieses Vertrags, aber als Ouvrard während siebenzehn Tagen fortfuhr täglich zwei Millionen Franken in den öffentlichen Schatz zu zahleu, da konnte er seines Erstaunens kaum Herr werden. Es war vielleicht das erste Mal, daß er, der keine andere Mittel gekannt hatte, um den Staatsschatz zu füllen, als Contributionen von den Fremden und Steuern von seinen Unterthanen zu erheben, einen richtigen Begriff von der Macht des Credits bekam und die Erfahrung machte, daß eine Staatsschuld, selbst bei prekären Creditumständen, doch immer die Quelle sei, an der man schöpfen könne, um die Lücken des Staatseinkommens zu decken.

Den Vorschlag Napoleon's, ihm abermals als GeneralFournisseur der Armee zu dienen, hatte Ouvrard unter gewissen stipulirten Bedingungen annehmen müssen. Er war ihm auf sein Geheiß bei seiner Abreise zur Armee an der Belgischen Grenze dahin gefolgt, und am Tage der Schlacht von Wctterloo, in der Mitte seines Stabs, in dessen unmittelbaren Nähe geblieben. Als ich bei einer späteren Veranlassung Gelegenheit hatte, mich mit ihm über diese Schlacht zu unterhalten, bemerkte er mir: ,,5'stai8 „IH comme 8pectteur 6e Ia plu8 belle piece 6e tne^tre que H'i ,^m!5 vue. l,'encklllnement

Ouvrard blieb zu jeder Zeit, was die Franzosen einen „>mble ou8eur" nennen, und die Gabe, seine Zuhörer zu fesseln, hat ihn bis in's hohe Alter begleitet. Ich traf ihn wieder in Rom im Iahre 1835, und als ich ihn zuletzt sah, war es in Paris, eilf Iahre später, in seinem 76sten Iahre. Seine Ernennung ^zum General-Fournisseur (munitionnire ß6nei-I) der Armee während der hundert Tage, verdankte er der bei Napoleon erst in Elba eingetretenen Ueberzeugung, daß er den besten, den einzigen, den richtigen Mann wählte, der ihm die Verproviantirung einer Armee von hunderttausend Manli, ohne unmittelbare Geldmittel, ermöglichen konnte, und unbezweifelt lag in dieser gewiß unwillkuhrlichen Ernennung — denn die Macht der Umstände hatte sie geboten — die größte Anerkennung seiner Verdienste und die einzige damals mögliche Genugthunng für die ihm zugefügten Mißhandlungen und Ungerechtigkeiten. Aber einer noch größeren hatte Ouvrard sich zu erfreuen, als nach der Schlacht bei Wctterloo und in dem Augenblieke seiner Vorbereitungen zur Abreise nach einem anderen Welttheile, Napoleon ihm den Vorschlag machte, 1,400,000 Franken Rente gegen Wechsel auf die Vereinigten Staaten zum Belauf von 14 Millionen die Rente zu 50 Franken gerechnet) auszutauschen. Ouvrard sah voraus, daß man ihm diese Rente, nach Napoleon's Abreise, streitig machen würde, und schlug den Empfang der Rente ab.

Die wieder eingeführte Regierung Ludwig des Achtzehnten hatte mit seltenen Schwierigkeiten in der Erschwingung der uöthi gen Gelder zu kämpftn, deren man für die Königliche Cassa und zur Bezahlung der Subsidien, so wie des Unterhalts der fremden Armeen bedurfte. Die höchst unpolitische Maßregel einer erzwungenen Anleihe von einhundert Millionen, zu der man griff, konnte keine andere Folge haben, als der Rückkehr alles Vertrauens vollends die Thüre zu verschließen. Ouvrard, der sich, wie oben bemerkt, schon im Iahre 1814 mit allerlei Projekten beschäftigt hatte, um die Bedürfnisse der Regierung durch Anleihen im Auslande zu decken, kam jetzt mit neuen Vorschlägen zum Vorschein und hatte Mittel gefunden für den Plan, den er im Auge hatte, zuerst das Vertrauen des Baring'schen Hauses und dann, als nützliche Folge, auch das der Herren Hope und Compagnie in Amsterdam zu gewinnen. Denn das letztere war damals gewissermaßen eine Filiale des Baring'schen Hauses geworden. Als näm'lich der Sturz des Napoleonischen Kaiserreiches im Iahre I8i4 die Gelegenheit darbot, diesem seit fünf Iahren nur für die Liquidation der verschiedenen, von demselben unternommenen Staatsanleihen bestandenen Hause, seine ganze Wichtigkeit wiederzugeben, waren die sämmtlich in England wohnhaften Mitglieder desselben dazu nicht geneigt, aber Herr A. Baring, der den magischen Einfluß eines so glanzvollen merkantilischen Namens vollkommen verstand und aus alter Erfahrung die Verzweigungen feiner Wirksamkeit vollkommen zu berechnen wußte, entschloß sich, ihnen dasselbe mit der Bedingung abzukaufen, die alte ursprüngliche Firma beibehalten zu können. Er überwand die äbneignng sei nes Schwagers P. C. Labouchere, die oberste Geschäftsführung desselben wieder zu übernehmen und dieser verstand sich dazu nur unter der Bedingung, sich einen Gehülfen aussuchen zu dürfen, den er in seinem Freunde, den ehemals in Hamburg wohnhaften Herrn Ierüme Sillem fand, der eben damals aus St. Petersburg zurückgekehrt war, wo er, während des Russischen Feldzuges Napoleon's, die Gelegenheit gefunden hatte, sein durch die Zeiten sehr geschmälertes Vermögen zum Theil wieder herzustellen. Herr A. Baring reservirte sich in dem neuerrichteten Hause der Herren Hope und Compagnie ein Drittheil; die andern zwei Drittheile

wurden unter den beiden Brüdern P. C. und S. P. Labouchere, Herrn Ierüme Sillem, Herrn van der Hoop (Ms dem ehemaligen Krusen'schen Hause in Amsterdam) und dem Herrn P. F. Lestapis, einem jüngeren Bruder des schon mehrmals genannten A. P. Lestapis, der in Holland von dem Herrn Labouchere zum Geschäftsmann erzogen worden, vertheilt. Herr Thomas Baring, einer der jetzigen Chöfs des Baring'schen Hauses in London, war ebenfalls bei der Verwaltung des Hope'schen Hauses betheiligt, so wie der jüngere Sohn des Herrn P. C. Labouchere, Namens Iohn. Ouvrard, der unverdrossen seinen Plan verfolgte, hatte, wie schon erzählt, mit Herrn Labouchere, so wie mit Herrn Alexander Baring einen lebhaften Briefwechsel geführt, aus dem sich die Gewißheit ergab, daß die Französische Regierung über kurz oder lang zu großen Anleihen ihre Zuflucht würde nehmen müssen, um den ungeheuren Lasten begegnen zu können, welche der Unterhalt der fremden Armeekorps ihr täglich, und die Zahlung der ungeheuren Contribution an die Alliirten jährlich, während fünf Iahre auferlegt hatten. Der große Punkt, auf welchem der Erfolg der Ouvrard'schen Projekte beruhte, war das Vertrauen der Englischen Capitalisten, und zu diesem konnte Niemand einen sicherern Schlüssel als das Baring'sche Haus besitzen. Seine zum Sprichwort gewordene Redlichkeit und Vorsicht konnten allein dem Beispiel ihres eigenen Vertrauens in die finanziellen Zustände Frankreich's den gehörigen Einfluß verschaffen und die Bahn zu dem der Londoner Börse brechen. Herr Alexander Baring, der dies vollkommen verstand, entschloß sich Frankreich in allen Richtungen zu durchreisen, um mit eigenen Augen über die Stimmung der Bevölkerung, ihre steuerbaren Mittel und die Regelmäßigkeit der Einzahlungen der Steuern, urtheileu zu können. Es war gerade nach seiner Rückkehr von dieser Exeursion, daß wir in Paris wieder zusammentrafen.

Hier dürfte ich es mir erlauben meine Leser auf meine eigenen Wanderungen und Schicksale zurückzuführen, könnte ich des ihnen in der Vorrede gegebenen Versprechens uneingedenk sein. ihnen bisher unerzählte Schilderungen aus dem Leben derjenigen merkwürdigen Zeitgenossen, mit denen ich persönlich bekannt gewesen bin, vor Augen zu legen, und den Zusammenhang wichtiger Begebenheiten zu zergliedern, die ich näher als die Allgemeinheit meiner Mitwelt kennen zu lernen Gelegenheit und Mittel gehabt habe. Der Blick hinter den Vorhang war damals nicht einem Ieden vergönnt oder leicht, und die größere Zahl derjenigen, die dieses Vortheils genossen, habe ich überlebt. Um so dringender erkenne ich es für Pflicht, in dieser Hinsicht keine Lücken in meiner Erzählung zu lassen.

Die Schwierigkeiten der damaligen finanziellen Lage Frankreich's möchten sich am leichtesten aus dem Umstande ergeben, daß ^ die stipulnten jährlichen Contnbutionen eine Summe von 1Hü_ Millionen Franken erheischten, und die jährliche Ausgabe für den Unterhalt der fremden Armeekorps l6l) Millionen .betrug. Für diese außerordentliche Staatsauslagc, deren Bürde Frankreich zu tragen hatte, fehlten alle Mittel. Eine Unterbrechung der Zahlungen war unvermeidlich, und die Folge bewies, daß sie auch nicht ausblieb. Derjenige, der das unbedingte Vertrauen aller Souverains besaß, und gewissermaßen die Verantwortlichkeit für den ruhigen Fortgang der Dinge trug, war der Herzog von Wellington, und das erste Ausbleiben der erforderlichen Gelder erregte seinen Unwillen, mehr noch seine ernsten Besorgnisse. Alle Besprechungen über Anleihen, die man nach Maßgabe der Bedürfnisse zu macheu gedachte, führten zu keinem Resultat. Der Finanz-Minister Corvetto machte die bittere Erfahrung, daß er von der Pariser Börse, d. h. von den dortigen Banquiers, nichts erhalten konnte, denn für die Emission neuer Staatspapiere fehlten alle Nehmer. Nachdem Ouvrard sich der Einwilligung und der Mitwirkung der Herren Baring und Labouchere versichert hatte, gelang es ihm dem Herzog von Wellington begreiflich zu machen, daß alle Zweifel über die Mittel zum Unterhalt der fremden Armeekorps aufhören müßten, sobald die Alliirten Mächte sich dazu verstehen würden. Französische Staatspapiere an Zahlungsstatt für den Betrag der Auslageu anzunehmen und durch

ihre eigenen eonfidentiellen Agenten, zu welchem Behuf er die Herren Baring und Hope vorschlug, verkaufen zu lassen Daß diese Häufer die Mittel besaßen, Vorschüsse auf Rechnung dieser Staatsvaviere zu machen, bis. der günstige Augenblick zum Verkauf derselben eintreten würde, konnte nicht bezweifelt werden, daß ihre Vermittelung das Vertrauen der Capitalisten in und außer England erwecken und allmählig zurückführen würde, ließ sich mit ziemlicher Bestimmtheit voraussagen, und daß um den Preis der Staatseffecten aufrecht erhalten zu können, die Vollmacht zuni Verkauf und die Wahl des Augenblicks nur einer einzigen Hand anvertraut werden müßten, war einleuchtend. Die vereinte Kraft dieser drei Grundpfeiler der ganzen Maßregel entging dem Herzog von Wellington nicht, der bis dahin die Möglichkeit des Verkaufs einer solchen Masse Französischer Staatspapiere, unter der Garantie eines Englischen Hauses, bezweifelt hatte. Nach vier und zwanzig Stunden Bedenkzeit war, schon ein Punkt gewonnen — der Herzog, vollkommen von der Zweckmäßigkeit des ganzen Projekts überzeugt, versicherte Ouvrard, er bezweifle im Mindesten nicht, daß auch die anderen Mächte seine Ueberzeugung theilen und ihm folgen würden. Der Herzog hatte sich nicht geirrt. Nach einem kurzen Abstecher, den er nach London machte, logirte er sich bei seiner Rückkehr nach Paris auf militairische Weise in Ouvrard's eigenem Hause in den Champs Elys6es ein, und dieser, der Aufforderung des Herzogs gemäß, übergab ihm am 8 Ianuar 1817 eine Note, worin er den ganzen Plan entwickelt hatte. Am selbigen Tage ward derselbe von den Gesandten aller Mächte angenommen, und den letzteren durch außerordentliche Couriere mitgetheilt. Die Herren Baring und Labouchere hatten in einem von dem letzteren verfaßten Schreiben erklärt, daß sie den Gang des ganzen Geschäftes,durch ihre Dazwischeukunft zu stören glaubten und sich derselben enthalten würden, so lange sie nicht von allen dabei Betheiligten — dem Französischen Ministerium und den alliirten Mächten — aufgefordert würden, sich nach Paris zu begeben. Ouvrard hat in seinen Memoiren be

hauptet, daß der Herzog von Richelieu und der Finanz-Minister Corvetto, nach der Annahme seines Projektes, ihn gemeinschaftlich aufgefordert hätten, die Herren Baring und Labouchere nach Paris zu laden. Die Folge aber erwies die Unwahrheit dieser Behauptung, wie es denn auch von selbst einleuchten mußte, daß Ouvrard einer Aufforderung dieser Art gar nicht bedurfte, da er zu sehr bei der ganzen Sache interessirt war, um eine solche Mittheilung versäumen zu können. Gewiß ist es, daß er seinen offenen Brief an diese Herren unter Couvert des Französischen Gesandten, des Marquis d'Osmond in London, abgehen ließ und daß dieser sich dadurch veranlaßt fand, selbst die Feder zu ergreifen, um die Einladung des Herzogs von Richelieu an jene Herren zu bestätigen. Da sie diese natürlich nicht bezweifeln konnten, so zeigten sie Ouvrard am 14 Ianuar 1817 an, daß sie binnen acht Tagen in Paris eintreffen würden. Sobald dies geschehen war, meldeten sie sich sogleich, ohne Ouvrard davon in Kenntniß zu setzen, bei dem Herzog von Richelieu. Dieser war überrascht, nahm aber keinen Anstand zu erklären, daß noch nichts definitiver Weise beschlossen sei, und daß er keineswegs Ouvrard autorisirt habe, die Einladung zu der Reise in seinem Namen zu machen. Ietzt ließ man Ouvrard rufen und machte ihm Vorwürfe. Er gestand, daß der Herzog Recht habe, aber — setzte er hinzu — da ich wußte, daß mir kein anderer Weg offen blieb, um Euch hieher zu bringen, so bediente ich mich desselben; jedoch jetzt, da Ihr nun einmal in Paris seid, so bürge ich Euch für den Erfolg! Diese Anekdote verdanke ich Herrn Labouchere selbst, der sie, wenn sich die Gelegenheit dazu darbot, immer mit sichtlichem Vergnügen zu erzählen pflegte. Uebrigens hielt Ouvrard, was er versprochen hatte. Nach wenigen Tagen, da die Herren Baring und Labouchere den Wunsch geäußert hatten, die Französische Rente lieber selbst zu kaufen, als Verkäufer derselben für Rechnung der Alliirtcn zu werden, ward mit ihnen direkt ein Contrakt für 6 Millionen Renten oder 120 Millionen Capital zu 53 Fr. 85 Cents abgeschlossen, wodurch die Regierung <54,620,(XX> Franken zur Bestreitung der Unterhaltungskosten der fremden Armeekorps erhielt. Bald darauf fand mit diesen Herren ein zweiter Contrakt für 30 Millionen Renten zu 57 Fr. 51 Cts. oder 345,035,000 Franken Capital statt. Nach Abschluß dieses letzteren stiegen die Renten auf einmal auf 64, dann 68, endlich auf 72 Franken. Nehme man den durchschnittlichen Preis von 68 Franken für den Verkauf an, so gewannen die Unternehmer nahe an 8 Millionen Franken dabei.

Nicht ohne Bedauern wird der Leser erfahren, daß Ouvrard, dem man die ganze Combination verdankte, der eigentliche Urheber dieses großartigen Planes und der Vermittler desselben, dem es gelungen war, den unbeschreiblichen Verlegenheiten der Französischen Schatzkammer dadurch abzuhelfen, daß er das Vertrauen Englischer Finanzmänner erweckte und ihre Kapitalien herbeirief, daß dieser Mann, sage ich, bei einem Geschäft, wo solche Vorteile errungen wurden, ganz leer ausging. Bei dem Abschluß des ersten Contraktes mit den Herren Baring und Hope war auch ihm eine bedeutende Quantität Rente zu dem nämlichen Preise von 53 Fr. 8 Cent, auf Abschlag aller von ihm bereits gemachten und noch zu machenden Lieferungen an das Armeekorps der Alliirten zuerkannt worden, in Folge dessen diese Herren ihm keine Stelle unter den Contribuenten ihrer Namensliste angewiesen hatten. Aber der Französische Kriegsminister, der Herzog von Feltre, bediente sich des Vorwandes der Verhaftung des Herrn Doumere, in dessen Namen das ganze Lieftrungsgeschäft betrieben ward, um der Ratifieation des Beschlusses seine Unterschrift zu verweigern; durch das plötzliche Steigen der Rente, vermeinte er, sei die Regierung übervortheilt, und Alles, was von Seiten Ouvrard's'aufgeboten ward, um hierin eine Sinnesänderung herbeizuführen, war vergebens. Immer, so schien es das Schicksal zu wollen, mußte dieser außerordentliche Mann an der langen Kette seiner finanziellen Verwickelungen hängen bleiben, und dennoch tauchte er immer wieder als der unentbehrliche Mann auf, der vom Beginn der Kaiserzeit an bis zu dem Ende des Regiments der Bourbons, einer jeden Regierung unter die Arme greifen mußte. Er verwirklichte in seinen Schicksalen ganz die Worte, welche Lessing in seiner Emilia Oalotti der Gräfin Orsina in den Mund gelegt hat: Laß Dich den Teufel auch nur bei einem Haar fassen, und Du bist sein auf ewig!

Fünfzehntes Kapitel

Das Schlachtfeld von Waterloo. — Der Baumwollen

markt. — Franeis Baring. — Ummodelung des

Baring'schen Hauses.

Abreise aus Paris. Brüssel. Besuch des Schlachtfeldes von Waterloo. Loste, der Wegweiser Napoleon's, ward auch der meinige. Kurzer Besuch Hamburg's und England's auf meinem Wege nach den Vereinigten Staaten. Einschiffung in Liverpool. Piteairn, ehemaliger Amerikanischer Conful in Hamburg, mit seiner eben verheiraten Tochter und seinem Schwieger lohne, meine Reisegefährten. Erste Herzensergiesnmgen des liebenden Ehepaares bei seiner Ankunft in New-York, Reise über Land nach NewOrleans. Die Schottischen Häuser in New-Orleas. Ihre Politik im Bauwwollenmarkie und die meinige. Reise nach Europa im Sommer 1819. Der Aachener Congreß von 1818. Die Krisis im Geldmarkt. Berenbrook, der Holländische Fonds-Spekulant, Alerander Baring reitet die Pariser Börse von den Folgen der Krisis. Großartiger Verkehr meines Hauses in New-Orleans. Seine Oberhand im Baumwollenmartt. Nn> kunft des Herrn Franeis Baring, damals des jüngsten, jetzt des ältesten Chifs des Londoner Hauses, in NewOrleans. Schilderung und Charakterzüge dieses Herrn. Tod des Herrn S. C. Holland. Ummodelung des Baring'schen Hauses. Eintritt des Herrn Joshua Vates in dasselbe.

Ich kehre von diesem Abstecher wieder zu meiner eigenen Geschichte zurück, deren Faden mich bei dem Herrn Alexander Baring in Paris ließ. Mit meiner Rückreise nach Amerika beschäftigt, nahm ich meinen Abschied von diesem ausgezeichneten Manne, um meinen in Ratzeburg wohnhaften Eltern und meinen Hamburger Freunden einen kurzen Besuch abzustatten. Der Weg ging, wie gewöhnlich über Brüssel, das wenige Monate vorher der Centralpunkt des Kriegsgetümmels gewesen war, aus welchem der große Wurf der künftigen politischen Gestaltung des Europäischen Festlandes hervorgehen sollte. Neun Monate nur waren verflossen, seitdem die Schlacht bei Waterloo diese große Frage entschieden hatte. Schon am Tage nach meiner Ankunft in Vrüssel traf ich Anstalt das Schlachtfeld zu besuchen. Ein glücklicher Zufall führte mir als Cieerone den identischen Bauer Coste zu, den Napoleon am Abende vor der Schlacht in Charleroi aufgefunden, als Wegweiser mitgenommen und nach seinem Hauptquartier'hatte abführen lassen. Alle die verschiedenen Berichte über die Schlacht, die ich gesammelt und gelesen, die Plane und Karten, die ich sorgfältig durchstudirt und eine panoramatische Uebersicht des Schlacht, feldes, die ich mir in London verschafft hatte, waren mit einer solchen Frische in mein Gedächtniß eingedrungen, daß ich kaum das Schlachtfeld selbst erreicht und meinen Wagen verlassen hatte, als ich mich vollkommen orientirt und gewissermaßen zu Hause befand. Kein Hügel, keine Unebene des Bod'ens, keine Baumgruppe, die ich nicht auf den ersten Blick erkannt, kein Dörfchen in der Nähe oder in größerer Ferne, das ich nicht auf den ersten Blick genannt hätte. Coste, der seine auswendig gelernte Beschreibung für sich behalten mußte, sagte mir zuletzt, daß ich seiner wohl nicht bedürfen mochte, wenn ich, wie er glauben mußte, die Schlacht selbst mitgemacht hätte. Ich belehrte ihn eines Besseren und ergötzte mich an den selten übereinstimmenden Antworten, die er mir gab, wenn ich ihn von Zeit zu Zeit über einen oder den andern wichtigen Punkt, oder Details, befragte. So zum Beispiel fand ich mich in dem Schlosse Hougoumont und in seinem, die Spuren der Zerstörung so sichtbar tragenden Garten viel besser zu Hause als er, da er den ganzen Tag in der unmittelbaren Nähe Napoleon's selbst bis zu dem Augenblicke geblieben war, wo der Held des Iahrhunderts, zum zweiten Male, sein Heil in der Flucht suchen mußte. Als Coste — so erzählte er mir — dem Staabe Napoleon's eben zugesellt, mit ihm dem ersten Feuer der Englischen Batterien entgegen ritt, legte er sich mit dem ganzen Körper rücklings gebeugt flach auf den Rücken des PferdeS nieder, damit die Kugeln ihn nicht treffen möchten. Napoleon, der das ansah, rief ihm lächelnd zu: „I.öve8-toi imb6cillel ^u n'evitei-8 „p le boulet qui uoit te lrappei, quelque oit l mniöre llont „tu t'7 prenne ^ Und er hatte Recht, setzte Coste hinzu, „cr „m'7 voilZl!" Auf der Chaussee von La Haye-Sainte ritten wir durch einen Hohlweg, der auf beiden Seiten durch Hügel bedeckt war. Hier fragte ich meinen Wegweiser, ob dies der Standpunkt wäre, von dem aus Napoleon mit seinem Stabe den letzten Angriff seiner Garden und Cuirassiere unter Ney wahrgenommen hatte. „Vou8 7 6te!" antwortete er mir — „o'et sxactement „cel" — Nun fragte ich weiter, was sagte er? was that er? „keu äe enoel" — erwiederte Coste — „il re^ra enoore une „soi 5 ti-ver8 8 lunette, — pui8 il 6it: il 8ont mels, tout st „NM — Hon nou en l" Wir nahmen, fuhr er fort, die Route quer feldein nach Charlerov, jagten was das Zeug halten konnte, und als wir dort angelangt waren, warf mir ein Aide-de-Camp einen doppelten Napoleon mit den Worten zu: „va8 w lire l—!" In Hamburg sah ich, mit einer einzigen Ausnahme, alle meine Iugendfreunde, in Ratzeburg meine Eltern wohl, glücklich und zufrieden wieder, bahnte den Weg zu einigen Geschäftsverbindungen und nahm dann den meinigen nach England, wo die Besprechung eines definitiven Einverständnisses über die Grundlage künftiger Geschäfts-Combinationen einen kurzen Aufenthalt nothwendig machte. Denn jetzt erst war der Zeitpunkt gekommen, wo ich als selbstständigcr, unabhängiger Kaufmann, in dem wahren Sinne des Wortes, auftreten und meine Stelle in dem Welthandel einnehmen konnte, der damals seinen Centralpunkt in dem Englischen Geldmarkt, mehr als je, besaß. Durch den Krieg der Vereinigten Staaten mit Großbritannien waren gerade zu der Zeit, wo meine Thätigkeit sich entfalten sollte, über vier Iahre geopfert worden, und die allmähliche Rückkehr zu dem ausgebreiteten Verkehr, von dem der Europäische Continent so viele Iahre hindurch ausgeschlossen gewesen war, und in welchem man sich nun schon eilf Monate zu versuchen Zeit gehabt hatte, vom Monat April 1814 bis im März 1815, blieb dem Amerikanischen Kaufmann während dieses Zeitraums nicht zugänglich. Somit mußte auch in den Erfahrungen des letzteren eine Lücke entstehen, zu deren Ergänzung nicht jede Intelligenz geeignet und das Tappen im Blinden unvermeidlich war. Der erste Gedanke einer regulairen Packetschifffahrt zwischen New-York und Liverpool, die alle Monat stattfinden sollte, in welcher jetzt in dem Augenblick, wo ich dies schreibe, nur ein Zwischenraum von fünf Tagen üblich ist, war noch nicht zur Ausführung gelangt und ich mußte das Kauffahrteischiff Minerva-Siiith zu meiner Rückkehr nach New-York benutzen. Diese Mückfahrt — eiue ungewöhnlich lange — dauerte 57 Tage. Unter den Paffagieren befand sich der ehemalige Amerikanische Consul Piteairn aus Hamburg, den seine so eben verheirathete Tochter,") mit ihrem eben geheiratheten Manne, begleiteten. Ein doppelter Gebrauch dieses Wortes: eben, wird mir bei dieser Gelegenheit vergönnt sein, denn das junge Ehepaar hatte sich am Sonnabend in Edinburg vermählt, war sogleich nach der Ceremonie und dem üblichen Frühstück — man weiß was ein „cotcn breKlt" ist — mit Postpferden nach Glasgow abgereist, hatte dort erfahren, daß das gedachte Schiff früh am Montage abgehen sollte, seine Reise nach Liverpool ohne Verzug und über Nacht fortgesetzt und war sogleich Montag Nachmittags an Bord gegangen. Um 2 Uhr stachen wir in See; das junge Ehepaar, unmittelbar von der Seekrankheit ergriffen, flüchtete sich in sein Kämmerchen und die beiderseitigen Herzensergießungen mußten den beiderseitigen Ergießungen des Magens den Vorrang abtreten. Denn es zeigte sich während der laugen Reise nicht wieder, und blieb unsichtbar. Erst als wir im Gewässer der Küste von New

) Die Mutler dieser junge Dame war die berühmte Schönheit Pamela, die zweite Pflegetochter der Frau von Genlis, welche den Irischen Rebelle Lord Edward Fitzgerald geheirathet, und nach seinem Tode im Gefängnis, zu Dublin, sich nach Hamburg geflüchtet hatte, wo sie mi< Plteair bekannt wurde.

Jersey den Lootsen an Bord nahmen und den Leuchtthurm von Sandyhook, an der Einfahrt des Hafens von New-York, im Rücken hatten, kam es wieder zum Vorschein. Die junge Ehefrau setzte sich, Wonne trunken, dicht neben der Kajütentreppe nieder, der Mann folgte ihr, sie umschlang seinen Hals und rief ihm mit großer Sehnsucht zu: „Ach, lieber S — (ich verschweige absichtlich den Namen) — wie glücklich wäre ich jetzt, wenn ich ein Stück Hamburger Feinbrot mit frischer Maibutter und einem Stückchen Braunschweiger Mettwurst haben könnte! Daß die Freuden der Flitterwochen auf hoher See sich in diesem Wunsche auflösen sollten, gereichte mir allerdings zu einer kleinen Uberraschung, welche meine Leser theilen werden, wenn ich ihnen die Versicherung gebe, daß hier, wie überall, meine Erzählung ihnen den Spiegel historischer Wahrheit und keine Dichtung giebt. Als Göthe die Worte niederschrieb: Ein Schauspiel für Götter, zwei Liebende zu sehen! hatte er sicherlich weder den Anfang noch das Endo der Seereise solcher Liebenden ein Auge haben können. In New-York und in Philadelphia hielt ich mich diesmal nicht lange auf. Ich entschloß mich Virginien in jeder Richtung zu bereisen, um von dem Umfang der dortigen Tabacks-Ernte einen richtigen Begriff zu erhalten, ging durch die sogenannte Wildniß — tlis Kentucky ^viläerne88 — nach Nashville im Staate Tenessee, von dort nach Huntsville, zurück nach Nashville und Kentucky, und schiffte mich in Louisville an Bord eines neuerbciuten Dampfschiffes, nach New-Orleans ein, wo ich nach fast zweijähriger Abwesenheit meinen Assoei6 gesund wieder fand. Während dieses Zwischenraums waren daselbst mehrere Schottische Etablissements gegründet worden, die mit nicht unbedeutenden Vorräthen von Manufakturwaaren angekommen, das Produkt derselben in Baumwolle anlegten. Dieser Tauschhandel fuhr fort. Einer der respektablesten älteren Bewohner der Stadt, selbst Schottischen Ursprungs, aber dort geboren, ehemals Schiffskapitain, Namens Thomas Urguhart, der das Land seiner Vorfahren besucht und sich lange in Glasgow aufgehalten hatte, bahnte diesen Etablissements durch seine überspannten Schilderungen von den grenzenlosen Mitteln der Häuser, von denen sie abstammten, und durch seine Empfehlungen allmählich den Weg zu einem ansehnlichen Credit, und somit fanden sie in der Folge auch Mittel ihre Wechsel auf England anzubringen, um ihre Ankäuft von Baumwolle auszuführen. Diese Nepräsentanten der Schottischen Häuser handelten nach einem systematischen, mehr aus dem instinktmäßigen Gefühl eines gemeinschaftlichen Interesses, als aus einem, in einer gemeinschaftlichen Uebereinkunft entstandenen Plane, und suchten die Preise der Baumwolle dadurch zu drücken und Käufer ferne zu halten, daß sie immer mit traurigen Berichten vpn dem Zustande der Spinnereien in Manchester und in Glasgow und von dem Mangel an Absatz der gesponnenen Garne zum Vorschein kamen. Wo Ordres zu bestimmten oder auch zu unlimitirten Preisen in die Hände der wenigen, damals in New-Orleans etablirten Commissions-Häuser fielen, da mußten sie allerdings ausgeführt werden, und diese Manoeuvres konnten nicht viel helfen; aber in jedem anderen Falle, wo ein hie und da aufblitzender Spekulationsgeist operiren wollte, oder wo Retouren für Waaren nach Europa zu machen waren, verstanden sie auf den Markt zu wirken und Käufer nicht selten zurückzuschrecken. Außer diesen Filialen Schottischer Etablissements war Niemand in New-Orleans von den wahren Zuständen des Englischen Baumwollenhandels unterrichtet, und der nachher so bedeutend gewordene Markt von Havre lag noch in der Wiege. Aber der Credit, den diese Filialen im Auslande, in New-Orleans so wie in Charleston, in Savannah und in anderen Häfen des Amerikanischen Freistaates fanden, war nicht in jedem Falle ein wohlverdienter. Das Kapital derselben war meistens durch den Einfluß der Besitzer des Stamm-Capitals in Glasgow, auf drei oder vier Unterschriften von den Banken geborgt worden. Die dafür gegebenen neun- und zwölfmonatlichen Noten wurden bei Verfallzeit jedesmal zu einem mäßigen Zinsfuß erneuert, und so ward Iahre hindurch, in den auswärtigen Märkten, durch fiktive Kapitalien eine Coneurrenz erzeugt, die keinem natürlichen Verhältniß zwischen Erzeugung und Verbrauch, sondern nur einem spekulativen Geiste ihren Ursprung verdankte. Die jungen Leute, welche zur Verwaltung dieser Geschäfte von Schottland ausgesandt wurden, waren meistens unbemittelte aber intelligente Menschen, denen ein Antheil an dem Gewinn, als Lohn ihrer Arbeit gegeben ward, unter der Verpflichtung, den pro rata des ihnen zugestandenen Antheils treffenden Betrag der bezahlten Interessen, zu tragen. Dieser figurirte als erster Artikel auf der Debet-Seite ihrer Courant-Rechnung; auf der CreditSeite blieb ihnen der noch nicht erworbene Gewinn gutzuschreiben. Ließ das jährliche Geschäft einen Verlust anstatt des erwarteten Gewinnes, so ward der schuldige Betrag der ursprünglichen Interessen durch Zuschlag der auf die Summe des Verlustes berechneten, um desto größer, die znm Chöf des Hauses beförderten Commis mußten sich mit der Ehre, ihren Namen in der Firma zu sehen, begnügen, und blieben gewöhnlich auch immer die Schuldner des Stammhauses. Ich habe in meinem Lebenslauf mehrere verdienstvolle junge Männer aus Schottland gekannt, welche die Opfer dieser kommoden nnd wohlfeilen Art sich tüchtige Commis zu erhalten, auf lange Iahre zu bleiben bestimmt waren.

Mein redlicher Assoeis Hollander hatte von dergleichen Dingen keine (Erfahrung gehabt, witterte in der Regel wenig von dem, was um ihn her vorging, nnd hatte den, besonders in einem Lande wie es damals Louisiana war, kostspieligen Grundsatz, Iedermann für ehrlich zu halten, bis er Beweise vom Gegeiitheil in Händen hatte. Dergleichen Beweise erhält man aber selten, ohne dafür zu zahlen, d. i. durch eigene Erfahrung. Aus diesem Grunde paßt in Amerika, so wie auch in Paris die Regel besser, deren Beobachtung kostenfrei ist, vorzugsweise erwiesene Ehrlichkeit anzuerkennen, ehe man Ansprüche auf den Ruf derselben eine Stelle in seinem Vertrauen einräumt. Mein Assoeis, ein höchst achtbarer Mensch, der keinen unlauteren Gedanken je bei sich aufsteigen ließ, ahnte die Möglichkeit desselben bei anderen nicht, die er für seine Freunde hielt, und daher kam es, daß er, unter andern, bei diskretionären Aufträgen, die mein Haus auf Baumwolle erhielt, sein Urtheil gewöhnlich dem Urtheil seiner schottischen Umgebungen, in denen er sich gefiel, subordinirte. Ich hatte wenige

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Monate zuvor England verlassen, in Liverpool das Vorgefühl einer unausbleiblichen Steigerung der Baumwollenpreise früh er kannt, und schrieb deshalb schon aus New-Uorl, was ich meinem Assoei6 auch einige Wochen später aus Louisville wiederholte, daß es angemessen sein dürste, einiges Geld für unsere Rechnung in Baumwolle, in der Voraussicht dieser Steigerung, anzulegen. Mein Brief enthielt den Zusatz: ..Vielleicht sind dort frischere Nachrichten als dieser Brief bringt, aus Liverpool direkte eingelaufen und diese müßten nicht unbeachtet bleiben. Der vorausgesehene Fall war wirklich eingetroffen; die späteren Nachrichten — später um wenige Tage — hatten den Liverpooler Markt als flau bezeichnet, die Preise waren aber nicht zurückgegangen. Hollander berathschlagte sich mit seinen Schottischen Freunden, und diese, von ihren Stammhäusern in Schottland wahrscheinlich instruirt, sangen die gewöhnliche Litanei und erklärten, Baumwollengarn sei ohne Absatz und sie könnten jetzt gar nicht an das Kaufen denken. Dies war genug für Hollander, um die Hände in den Schooß ruhen zu lassen. Als ich ankam, war eine der ersten Fragen: Haben wir gekauft? — Nein, — war die Antwort — es geht schlecht mit Baumwolle in den Englischen Fabrikstädten, und die Englischen Häuser hier rühren sich nicht. Erst auf meine Bemerkung, daß eine lokale Steigerung >der Preise unvermeidlich sein würde, wenn man erst auf bessere Nachrichten von Liverpool warten wollte, ehe man Hand an den Artikel legte, begriff mein Assoeiö, daß er sein eigenes Urtheil gefangen gegeben hatte. Am Morgen nach meiner Rückkunft besuchten mich die ersten Baumwollen-Makler. Mit den nominellen Preisen schon bekannt, fragte ich was am Markt sei. Wir können Ihnen — sagten die Makler Debuvs und Longer - zwei Böte voll der besten Pflanzers Marken aus dem Distrikte der Opelousas, in jedes aus oii-c 4lX) Ballen bestehend, zu 16 Cents, anbieten. Ich sah die mitgebrachten Proben durch, die Qualität war genügend, und auf die Anfrage der Verkäufer, welche von den zwei Ladungen ich nehmen würde, war meine Antwort: Beide! Damals war eine solche noch bedeutend genug, um Aufsehen zu erregen und die sogenannten Englischen, eigentlicher Schottischen Häuser, waren überrascht und neugierig geworden, den Mann kennen zu lernen, der es wagen konnte, im Gegensatz zu ihren Ansichten (,,8iii8t „nur nution) mit einer so kräftigen Hand in den Markt zu fahren. Zwei Tage darauf fingen die Herren an unter der Hand einzelne Parthien an sich zu bringen, trotz der traurigen Berichte von oui lolk", (so nannten sie ihre Stammhäuser) über de n Zustand des Twist oder Garn-Geschäfts in England, und fuhren von Zeit zu Zeit regelmäßig mit ihren Ankäufen fort. Die Bahn war gebrochen und meine Schottischen Nachbaren bald überzeugt, daß jeder Versuch, mich nach ihrer Pfeife tanzen zu machen, ein für allemal scheitern würde. Meine Stellung in dem Baumwollenmarkt ward nun, in der Folge und allmälig, immer gebietender; ob, oder wie und wann ich operiren würde, blieb lange Iahre nachher eine Berechnung, welche meine Nebenbuhler nicht außer Acht ließen, und die sie gewöhnlich zu falschen Resultaten führte.

Im Iahre 1818 war mein Haus das erste, welches in NewOrleans gedruckte Berichte über die Eventualitäten des Baumwollenmarktes und der Ernte ergehen ließ. Die meteorologischen Wettertafeln hatten mir die Idee eingeflößt, eine dergleichen Tabellen, den Gang und die Fluctuationen der Preise während der Verschiffungs-Periode dreier hinter einander folgenden Iahre, von Woche zu Woche darstellend, einzuführen, und die Verschiedenheit des jedesmaligen Courses durch schwarze, rothe und blaue Linien zu bezeichnen. Die neue Tabelle machte besonders unter den Französischen Spekulanten in Baumwolle vieles Glück und ward die Quelle beträchtlicher Austräge aus Havre, Rouen und der Schweiz.

Im Sommer I8!9 besuchte ich wieder Europa. Es war zu einer, für die politischen und eommerziellen Verhältnisse Europa's höchst interessanten Epoche, nachdem man eben angefangen hatte sich von den Folgen der aus den Verwickelungen beider entstandenen Krisis des vorhergehenden Iahres I8t8 zu erholen. Frankreich hatte sich allerdings durch die im Fürsten-ssongreß zu Aachen beschlossene und von dem Baring'schen Hause zu 67 Franken über, nommene Anleihe von 27,238,938 Fianken 5 Proeent Rente der Bürde des sanitarischen Cordons entledigt, den die Häupter der heiligen Allianz, Rußland, Preußen und Oesterreich, mittelst dreier Armeekorps von 50,000 Mann jedes, an der nördlichen und nordöstlichen Gränze Frankreichs auf fünf Iahre aufrecht zu erhalten beabsichtigt hatten. Aber die Pariser Börse fühlte sich durch die Schlappen hart betroffen, welche sie in Folge des Falles der Staatspapiere von 67 zu 58 erduldet hatte, und hatte ihre Rettung nur der Kaltblütigkeit des Herrn Alexander Baring zu verdanken gehabt, wie ich schon anderswo erzählt habe.) Außer dem Falle von 30 Proeent in den Warenpreisen nnd der plötzlich erfolgten Reduktion von 4 Millionen Pfund Sterling in der Englischen Papier-Cirkulation abseilen der Londoner Bank, waren es die tollen Unternehmungen einiger Fondsspekulanten in London, jedoch namentlich in Paris, welche dem Eintritt der damaligen Krisls die Bahn geöffnet hatten. Als Beispiel weise ich nur auf den Holländer Verenbrock aus Amsterdam hin, der vielleicht eine halbe Million Franken Kapital besitzen mochte und fünf Millionen 5 Proeent Renten oder l00 Millionen Kapital auf Credit gekauft, als Millionair von sechs oder acht Banquiers für l50 bis 200,000 Franken Vorschuß von jedem erhalten und auf diese Weise seine Reports oder Interessen drei Monate lang bezahlte, indem er rechnete, daß das Steigen der Rente von 1 Proeent ihn um eine Million, 2 Prozent um 2 Millionen u. s. w. reicher machen würde. Die Fonds fielen aber über 8 Proeent und Berenbrock blieb den Pariser Banquiers und „.^ent8 6e ^nanze nahe an 8 Millionen schuldig. Die Börse war voll von Spekulanten ähnlicher Art, wenn auch nicht alle ihren Spekulationen dieselbe Ausdehnung gegeben hatten, und es läßt sich leicht denken, welchen

-) In No. 24 des Deutschen Freihafens", Jahrgang i84. Siehe de von mir geschriebenen Artikel: „Lord Ashburton und das Panng'sche Hau in London."

Einfluß einige Schlag auf Schlag erfolgte großartige Verkäufe von Renten auf den Börsen-Cours derselben haben mußten. Die von den Herren Baring und Consorten übernommene Anleihe war in zwei Abtheilungen geschlossen worden, die eine von 14,925,500 Fr. zu 66 Fr. 50 Cent, und die andere von 12,313,43 Fr. zu 67 Fr. Die Rente fiel auf 58 Fr., ehe die Contrahenten die letzte Abtheilung in Empfang genommen hatten. Die ganze Pariser Börse erbebte — die Contrahenten sahen, daß unter den erwähnten Umständen die Kraft fehlte, eine so große Emission Französischer Staatspapiere zu tragen, und daß es zahllose Falliten geben würde, wenn eine fernere Summe von 246 Millionen in Umlauf gesetzt werden würde. Man verlor so ziemlich den Kopf — Herr Alexander Baring allein behielt ihn. - Er vermochte den Herzog von Richelieu den Contrakt für die letzte Hälfte der Anleihe zu annulliren und ihn, so wie die mit ihm eonföderirteu Banquiers, desselben zu entschlagen. Doch nicht bloße Ueberredungsgabe erzielte dies Resultat. Die Mehrzahl der in Aachen anwesenden Minister der alliirten Mächte, Metternich, Nesselrode, Hardenberg u. a. hatten in der Anleihe betheiligt sein wollen — man hatte sich dazu verstanden. Als die Rente fiel, bestand Herr A. Baring darauf, daß sie ihre Einzahlungen selbst machen sollten, es fehlte ihnen aber an Mitteln — auf deu Vortheil, uicht auf die Chaneen der ganzen Unternehmung hatteu sie gerechnet. Der Wink ward dann gegeben, daß man sie ihrer Verbindlichkeit entheben würde, wenn sie den Herzog von Richelieu zu dem besagten Schritt vermögen wollten. Der Fürsten-Congreß gebot und — Richelieu gehorchte.

In dem Wollenmarkte hatte die abseiten der Londoner Bank plötzlich erfolgte Reduktion von 4 Millionen Pfund Sterling in der Englischen Papier-Cirkulation, den gangbaren Preisen den ersten Stoß gegeben. Die mit raschen Schritten fortgehende Ausbreitung der nach dem Iahre 1815 wiederhergestellten HandelsVerhältnisse hatte zwischen den Bedürfnissen des allgemeinen Consums und der dazu erforderlichen Zufuhren ein gewisses Mißverhältniß hervorgebracht, dessen Quelle größtentheils dem Mangel an vollständigen Kenntnissen des einen und des Umfangs der anderen zugeschrieben werden mußte. Der wiederkehrende und täglich zunehmende Flor des Handels hatte seit drittehalb Iahren eine fortwährend emporstrebende Tendenz blicken lassen - man hatte sich also allmählich dem Wendepunkt genähert, wo die unvermeidliche Reaetion beginnen mußte, der alle menschlichen Zustände nicht immer entgehen können, und hatte noch nicht den Weg zur Feststellung des Gleichgewichts zwischen dem Consum und den Ergebnissen der Produktion entdeckt.

Dies war die Attitude des Europäischen Warenmarktes, als ich, nachdem ich den Winter von 1819-1820 in Paris zugebracht hatte, mich im März des letzten Iahres in Bordeaux am Bord des Französischen Schiffes: I ^eune l^oiinne" direkt nach New-Orleans wieder einschiffte.

Der Verkehr meines Hauses war bedeutend gestiegen. Gegen sechs-, sieben- oder achttausend Ballen Baumwolle, welche die mehrsteu, sich ersten Ranges nennenden Häuser dort kauften, blieb das meinige selten unter der Zahl von sechszehn- oder achtzehntausend Ballen, welche einen Umsatz von wenigstens anderthalb Millionen Dollars binnen wenigen Wochen veranlaßten. Die Iahreszeit von 182(1—1821 war eine besonders erfolgreiche für mein Haus. Die wichtigsten Aufträge aus Frankreich waren durch die Thätigkeit unseres Agenten in unseren Händen eoneentrirt, die von England ankommeuden Ordres, verbunden mit dem voni Norden der Vereinigten Staaten ebenfalls uns anvertrauten Bedarf, hatten die große Masse der auszuführenden Ankäufe zu einer bedeutendeu Zahl angeschwollen. Als ich die Lage der Dinge mit ziemlicher Gewißheit zu berechnen im Stande war und besonders erkannt hatte, daß die Englischen Consumenten den Glauben an den imponirenden Einfluß Liverpoole r Preise auf die Amerikanischen Baumwollen-Märkte immer nicht fahren lassen, von der Selbstständigkeit des Französischen — oder eigentlicher, des Havre— Marktes, den einige der dortigen Häuser in ihrer geträumten Wichtigkeit so eifrig zu einem „mzrcks i'eßulteur" zu erhebeu beflissen waren, nichts wissen wollten, und daß die Norm Englischer Aufträge, mite r dem Vorgefühl eines wichtigen Bedarfs, unmöglich weit hinter den Preisen zurückbleiben konnte, die man von Frankreich aus zu zahlen geneigt war, so schien mir meine Bahn klar genug bezeichnet vor Augeu zu liegen, um unsereu Markt nicht nur mit fester Hand öffnen, sondern ihn auch so lange beherrschen zu können, als die Masse meiner Aufträge es erheischen mochte. Die Politik dieser Initiative war mir, wie man sieht, von den Umständen geboten, wenn ich nicht der Coalition der Schottischen Häuser den Vorsprung lassen und ihnen auf ihrer Spur als Nachzügler folgen wollte. Mein Bedarf war voraussichtlich allzugroß und zu anhaltend, als daß ich gleichzeitig mit ihnen in den Markt treten und die Rolle eines gewöhnlichen Coneurrenten hätte übernehmen können, welches überdies, ohne eine Preiserhöhung zu veranlassen, unmöglich geworden wäre, Und meinen Spielraum beschränkt hätte. Die Unwissenheit, in welcher sich meine Schottischen Nachbaren in Hinsicht meiner Kaufmittel befanden, kam mir zu Hülfe, Sie waren gewohnt gewesen, gegen das Ende des Sommers und während der Herbstmonate ihre Ressoureen oder Ankaufsmittel zu sammeln und vorzubereiten — sie wurden darin von den benachbarten Filialen ihrer Stammhäuser in Iamaika und in Mexico durch Silbersendungen unterstützt, und man kannte in den Banken mit ziemlicher Genauigkeit, daß, und wie viel Geld bereit lag, um wenigstens die ersten großartigen Ankäufe ausführen zu können, wodurch sie im Baumwollenmarkt eine Zeitlang ein gewisses Uebergewicht gewonnen hatten. Man wolle nicht vergessen, daß ich hier von einer Periode spreche, wo die Amerikanische Baumwollen-Emte (die im Jahre 1823 nahe an 700,000 Ballen, im Iahre 1851 aber 3,100,000 Ballen geliefert hat) weit entfernt von der gewaltigen Ausdehnung war, die sie seitdem erhalten hat, nnd daß der Hauptdedarf des Artikels wenigen Händen anvertraut, die Mehrheit der auswärtigen, selbst Englischen Aufträge aber in den meinigen eoueentrirt war. Denn die Schottischen Häuser, vier au der Zahl, waren eher Spekulanten für Rechnung ihrer Stammhäuser, als Commissionaire Englischer Spinnereien oder anderweitiger Correspondenten. Wie schon bemerkt, ließen sich die Mittel der Schottischen Agenten einigermaßen berechnen, von den meinigen hatte man weder Begriffe noch Ahnung. Meine Coneurrenten gaben sich der Illusion Preis, daß diese beschränkt und bald erschöpft sein müßten, weil sie von keiner Vorbereitung etwas gesehen oder erfahren hatten. Sie glaubten dftrch ihre Attitude imponiren und den Markt nach Belieben drücken zu können, wenn sie nur nicht kauften. Ich war zufrieden, wenn man mich vergaß, und hielt meine BaneoCredite geheim.

Die frühesten Zufuhren der neuen Ernte aus den benachbarten Distrikten von Pointe Conpöe, Fausse Riviöre, Lafourche und Baton Rouge, kamen in der Regel immer in die Hände von vier verschiedenen Maklern, die ich nur durch die Buchstaben A, B, C und D bezeichnen will, und die sich gegenseitig mit großer Eifersucht bewachten. Der Schlußpreis der letzten Ernte war 18 Cents gewesen, und weniger als diesen glaubte man nicht annehmen zu dürfen. Die Pflanzer wollten jedoch bald ihr Geld haben, aber die gewöhnlichen Käufer waren scheu und hielten zurück. Die Makler klopften nun wiederholt bei mir an — ich sprach von 15, höchstens 16 Cents für die allererste Qualität. Endlich kam A zu mir und erbot sich mir sein Quantum zu 16 Cents zu geben, wenn nur B dasselbe thun wollte. Sobald B durch mich erfuhr, daß A zu diesem Preise zu verkaufeu bereit war, nahm er keinen Anstand mir zu erklären, daß er bereitwillig sei seinem Beispiele zu folgen. Beiden Herren gab ich sodann ein Rendezvous für den nächsten Morgen in der bekannten Baumwollenpresse von Rillienr und vermochte auch C und D dahin zu kommen. Die vier Herren befanden sich zusammen, als ich A und B aufforderte, sich des mir gegebenen Versprechens zu erinnern. Sie blieben ihrem Worte getreu, und bei der dringenden Verkaufslust der Eigenthümer der Baumwolle, war es nicht schwer auch C und D zur Annahme des gebotenen Preises zu bewegen. So fiel auf einmal die ganze Quantität am Markte, etwa 2000 Ballen, in meine Hände. Durch diesen Schritt war der Markt augenblicklich geleert. Zufuhren wurden nun schneller wie üblieb hervorgelockt. Denn die Pflanzer erfuhren sogleich, wer der Käufer war und wußten aus Erfahrung, daß sie von mir den höchsten Preis erhalten konnten, den die Umstände rechtfertigten. Sie beeiferten sich Theil an einem Preise zu nehmen, der die Produktionskosten der Baumwolle in einem so hohen Grade überstieg und ihnen so bedeutende Vortheile ließ. Ich konnte also fortfahren zu kaufen und die Auswahl der neuen Vorräthe gerieth ohne Unterbrechung fortwährend in meine Hände. Hielt ich im Kaufen manchmal zurück und ward ein Neigen der Preise verspürt, so folgte ich ihnen und blieb bei den Fluktuationen zwischen 15 und 16 Cents immer noch in einer kauffertigen Stellung. Kurz, in der wichtigsten Verschiffungsperiode, vom Deeember bis zu Ende des Monats März, gab es der Käufer wenige, denen es gelang, von Zeit zu Zeit bedeutender Quantitäten Herr zu werden, wenn sie dazu Miene machten. Ich hatte meine Ankäufe, die sich auf keine geringere Quantität als 40,000 Ballen beliefen, in den ersten Tagen Aprils schon beschlossen, als endlich eine ernste Coneurrenz hervorbrach, die 16'/ Cents und darüber zahlen mußte. Die Verschiffungen meines Hauses waren vollendet, größtentheils angekommen und mit Vortheil verkauft worden, als meine Machbaren noch in New-Orleaus operirten. Die Folgen dieser Handhabung des Marktes waren nachhaltig und begründeten unfern Einfluß bei Pflanzern wie bei unseren Nachbaren und Coneurrenten. Eine heilsame Lehre ergab sich hieraus für mich, diese nämlich, daß weder Combinationen noch Coalitionen zu einer gewaltsamen Erhöhung oder Erniedrigung der Preise eines großartigen Artikels wie Baumwolle, Erfolg gebieten können, weil es der menschlichen Einsicht versagt ist, einen jeden Umstand vorauszusehen und zu berechnen, der dergleichen Combinationen manchmal unverseheuds zum Scheitern bringen kann. Wie viel ich kaufen würde, und wie ich das Viele würde bezahlen können, das mußte den Berechnungen meiner Coneurrenten entgehen, und eben weil sie es versucht und weil ihre Conjekturen eine so irrige Richtung genommen hatten, ward es mir desto leichter ihren Segeln deu Wind zu entreißen — ,,to taKe tko ninä out ul tkeir il" wie der nautische Englände r sagen winde. Oefterer schon hat sich diese Erfahrung in meinem Leben und zwar ohne Theilnahme meinerseits wiederholt, wie der Leser im Verfolg zu bemerken Gelegenheit haben wird, bis ich zuletzt, ganz gegen meine Ueberzeugung und ohne mein Wissen noch meinen Willen, mich in eine dergleichen Combinationen verstrickt fand, und das unschuldige Opfer derselben werden mußte.

Zu eben dieser Zeit war der jetzige erste Chöf des Baring'schen Hauses, Herr Franeis Baring, zweiter Sohn des verstorbenen Lord Ashburton's, von Havana kommend, in New>5Dileans eingetroffen, und hatte sein Absteigequartier bei mir, in meinem neuerbauten Hause genommen. Wir hatten damals neun große Schisse im Laden begriffen, und es machte ihm ein sichtliches Vergnügen, als er seinen ersten Spaziergang auf der sogenannten Levee (dem Damm am linken Ufer des Misfisippi vor der Stadt, von welchem die Schiffe ihre Ladungen abholen, machte, dieselbe von der oberen bis zu der unteren Vorstadt, wie besäet mit Baumwollen-Ballen zu finden, denen auf der Seite das Gepräge meiner Firma angestempelt war. Einen bessereu Begriff von der Tätigkeit meines Hauses hätte ihm Niemand geben können, und er schien sich glücklich in dem Gedanken zu fühlen, diese aus eigener Erfahrung gewonnene Ueberzeugung davon mit nach Europa nehmen zu können.

Da in Bezug auf das, alle andere merkantilische Etablissements in so eminenter Weise überragende Haus der Herren Baring es der Dinge wenige giebt, die für den kaufmännischen Leser alles Interesses entbehren möchten, so dürfte ich es schon wagen, über diesen, als er New-Orleans besuchte, noch jungen Mann, einige Worte zu sagen, weil sich aus ihnen ein Beweis mehr ergiebt, wie selten das Ensemble der herrlichen Eigenschaften eines ausgezeichneten, Epoche machenden Vaters, auf seine Söhne fortzuerben pflegt. Die gütige Natur war gegen diesen, schon frühzeitig zum Chöf und Disponenten des Londoner Hauses bestimmten jungen Mann mit einer Freigebigkeit zu Werke gegangen, die man in Rücksicht, der ihm zugemessenen Eigenschaften und Fähigkeiten verschwenderisch zn nennen berechtigt sein möchte. Zu seiner moralischen Ausstattung gehörte zuerst eine intellectuelle Superiorität ungewöhnlicher Art, ein seltener Scharfblick, verbunden mit einer instinktmäßigen Einficht in die verschiedenartigen Charaktere, mit denen er in Berührung kam, ein merkmürdiges Gedächtniß, das auch den kleinsten Umstand nicht übersah, eine eiserne Willenskraft, sobald er etwas zu thun sich entschlossen hatte, eine rücksichtslose Ausdauer in der Ausführung, endlich, die Leichtigkeit, bestimmte Begriffe durch wenige Worte auszudrücken, und die damit verknüpfte Eigenschaft, die ganze Strenge und Schärfe einer genauen Analyse und Kritik, in ein Paar glücklich gewählte Ausdrücke einzukleiden, die man Treffer nennen möchte. Dies letztere Talent, welches allerdings kein unentbehrliches in der Liste der wünschenswerthen Vollkommenheiten eines Mannes ist, besitzt dennoch seinen unfehlbaren Werth in den dialektischen Debatteu, zumal auf einer parlamentarischen Tribune, die der junge Baring unlängst zu betreten hoffte, und in allen Fällen des gemeineu Lebens, wo kurze und schnelle Zurechtweisungen zweckmäßig sind. Ein Beispiel wird dies erläutern. Der junge Baring hatte die westlichen Theile Virginien's, welche damals von der rohesten Menschengattung der Nordamerikane r bewohnt wurden, in eineni niedlichen, neu lackirten Reisewageu durchreist. Der löblichen Gewohnheit dieser halbwilden Amerikaner gemäß, die gewöhnlich ein Federmesser oder einen Nagel in ihrer Hosentasche tragen, hatte aus der Umgebung, die sich vor der Wirthsthüre befand, wo er abgestiegen war, einer dieser Herren einen Zeitvertreib darin gesucht, daß er mit seinem Nagel allerlei Figuren auf dem Firniß der Wagenthüre zu zeichnen versuchte. Baring, der ihn dabei überraschte, hatte es kaum bemerkt, als er mit einem ziemlich derben Verweis herausfuhr. Der Amerikaner ripostirte — einige Worte wurden gewechselt — endlich sagte dieser: „I^uu^ Ke^e, „81l, 6on't de 8uo^. >Ve mIie nu ceremonie "l'uNler 6^ „vo K6 nere n Nurope lsllov, lili,e ^oui8elf, >vlio v8 mizM^ „8ue?. Wli^, l pull'6 m^ pitol out ol m^ pocKet, <>6 8not „Nim 6eau, nßkt on tne pot. lnere Ko lie!" Mit kaltbliitigem Erstaunen fragte ihn Baring: „^nä 6iä vou eIp Kim „too? Der Amerikaner war so betroffen und fühlte diesen Vorwurf, der seiner Indianischeu Roheit gemacht wurde, so tief, daß er Baring plötzlich sehr ernst und schweigend ansah, zuletzt aber in die Worte ausbrach: „8^ (1o6 ir, vou mu8t de clever „lellov!

Seit seinem Eintritt in das Haus seines Vaters und Großvaters, wo er den sehr vorsichtigen verstorbenen S. C. Holland zur Seite hatte, war die Errichtung der neuen Assekuranz-Gesellschaft unter dem Namen „.^Iliance Urine lu8urance lüompanv" sein Debüt. Er hatte sich darüber mit dem Rothschildtschen Hause verständigt und ein wohlgelungenes Geschäft war daraus entstanden. Sodann besuchte er Mexieo. Hier glaubte er einen Zauberstab entdeckt zu haben, der einen Gewinn von einem Paar Millionen mit einem Schlage sichern sollte. Die Stadt Mexieo liegt bekanntlich in der Mitte eines kleinen Sees, dessen Ufer sie mit allen Arten von Gemüsen, Früchten, Milch, Geflügel und andere zu ihrem Consnm erforderliche Lebensmittel versehen. Diesen Ländereien, in einer so unmittelbaren Nachbarschaft, war mau gewohnt gewesen einen großen imaginairen Werth beizumessen, der auf ihrer vnmeinten Nothwendigkeit beruhte. Der junge Baring, bereits Mitglied des Londoner Hauses, hatte unter der Hand Mittel gefunden, sich des Verkaufspreises der wichtigsten Eigeuthümer dieser Pächtereien zu vergewissern und diese auf einmal gleichzeitig gekauft. Die genaue Summe ist verschiedenartig' angegeben worden, sie überstieg aber zweimalhunderttausend Pfund Sterling, wovon der fünfte Theil baar bezahlt werden mußte. Baring zog in einem einzigen Wechsel vierzigtausend Pfund Sterling auf sein Haus, drei Tage Sicht. Der Wechsel kam schnell nach London, ehe man noch von der Veranlassung dazu die mindeste Kenntniß erhalten hatte; es war die identische Handschrift eines Assoeie's auf sein eigenes Haus, davon hatte man sich bei der Vorzeigung desselben überzeugt — das Haus war gebunden. Demungeachtet wollte der obengenannte Theilnehmer der Firma,

Herr Holland, erschrocken über die plötzliche Erscheinung eines Wechselbriefs für eine solche Summe, nichts davon wissen und wies ihn zurück, schrieb jedoch deshalb an den Vater, Herrn Alexander Baring, der glücklicherweise sich nicht außerhalb des Landes, sondern auf seinem Landsitz tke ^ranZe" 65 Englische Meilen von London) befand. Sobald dieser sich für alle durch seinen Sohn, als Mitglied des Hauses, eingegangenen Verbindlichkeiten persönlich gegen dasselbe verantwortlich zu sein erklärte, ward der Wechsel sogleich bezahlt. Das ganze Geschäft ward, und mußte natürlich mißbilligt werden, da es keinem Hause in der Welt eonveniren konnte ein so großartiges Capital auf unabsehbare Zeit in einem andern Welttheile zu vergraben. Ietzt entstand die Frage, wie man sich aus dieser Schlinge ziehen sollte. Man fand endlich Mittel, durch die gesetzgebende Versammlung in Mexieo ein Gesetz zu erlassen, wodurch es allen die nicht Eingeborene, und nicht in Mexieo seßhaft waren, nicht gestattet ward, in einer gewissen Nachbarschaft der Stadt Boden-Eigenthum zn besitzen, wodurch sodann der ganze Ankauf null und nichtig ward — man entschloß sich in London den Verlust von vierzigtausend Pfund Sterling, wie der kaufmä'unische Ausdruck geht, an das Bein zu binden, und die Sache zu vergessen. Von den Verkäufern war nichts zurück zu erhalten. Nach seiner Rückkunft von Mexieo hatte Franeis Baring Paris besucht und war dort mit dem Chef des (damals noch, wiewohl ganz unverdienter Weise, wie der Erfolg bewiesen hat) in großem Ansehen stehenden Hauses der Herren Reid Irving und Comp., Herrn Iohn Irving, zusammen gestoßen. Dieser Mann, einer der beschränktesten, mexkantilischen Köpfe, die ich je gekannt, gehörte zu den persönlichen Freunden und Gönnern des in Havre etablirten, ebenfalls Schottischen, Hauses der Herren Firebraee Davidson und Comp., welchem durch den Einfluß der Londoner Firma bedeutende Consignationen von rohem Zucker aus Martinique und Guadeloupe zuzufließen pflegten. Durch den Wiener Friedenstraetat von 1815 waren, wie man weiß, diese Colonien von den Engländern an Frankreich zurückgegeben worden, da sie aber während der langen Kriegesjahre in Englischem Besitz geblieben waren und mit den ursprünglich Englischen Colonien gleiche Rechte genossen hatten, so waren Englischen Spekulanten viele der dortigen Zuckerpflanzuugen in die Hände gefallen, und diese hatten sich entschlossen zu verbleiben, wo sie sich angesiedelt hatten. Der Consum des Zuckers in Frankreich ist größtentheils fast ausschließlich auf die Produktion der genannten beiden Inseln angewiesen. Mit der steigenden Bevölkerung Frankreich's hat er zugenommen, und es hatte sich allmälig ergeben, daß die Französisch-Westindische ZuckerProduktion bei mittelmäßigen Ernten nicht mehr hinreichte, so sehr auch die Französischen Gesetzgeber sich mit der Idee herumgetragen hatten, daß der Stimulus der Ausschließlichkeit des Französischen Kolonial-Zuckers für den heimischen Consum, zur Vermehrung der Cultur beitragen würde. Man hatte berechnet, daß etwa 8000 bis 10,000, in den Französischen Häfen, in Havre, Nantes, Bordeaux und Marseille lagernde Fässer, gleichzeitig gekauft und in einer einzigen Hand vereinigt werden könnten, während man durch einige vor dem Kauf nach den Westindischen Inseln abgegangene Aufträge, der vorhandenen Vorräthe in Martinique und Guadeloupe ebenfalls Herr werden könnte. Ein solcher Plan war von den Herren Firebraee Davidson und Comp, in Havre entworfen und mit Berechnungen unterstützt, von denselben dem Herrn Iohn Irving annehmbar gemacht; durch diesen ward auch bei dem Herrn Franeis Baring Geschmack dazu erweckt, und endlich dem Baron Iames Rothschild! mitgetheilt, der sich als Theilnehmer an einem gemeinschaftlichen Einkauf der ganzen in Frankreich lagernden Quantität bereit zu fein erklärte. Das Projekt ward demnach ausgeführt, aber bei dem Wiederverkauf veroffenbarten sich ungeahnte Schwierigkeiten. Zu. den gesteigerten Preisen wollten die Französischen Raffinenrs nicht mehr kaufen, als sie gerade bedurften, um die Thätigkeit ihrer Raffinerien aufrecht zu erhalten, und während des dadurch entstehenden Aufschubs ergab es sich, daß die beiden Colonien von Martinique und Guadeloupe viel mehr Zucker zu Markte zu senden vermochten, als man trotz aller, mit großer Genauigkeit gemachten Berechnungen, von dort zu erwarten berechtigt war. Was nur Wenigen bekannt und stets geheim gehalten worden war, lag jetzt am Tage. So wie die Märkte in den Französischen Colonien zu steigen anfingen, hatten die Kausieute in den benachbarten Englischen Colonien Barbados, Antigua u. a. Mittel gefunden, einen Theil ihrer Vorräthe durch eine dort leicht begreifliche und ausführbare Contrebande ihren Französischen Nachbarin zuzuführen und sie als Landesprodukt nach Frankreich verschiffen zu lassen. Somit erhielt man mehr Zucker als man brauchte, und der Preis war nicht zu halten. Die Herren Firebraee Davidson und Comp., welche für Rechnung der Herren Baring, Rothschilds und Reid Irving und Comp, die ersten Einlaufe ausgeführt hatten, waren dem Reiz unterlegen, auch für eigene Rechnung, auf einen großartigen Fuß zu spekuliren, und hatten namentlich die Quantität in Bordeaux an sich gebracht. Bei dem Stillstand und Rückgang der Preise und der Unmöglichkeit des Verkaufs mußten sie ihre Zahlungen einstellen, und die für Rechnung der Londoner Conföderation gekaufte Quantität 8000 bis 9000 Fässer Zucker an das Haus der Herren Hottinguer und Comp, überliefern. Was geschah nun weiter? Nichts als was nach den damaligen Ideen der Havre-Vörse ein ganz legitimes Geschäft genannt zu werden verdiente. Die Comnn'fsions-Häuser der Französischen Zucker-Raffinerien in Havre verstanden sich unter der Hand zu einem gemeinschaftlichen Ankauf, an welchem die Verkäufer sich einen gewissen Antheil heimlich reservirten, und der Chöf des Hottinguer'schen Hauses, Herr Bourlet, der eine besondere Vorliebe für Verkäufe „en dlocq" hatte, schlug nun die ganze Quantität einem einzigen Käufer, der dazu den Namen hergab, ohne Weiteres zu. Dies war das letzte Geschäft, welches Herr Franeis Baring eigenmächtig eingeleitet hatte.

Der Tod des Herrn S. C. Holland, führte ini Iahre 1825 eine Veränderung in der Organisation dos Baring'schen Hanfes herbei. Es herrschte einige Verlegenheit, um seine Stelle gehörig zu besetzen. Herr Joshua Bates aus Boston ehemals Londoner Agent für das mächtige Haus des Herrn William Gray in Boston und in Salem, hatte ein Paar Iahre vor dem Ableben des Herrn Holland, mit dem dritten Sohne des Sir Thomas Barina. Bart., Namens Iohn, ein Commissions-Haus unter der Firma Bates und Baring errichtet. Bates, von seinen Mitbürgern in Boston und in Salem längst gekannt und geachtet, war im Besitz ihrer Londoner Geschäfte, deren Verwaltung jedoch größere Baar- und Creditmittel erforderte als das junge Haus besaß. Es waren etwa 20,

falls in das Londoner Haus ein, das nunmehr, außer dem Herrn Alexander Baring jelbst, aus seinem Sohn Franeis, Herrn Bates und seinen beiden Neffen Iohn und Franeis Baring bestand. Im Jahre 1828 entschloß sich Herr Alexander Baring, der seiner Erhebung in die Pairskammer entgegen zu sehen berechtigt war, zu einem Austritt aus seinem bisherigen Hause, und seinen Schwiegersohn, Herrn Humphrey St. Iohn Mildmay" (einen Bruder des in der Englischen galanten Welt so bekannt gewordenen Sir Harry Mildmay Bart.), der bis dahin Brevet-Capitain in der königlichen Leibgarde gewesen war, in dasselbe eintreten zu lassen. Cs blieben demnach fünf Assoeiss, Herr Franeis Baring, Herr H. St. Iohn Mildmay, Herr Iosua Bates und die beiden Brüder Thomas und Iohn Baring. Es ward dann zur Grundlage der Führung des Hauses gelegt, daß hinfort kein Geschäft ohne die Zustimmung dreier Assoeiös eingeleitet werden sollte, und da man voraussetzen durfte, daß die beiden, dem Herrn Alexander Baring zunächst verwandten Theilnehmer, sein Sohn Franeis und sein Schwiegersohn Mildmay gewöhnlich auf einer Seite, die beiden Neffen Thomas und Iohn aber aus der anderen stimmen würden, wodurch Herr Bates unvermeidbarer Weise der Schiedsrichter werden mußte, so ward die Einrichtung getroffen, daß die beiden Herren Franeis und Iohn sich aller direkten Theilnahme an einem neuen Geschäft enthalten, und nur dann zum Stimmen herbeigerufen werden sollten, wenn die drei thätigen Geschäftsführer, Thomas Baring, Mildmay und Bates nicht einig werden könnten. Seit dieser Zeit hat sich Herr Franeis Baring um die allgemeine Geschäftsführung des Hauses wenig bekümmert, in Paris mit der Tochter des ehemaligen Staatssekretairs Napoleon's, Maret, Herzog von Bassano, vermählt, und dort niedergelassen, indem er eines der prächtigsten Hotels der Plaee Vendome für die nicht geringe Summe von 1,600,00(1 Franken käuflich an sich gebracht hat).

Man wird ersehen, daß es obgleich dazu bestimmt, ihm nicht vergönnt war, in die Fußtapfen seines Vaters als kaufmännische

Band i, 2

lind finanzielle Autorität des ersten Rauges zu treten. Aber auch im Englischen Unterhause, wo er als Parlaments-Mitglied für Thetford immer figurirt hatte und zu glänzen hoffte, waren seine Versuche, eine politische Wichtigkeit zu erlangen, durchaus fehlgeschlagen. Von seinem Vater hat er die etwas stotternde, zögernde Sprache geerbt, die man diesem gern verzieh, weil er eine der merkwslrdigsten Notabilitäten Englaud's geworden war, und weil seine Meinung immer die nöthige Beachtung erhielt, verdiente und Gewicht hatte. Aber bei dem Sohne fand diese Nachsicht nicht statt — er langweilte; und als er einmal einer, Neuseeland betreffenden Bill, die er einzubringen die Erlaubniß erhalten hatte, das Wort reden wollte, verließen die Zuhörer, wie das im llnterhause üblich ist, einer nach dem andern ihren Sitz und brachten ihn zum Schweigen — das Haus war nicht länger vollzählig. Es erfordert vierzig Mitglieder, um ein Quorum zu bilden. Das Schicksal schien Herrn F. Baring Erfolg in Allem versagen zu wollen, wo ihm sein natürlicher und sicherlich nicht tadelswerther Ehrgeiz denselben wünschenswerth machte — eine Erfahrung, die ich nicht ohne einiges Bedauern gemacht habe, da die Freundschaft, die er immer für mich gefühlt, und sein unabhängiger biederer Charakter ihn mir werth gemacht haben. Ich habe schon bemerkt, daß nach dem Tode seines älteren Bruders, des jetzigen Lords Ashburton, der in einer kinderlosen Ehe lebt, Titel und Vermögen auf ihn, oder, im Sterbefall, auf seinen ältesten Sohn übergehen werden. Vor der Geburt dieses Sohnes hatten sich in der Familie Zweifel eingestellt, ob er, der in Paris das Tageslicht zu erblicken bestimmt war, nach Englischen Gesetzen rechtmäßiger Erbe werden könnte, da sein Vater in Philadelphia, seine Mutter aber in Paris geboren worden, zumal da auch des Kindes Großmutter ebenfalls in Philadelphia zur Welt gekommen war. Die juridischen Sachwalter der Englischen Krone wurden befragt, und ihre einstimmige Antwort entschied sich für die Bejahung der Frage, auf dem Grunde, daß ein Britischer Unterthan seine Rechte und Privilegien bis in die dritte Generation zur Geltung bringen, und weder verlieren noch sich derselben entkleiden kann. Wäre die Antwort anders ausgefallen, so hätte man des Englischen Ambassadeurs in Paris, Lord Grenville's Anerbieten ailgenommen, und die Niederkunft in dem Bezirk der Englischen Ambassade stattfinden lassen.

Notes

  1. Capuchin A Catholic friar.


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Source

Nolte, Vincent Otto. Funfzig Jahre in Beiden Hemisphären. Vol. 2. Hamburg: Werther-Wesser Maule, 1853. Google Books. Web. 21 Feb. 2017. <https://books.google.com/books/about/Funfzig_Jahre_in_beiden_Hemisph%C3%A4ren.html?id=wh46AAAAcAAJ>.

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